Ausgabe 
8.2.1854
 
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chen ab, von seinen Schülern eine glänzende Nacht musik gebracht wurde. Denk Dir nur einmal, diese Leute ließen baierische Jäger aus Aschaffen burg kommen. Da wir so nahe wohnten, konnten wir die Musik prächtig hören. Leider spielten sie nur einige Stücke, da es so kalt war, daß die Instrumente, oder vielmehr die Töne in denselben einfroren. Nach dem Ständchen spielte die Musik in dem Leib'schen Saale weiter, wobei alle medi einische Docenten und fast die ganze Studenten schaft anwesend waren. Ein guter Freund von uns, der auch eingeladen war, erzählte mir, daß bei dieser Gelegenheit einer der ältesten medieinischen Professoren, von dem Du vielleicht gehört hast, daß er wieder verheirathet ist, in der Freude seines Herzens, bei seinen Collegen so gefeiert zu stehen, ganz bedeutend über die Schnur gehauen haben.

Je glanzvoller übrigens dieses Ständchen

war, an dem sich fast alle Medieiner betheiligt hatten, um so erbärmlicher war eine Nachtmusik, das am Ende des vorigen Semesters einem theo logischen Docenten von einigen Filzmuckern ge bracht wurde. Denk Dir nur, diese Leute hatten um zu sparen, Butzbacher Musikanten gedungen, die zufällig nach Gießen gekommen waren, und die bis tief in die Nacht auf dem Loos'schen Fel⸗

senkeller gespielt und ihre Lungen fast herausge⸗

blasen hatten. Die ganze Geschichte ging erst Nachts nach 11 Uhr vor sich, wo die Musikanten ohnehin von Polizei wegen auf oben genanntem Belustigungsorte zu spielen aufhören mußten, und damit auch die höhere theologische Weihe nicht fehlte, verbanden die Progressisten ihre tiefen Baß und Bierstimmen mit dem Reste der Musikanten lungen.

Uebrigens war der von Filzmuckern mit Butz⸗ bacher Musik gefeierte Mann so gerührt, daß er in der Erwiedrungsrede, in der das WortWahr- heit etwas genothzüchtigt wurde, seinen Gefühlen kaum Worte zu leihen vermochte.

Es ist doch traurig! Alles was von den Filzmuckern hier ausgeht, verunglückt gewöhnlich schon in der Gebnrt.

Sonst weiß ich Dir nicht mehr viel Neuig keiten aus unserm Krähwinkel mitzutheilen. Unsere Freundin Lina hat wieder einige knorrige Körbe ausgetheilt, von denen sich allein zwei ein in Tabak machender schwarzbärtiger Jüngling geholt hat. Es war dies eine spassige Geschichte. Der Unglückseelige, der besagter Schönen schon vor einem Jahre vergebens angeboten hatte, die Thore seiner Fabrik und seines Herzens zu öffnen, hielt es für geradezu unmöglich, zum zweitenmal verschmäht zu werden, da unsere Freundin nach Jahresfrist immer noch nicht zu den versorgten Töchtern gehörte. Doch die grausame Schöne, die schon so viele Körbe ausgetheilt, blieb auch diesmal unerschütterlich.

Hierbei fällt mir ein, daß bei Lina's älterer Schwester ein philosophischer Docent, der durch seine immense schriftstellexische Fruchtbarkeit wesent

lich zur Vermehrung der Makulatur beiträgt, ein Körbchen sich geholt haben soll.

Wer hätte geglaubt, tiefgebeugter Mann, der Du Dich in einer Vorrede zu einem Deiner gei stigen Kinder in so maßlosen Schmerzensausrufungen

über den frühen Tod einer Dir nahen und theuren. Person ergingst, wer, sage ich, hätte geglaubt, daß

die ganze Welt noch ein Wesen trage, dessen Be sitz Dich trösten kann über den erlittenen unend lichen Verlust? Was zog Dich so unwiderstehlich zu der neuen Göttin hin? Wolltest Du durch den Klang ihres Metalls Deinen Schmerz betäuben? Ja Mit Deiner Liebe liebst Du's Geld an der Erwähl⸗ ten nur; Du bist treu blieben nur der materiellen Natur. Doch so sind die Männer alle. Heute schwören sie uns Treue bis in den Tod, morgen haben sie uns schon wieder vergessen. Da besinne ich mich schon die ganze Zeit, was ich Dir noch schreiben soll und hätte beinahe vergessen Dir mitzutheilen, daß dasLaternemännche wieder erscheint, dies com mune Blatt, das einst Alles, was ehrbar und honett war, mit der Lauge seines gemeinen Witzes über spritzte, das selbst Dich nicht einmal verschonte. Ich bin zu froh, daß ich noch nicht darin stand. Uebrigens hat dies Blatt neulich einmal eine Aus- nahme von der Regel gemacht und einmal etwas wirklich Gemeines mitgenommen. Es brachte näm⸗ lich einen famosen Witz über Ernst Mahner. Kommt dieser Mensch nach Gießen, hält Vor-

lesungen über Urgesundheit, empfiehlt Mäßigkeit

in jeder Beziehung und führt selbst dabei einen so unmoralischen Lebenswandel, daß er nicht nur nicht urgesund, sondern sogar höchst krank die Stadt verließ. Der Mann hält in Gießen sobald keine Vorlesungen mehr über Mäßigkeit. Doch ich muß jetzt meinen Brief schließen, denn Papa will Thee trinken und schwitzen.

N. B. Dabei fällt mir ein, daß Du mir mitzutheilen versprochen hast, warum mein Papa unter dem Volke den NamenFlurschütz führt. Ich erwarte dies jedenfalls in deinem nächsten Briefe zu. ane und verbleibe bis dahin

Deine f Dir bis in den Tod getreue Freundin Malchen.

P. S. Soeben höre ich noch eine Neuigkeit, die ich Dir jedenfalls mittheilen muß: Lina hat nämlich endlich ihr Herz an ein Schaaf in Wolfs⸗ kleidern weggeworfen. Ach, nun sind endlich ihre 170,000 Gulden aus der Liste der Heirathscan⸗ didatinnen verschwunden und für uns blühen neue Hoffnungen auf, da immer so viele, viele junge Leute unter ihrer Flagge gesegelt sind.

Deine

Robin und der Droschkenkutscher. Der bekannte berühmte Zauberer Robin er⸗ regte in Hamburg bei seiner Anwesenheit ganz