Ausgabe 
1.4.1938
 
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Jahrgang 1958

Hreitag, den 1. April

Nummer 26

GietzeimZamilienbliitter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Herz im LW

Roman von Hans-Äalpae von Zabeltitz

Copytig^ by Deutle Verlags-Anstalt, Stuttgart

12. Fortsetzung.

Bernd eilt durch die Weiße-Saal-Galerie, die fast leer ist, weil die uuadrille beginnt, er kommt in die Bildergalerie, in der nur einige Lakaien an den Türen stehen. Er blickt den breiten langen Raum hinab und entdeckt ganz hinten, tast am Durchgang zum Schwarzen-Adler-Saal em Paar. Ein Verdacht steigt in ihm auf; mit hastigen Schritten strebt er vorwärts.

Er hat sich nicht getäuscht; es ist Lexe. Zunächst erkennt er ihr gelbes Kleid, dann sie selbst.

In einer der tiefen Fensternischen zum Lustgarten zu steht sie mit dem Rücken gegen den Vorhang, der die Scheiben deckt, und vor ihr Graf Engstedt. Er hat sie in die Ecke gedrängt und redet auf sie ein. Sie halt den Kopf gesenkt; Bernd steht nur den Flechtenkranz ihres dunklen Haares, aber er meint doch zu wissen, was sich jetzt auf ihrem Gesicht spiegelt: Angst.

Sie hören seinen Schritt nicht, der dicke Teppich schluckt jeden Laut.

Jetzt ist er hinter Engstedt, er fängt einen Satzfetzen auf:So seien Sie doch vernünftig, Lexe."

Da legt er seine Rechte auf den Arm Engstedts:Sie gestatten ..." Und dann zu Lexe:Du kommst wohl mit mir."

Der andere begehrt auf:Ich verstehe Sie nicht, Herr von Wallnitz."

Das ist auch zur Zeit nicht nötig, Graf Engstedt. Ich weiß, daß die Komteß Czeh wünscht, zu ihrer Mutter geführt zu werden, und das genügt mir."

Er nimmt Le^es Arm und geht mit ihr den Weg zurück, den er gekommen ist: die Bildergalerie, die Weiße-Saal-Galerie entlang. Er fühlt, Lexe zittert, er sieht in ihr Gesicht, sie hat die Unterlippe zwischen die Zähne gezogen, ihr Kinn bebt.

Aus dem Weißen Saal strömen die Klänge der Musik, die Geräusche der schleifenden, tanzenden Sohlen, das Gewirr verhaltener Stimmen.

Bernd denkt: Ich muß sie jetzt an eine Stelle bringen, wo sie allein ist, wo keine Menschen sind und keine hinkommen.

Er zieht sie weiter, und sie folgt ihm willenlos durch die hohen Windtüren hinaus ins Treppenhaus des Eosander-Baus und die Stufen hinauf, die zur Kapelle in der Schloßkuppel führen, ein halbes Stock­werk hoch und noch ein halbes.

Am letzten Absatz vor der Kapellentür bleibt er stehen. Es ist fast dunkel hier. Hoch oben in der Wölbung der Decke brennt eine einzelne Birne.

«Was war, Lexe?" fragt er. Sie antwortet nicht, sie blickt ihn auch nicht an.War es richtig, daß ich dich holte?" Sie nickt.

Und dann sind die Tränen da.

Er stützt sie, zieht sie nieder.

So sitzen sie beide dicht nebeneinander auf der Treppe

Ganz still ist es um sie. Nur dann und wann weht ein leiser Klang Musik zu ihnen.

Er läßt sie meinen; nur daß er fein Taschentuch hervorzieht und ihr reicht. Da sagt sie schluchzend:Danke" und führt das Tuch an die Augen. Räch einer Weile kommen Worte, und er muß sich nah zu ihr beugen, um sie zu verstehen.Ich bin ja so dumm, so dumm. ~ nmer muß ich gleich heulen."

Hat er dich gequält?"

Ob ich seine Frau werden will, hat er mich gefragt."

Und du?"

Sie läßt das Taschentuch in ihren Schoß sinken. Es sind keine Tränen mehr da. Ganz trocken sind die Augen.Ich habe doch einen ganz an­deren lieb."

Ein Lächeln blüht um ihre Lippen auf, ein süßes, halb kindliches, halb frauliches Lächeln. Und plötzlich weiß Bernd, wie es in ihm in Wahrheit aussieht, wenn er alle Selbsttäuschung und allen Selbstzwang ablegt, weiß, warum er nach ihrer Einsegnung sich mit Peter Müller stritt, weiß, warum er immer wieder ins Czehsche Haus gehen mußte in diesen letzten Jahren, weiß, warum er vorhin nach ihr suchte und warum er sie fand.

Mich, Lexe?"

Ganz groß sind ihre Augen.Ja, Bernd." Es ist ein festes und klares Bekennen.

Er zieht sie an sich, feine Hand umspannt ihre Schulter, die bloß und kühl ist.Mich alten Esel?"

Du bist doch kein alter Esel, Bernd."

~ Fristen sich. Sitzen auf der breiten feierlichen Marmortreppe zur Schloßkapelle und küssen sich. Und schwatzen all das dumme Zeug, das sich verliebte Leute in aller Welt zuflüstern.

Bis Lexe erschrocken ruft:Du, Bernd, der Hofball. Er muß ja gleich aus fein." Sie springt auf.Haft du keinen Spiegel, Bernd? Bon jetzt ab mußt du immer einen Spiegel bei dir haben, verstehst du? Wie ehe M denn aus? Total verheult, was? Und die Frisur ist wahrscheinlich auch hin. Sie fährt sich tastend über das Haar.Was mache ich nur? So kann ich doch nicht in den Weißen Saal zurück." Sie nimmt ihn bei der Hand, zieht ihn die Treppe hinunter, bleibt beim ersten Absatz noch einmal stehen.

Hast du mich lieb, Bernd?"

Ja, Lexe."

Sehr Heb?"

Sehr."

Heimlich drücken sie sich durch die Windtür, schlüpfen in die Weiße- Saal-Galerie hinein.Hier warte auf mich", befiehlt sie,ich bin gleich zurück."

Er wartet gehorsam, sieht, wie sie in einer der kleinen Türen ver­schwindet, die von der Galerie ins Schloßinnere führen.

Du Kind, denkt er, du liebes gutes großes Kind.

Dann steht sie wieder vor ihm, hat frischen Puder auf den Wangen und lacht.

Die Musik ruft zum Schlußreigen. Sie fassen sich bei den Händen und gehen in den Saal. Ein Leutnant kommt gelaufen:Komteß, den Schlußreigen hatten Sie mir versprochen." Bernd winkt ab.Lieber Loburg, das ist ein Irrtum. Für diesen Schlußreiqen bin ich schon seit Wochen mit Komteß Czeh verabredet."

Sie schreiten Hand in Hand nact) dem Rhythmus des feierlichen Marsches; sie umrunden in der langen Kolonne der Tänzer den Saal, sie ordnen sich mit den anderen zu vieren, zu achten, zu sechzehn neben­einander, bis im Halbrund der große Stern gebildet ist, dessen Mittel­punkt der Thron ist, vor dem die Majestäten stehen, und dessen Strahlen sich aus den Reihen der Paare zusammenfetzen, den Reihen der Herren in den blitzenden leuchtenden Uniformen der preußischen Garde, den Reihen der Damen in dem vielfarbigen Geflimmer ihrer Kleider ihres Schmucks und dem blendenden Weiß ihrer Schultern. Sie schreiten durch den Saal des Kaiserfchlafses und spüren nur den Glanz um sich, fie find eingetaucht in dies Meer von Licht und Pracht, sie fühlen sich sicher in diesen Mauern, die die Macht der Krone umschließen die Macht, mit der ja auch ihr Glück und ihre Zukunft verbunden sind

Der Stern der Tänzer steht. Der Vortänzer hebt die Hand. Die Damen schreiten langsam gegen den Thron vor und versinken in tiefem Hofknicks vor ck>en Majestäten, sie richten sich wieder auf, edle Stoffe rauschen, Seide knistert. Wieder hebt der Dortänzer die Hand, und nun bewegen sich die Reihen der Herren zur Verbeugung nach vorn, gleiten zurück und fassen die Hände ihrer Damen, um fie zum letzten, dritten, gemeinsamen Gruß zu führen.

Noch einmal beugen sich alle, die den Saal füllen, dankend gegen das Kaiserpaar, dessen Gäste sie waren.

Dann tönt dasHalali" der Musik.

Der Ball ist aus, der letzte Hofball, der Fastnachtsball 1914.

Der Stab des Zeremonienmeisters dröhnt auf das Parkett. Eine Menschengasse bildet sich, durch die im feierlichen Zuge der Hof das Fest verläßt.

Die Uhren der Stadt Berlin schlagen zwölf.

Nach alter Sitte gibt es nach der Beendigung des Fastnachtsballs in der Bildergalerie Pfannkuchen und Punsch. Die Lakaien bieten Gebäck und Getränk an, sie tragen große silberne Tabletts vor sich her, auf denen die Kuchen in köstlichen Schalen Alt-Berliner Porzellans liegen und der Punsch in kleinen bauchigen Kristallgläsern dampft, er wird zum Teil auch kalt gereicht, er ist berühmt wegen seine Güte; aus alten Rheinweinen der Königlichen Domänen wird er nach einem geheimen Rezept gebraut.

Lexe und Bernd halten die Gläser in den Händen. Sie stoßen an.

Auf dein Wohl", sagt er.

Auf unser Wohl", erwidert sie.

Um sie sind viele Menschen. Sie aber wünschen sich zurück auf die Stufen der Kapellentreppe. Sie müssen mit vielen sprechen und würden lieber nur miteinander reden. Sie haben ein Geheimnis, dessen Glück so groß ist, daß sie sich vor dem Augenblick fürchten, in dem sie es mit anderen teilen müssen. Fast erstaunt sehen sie die Umwelt an, die ihnen noch vor einer Stunde vertraut war, derer sie sich freuten und um die sie sich Sorgen machten; jetzt verstehen sie kaum noch, warum sie auf