Ausgabe 
2.8.1907
 
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lieren. Mögen auch die einzelnen in Abrissen ihre Glück⸗ wünsche niedergelegt haben, in solchem Augenblick zeigt es sich, daß über den einzelnen Universitäten eine gemeinsame Universitas steht, die durch einen Mund aller Gefühle aus⸗ zusprechen vermag. Als die Cudoviciana gegründet wurde, Konnte ein geschärftes Auge bereits am Horizonte die furcht⸗ bare Wetterwolke aufsteigen sehen, die bald unsägliche Not auf Deutschland herniederströmen ließ, bei ihrem hundert⸗ jährigen Bestehen mußte sie zurückblicken auf viele Jahre des Elends, war doch die junge Saat neuer Kultur durch die Horden des Sonnenkönigs niedergetreten, als sich das zweite Jahrhundert vollendete, lag das gemeinsame Vaterland aus tausend Wunden blutend am Boden, heute aber kann die Ludoviciana aufjauchzen und fest vertrauen auf das große, mächtige, einige Deutschland, welches uns gegen eine Welt von Feinden schützt. An dieser Wendung des Schicksals hat auch die Ludoviciana wie alle anderen deutschen Universitäten mitgewirkt. Was die glorreichen Männer der Tat vollendet haben, das haben die deutschen Universitäten in schweren Kämpfen zu schaffen begonnen. Auch heute noch ist die nationale Aufgabe der Universitäten nicht beendet. Die Eigenart unseres Reiches ist nicht nur Einheit, sondern Vielheit in der Einheit zu sein, die die Mannigfaltigkeit des deutschen Lebens zum Rusdruck bringt. Von einem Sentrum aus strahlt die Macht, aber nicht die Kultur, darum hat jede unserer Universitäten die doppelte Aufgabe, Landesuniversität und deutsche Universität zu sein. Dieser Aufgabe hat auch Gießen in vollem Maße genügt, es hat gezeigt, was Hessen für die deutsche Wissenschaft zu leisten vermag, und dadurch die staatliche Selbständigkeit Hessens tiefer begründet. Was die Vergangenheit begonnen, das möge die Zukunft vollenden.

Sodann für die österreichischen Universitäten Se. Magni⸗ fizenz der Rektor der Universität Wien, Herr Professor Dr. Meyer⸗Cübke.

Der Rektor der Wiener Universität ist glücklich, die Glückwünsche aller deutschen Hochschulen Gsterreichs über⸗ bringen zu dürfen. Swischen allen deutschen Universitäten besteht ein eigenartiger Wettbewerb, der zum Teil auf der Freizügigkeit der Professoren durch alle deutschen Länder beruht. Dieser Kustausch zieht tausend persönliche Fäden hin⸗ über und herüber, er hat neben dem politischen Bündnis ein geistiges Band geschaffen, bei dem nicht nur der Realis⸗ mus sondern auch der Idealismus mitzureden hat. Alle deut⸗ schen Universitäten zeigen ein gleichmäßiges Sichheben und Senken, darum fassen alle deutschen Universitäten Gsterreichs ihre Wünsche dahin zusammen, es möge der Universität Gie⸗ ßen ein Gedeihen zum Heile der Gesamtuniversitäten be⸗ schieden sein.

Hür die schweizer Universitäten Seine Magnifizenz der Rektor der Universität Basel, Herr Professor Meyer.

Die Universitäten der deutschen Schweiz entbieten durch den Vertreter Basels, der ältesten schweizerischen Universität, der Ludoviciana Gruß und Glückwunsch. Auch wir fühlen uns als ein Glied der großen Familie deutscher Universitäten und brauchen heute in Gießen nicht den unfreundlichen Will⸗ komm zu fürchten, der uns vor 300 Jahren als dem greu⸗ lichen Irrtum des Swinglianismus Verfallenen zuteil ge⸗ worden wäre. Die Universitäten deutscher Zunge bilden einen Teil jener großen geistigen Kulturgemeinschaft, die nicht Halt macht vor den politischen Grenzen, sondern über jene Grenzen ihre Fäden hinausspinnt. Die akademischen Hus⸗ tauschprofessoren zwischen der Schweiz und Deutschland sind nicht erst eine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Eine große Gruppe von Professoren der Ludoviciana hat ihre Schritte von Basel nach Gießen gelenkt, und auch Eure Magnifizenz wird die Jahre in der Universität ob dem grünen Rhein nicht zu den verlorenen rechnen. Möge der stolze Bau der Cudoviciana halten und sich immer mehr ausgestalten von Jahrhundert zu Jahrhundert.

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Endlich Herr Professor Dr. Simon aus Baltimore im Namen der Universitäten jenseits des Ozeans.

Der Redner ist tief ergriffen vom Gefühl der Dankbar⸗ keit gegen diese Hochschule, bei der er den Grundstein legte für sein späteres Tun und Schaffen. Dazu kommen die Gefühle der Freude über den Aufschwung, den die alma mater genommen hat, seit er vor 25 Jahren hier immatri⸗ kuliert wurde, und der Genugtuung, daß er heute als Ver⸗ treter seiner Lehranstalt jenseits des Gzeans stehen darf, an der er seit 30 Jahren deutschem Wissen und deutscher Gründlichkeit Geltung zu verschaffen sucht. Obwohl er nicht das Recht hat, hier für die amerikanischen Universitäten zu sprechen, so möchte er doch betonen, daß man drüben durchaus weiß, wie die deutsche Wissenschaft, die deutschen Universitäten bahnbrechend und hervorragend wirken. Der Redner überreicht zum Schluß eine Adresse seiner Universität und schließt mit besten Wünschen für das Blühen und Ge⸗ deihen der Ludoviciana.

Alle vier Reden beantwortete der Rektor gemeinsam. ls treuen Genossen vom Handwerk dankte er den hier erschienenen Vertretern der Universitäten. In der weiten Universitas, dem Freistaat der Wissenschaft, ist jedes Glied eine besondere Welt. So rühmen wir uns unserer Jugend, Geschlossenheit, der einzigartigen Bande, die uns mit der Regierung verknüpfen, und nehmen als Mehrseite der freien Selbstbestimmung das etwas reiche Maß von Sitzungen und Schriftstücken gern mit in den Kauf. Das Sondertum der einzelnen Universität verschwindet aber gegenüber der Einheit aller in der gemeinsamen Geistesarbeit. Auch in den Personen liegt die Einheit der großen Universitas. Wohl an jeder Hochschule des deutschen Reiches sitzt ein alter Gießener in Treuen unser gedenkend, nicht weniger als sechs von uns haben in Basel gelehrt und reichen Ertrag mitgebracht von der Schweizer uns so nahem Geist. Dieser Austausch ist zugleich ein Sinnbild für die Beweglichkeit, die in der gesamten Universitas durch alle Seiten lebt. Alle staat⸗ lichen Umwälzungen, Bundschuh, Revolution und Reaktion hat sie überlebt und sich stets in neue Seiten, neue Bildungs⸗

ideale gefunden, ohne sich selbst zu verlieren. Das mag denen

zu denken geben, die uns nicht günstig gesinnt sind, die da meinen, wir geben der Seit nicht mehr genug. An einem Tage wie heute, freuen wir uns der weiten Kreise, die unsern Wert nicht umgewertet haben, so ist unser Ehrentag zugleich ein Ehrentag für die gesamte Universitas derer, die heute brüderlich mit uns verbunden sind.

Den schwesterlichen Gruß der technischen Hochschule zu Darmstadt entbietet der Rektor Prof. Dr. Gutermuth. Die junge Hochschule hat besonderen Anlaß an der Jubelfeier der Ludoviciana teilzunehmen, denn beide erwachsen aus gemeinsamem vaterländischem Boden und erfreuen sich gleicher landesherrlicher Fürsorge. Beide leben den gleichen hohen idealen Sielen, beide wollen die heranwachsenden Jünglinge für ihre spätere Kulturmission vorbereiten. Den Ausdruck der aufrichtigen Wertschätzung und Dankbarkeit für die alte Lehrmeisterin enthält eine Adresse der Hochschule, die der Rektor überreicht.

wei Töchter derselben Mutter nennt der Rektor in seiner Dankrede Technische Hochschule und Universität, beide gezeugt von dem Drang zu erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält und mit solcher Erkenntnis ein⸗ zugreifen in den Gang der Welt. In prächtigen Bildern stellt er Materie und Leistungen beider Hochschulen in Pa⸗ rallele. Beide freuen sich neidlos der gegenseitigen Blüte, vereint sind sie unüberwindlich, ein mächtig Bollwerk deut⸗ scher Kultur.

Es folgten die Vertreter der Akademien und gelehrten Körperschaften, zuerst Herr Wirklicher Geheimer Oberregie⸗ rungsrat Professor Dr. Harnack aus Berlin, bekanntlich einst eine Zierde der Ludoviciana. Er sagte etwa: