Ausgabe 
2.8.1907
 
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ehrung, wie ich sie heute aus den Händen Ew. Agl. Hoheit entgegen nehmen darf, sie ist nicht minder ein Gleichnis dessen, daß unlöslich ineinandergreifen die Glieder der Ge⸗ meinschaft, deren Vertreter die Kette tragen darf. Und Ew. Kgl. Hoheit sind selbst das vornehmste Glied, der leuchtendste Stein in dieser Kette, wie einst als Sohn unserer alma mater, so nun als unser Rector magnificentissimus. Am 16. Januar 1891 durften unsere Studierenden ihrem erlauchten Kommilitonen, dem vielgeliebten Erbprinzen des Landes, beim Flammenschein der Fackeln ihre Huldigung darbringen. Damals entsprang Ew. Agl. Hoheit Unregung der Gedanke, das Band zwischen dem Sürsten und der hohen Schule äußerlich zu bezeichnen in der Würde des Rector magnificentissimus. Ein schöner und großer Ge⸗ danke, der finnfällig bekunden wollte, was lange schon als Tatsache bestand. Dor alten Seiten sind Vorfahren und Vorgänger Ew. Kgl. Hoheit Bürger unserer Hochschule ge⸗ wesen, und es war mehr als einmal ihr Stolz, studierende Landgrafen zu Rektoren des Jahres zu küren, in Erinnerung an die alten Seiten, da auch der Student noch zur Würde des Rektors berufen werden konnte. Und unablässig haben unsere Fürsten das Wohl unserer hohen Schule in der Seele getragen. Manchen landesväterlichen Brief bergen unsere geheimen Schreine, in dem sie mahnend, fragend, teil⸗ nehmend zu uns reden. Ein Ernst Ludwig ist es gewesen, der verfügt hat, daß die astronomischen Instrumente im Nachlaß Philipps von Butzbach der Hochschule zugewiesen worden. Don vielfältigen reichen Schenkungen unserer Für⸗ sten wissen unsere Jahrbücher zu melden. Und besonders liebenswürdig ist der Zug, wie 1654 das gesamte Corpus academicum beim Landgrafen zu Gevatter gebeten wird, eine Cadung, der der Kanzler der Universität als ihr Der⸗ treter Folge geleistet hat. Viele Schicksale fließen vor dem Fürsten zusammen; und viel muß sein Blick umspannen. Er kann nicht Candwirt oder Ingenieur oder Gelehrter sein. Aber dennoch darf der Geist der Wissenschaft sich seinem Geist zumal nahe verwandt fühlen. Ohne Doraussetzungen gehen wir an unsere Rufgaben: das ist das Lebensrecht unseres Daseins. Ganz unbefangen schaut sein Blick in die offene Welt. Empfänglich ist sein Auge für jeden neuen Eindruck, frei und unbefangen seine Entscheidungen, jedem Eigenen gebend, was sein Recht, jedes Kufstreben freudig fördernd. So schauen wir zu Ew. Kgl. Hoheit auf voll von Ehrfurcht und Dank, bittend, daß Ero. Kgl. Hoheit auch ferner unser Schirmherr sei, der Schirmherr alles dessen, was uns hoch und heilig gilt.

Alsdann sprach Se. Exzellenz Herr Minister Braun, wie folgt: Allergnädigster Großherzog! Rector magnificentissime! Durchlauchtigste, ochansehnliche Versammlung!

Im Namen der Großherzoglichen Regierung habe ich

die Ehre, der Alma Mater Ludoviciana zum heutigen Jubel⸗ feste die aufrichtigsten und herzlichsten Glückwünsche aus⸗ sprechen zu dürfen.

Aus der Reihe der Vertreter der Schwesteranstalten wie aus der Mitte des Lehrkörpers der Landesuniversität selbst wird uns dargelegt werden, welche Mitarbeit von ihr den Hochschulen deutscher unge bei deren nimmer rasten⸗ der Pflege und Mehrung der geistigen Güter der Nation und der Menschheit in den abgelaufenen drei Jahrhunderten geleistet worden ist. Sache des Vertreters der Regierung aber wird es sein, darauf hinzuweisen, was die Universität dem Hessenlande ist.

Wir vergegenwärtigen uns hierbei, wie unzählige Söhne unseres engeren Vaterlandes hier nicht bloß fröhliche Tage goldener Jugendzeit verlebt haben, sondern zugleich zu wissen⸗ schaftlichem Denken und geistigem Streben herangebildet wor⸗ den sind. Sie wurden in die Rüstkammern des Wissens

geführt, aus denen sie in das ernste Ceben hinaustreten konn⸗ ten, um in Staat und Gemeinde, in Kirche und Schule als treue Beamte oder in freien Berufen dem Volkswohl zu dienen und sich förderlich zu erweisen. Namentlich die weitaus meisten akademisch gebildeten Beamten des Landes haben einen beträchtlichen Übschnitt ihrer Studienzeit hier zugebracht, so daß sie alle das unzerreißbare Band der Erinnerung und Anhänglichkeit an die heimische alma mater umschlingt, die ihnen so unendlich Vieles des Guten, Wahren und Schönen beschert hat.

Der besondere Wert der Hochschule für das hessische Staatsleben hat sich fort und fort gesteigert, je mehr im Laufe des vorigen Jahrhunderts die RKeste der für For⸗ schung und Lehre beengenden Schranken aus den Seiten des Absolutismus und des Bekenntniszwangs gefallen sind und je mehr in der Gegenwart das Tätigkeitsfeld der Can⸗ desuniversität sich erweitert hat. Sahlreich ist noch die Schar der Männer, deren Lernjahre die Seit angehört, als der Ruhm Gießens im Husbau der mächtig aufstrebenden Natur⸗

wissenschaften weit über die deutschen Grenzen hinausging.

Und selbst für unsere Techniker hatte die Cudoviciana bis in die Mitte der siebziger Jahre einen Teil der Aufgaben zu erfüllen, die jetzt der technischen Hochschule in Darmstadt zukommen, in Gießen aber durch neue wichtigste Cehrgebiete ersetzt sind.

Naturgemäß ist nicht immer in den verschiedenen Wissenszweigen die Stärke des Einflusses der einzelnen Lehrer von der Dauer ihres hiesigen Wirkens abhängig gewesen. Wärmsten Dank weihen wir dem Gedächtnisse derer, die durch lange Jahre ihre an Erfolgen reiche Urbeit unserer Hochschule und damit dem Lande gewidmet haben. Aber wir konnten auch schon nach kürzerer Seit so manche hervorragende Kraft in dem Empfinden weggehen sehen, daß der Glanz ihres Namens von der Tätigkeit an der, Cudoviciana vielfach nicht zu trennen sei und daß diese selbst auch auf solche Weise an der Gesamtheit des in den deut⸗ schen Hochschulen regen Geisteslebens ehrenvollen Anteil nimmt. In der Berufung geeigneten Ersatzes wird dabei von der Regierung in nicht geringem Umfang ihre Fürsorge⸗ pflicht für die Candesuniversität gerne betätigt.

Auch nach der materiellen Seite hat es der Hochschule an jeglicher Förderung durch den Staat nicht gefehlt. Von den Ständen des Landes jederzeit opferwillig unterstützt und mit ihnen durchdrungen von dem Segen, der für wichtigste Lebensformen vor allem unseres hessischen Volkstums von der Hochschule ausgegangen ist, konnte die Regierung zwar mitunter nicht alle Wünsche erfüllen, aber doch in wachsen⸗ dem Maße die für das Land sehr erheblichen Mittel bereit⸗ stellen, welche die Hochschule zur Erreichung der ihr von der Wissenschaft ständig höher gesteckten Siele bedurfte. Was in dieser Hinsicht gerade unter Großherzog Ernst Ludwig geschehen ist, bezeugen die zahlreichen neuen Universitäts⸗ gebäude und die viele Millionen betragenden Suschüsse, die in unseren Staatsbudgets aufgeführt sind.

Gewiß muß ein solches Schaffen der äußeren Beding⸗ ungen für das Gedeihen der Hochschule die Beziehungen zwischen ihr und der Regierung freundlich gestalten. Wir sind uns aber bewußt, daß im Verhältnis beider zueinander die finanziellen Leistungen des Staats allein das gegen⸗ seltige Vertrauen nicht begründen, dessen wir uns freuen und das zu bewahren und zu vertiefen allen hierfür Ver⸗ antwortlichen am herzen liegen muß. Es beruht dieses Vertrauen zumeist darauf, daß der Hochschule, wie schon angedeutet, allmählich ein reichstes Raß der Freiheit zu eigener Kraftentfaltung eingeräumt worden ist. Wir wollen die Hochschule und ihre Lehrer nicht im einseitigen Dienste politischer oder wirtschaftspolitischer Tagesfragen sehen und lehnen es ab, uns bei der Besetzung der Lehrstühle, wie bei der Schätzung ihrer Inhaber, von der Rücksichtnahme auf derartige Fragen leiten zu lassen. Dieser Standpunkt der Großherzoglichen Regierung kommt neben der weitgehen⸗ den Selbständigkeit der Candesuniversität in der Derwal⸗