über den wahnfinnigen und sie so unglücklich machenden Entschluß der Corpsstudenten zu trauern, als sich in die öde und trostlose Einsamkeit des Saales zu wagen. Zum Glück waren bei der sehr geringen Zahl der Tanzbereiten, denn doch einige Herrn mehr da und jenes dunkle Gerücht, das, wenn es sich bewahrheitet hätte, sicher dem Club den Todesstoß versetzen mußte, erwies sich als ungegründet. Jene Damengesellschaft war vorzugsweise von Brautleuten besucht, die von uns andern Mädchen mit neidischen Blicken betrachtet wurden. Früher schrieb ich Dir schon, daß Adel⸗ gunde und Franz endlich versprochen seien. Auch sie erschienen im Ballsaale; Franz mit züchtigem Erröthen auf den fast jungfräulichen Wangen, Adelgunde im weißen Kleide der Unschuld, mit strahlendem Auge und keck zurückgeworfenem Kopfe. Stolz sprach aus ihren Blicken, in denen die Worte zu lesen waren:„Seht, ihr Mädchen, nun habe ich doch das goldene Ziel erreicht, nach dem ihr bis jetzt noch immer erfolglos strebt.“
Zärtlich besorgte Mutter! So sind denn end⸗ lich deine Bemühungen um das Glück deiner zu versorgenden Tochter durch einen glänzenden Er⸗ folg gekrönt worden und mit königlichen Blicken schaust Du auf Dein stolzes Werk.— Aber wie viele tanzende Thee's, wie viele Soircen hast Du auch veranstaltet, wie viele Thaler hast Du es dich kosten lassen, um bei Adelgundens Debut im Salon, junge Männer in Dein Haus zu ziehen und sie auf ihr junges Herz Sturm laufen zu lassen! b
Auf der Gallerie konnte man an jenem Abend noch zwei glückliche Gesichter erblicken. Aus beiden strahlte die Seligkeit, wenn auch nicht derer sten, doch überhaupt der Liebe. Es war dies auch ein junges Brautpaar, der Herr Doctor philosophiae, der auf der Straße seinen Augenpetzer so künstlich zu hand⸗ haben weiß, und die anwesende Tochter des ab— wesenden Kaufmanns, einer anmuthigen Gestalt, der jetzt Gerichts⸗Sekretäre und Sekretariats-Ac⸗ cessisten in ewig ungestillter Sehnsucht vergebens entgegenglühe.— Da ich Dir doch einmal so viel von Brautleuten geschrieben habe, kann ich nicht umhin Dir mitzutheilen, daß sich auch die Julie mit einem lockenduftenden Handelsjüngling aus Berlin, dem in Tüchern machenden letzten Spröß⸗ ling eines heruntergekommenen Grafengeschlechtes, das im 30 jährigen Krieg eine Rolle spielte, ver— sprochen hat, dessen blassirtes Gesicht mit den vollen Wangen der freudestrahlenden Braut vortrefflich harmonirt.
Doch da hätte ich Dir fast zu schreiben ver gessen, daß unsere Freundin Emma, die einst im Laternenmännchen Gefeierte, endlich auch nach so vielem Stürmen glücklich im fernen Thüringerland, in den ruhigen Hafen des Brautstandes einge⸗ laufen sein soll..
Armer Mediciner! Davon hatte Dein ver— trauendes Herz in den Eissteppen Rußland's keine Ahnung und fruchtlos zerraufest Du, wenn Dir
ihre Verlobungskarte zu Gesicht kommt, in dumpfer Verzweiflung Deine eisgepuderten Locken!
Und Du Silberberg, wie leichtsinnig hast Du ein Glück verscherzt, das tausend Andere so selig gemacht hätte! Nimmermehr blicken Dir von des
Hauses weitschauendem Gipfel zwei der schönsten
schwarzen Augen liebeglühend nach, wenn Du um 10 Uhr auf die Klinik gehst, denn sie muß jetzt ihrem fernen Verlobten Briefe schreiben oder zum Geburtstage Hosenträger sticken.
Aus der letzten. Damengesellschaft habe ich Dir auch nachzuholen, daß auf derselben mich ein früherer Militär, der den badischen Feldzug in Gießen mitgemacht hatte und nach beendigtem Kriege nach Baden geeilt war, um die Truppen mit zurückführen zu helfen, mit einem schwarzen Fracke sich zeigte, in dessen Knopfloch 2 Medaillen prangten, die er für seine Bravour in besagtem Feldzuge erhalten hatte.— Viele Leute waren so unanständig, hierüber zu lachen.—
Außerdem erregte ein junger Mohr durch die
Art seiner Ballfrisur, einen sich hoch bäumenden
sprechende Höhe zu bringen.
Titus, die allgemeine Aufmerksamkeit und außer dem Thema, die Corpsstudenten, wollten aus dem Club austreten, wurde an jenem Abend wohl kein Gegenstand so nach allen Seiten hin besprochen, als die Frisur des kleinen Morgenländers.
Sicher enthielten die ersten Worte, welche eine Dame an ihren Tänzer richtete, die Frage, wie es wohl möglich gewesen sei, das wollige Haar auf diese den Gesetzen der Physik so wider— Schließlich trugen zwei Meinungen den Sieg davon; während näm— lich die Einen behaupteten, blos vermittelst Seife sei es gelungen die Wolle der ordnenden Hand des Bildners so gefügig zu machen, ließen sich die Andern nicht von der Ansicht abbringen, Opper— mann habe jedes einzelne Haar gebrannt.
Wir hatten uns neulich sehr gefreut auf einen Ball den die Corps zu arrangixren beabsichtigt hatten. Mir erzählte es ein Teuton, der mir zu⸗ gleich mittheilte, daß von seinen Leuten der Plan dazu ausgegangen sei. Leider scheiterte das Unter— nehmen an dem Starrsinn der beiden andern Corps. Diese Menschen scheinen auch für nichts Anderes, als für Bier Sinn zu haben. Da sind doch die Teutonen andere Leute!
Uebrigens ist im Allgemeinen auch gar kein Leben mehr unter den hiesigen Studirenden. Wie schön war es früher, wenn wir in großen Zügen auf Schlitten mit Windeseile durch die Straßen dahin brausten, und dabei noch von dem Studen- ten, der uns in seinem Schlitten abgeholt hatte, so angenehm unterhalten wurden. In jetziger Zeit sieht man nur noch Commis mit gebrannten Locken und vergoldeten Brustnadeln, aber auch, um zu sparen, nur in einspännigen Schlitten ihre Schätze spazieren fahren. Doch genug der Ballneuigkeiten.—
Es interesfirt Dich jedenfalls zu erfahren, daß neulich dem Professor Bischof, nachdem er definitiv erklärt hatte, er lehne den Ruf nach Mün⸗


