kung ihrer kingelegenheiten noch zu stärkerem Kusdruck in der staatlichen Anerkennung des Vorschlagsrechts des großen Senats bei den Berufungen. Wir dürfen mit Stolz sagen, daß die auf der Freiheit der Forschung sich aufbauende Freiheit der Lehre dem Lande nur zum Heile gewesen ist und die Kulturwerte reich entwickelt hat, die in die Obhut der Hochschule gegeben find.
Daß der Wissenschaft die uneingeschränkte Bewegungs⸗ möglichkeit auch fernerhin an der Cudoviciana erhalten bleiben soll, ist ihr aus dem Munde des Kllergnädigsten Rector magnificentissimus bereits gelobt worden. Dies erhöht für den Vertreter der Staatsregierung die Freude, sich zu gleicher Schutzbereitschaft aus eigener Überzeugung zu bekennen und in ihr die Kichtschnur für das Zusammen⸗ wirken mit der Hochschule zu finden. In diesem Sinne bleiben wir der Worte Cudwigs des Getreuen in dem Privi⸗ legienbrief für die neu gegründete Univerfität eingedenk:
„daß über solche Freiheiten steif und fest gehalten und darwider keineswegs getan werde, in keinerlei Weise noch Wege, wie solckes Renschen Sinnen immer erdenken möge.“
Hls Festgabe und Andenken an diese feierliche Stunde widmet die Großherzogliche Regierung der Hochschule und ihren Gästen eine Plakette. Sie zeigt uns das Bild des vielgeliebten Candesherrn und eine Jünglingsgestalt, die mit Waffe und Fackel in den händen über ein erlegtes Untier wegschreitet:„Armis et litteris ad utrumque parati“ auf dem Kriegsbanner zog 1621 die Gießener Studentenschaft gegen Ernst von Mansfeld aus. Hieran sich anlehnend will die Plakette den Gedanken künstlerisch verkörpern, wie un⸗ serer Jugend die Wissenschaft Wehr und Licht sein soll auf der Bahn zur Erkenntnis und Wahrheit, hinweg über alles Widrige und Niedrige.
Möge es der Ludoviciana beschieden sein, den Leben⸗ den und Kommenden in fernerer treuer Arbeit die Leuchte voranzutragen im Dienste der Wahrheit und der Volkswohl⸗ fahrt, zum eigenen Ruhme und zur Ehre der deutschen Wissen⸗ schaft für und für.—
Die Antwort des Rektors brachte vor allem den Dank für das reiche Maß von Dertrauen zum Ausdruck, das die Regierung der Universität stets entgegengebracht und so⸗ eben durch den Mund des Ministers wieder bekräftigt hat. Gerade in unserer Seit, wo das alte Sondertum der Uni⸗ versitäten vielfach zurückgedrängt wird, ist es besonders freudig zu begrüßen, daß die Regierung der Ludoviciana das Recht der Selbstbestimmung ungeschmälert wahrt. Die unab⸗ lässig neu andrängenden Aufgaben werden freilich immer neue Wünsche und Bitten an die Regierung zeitigen, aber nicht das ihrige sucht die Universität, sondern das Wohl derer, zu denen sie gesandt ist.
Auf diese Dankrede an die Regierung folgte die all⸗ gemeine Begrüßungsrede des Rektors, die wir wegen ihrer Tänge nur im Auszug mitteilen können.
S. Magnifizenz gab zunächst der Freude darüber Rus⸗ druck, daß diese erste Feier in der neuen hohen Halle, der ernst frohe Gedenktag der Ludoviciana in eine Seit reicher und freier Entwicklung des engeren und des weiteren Dater⸗ landes fällt, während vor 100 Jahren die Not der Seiten jede Feier verbot. Er gedachte sodann mit Trauer des in der Fülle der Kraft geschiedenen Professors Stade, der auch für diese Feier seine feurige Natur eingesetzt hat, und mit Bedauern der Krankheit Professors Bostroems, die ihn zwang, 310 die Leitung der Universität im Jubiläumsjahr zu ver⸗ zichten.
Als ein Geburtstagskind mit grauen Haaren aber
frischer Kraft stellte der Rektor die Cudoviciana hin und verfolgte in raschem Überblick die wechselnden Linien ihrer Entwicklung. Neben Tagen leuchtenden Glanzes, wo ein großer Forscher Schüler aus aller Welt um sich schart, stehen Seiten des traurigsten Niedergangs. Drastische Belege sind die Außerung Laukhards um 1790:„schlechtere Professoren
gab es wohl nirgends“, und die im 17. Jahrhundert häufig wiederkehrenden Klagen über Unfleiß der Lehrenden und Lernenden, die zu den verzweifeltsten Mitteln, sogar zur Beseitigung der Ferien(auf dem Papier!) führten.
Sehr merkwürdige Beispiele zeigen, daß manche Forde⸗ rungen des Tages, oder selbst der Zukunft vor vielen Gene⸗ rationen vorübergehend bereits an der Ludoviciana verwirk⸗ licht waren: Über Zeitungswesen ist schon 1704 eine Vor⸗ lesung gehalten worden, eine fünfte ökonomische Fakultät hat im 18. Jahrhundert ein Jahrzehnt lang bestanden, englische und französische Cektoren spielen im 17. Jahrhun⸗ dert eine Rolle an der Universität. Sahlreiche Damen haben Hlusgang des 18. Jahrhunderts Cromes politisch⸗statistische Vorlesungen gehört, 1815 ist einer Frau von Siebold in Darmstadt ehrenhalber, zwei Jahre später ihrer Tochter auf Grund einer wissenschaftlichen Abhandlung und Thesen die medizinische Doktorwürde verliehen, 1831 Caroline Sim⸗ mermann in der medizinischen Fakultät immatrikuliert worden.
Eng verbunden sind die Schicksale der Hochschule mit denen des Vaterlandes, so haben die Nöte des 30 jährigen, des siebenjährigen und der Revolutionskriege ihr übel mit⸗ gespielt. Daß die Universität 1798 dem General Bernadotte wegen seines Entgegenkommens den Ehrendoktor verlieh, findet heute ein liebenswürdiges Nachspiel in einer Botschaft König Oskars von Schweden, deren Träger ein schwedi⸗ scher Ehrendoktor der Gießener theologischen Fakultät ist. 15 Jahre nach dem Bernadotte dargebrachten Fackelzug feiert die Studentenschaft den Feldmarschall Blücher und zieht mit aus in den heiligen Kampf getreu dem Wahlspruch „litteris et armis ad utrumque parati.“
Freilich ist in ütteris das Bereitsein nicht alles. Selt⸗ sam, daß der im Dolkslied und Märchen so reich schaffende Hessenstamm an dem mächtigen Aufschwung literarischen Lebens in Deutschland so wenig tätigen Anteil genommen hat. Einige Studentenaufführungen im 17. Jahrhundert, eine Nachtmusik für den 1771 durchreisenden Wieland sind fast die einzigen Spuren literarischer Interessen an der Gie⸗ ßener Universität. Weder der junge Goethe noch Klinger haben hier festen Fuß gefaßt.
Die Universität hat in Sachen der Dichtung ein böo⸗ tisches Leben geführt, ihrer Hauptaufgabe hat sie besser genügt. Seit alters ist sie die Universität des Landes ge⸗ wesen, das geistige Gedeihen des Hessenvolkes ist wenigstens zum Ceil ihr zu Gute zu schreiben. Unter den Fakultäten hat eine hervorragende Stellung die theologische inne. Aus theologischen Kämpfen ist die Ludoviciana geboren, theolo⸗ gische Kämpfe haben sie im ersten Jahrhundert ihres Be⸗ stehens durchbraust, und in unserer Seit hat die in Einheit und Freiheit unvergleichliche theologische Fakultät an der Neubegründung der Wissenschaft vom kilten Testament be⸗ deutsam mitgearbeitet.
Im 18. Jahrhundert gewann die juristische Fakultät Ansehen, erst spät sind die lange vernachlässigte medizinische und die philosophische Fakultät hervorgetreten.
Der Wissenschaft dienend stand die Cudoviciana zugleich im Dienst der großen nationalen Hufgaben. Gern gedenken wir der Tage, da sich unter der Gießener studierenden Jugend die Gedanken der Burschenschaft entzündeten, die nachhaltig eingreifen durften in das Kufsteigen des vaterländischen Be⸗ wußtseins. Wechselnd gestalten sich die nationalen Kufgaben in den verschiedenen Zeiten. Die Universität ist entstanden in einer Zeit, die überall an das Alte pochte, um zu prüfen, was noch vollwertig sei für das Dasein. kluch unsere Seit will alte Werte umwerten und ringt stürmisch nach neuer Gestaltung. In Recht und Kunst sind alte Formen zer⸗ brochen, neue werden gesucht. Auch das Aufgeben der lateinischen Sprache in unsern Doktordiplomen ist ein kleines Sinnbild für den gewaltigen Umschwung, der uns loslöst von Geist und Formen des Altertums. Man kann über das erbrechen der Einheit klassischer Bildung trauern, und doch das Verlangen der Gegenwart verstehen. aus den Uräften
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