Hattet nun die Augen offen!
Von Hermann Claudius.
Haltet nun die Augen offen: Primeln, Krokus, Anemonen, Maßliebchen und Hyazinthen, Schlehdorn, Seidelbast und Birke und der Kirschbaum hinterm Hause — seht, es drängen ihn die Knospen und den Birnbaum auch nicht minder — selbst das Farnkraut, zwischen Steinen rollt es sich aus braunen Hüllen.
Und der Tulpen stolze Reihen heben ihre Tütenspitzen.
Und wo chm die Sonne heimlich hinterm Knick ein Bett bereitet, äugt das Veilchen aus der Erde. Und der erste gelbe Falter taumelt aus dem Himmel nieder, und er zickzackt um die Beete.
Finken rufen in der Frühe.
Meisen läuten um den Mittag. Amseln singen in den Abend.
Horchet nun mit feinen Ohren, bis aus dunkelm Erlenbufche tropft das Lied der Nachtigall.
Viele Küsse durch ein Gitter.
Bon Georg von der Bring.
Ich kam an einem Septembertage in Mqrotta an und nahm mir für die erste Nacht ein Zimmer im Ristorante. Morgen in der Frühe würde ich mich nach einem preiswerten Quartier umsehen.
Da es aufgehört hatte zu regnen, ging ich noch zum See hinunter. Die Wasserfläche lag in einem milchigen Grauweiß unter den heraufziehenden Abendwolken. Der Zollbeamte schlenderte mir unter den gestutzten Platanen entgegen: ich erkannte ihn schon von weitem an seiner steilen Mütze wieder. Alles erkannte ich wieder: die Häuserzeile der Piazza mit ihren erlöschenden Farben, die vertäuten Boote, die sich auf ihrem blanken Schlummerkissen wiegten und die weiße Landungsbrücke mit ihrem Lampenstern ...
Als ich zum Borgo zurückkehrte, merkte Ich, daß mir jemand folgte. Es war nicht der Zollbeamte, sondern ein großer schlanker Mann ohne Hut. Ich blieb stehen, um ihn herankommen zu lassen — aber er blieb ebenfalls stehen. Ich trat in einen Obstladen und kaufte mir Erdnüsse und Feigen. Da erwartete mich der Mann vor der Tür. Er fragte auf deutsch, ob ich ein Zimmer suche. Ich bejahte. Darauf erklärte er, ich möchte ihm nur folgen, er hätte ein ausgezeichnetes Zimmer für mich und würde es mir gern zeigen. Ich merkte, daß er ein Landsmann war und erklärte mich bereit.
Er ging wortlos voran und führte mich durch Geröllgassen, unter Bogengänge hin, über Höfe, wo der aufgehängte Mais neben unseren Gesichtern schwankte, durch Gerüche von Wein, Fleisch und feuchtem Laub. Dann erreichten.war einen kühlen Flur, der nur von dem Dämmerlicht, das wir von draußen mit hereinbrachten, erhellt war.
Der Mann öffnete eine Tür, hieß mich eintreten, schaltete das Licht an und schloß hinter uns ab. Eine unverhüllte Deckenlampe tauchte den Raum in grelles Licht. Ich sah sofort, daß mein Begleiter ein Maler war: auf dem Tische lagen zwischen Tomaten, Orangen, Melonen, Mais, Aepfcln, Zwiebeln, Nüssen — Farbtuben, Pinsel, verschmierte Tücher und eine Palette. An den Wänden glänzten feuchte Oelskizzen.
Der Maler räumte dann auf, und ich konnte mich setzen. Er war ein Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, mit einem roten Gesicht und wunderschön gelocktem blonden Haar. Er setzte sich mir gegenüber, rieb sich die ziemlich unsauberen Oelfarbenhände und begann:
„Sie werden inzwischen gesehen haben, daß es ein ausgezeichnetes Zimmer ist. Wollen Sie es mieten?" Er nannte mir den Preis. Ich fand ihn angemessen.
„Weshalb geben Sie das Zimmer auf?" fragte ich ihn.
„Durchaus nicht wegen irgendwelcher Mängel", kopffchüttelte er. „Ich ziehe hier weg, weil ... aber, das tut ja nichts zur Sache, mein Herr. Nehmen Sie es doch!" Er sah mich bittend an. „Ich wohne hier seit zwei Monaten, und Ich habe hier gern gewohnt. Ich will die Wirtin nicht Im Stich lassen. Sie würde enttäuscht sein, wenn ich ginge. Kann ich ihr einen neuen Mieter bringen, so wird es mir weniger schwer fallen, zu kündigen. Mieten Sie?"
Erst müßte Ich die Mängel des Zimmers wissen, sagte ich, den Grund, weshalb er auszöge. Schon war wieder meine entsetzliche Neugierde erwacht.
Er seufzte und rang die großen unsauberen Hände. Dann deutete er Zum Fenster und murmelte:
„Nun, es ist das Gitter da."
Vor dem offenstehenden Fenster befand sich ein schmiedeeisernes Gitter mit ovalen Mustern, eine kleine kunstvolle Arbeit.
„Ich sehe mich überall nach solchen Gittern um", begann der Maler. „Sie geben mir Rätsel auf. Wenn ich in meiner Kindheit in Ostpreußen ein derbes Gitter an der Straße entdeckte, so stellte ich mir immer einen
gewaltigen Bären dahinter vor. Ein Gitter verspricht dem MenscheS etwas, nicht wahr? Auch das hübsche Gitter dort hat mir allerhand oet* sprachen."
„Und trotzdem ziehen Sie aus?"
„Weil es nicht gehalten hat, was es mir verfprachl Aber — das Ifl alles nur so ein Gerede. Mieten Sie das Zimmer?"
„Wenn Sie mir erzählen, was Sie mit dem Gitter erlebten — jal"
„Sie wollen mieten, wenn ich das erzähle?" Er schüttelte den Kopf und' mußte lächeln. Nachdem er eine Weile nach draußen gelauscht hatte, sagt«! er: „Nun, ich kenne Sie nicht, und Sie kennen mich nicht — wir werden einander vielleicht nie wieder begegnen — hören Sie also: — Sie werden aber bestimmt mieten?"
„Bestimmt!" Ich gab ihm die Hand darauf. Das Fenstergitter mit dent ovalen Gewinde, das jetzt die elektrische Flamme beleuchtete, und hinter dem die Nacht begann, war mir bereits ans Herz gewachsen.
Der Maler begann: „Jedes Gitter ist, wie gesagt, ein Versprechen —< es trennt zwar, zugleich aber verspricht es eine Verbindung — es verbindet so sehr, es zeigt uns den Schatz, der hinter ihm auftaucht. Es will einem jagen: die Pappel dort, der Turm von San Giorgio drüben, die Mauer hier mit ihren Riffen und Lazerten — all das ist kostbar, denn ich, das schmucke Gitter, halte es dir wie hinter einer wundervollen Schranke verborgen — all das Ist deshalb so kostbar, weil ich es in seinem Wert erhöht habe. Nun, genug der Rederei.
Es kamen manchmal Leute ans Gitter, um zu sehen, was der deutsche Maler da drinnen machte. Sie kamen über die Gasse und drängten ihre Gesichter vor, um den Bären ausfindig zu machen, der da hauste. Cs waren immer Männer.
Hören Sie also weiter. Es kam nämlich auch ein« Frau an das Gitter — oder besser ein Mädchen — eine Madonna vielleicht. Eines Tages, gegen Abend, erblickte ich ihr Gesicht hinterm Gitter, und es war das Gesicht einer südlichen Madonna — die schwarzen Augen, das schwarze, gescheitelte Haar, eine gerade Nase, ein Mund, so sanft und so süß wie bei Botticelli, dazu ein Kinn, das etwas zu breit war vielleicht. Ein (Bitter ist ein Versprechen, und so erhöhte sich mir das Gesicht auf eine kaum erträgliche Weise. Ich träumte von ihm in der Nacht. Am nächsten Tage wartete ich, daß es wiedererschiene. Und es tarn, ganz kurz kam es, mitten in der Dämmerung. Es tauchte dicht hinter den ovalen Bögen auf, und ich faß und rührte mich nicht, um es nicht zu verscheuchen, um es zit bannen. — Schon aber war es wieder fort.
So Abend für Abend. Ich verlor alle Ruhe. Der Tag wurde ein einziges Warten auf die Dämmerung, wo das Gesicht erscheinen würde. Mit bet Arbeit war es aus. Schließlich sagte Ich mir: es muß etwas getan roerben. Was aber?
Und eines Abends lehnte der Bär sein Gesicht gegen das kühle (Bitter, Cs war schon spät, die Dämmerung wurde Nacht. „Sie" war noch immer nicht erschienen. Gerade heute, wo „etwas getan werden" sollte, blieb sie so lange aus.
Dann kam sie gegangen. Ich hörte ihre Holzpantinen klappern. Würde sie vorübergehen? Sie tat es nicht. Sie blieb stehen, griff mit den Händen ins Gitter und brachte ihr Gesicht nahe heran Kann man sich durch so ein winziges Oval küssen? Man kann es, mein Herr. Ein Bär kann einem sogar die Nase abbeißen. Ich aber küßte sie auf ihren Madonnenmund, ganz kurz und leise, und dann war sie wie eine Lazerte davon.
Ich glaubte von Herzen, daß ich jetzt eine Freundin besäße. Und e< schien doch auch so! Sie kam jeden Abend ans (Bitter, und ich küßte sie. Wir sprachen nicht miteinander. Schon am dritten Tage machte sie den Weg zweimal. Zum zweitenmal vernahm ich das Geklapper ihrer Pantinen, und ich eilte ans (Bitter und bekam einen zweiten Kuß. Sie küßte jedesmal verschieden, einmal spitz, einmal breit, so wie sie gerade Lust hatte.
Endlich sprach ich sie an. Ich bat sie herzlich, zu mir hereinzukommen. Aber es war immer das gleiche: sie wollte nicht und lachte nur — einmal lachte sie hell auf, ein andermal dunkel, je nach Laune. Und dann war sie eines Abends dreimal ober viermal vvrbeigekommen, unb ich konnte nun nicht mehr über meine Einsamkeit klagen.
Dann ein paar Tage später, geschah dies: Eben kam Ihr Schritt —< setzt küßten wir uns — plötzlich' ein zweiter Schritt, und neben dem Madonnenkopfe erschien ein zweiter und wollte auch seinen Kuß, unb also gab es ein Gelächter. Hatte ich denn zwei verschiedene Mädchen geküßt? — Ich bat die beiden herein. Nach langem Zögern und viel Gekicher kamen sie ins Zimmer. Es stellte sich dann heraus, daß ich sie beide schon manchesmal geküßt hatte. Sie saßen einander zwar uicht sehr ähnlich, nun sie unter der Lampe standen und lachten. Hinter dem Gitter aber hatten sie einander geglichen, wie ein Ci dem andern.
Als wir noch standen und lachten, näherte sich draußen ein Schritt und hielt an. Was glauben Sie, es kam eine dritte ans (Bitter! —
Nun. um es kurz zu machen: es waren sieben. Alle sieben waren sie einmal einzeln vorübergekommen, anfangs. Sie waren Kameradinnen bei der Weberei oben, lauter kleine Weberinnen also. Alle hatten sie Küsse mit mir getauscht, und keine hatte es von der anderen gewußt. Was sagen Sie! Ja, und eines Abends waren sie dann olle sieben bei mir drinnen. Sie benahmen sich durchaus gefaßt. Sie zwitscherten wie die Vögel. Ich aber küßte sie nicht, damit war es jetzt vorbei."
„Sind sie alle sieben schön?" fragte ich, als er geendet hatte.
Cr nickte: „Das ist es ja eben, daß sie alle schön sind! Aber doch sind' sie alle sieben bei weitem nicht so süß und so schön wie ,die eine', die Ich durchs (Bitter geküßt habe — zu küssen meinte. Ein Gitter ist ein Versprechen — aber das Leben hält dies Versprechen nicht." Seine Stimme klang jetzt traurig. Er reckte den Hals und lauschte nach draußen. Dann fügte er rasch hinzu: „Und seither habe ich sie olle hier drinnen auf dem Halse. Abend für Abend. Sie schmieren mit meinen Pinseln herum unb fo weiter. Alle wollen sie was von dem Bären, der hinterm Gitter wohnt. Aber der Bär? Was kann er ihnen geben? — Auch für sie, für jede einzelne von ihnen, ist das (Bitter ein Versprechen gewesen,- und auch ihnen kann das Leben dies Versprechen isicht halten. Das habe ich mir nämlich geschworen —" Er lachte los


