Gießener Kunilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger
Jahrgang I4Z8 Moniag, den 2Z. Mal n„..„
I Lady Hefter Stanhope
EINE FRAU OHNE FURCHT
don Maria Josepha Krück von Hoturzyn
Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
Der Mann lachte auf:
„Und das soll ich Lady Hefter Stanhope glauben, von der man hörte, daß sie im letzten Winter eine gefeierte junge Dame war?"
Hefter zuckte die Achseln:
„Wie du willst —"
Eine Weile wurde es still in dem hohen Gemach, Pitt schritt auf und ab: kaum merklich zuckte fein rechtes Bein — Hefter hatte gesehen, was er selbst nur erst fürchtete; die kommende Gicht im Kniegelenk, das früh vererbte Uebel des Vaters, < 17
„Hefter", begann er, „um die Brüder brauchst du keine Sorge zu haben, du darfst nicht vergessen: ich bin auch noch da. Geh unbesorgt auf Reisen, mach dje Augen aus und lerne,"
Er hielt an, Waren das Tränen? Der Punkt, an dem Frauen zu weinen begannen, schien ihm schwieriger festzustellen als der Augenblick einer Bundnisfähigkeit mit einem Monarchen, fester?"
Sie hob den,Kopf, Nein, es schien Freude!
„Danke — Onkel — Pitt!" sagte sie,
„Wenn du nach der Reise zurückkommst und noch nicht weißt, was 2u sollst — seine Stimme klang leise und nah —, „werden wir beide überlegen, was zu tun ist — wollen wir?"
Sie nickte; und begriff die Abwesenheit, die'plötzlich wie ein Bochanq aber seine, Augen fiel, noch ehe er weitertuhr:
„Nun mußt du mich entschuldigen, Hefter, Der russische Gesandte ist §yus London gekommen" — und er hob, wie in Resignation, die Schultern ind stand aus — „du verstehst, es gibt viel 'zu besprechen —"
„Addington muß dich wohl in allem vorher fragen?"
Er deckte rasch ihren Mund:
„Hefter ist klug ,,, und wenn sie auch im Schweigen mir verwandt nt ... Du bleibst doch bis morgen mittag?"
,La, vielleicht auch länger, wenn der Wind nicht umspringt."
„Hoffen wir, daß er's nicht tut!"
Die Hände mußte sie gegen den Kopf pressen, ihr war, als fliege sie Entrecht in die Luft. Das Blut stürmte durch ihre Adern, daß sie in allen
! ledern ein dumpfes Brausen fühlte. Das Leben, ihr Leben, begann! Malta oder Krieg!
h Der Herbst verging schnell für Hester Stanhope. Sie fuhr durch
: ilfankreich, traf den Bruder Philipp Henry dort und ritt mit ihm aus den ^.lont Cenis, dessen wilde Herrlichkeit sie tiefer ergriff als alle Festlich- knten in künstlichem Licht. Anfangs verstand sie sich glänzend mit dem -truder, der in Deutschland zum vollendeten Kavalier geworden. Dann eber ärgerte sie sich, weil er mit seiner Erlanger Bildung über ihre lln=
! (,1tfsnf)eit spottete. Und ihn langweilte es, daß die Schwester allzu viel Mn Pitt und Camelford erzählte. So fuhr sie allein mit Egertons weiter der Aufgabe entgegen, die irgendwo, groß, geheimnisreich und voller Gefahren auf sie wartete — die sich finden mußte, wenn man nur wollte!
, .. ®le sprach mit Scharen von Engländern, Franzosen, Italienern, ließ W auf der Botschaft in Neapel unter dem Lächeln der Königin, Maria kherefias Tochter, feiern, flirtete nach ihrer Art, mit wem sie wollte, Muhend, schlagfertig und restlos kühl. Oft fiel Pitts Name. Aber Mr. Md Mrs. Egerton — für Hefter „ein Pantoffel, verheiratet mit einer
’ Ltans" — verrieten unter Ausländern nicht, wer die junge Dame war, ie unter ihrem Schutze stand, vorausgesetzt, daß Mylady es nicht selbst "Zahlte. Außerdem: Pitt galt als ein Mann, der keine Familie besaß.
war der zweite Sohn von Lord Chatham, dem älteren Pitt, der seiner- Ms ein großer Staatsmann gewesen; das genügte der Welt auf dem
I A^iuent. In Frankreich ging eine Anekdote um, Hefter hörte sie bei Hch, in einem Badeort am bretonischen Ufer.
. Vor Jahren war Pitt nach Paris gekommen, alle Welt hatte dort
[i jungen Staatsmann sehr heftig umworben, von Marie Antoinette D|; M dem amerikanischen Rebellen Franklin. Kaum wieder in London, "wartete ihn ein Brief: falls Mr. Pitt vorhabe, die Tochter von Mon-
r Pur und Madame Necker mit einem Heiratsantrag zu beehren, möge freudigen Zustimmung und eines jährlichen Einkommens von
. W Pfund sicher sein. — Pitt erzählte niemals davon; aber in Paris pg die Fama, der junge englische Minister habe geantwortet, er sei ereits verheiratet, und zwar mit England selbst.
haben", erklärte
uns wäre so viel
ist nicht wie alle
winselnd zur Ruhe. Hester horchte. Klang es nicht Kielen, draußen im Meer? Waren es Boote der
«Hefter zog die feinen Augenbrauen hoch:
„Selbstverständlich, an jedem andern — aber Pitt andern!"
„Oh, Sie kennen Mr. Pitt?"
„Kennen? Wer kennt Pitt?" fragte sie rasch. —
In der darauffolgenden Nacht fuhr Hester aus dem Schlaf. Der Ozean rollte dumpf gegen kahle Felfenblöcke, die Luft heulte auf und legte fiel) winselnd zur Ruhe. Hester horchte. Klang es nicht wie das Rauschen von Kielen draußen im Meer? Waren es Boote der Franzosen, die gegen England fuhren? 1 99
„Mylady, Pitt ist der größte Staatsmann, den England feit langem blitzt, er kann es sich leisten, ein steinernes Herz zu 11 ein französischer Tischnachbar Hefters; „an jedem von Askese ein Fehler!"
Sie sprang aus und trat ans Fenster. Kein Licht war über'dem Wasser zu sehen, dunkel dehnte es sich gegen Westen. Aber — wenn dennoch der Korse seine Flotte gegen England führte und kein Mensch es ahnte außer
Hester rief die Jungfer: „Mach Licht!"
Man muß es den König wissen lassen, was überall in Frankreich gesprochen wurde. Pitt sollte wieder Lordkanzler werden — denn nur ihn fürchtete JBonaparte!
_ 2Us sie den Kiel in die Tinte tauchte,'hörte sie plötzlich Pitts warme Stimme unb fühlte seinen,Blick aus ihrer Haut. Hefters Kopf sank vornüber; sie träumte, während sie schrieb. Sonderbar — Carnelfords Bild auch wenn sie es rief, war fern und verblaßt
Es gibt Blumen, die in de? Nacht, erblühen; es gibt eine Art von «tebe, die wurzelt und keimt, ehe die Seele, die sich wehren möchte, von iyr weiß; die aufsteigt wie eine Erinnerung aus vergangenen Zeiten von denen nur das Herz noch weiß
Anfang November fuhren Mr. und Mrs. Egerton mit Lady Hefter Stanhope zur Saison nach Paris. Die Stadt war nach blutigem Jahrzehnt wieder zu Sinnen gekommen, die eisernen Hände des korsischen Generals griffen ins Chaos und formten es zum Körper feines Willens Letzte Bourbonenfreunde faßen als Emigranten in England. Das Heer ihrer Pamphletisten bekämpfte die Heimat mit Hetzschriften und Kari- faturen Mochten sie schreiben! Frankreich hatte Bonaparte! Wieder saß die große Pariser Welt in Theatern und Salons, man tanzte und feierte den Fasching 1803. _ 1
Allerdings: da joar Malta! Vor knapp zwei Jahren hatte England Frieden geschlossen mit Frankreich und versprochen, Malta den Johannitern wiederzugeben. Monate vergingen, ein Jahr ... die.englische Garnison rührte sich nicht. Ein Vorposten auf dem Weg nach Indien war Malta; England dachte nicht daran, Malta herzugeben'
Bonaparte protestierte; England hatte Ausflüchte. Besetzten nicht französische Truppen Holland, Italien, die Schweiz?
Bonaparte wandte sich an die Großmächte: sie sollten die Räumung Maltas garantieren. Pitt- der unsichtbare Lenker hinter Addingtons Ministerium, bezauberte den russischen Gesandten, und daraufhin schwieg das Konzert der Mächte. Malta blieb englisch, trotz Vertrag und Versprechen.
Malta oder Krieg! schrie Bonaparte wutvergesfen dem englischen Gesandten ins Gesicht. Die französischen Emigranten echoten höhnend zurück. •
Malta! Ein kaum erst beruhigtes Europa begann zu erzittern unter dem Namen der kleinen Insel.
England rüstete und Frankreich rüstete; im Winter 1802 zogen vorsichtige Kapitalisten ihre Gelder aus den Industrien zurück und übergaben sie den Banken. Im Frühling war der Bruch unvermeidlich. Am 17. Mai verließ Englands Gesandter Paris.
Zu dieser Zeit tobt ein Mann im Schloß Malmaison. Es ist 5 Uhr morgens.
„Junot, sind Sie mein Freund, ja oder nein?"
Er hat den andern an einem Knops gefaßt und schüttet den verschlafenen Körper.
„Mein General — mein Leben ..." antwortete es mit der Emphase des alten Kämpfers.
„Gut. Binnen 10 Stunden find alle Engländer in Frankreich zu verhaften. In den Gasthäusern, Theatern, auf den Straßen, laß Ne M- nefjmen — ohne Ausnahme! In unseren Gefängnissen ist Platz genug ... Warum schweigst du?"
Es schreit aus einem totbleichen Gesicht.
„Mein General — alles — aber das nicht! Es sind Frauen und Kinder unter den. Engländern, harmlose Kaufleute, Reisende ..."
Die Faust schlägt auf den Tisch:
„England verweigert Malta! Und verläßt sich auf meine Loyalität?''


