Im Dunkeln
Dann macht sie
iferbes, es hängt in der Mähne und klebt an den Züg« trockenes gibt es mehr. Man kann sich nicht vorstellen, daß
idn. Nichts j es wieder
aushören wird zu strömen; man ist zu müde, sich zu dieser Hoffnung aufzuraffen, der Regen hat alle Kraft und alles Wollen zermürbt, allen Glauben zerstört.
Der Hauptmann von Wallnitz hat einen Befehl in der Tasche, er soll ihn zum Stab der Brigade bringen, der der rechte Flügel dieser Schlachtfront unterstellt ist; er lautet: Um drei Uhr früh wird auf der ganzen Linie des Armeekorps der Angriff fortgesetzt.
Bernd Wallnitz hat diesen Befehl nicht begriffen. Er ist der jüngste Generalstabsoffizier des Generalkommandos, zu dem er unter Beförderung zum Hauptmann am ersten Mobilmachungstage versetzt wurde, und der General der Kavallerie von Lassow, den er so hoch verehrt, ist sein Kommandierenden General. Er hat ihn bewundert in vielen Gefecli en, heute versteht er ihn nicht. Er ist den ganzen Tag unterwegs gewefen, vorgeritten bis dicht an die vordersten Linien, er hat gesehen, wie die Infanterie im Sumpf steckenblieb einem Feind-gegenüber, der unsichtbar, unfaßbar, ja unverwundbar in diesem Buschgewirr der Weichselniederung versteckt lag, der sich barg zwischen Schilf und Bruchgras, über den der Regen undurchdringliche Schleier legte.
(Fortsetzung folgt.)
liegt sie und grübelt über sich selbst, nicht über ihr Kind, sie Licht, steht auf, hüllt sich in ihren Schlafrock und wandert ohne Ruhe durch das Zimmer. Sie schaltet die Krone ein, die Deckenbeleuchtung, die Lampen an chrem Frisiertifch; sie braucht Helle. Sie sitzt vor dem Spiegel und starrt ins Glas. Ganz dicht führt sie ihr Gesicht an die widerglänzende Scheibe, sie sucht nach Falten auf ihrer Stirn, um ihren Mund und in den Winkeln ihrer Augen, sie prüft ihren Hals, betrachtet ihr Haar. Sie erhebt sich, zieht die Seide enger um ihre Schultern, um ihre Hüsten. „Bin ich wirklich schon so alt?" fragt sie sich, „daß ich bald eine verheiratete Tochter haben werde, die dann selbst ein Kind hat, Kinder wie ich?"
Sie kann das nicht glauben, sie will es nicht glauben, es schmerzt sie. „Weißt du, daß ich dich einmal sehr geliebt habe, Mutter?" hat Bernd vor wenigen Stunden gesagt und hat dabei gelächelt. Er hat es gesagt wie etwas lange Abgetanes, was schon Jahrzehnte verschollen ist, und das Wort „Mutter" ist ihm so selbstverständlich vom Munde ge
gangen, als ob sie wie seine eigene Mutter in grauen Haaren vor ihm stände.
Sie steht auf den Kalender. „Dienstag, den 24. Februar." Sie wird sich das Datum merken, es bringt einen herben Abschluß in ihr Leben.
Die Kinder — ihre Gedanken umschließen Lexe und Bernd schon in dem einen Begriff — haben sie nicht viel gebeten und gefragt, sie sind mit unbekümmerter jugendlicher Sicherheit auf ihre Ziel zugegangen: Veröffentlichung der Verlobung möglichst schnell, sobald Bernd die notwendigen Formalitäten erledigt und die Zustimmung seiner Vorgesetzten eingeholt hat, dann eine Reise nach Dapper, sobald Bernd sich frei machen und ein paar Urlaubstage erbitten kann, die Hochzeit im Herbst, sobald Bernd aus dem Manöver zurück ist. x
„... sobald Bernd ..Das ist der Leitsatz allen Denkens bei Lexe gewesen. Für sie selbst gab es als Zwischensätze alles Planens nur kurze Anfragen: „Es ist dir doch recht, Mutter?" — „Su bist doch einverstanden, Mutter?" Was blieb ihr übrig, als „Ja" zu sagen.
Dann ist Bernd gegangen. Gewiß: er hat ihr gedankt sür ihr Vertrauen, er hat ihr gebantt für ihr Einverständnis, aber fein Hinnehmen mar so ohne Vorbehalt, daß es sie schmerzte. Wußte er denn überhaupt, was sie ihm gab und was er ihr nahm? Es war ja nicht die Tochter allein, es war ja auch ein ganzer Lebensabschnitt, den sie chm mit- opferte, weil sie sich in diesem Abschnitt für Lexe aufgeopfert hatte und für Günter.
Für ihre Kinder hatte sie ein Glück hingegeben, hatte geglaubt und sich immer wieder und wieder selbst vorgesagt, daß die wenigen 'Glückswochen chres Lebens sie so mit Liebe erfüllt hätten, daß es genug wäre für ihr ganzes Dafein. Sie hatte aus diesem Quell stets von neuem Kraft geschöpft, sich am Erinnern aufgerichtet, sich gepredigt: Sei dankbar, du hast mehr in kurzer Zeit gehabt als andere während Jahrzehnten. Du durftest jung fein, noch einmal jung fein, als du schon reif genug warst, wirklich den Zauber solcher Jugend ganz auszukosten. Du hast diese verschwenderische Gitte des Schicksals nicht wie etwas Selbstverständliches hingenommen, sondern wie eine selten große Gabe genossen. Sei dankbar und fordere nichts mehr.
Ader jetzt, da die Jugend kam und mit ihrer eigenwilligen Sicherheit forderte und nahm, ist es ihr, als ob der Quell ihrer Kraft erfchöpft ei. Sie ist leer, ist wie ausgepumpt. Sie hat Jahre und Jahre gegeben, le hat ihre Arme liebevoll um ihre Kinder geschlossen; jetzt möchte te auch einmal wieder Liebe empfangen, möchte auch einmal wieder in >en Arm genommen werden und an nichts denken brauchen.
William Bruce. Wenn er heute käme und sie fragte, sie würde wohl mit ihm gehen.
*
Wenige Monate später sicht William Bruce vor Irene Czeh.
Es ift am Vormittag des 4. August 1914.
Er hat unter ungeheuren Schwierigkeiten von London aus über Amsterdam noch einen Weg nach Berlin offen gefunden. Seine Diplomatenpässe haben in letzter Stunde doch noch ihren Dienst an der deut
Mes Fest tarnen. Der Trubel hat keinen Sinn mchr für sie, Sinn haben sie nur noch für sich selbst.
Dann ist Irene bei ihnen. Sie läßt sich auch em Glas reichen, stoßt mit ihnen an. Sie sieht Lexe in die Augen. „Was ist denn mit dir, Kind?" fragt sie. Lexe muß lügen: „Mit mir — nichts, Mutter. Der Abend war nur so schön."
Aber dann beichten sie doch schon wenige Minuten später im Wagen: „Wir haben uns verlobt, Mutter."
Sie können nicht schweigen vor Irene.
In dieser Nacht liegt Irene Czeh lange wach.
Sie müßte eigentlich glücklich sein, denn sie ist ganz einverstanden mit dem, was gekommen. Sie kennt Bernd, weiß, daß er zuverlässig und tüchtig ist, weiß, daß er Lexe liebt und daß sie ihn liebt, mehr noch: sie glaubt beiden diese Liebe. Daß er arm ist, spielt keine Rolle. Das Heiratsgut Lexes ist groß genug für ein sorgenfreies Leden. Das Majorat hat außerdem noch eine Töchterstiftung, deren Zinsen ihr zufließen, und solange die Verwaltung Waldhaufens in ihren Händen liegt, kann sie noch überreich fast für das Paar sorgen; später wird Günter seine einzige Schwester nicht im Stich lassen. Vielleicht ist Lexe noch ein wenig jung zur Ehe, vielleicht ist Bernd ein wenig zu alt für sie; jedoch elf Jahre Unterschied sind nichts Außergewöhnliches, und Lexe ist älter, als sie selbst war, als sie heiraten mußte.
Lexe aber heiratet aus freiem Willen.
Alles ist also in guter Ordnung.
Aber das Glück will nicht in ihr Herz kommen. Es ist ihre Schuld, iie weih es. Sie muß immer an sich denken; weniger an das Kind, das ie fortgeben soll, weniger an die Einsamkeit, die in ihren Alltag kommen wird, als an die Tatsache, daß es nun schon so weit ist für sie, für chre zweiundvierzig Jahre.
Sie denkt an Wien: es ist doch noch nicht so lange her.
schen Grenze getan. Am Wend muß er mit dem Personal der britischen Botschaft Berlin wieder verlassen.
„Kamm mit mir, Jri", sagt er. „Das Rad ist nicht mehr auszuhalten. Heute nachmittag wird England den Krieg erklären. Ich habe alles für uns beide eingeleitet. Sir Edward Goschen, der Botschafter, wird uns trauen. Du gehst als meine Frau nach England. Wir nehmen deine Kinder mit." _
Sie sieht ihn ohne Verständnis an. „Meine Tochter wird morgen mit einem deutschen Offizier kriegsgetraut."
„So nimm Günter und folge mir."
„Günter trägt preußische Uniform. Noch ist es die Äaöettenuniform, bald wird es eine andere fein. Er ist saft siebzehn Jahre, er wartet nur daraus, eingestellt zu werden."
„Günter soll gegen England kämpfen?" Das Blut weicht aus feinem ^„Günter wird gegen England kämpfen, William. Er ist ein Deutscher, ir ist Alexander Czehs Sohn."
Einen Augenblick ist dumpfe Stille- im Raum, bedruckende Stille. Eine Rechnung, die er durch Jahre still in sich trug und die er glaubte, nun da die Kriegswogen stürmten, begleichen zu müssen, ist durch die klaren Worte dieser Frau ausgelöscht. Es gibt da keinen Zweifel mehr. William Bruce hebt die Hand und legt sie auf seine Stirn; als ob er einen Gedanken fortwischen müsse, dann streicht er langsam über fein volles graues Haar. Er richtet sich auf, er hat feine Haltung zurück- geroonnen; er ist bereit, weiterzukämpfen. -
„Aber du, Jri, du gehörst zu mir. Ich liebe dich heute, wie ich dich immer liebte. Deine Kinder gehen von dir, du bist frei."
„Nein, ich bin nicht frei. Ich gehöre in meine Heimat mehr als je” „Du liebst mich doch. Du hast mich nicht vergessen. Ich toeih es. Aus jedem deiner Briefe habe ich es gelesen. Immer wieder. Ich suhlte, du wolltest warten, bis Lexe geheiratet hatte. Nun ist es soweit."
„3a, William, ich liebe dich. Aber du vergißt: es ist Krieg."
„Um so mehr mußt du fort aus Deutschland."
„Würdest du in Deutschland bleiben, wenn ich dich bäte?"
„Das ist etwas anderes. Ich bin ein Mann."
,3ch bin Engländer, willst du sagen. Und ich bin eine Deutsche."
Er gibt sich noch nicht geschlagen. „Du wirst Not leiden. Du wirst verzweifeln hier. Deutschland wird ein Land werden, in dem die Frauen hungern müssen. Alle Grenzen werden gesperrt. Ihr werdet diesen Krieg verlieren, ihr müßt ihn verlieren. Ich will dich retten, Jri, verstehst du mich denn nicht?" , , , ,
„Wir werden diesen Krieg nicht verlieren, William." Ganz fest sagt sie es, ganz sicher.
„England hat noch nie einen Krieg verloren", ruft er ihr zu.
„So wird dieser der erste sein, glaube es mir." Ihre Stimme schwankt nicht. „Und wenn du wahr sprichst, William, wenn Not und Hunger über uns kämen, wenn alles Unglück über Deutschland hereinbräche — wie sagt ihr Engländer? .Whrigt or wrong — my country.' Muß ich dich mit eurem eigenen Satz schlagen?"
Ganz dicht tritt er zu ihr. Seine Stimme klingt weich.
„Wenn du Hilfe brauchst, Jri, ich werde da sein. Ich werde dem schwedischen Gesandten Bescheid sagen, daß er Briefe von deiner Hand an mich weiterleitet."
„Wirst du noch an die Front gehen, William?"
„Ich weiß nicht, rote im Foreign Office über mich verfügt wird.”
Sie reicht ihm die fianb. „Gott schütze dich. Und vergiß nie, daß in Deutschland eine Frau ftbt, die dich liebt, auch wenn du der Feind ihres Landes bist."
.(Es ist eine schwere Zeit."
„Geh durch die Straßen, William, sieh die Menschen, das Volk, die Fahnen. Höre die Lieder. Es ist ein Erwachen, William, es ist eine große Zeit."
Bernd von Wallnitz reitet durch die dunkle Nacht. Kalter Regen fällt [eit dem Morgen dieses 12. Oktober ununterbrochen vom Himmel, er durchdringt jede Hülle, kein Mantel, kein Umhang schützt. Solange es hell war, lag der Regen wie ein fließender, wallender Schleier über der Landschaft, alles verschwamm, grau in grau, in ihm: der endlose Wald, der Sumpsgrund der Weichseluser, die wenigen strohgedeckten Katen, die, zu kleinen Siedlungen geballt, hier und da an morastigen Wegen liegen. Jetzt sieht Wallnitz in der undurchdringlichen Finsternis die feuchten Strähnen des Regens nicht mehr, er fühlt ihn nur rinnen — rinnen, er hört ihn nur rauschen — rauschen; das Naß fällt auf den Helm, auf die Schultern, auf Brust und Rücken, es riefelt von den Knien herab und rinnt in die Schäfte der Stiefel, es tropft vom Haar des


