ich und 1)8r nichts den Sommer lang von Liebe in Treue, von Liebe In Spiel —, nur eines heimlichen Vogels Gesang/'
Er erwachte davon, daß ihn jemand ansah. Der Himmel hatte jetzt sein dunkelstes Blau. Einige schneeweiße Wolken vertieften die Bläue.
„Ich hoffe, ich habe Sie nicht geweckt", sagte das Mädchen, es hielt einen Strauß Feldblumen in der Hand. „Ich kam gerade hier vorbei und wußte nicht, daß Sie da lagen."
Perth stand auf. Er sah, wie sie versuchte, den Titel des Gedichtbandes zu lesen. Sie trug jetzt einen weißen Strandanzug.
„Es sind Gedichte , sagte er, „Swinburne — kennen Sie ihn? Aber ich sehe, daß Sie noch keine Akeleien in Ihrem Strauß haben. Ich weiß, wo sie stehen."
Sie gingen nebeneinander einen schmalen Wiesenpsad, das Gras stand ungewöhnlich hoch und reichte ihnen bis zu den Schultern. Hier duftete es in der windlosen Glut nach Blumen und blühendem Gras, die Grillen zirpten schrill und sommerendlos, über den glänzenden Gräser- spitzen hing das Blau und die Stille.
„Hier", sagte Perth und deutete in das hohe Gras, aus dem die violetten Blüten l-uchteten. Er pflückte selbst einige Akeleien und reichte sie ihr. Dann gingen sie den schmalen Pfad weiter. Er war unendlich froh, daß das Mädchen .lchwieg. So konnten sie diese warme, versunkene Sommertiefe ganz und rein empfinden. Es lag ein Hauch von Zeitlosigkeit darüber, eine Spur von ewiger Fülle.
Einmal blieb er stehen und sah das Mädchen an. Und da spürte er, daß auch sie still und trunken war von dieser nahen, träumenden Unendlichkeit des Sommers.
Als sie zum See zurückkamen, gaben sie einander in der Nähe der Zelte die Hände. Sie nickten beide, wie in einem schönen, ungesprochenen Versprechen.
Oer Freischütz.
Eine B ibengeschichte von Heinrich Capellmann.
Um cs gleich vorweg zu nehmen: die Sache ging eigentlich von der „Kunstarena und equilibristischen Schau" von Klara Kübler aus, die damals im Pannacker, einer großen Wiese, im wahrsten Sinne des Wortes ihre Zelte aufschlug und dann durch Aufführung „klassischer Werke" in Verbindung mit der Augenweide zirzensischer Spiele uns derart in ihren Bann schlug, daß wir, mein Freund Will Henn und ich, noch drei Tage nachher wie Nachtwandler umhergingen, dergestalt, daß unsere Eltern, in völliger Verkennung der Ursache unserer Entrücktheit, schon den Arzt bestellten, weil sie aus ausbrechende Masern schlossen —. Damals war es auch, daß Will Henn endlich den letzten erlösenden Seufzer fahren ließ und sagte, Junge, war das eine Sache: dieser Freischütz und dann das Kugelgießen und dann „Lützows wilde verwegene Jagd!" — Aber in den Ferien werden wir das auch spielen: es wird ein Riesenerfolg werden! Womit er in ungeahnter Weise Recht behalten sollte. Will Henn war immer ein Mann der Tat. Darum wagte ich auch nur schüchtern die Frage: aber wie? und wo? und wann? — Etwa um Mitternacht? Aber Will Henn schien schon alles in den drei Tagen der Versunkenheit erwogen zu haben: Wie? — Also du besorgst ein Buch, wo der Freischütz drinsteht, für die Spieler sorge ich! — Und wo? — Natürlich nur in der „Hölle"! Und wann: weil es da immer sackduster ist, zu jeder Tageszeit! Die „Hölle" aber war nichts anderes als ein hoher, breiter, tief unter dem Ort sich hinziehender Gang, der vor hundert Jahren noch eine felsige Talschlucht gewesen, dann aber beim Bau der Heerstraße überwölbt und eingeebnet worden war. Dieser geheimnisvolle, sackdunkle Gang war überhaupt die Köstlichkeit unserer Jugend; denn nicht allein, daß sein Besuch streng verboten war, er ließ auch die herrlichen Kriegs- und Wildwestspiele zu, und nach Will Henns Meinung schien er geradezu darauf zu warten, daß in seinen dunklen Gewölben die schaurige Mitternachtsszene des Kugelgiehens stieg (von den unerhörten Möglichkeiten der Wiedergabe einer „wilden, verwegenen Jagd" nicht zu reden —!). Eine Woche später trat der „dramaturgische Beirat" zusammen. Schon in der ersten Sitzung waren wir uns einig, daß der „Freischütz" in der vorliegenden Fassung erhebliche Mängel ausweise. Also strichen wir, strichen so lange, bis schließlich nur der Kern, der Glanzpunkt, die große Mitter- nachtsszene, als kristallisierter Extrakt übrigblieb. Dann wurden die Rollen verteilt; klar, daß nur Will Henn als „Freischütz" in Frage kam. Und dann vor allem: ordentlich Material für das mitternächtliche Feuer!
Eintrittsbedingungen: für Zuschauer auf dem ersten Rang — das war die Seite der „Hölle" mit hem schmalen Mauervorsprung — fünf Bleikügelchen, für den zweiten, besseren Rang — das war die andere Seite mit dem breiteren Vorsprung — einen Pfennig. Diese Plätze sollten dann aber noch, zur besseren Unterscheidung und weil die Herrschaften vielleicht empfindlichere Hosenböden hatten als die andern, mit Zeitüngs- papier belegt werden. Bezüglich weiblicher Zuschauer wurde strengste Ausschließung beschlossen, erstens weil die Sache aus naheliegenden Gründen strengstes Geheimnis bleiben mußte, zweitens, weil keiner 'es auf sich nehmen wollte, die Mädchen notfalls über die Standlachen des Ganges zum Ort der Handlung zu tragen und drittens, weil man nicht sicher war, daß die stark männliche Handlung etwaigen Mutigen doch auf die Nerven ging, was dann leicht störendes Geschrei und sogar eine Panik hätte Hervorrufen können.
Am zweiten Mittwoch der Augustferien stieg die Premiere. Alle Ränge und Plätze waren besetzt, einige sogar zu Aufpreisen weiterverhandelt worden. — Will Henn strahlte, und alles, was an künstlerischem Elan in ihm steckte, wollte er herausholen. — Bier Kerzenstummel, die an Mauervorsprüngen des Gewölbes klebten, beleuchteten mehr geheimnisvoll als hell den Ort der Handlung und die erwartungsvoll schweigende Spielgemeinde. Heija, und dann begann Will Henn sein Spiel: Kistenbretter, Holzwolle, Stroh und drei alte Fahrradschläuche flammten und schwelten auf und beleuchteten allerlei geheimnisvolles Gerät, mit dein sich jetzt Will Henn unter gemurmelten Worten und Beschwörungsfor
meln zu schaffen machte. Zugleich aber erhob sich in dem dunklen Schlund des ansteigenden Ganges allerhand seltsames Getön: eine Eule schrie vor- bildlich stilecht, ein Hirsch röhrte, ein Wolf belferte und Dami Tau schlit- terte eine alte Gießkanne über den felsigen Boden, daß es wie ein dumpf- dröhnendes Gewitter durch die Gewölbe schauerte, und es wäre gewiß ein ganz großer Erfolg geworden, wenn nicht fast gleichzeitig mehrere retardierende Momente eingetreten wären. Nämlich: zum ersten nahm der Donnergott plötzlich eine höchst menschliche Stimme an, mit der er erklärte, daß sie doch in Dreiteufels Namen endlich mit dem heftigen Feuern aufhören möchten; denn da oben, wo er sitze und wo der Rauch abziehe, halte es kein Schwein mehr aus und besonders von den schwelenden Gummischläuchen liefen ihm schon Augen und Nase! — Zweitens folgte diesen Worten insofern die Tat, als nun Otto Sous, der Hirschimitator und Dami 'Tau mitsamt seiner Gießkanne fluchtartig m die Szene kullerten (was allerdings bei den meisten einen unerhörten Eindruck machte, als sie glaubten, das gehöre mit zum Spiel). Drittens ertönte noch zu gleicher Zeit eine ganz unerwartete neue Stimme, die von allen mit Entsetzen als die des alten, schnauzbärtigen Ortspolizisten ausgemacht wurde. Diese Stimme aber rief vom unteren Eingang her: „Ihr Lausebengels, ihr Spitzbuben und Taugenichtse, wollt ihr endlich herauskommen oder nicht!" — Woraus alle: Held, Mitspieler und Zuschauer vor Schreck erstarrten. Worauf dieselbe Stimme offenbar beunruhigt fragte, ob sie denn Überhaupt noch lebten!? — Allgemeine Verwunderung: ja, warum sollten sie denn nicht mehr leben; gerade jetzt! — Will Henn aber sand als erster in die rauhe Wirklichkeit zurück; dumpf und schmerzvoll, jeder Zoll an ihm ein tragischer Held, erklärte er: wir sind verraten! — Und dann rollten seine Blicke, unheilschwanger und bohrend, über die Ränge, daß es den jüngeren Zuschauern schon durch Mark und Bein fuhr! Wer war der Verräter, der dieses klassische Spiel unserem Erbfeind, dem grimmigen Dorfschergen, preisgegeben hatte!? — Und doch hatte kein Lebender den Verrat begangen, sondern nut der Rauch, der furchtbar stinkend aus allen Kanalanschlüssen über die Straßen des oberen Ortsteils kroch. —
„Rette wenigstens die Kasse!" raunte mir Will Henn zu, als wir fluchtartig dem oberen Ausgang zustrebten; ich, als Spielleiter, werde wohl in die Hände der Schergen fallen, und er drückte mir einen Leinenbeutel, die gesamte Tageseinnahme, in die Hand. Am oberen Ausgang sinkt allen vollends das Herz in die Hosen; denn dort sehen sie jetzt einen anderen, noch viel schlimmeren — deck grünrodigen Gendarmeriewachtmeister, den fremden, unheimlichen, das wandelnde und strafende Gesetz, da flüchten wir alle zurück, bereit, eher ruhmvoll unterzugehen, als uns diesem furchtbaren Manne zu ergeben. Eine Viertelstunde tragen wir uns mit Todesgedanken, dann siegt das Leben; mit überwältigender Mehrheit entschließen wir uns zur Kapitulation, aber wenn schon, bann nur beim alten Mieß; denn Otto Sous hat festgestellt, daß er eigentlich durch die Schwester seiner Mutter, die einen Netter der Frau des Orts- gewaltigen geheiratet hat, gewissermaßen durch die Bande der Familie versippt ist! Und an diesen schwachen und dünnen Verwandtschastsfaden klammert sich nun aller Hoffnung: Zehn Minuten später findet die Uebergabe statt, am unteren Tor, wobei Will Henn tapfer und großzügig alle Verantwortung auf sich nimmt. Der seltsame Empfang ist uns völlig rätselhaft: Väter und Mütter und Basen lachen und meinen und schließen uns teilweise in die Arme, zwei schwitzende Feuerwehrleute schimpfen mörderlich und ein streng blickender Dorfpolizist läßt uns nur einzeln das Tor zur Oberwelt passieren. Und bei jedem schreibt er hart und eckig den Namen in fein Notizbuch. Zum Schlüsse aber macht er ein großes Viereck um die ganze Lumpenbande mit dem Vermerk: „Zur weiteren Veranlassung!"
Diese „weitere Veranlassung" war nach den Ferien der graubärtige, goldbebrillte Oberlehrer Jakob Löhr. Morgens neun Uhr dreißig trat die Polizei in die Klasse. „Entschuldigen Sie bitte die Störung, Herr Lehrer!" — Der entschuldigte. Dann schlägt jener sein Notizbuch auf: „Der Bube Wilhelm Henn!" — Hier! — Ein vernichtender Blick, der uns ahnungsvoll bis in die Sitzslächen erschauern läßt. „Der Bube Otto Sous!" — Hier! — Wieder dieser mordende Blick. — „Der Bube Dami Tau!" — Hier! — „Der Bube — der Bube — der Bube —! — Alle auf den Gang!" — Ach (Bott, jetzt gings los, wo wir doch die Strafe in den Ferien schon hundertmal erlebt und erlitten hatten! Siebzehn stehen aus dem Gang, mit den anatomisch seltsamsten Kehrseiten: Will Henn trägt eine kleine Ausgabe der heiligen Schrift im Hosenboden, Otto Sous versucht es mit einem dünnen Svfakissen, Dami Tau hat sogar drei Seilen seines Sammelalbums mit den Bildnissen sämtlicher deutscher Kaiser geopfert, Jan Brink hat feine Kaninchenfellmütze zur Polsterung zwischen- geschoben. Am ersten fiel Bert Bastian auf, weil die zwei zufammen- geknüllten Taschentücher wie zwei überdeckte Karfunkel von feinem Hinterteil abstanden. Böden lupfen! befiehlt der Unheimliche. Aha, du elender Bube willst dich auch noch der verdienten Strafe entziehen! — Zwei mehr! — Eine Gangecke füllt sich mit den seltsamsten Polstermitteln; die vorhin prallen Kehrseiten aber schrumpfen kläglich zusammen. Und dann geht es, lebhaft bewegt, den langen Gang hinunter, einer nach dem andern. Als Neunter komme ich dran, ober richtiger, sollte ich drankommen, aber als ich die Nutzholzstreiche sah und schon mitfühlte, kam mir der verzweifelte Entschluß, es schließlich auf einige mehr auch nicht ankommen zu lassen, und also tänzelte ich hinter meinem letzten Vordermann her, als ihn Jakobus Löhr klopfend nach unten beförderte, und als sich der rächende Richter dann zu neuem Tun umwandte, stellte ich mich im gleichen Augenblick zur Gruppe „erledigt"! Wobei ich aber nicht vergaß, Augen und Hosenboden kräftig und schluchzend zu reiben! Bis der Schreckliche — ich erstarrte fast — sich zu mir umwandte und meinte: „Hände weg und kleben lassen, jawoll, das muß sitzen bleiben, daß es auch wirkt —!" Nach diesem Ausgang haben wir auf die weitere Wiedergabe „klassischer Stücke" verzichtet, aber ich gehe auch heute noch immer gerne in den „Freischütz", weil ich mich ihm gewissermaßen „erlebnis- mäßig" verbunden fühle. —
Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Brühlsche Universitätsdruckerei «.Lange, (Sieben.


