Ausgabe 
2.8.1907
 
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unserer Seit, unseres Volks eine eigene Bildung zu schaffen. Freilich liegt in dem Riß, der durch unsere Bildung geht, für die Universität eine Gefahr. Cateinlose, Volksschullehrer, Frauen streben zu den Toren der Universität, sie alle ver⸗ schieden an geistiger Sprache. Mit Sorgen legen wir uns die Frage vor, wie finden wir eine neue Sprache für die, die der Turmbau geschieden hat, wie leiten wir sie wieder zum Ganzen, dem sie dienen sollen wie wir.

Mit einem herzlichen Dank an alle Gäste, die gekommen sind, weil sie Anteil nehmen an dem Ringen und Denken der Ludoviciana, und mit einem vertrauensvollen Rusblick in die Zukunft, schloß der Rektor seine Begrüßung.

s Hierauf bestieg der zweite Präsident der ersten Kammer, Seine Erlaucht Graf zu Erbach⸗Fürstenau, das Katheder:

Die erste Kammer hat je und je den lebhaftesten Anteil am Blühen und Gedeihen der Universität genommen und wird auch künftig für sie tun, was nach Lage der Der⸗ hältnisse möglich ist. Sie fühlt sich verpflichtet, für das

Gedeihen der Universität Gießen zu sorgen, denn damit 3 9

wird eine Kulturarbeit geleistet, die weit über die Grenzen Hessens, ja Deutschlands hinauswirkt.

Ihm folgte unmittelbar der erste Präsident der zweiten Kammer, Geh. Regierungsrat Haas.

Der Redner hebt hervor, eine wie stattliche Anzahl früherer und jetziger Angehöriger der Universität sich ein⸗ gefunden haben, um in Erinnerung an glückliche Jugendtage das Jubelfest der alma mater zu begehen, die sie für den Kampf des Lebens gestärkt hat. Mit berechtigtem Stolz blickt auch die zweite Kammer auf die ausgezeichnete wissen⸗ schaftliche Wirksamkeit der Cudoviciana, mit Stolz sagt sie sich aber auch, daß sie stets bereit war, dasjenige zu bewilligen, was für die Universität nötig war. Wenn es sich um die Angelegenheiten der Ludoviciana handelt, verstummt aller Streit in unserer Mitte. sein, daß diese gute Gesinnung im Landtage immer be⸗ stehen bleiben wird. Möge unsere Hochschule zum Heile des hessischen Landes blühen ad saecula saeculorum.

Für beide Reden dankte der Rektor in einer gemein⸗ samen KUntwort.

Er hob dankbar hervor, daß die Fülle stattlicher Institute und Uliniken, das starke Unwachsen der Sahl

der Lehrstühle, neben der Fürsorge der Regierung dem stets bereiten Opferwillen unserer Landstände ver⸗ dankt wird. In der Fürsorge für die Bedürfnisse

der Landesuniversität sind alle Parteien einig. Auch diese Feier ist durch die reichen Spenden der Landstände ermög⸗ licht worden und auch der Schatz, dessen Ertrag der Uni⸗ versität zu freier Verfügung stehen soll, ist eine hocherwünschte Gabe. Nicht in dem Gedanken, daß Bar sich wieder in Bar bezahlt machen solle, bringen die Landstände ihre Opfer, sondern durchdrungen von der tiefen Bedeutung der Uni⸗ versitas für das allgemeine Leben des Volkes. In solcher Betätigung kann der kleinere Staat es getrost dem größeren Genossen zuvortun. In hessen ist gut leben.

Für das Großherzogliche Oberkonsistorium sprach sein Präsident Herr Nebel.

Der Ludoviciana zu ihrem 300 jährigen Jubiläum die herzlichsten Glückwünsche darzubringen ist für die hessische Landeskirche ein Bedürfnis. Ist doch die Ludoviciana seit ihrer Begründung der feste Hort der Landeskirche gewesen. Huch heute, wo wir die strenge Bindung an kirchliche Vor⸗ schriften und Lehrbücher nicht mehr kennen, hat sich ihr Einfluß nicht geändert, denn sie gibt den Dienern der Kirche für das Leben den Geist mit, der schon in Philipp dem Großmütigen lebte, den Geist des kirchlichen Friedens und der Duldung. Im verflossenen Jahrhundert hat die theo⸗ logische Fakultät der hessischen Landeskirche und damit auch

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Die Ludoviciana kann überzeugt,

Einheit, im Sweifelhaften Freiheit, in allem Liebe.

dem hessischen Staate einen großen Dienst geleistet, denn sie hat zum Teil recht fremdartige Gebiete mit dem Geiste der hessischen Landeskirche durchdrungen. Mögen auch künftighin von ihr Männer ausgebildet werden, die in christlichem Glauben zu Volk und Daterland stehen.

In seiner Antwort berührte der Rektor die eigentüm⸗ lichen Schwierigkeiten, die der Universität aus ihrem Doppel⸗ beruf, der reinen Wissenschaft zu dienen, und die Jugend für das handelnde Leben auszurüsten, gerade auf dem Ge⸗ biete der Theologie erwachsen. Hier wird das Neue nicht ohne Schmerzen geboren, und dennoch kann die Wissenschaft den Fuß nicht anhalten. In der festen Suversicht, daß keine Erkenntnis in weltlichen wie in geistlichen Dingen der Ehr⸗ furcht vor dem Göttlichen Abbruch tut, glaubt die Universität der Kirche am besten zu dienen, wenn sie der Jugend nichts Menschliches und Göttliches vorenthält. Nirgends em⸗ pfindet die Universität einen Gegensatz zur Kirche, Männer wie Stade und Reischle sind in hohem Maße in der Kirche und für die Hirche tätig gewesen. Das glückliche Einver⸗ nehmen zwischen Kirche und Universität ist durch die Worte des Präsidenten wieder bekräftigt worden.

Herr Domkapitular Bendix, der die Glück⸗ und Segens⸗ wünsche des Bischofs von Mainz überbringt, schätzt sich als alter Gießener Schüler glücklich, zu diesem Kuftrag erwählt zu sein. Bei der Entstehung der Ludoviciana hatte sie freilich keinerlei Beziehung zur katholischen Kirche, die Mainzer Universität war in dieser Beziehung ein Gegen⸗ stück zur Gießener. Aber die neuen politischen Verhältnisse haben auch den Katholiken die alma mater Ludovi- ciana als Hochschule geschenkt und sie anerkennen nach jeder Richtung die großen und bedeutenden Leistungen der Universität. Keine Aufgabe kann schöner sein als die der Lehrer der Universität, der Wissenschaft, der Wahrheit zu

dienen, einmal um sie zu fördern, dann aber auch, um

sie in die Herzen der heranwachsenden Jugend einzu⸗

pflanzen, diese zu charaktervollen Männern zu erziehen,

die wissen, was die Wahrheit für ihr Leben bedeutet. Wir danken es der Ludoviciana, daß sie seit langer Zeit Beamte und Geistliche der Schwesterkirche herangebildet hat, mit denen wir im amtlichen Verkehr friedliche und freund⸗ schaftliche Verhältnisse pflegen, das garantiert Glück und Segen für Staat und Uirche.

Huch mit der katholischen Kirche haben die Unt⸗ versität, so führte der Rektor in seiner Erwiderung aus, einst dieselben Bande verknüpft, wie mit der evangelischen. Dankbar begrüßen wir heute die Klänge freundlicher Erinnerung an jene Tage und wissen es als liebenswürdige Kufmerksamkeit zu würdigen, daß der Hochwürdigste Herr Bischof zu uns einen Mann entsendet hat, der selbst Schüler unserer Universität gewesen ist. Der Geist der Wissenschaft leitet milde hinüber über die feineren Spalten und Risse, die im Glauben und Fühlen sich öffnen.

In der Wissenschaft heiligen Hallen wächst die Achtung vor

dem Ernst des Strebens vor der weitumschauenden Gelehr⸗

samkeit, mag sie sich finden wo sie wolle. Gern bekennen

wir uns zu Kugustinus' schönem Wort:Im Notwendigen Ver⸗ schiedenheit muß nicht zum Gegensatz werden, den keine Liebe überbrückte. In dieser Gesinnung reichen wir Ihnen heute mit herzlichem Dank die Hand.

Die Universitäten wurden durch mehrere Redner ver⸗

treten. Zunächst sprachen Se. Magnifizenz der Rektor der

Universität Heidelberg, herr Geheimrat Prof. Dr. Jellinek.

Die versammelten Rektoren der deutschen Universitäten haben dem Rektor der ältesten unter ihnen den Auftrag gegeben, in ihrer aller Namen der Ludoviciana zu gratu⸗