Ausgabe 
1.4.1938
 
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Ich fragte:Und Sie reisen von Marotta fort?"

Ja. Ich werde dorthin reisen, wo ich ,die eine' vermute wo ein anderes Gitter sie mir verspricht, und wo" Er griff hinter sich zum Schalter und verlöschte das Licht.

Sie kommen!" flüsterte er.

Ich hörte sie auch. Sie kamen die Geröllgasse heruntergeklappert. Sie schwatzten und trällerten Sie hatten die Arbeit in der Weberei beendet. Früher waren sie einzeln gegangen, jetzt kamen sie in einem Trupp daher.

Der Trupp näherte sich und wurde still. Vor dem Fenster hielt.er an. Eine Stimme fragte durchs Gitter:

Bruno?"

Eine zweite:Bruno?"

Eine dritte, eine vierte ein freudiges Geflüster von sieben Stimmen.

Wir rührten uns nicht.

Sie kamen noch über den Flur getrippelt und rührten leise an die Klinke, nacheinander, siebenmal.Bruno?"Bruno?"Bruno?"

Wir hielten den Atem an. Sie klopften noch eine Weile. Dann rannten sie mit Gekicher davon.

Ich hörte, wie der Maler aufatmete. Nach einer Weile machte er Licht. Er begann sofort, seine Sachen zu packen: ich half ihm dabei.

Von morgen ab werde ich jenes Zimmer mit dem verheißungsvollen Fenstergitter bewohnen. Ich stelle mir vor und wünsche mir, daß die sieben hübschen Weberinnen dann und wann meine Gäste sein werden.

Zur Nacht.

Von Theodor Storm.

Vorbei der Tag! Nun laß mich unverstellt

Genießen dieser Stunde vollen FriedenI

Nun sind wir unser: von der frechen Welt Hat endlich uns die heilige Nacht geschieden.

Laß einmal noch, eh sich dein Auge schließt. Der Liebe Strahl sich rückhaltlos entzünden: Noch einmal, eh im Traum sie sich vergißt, Mlch deiner Stimme lieben Laut empfinden!

Was gibt es mehr! Der stille Knabe winkt

Zu feinem Strande lockender und lieber;

Und wie die Brust dir atmend schwellt und sinkt Trägt uns des Schlummers Welle sanft hinüber.

Dreizehn Mann auf einer Insel.

Von Heinz Geck.

- Dreizehn Mann trotzten vier Jahre lang der Macht Englands und erhielten militärische Ehren und volle Pension dafür .. .

Wer einmal nach Schottland fuhr, der kennt auchBaß Rock". Es ist ein kleines, steil abfallendes Felsensiland vor der Mündung des Firth of Forth, etwa fünf Kilometer von der Stadt North Berwick ent­fernt. Baß Rock ist heute die Zufluchtsstätte unzähliger Seevogelscharen und der dazugehörigen Ornithologen geworden und wird höchstens stoch in den Wetterwarnungen der Admiralität erwähnt.

Aber in der guten alten Zeit war Baß Rock ein Gefängnis, das im Volksmund dieschottische Bastille" genannt wurde. Vor dieser schot­tischen Bastille logen die drei größten Kriegsschiffe der englischen Flotte und feuerten aus allen Rohren. Steinsplitter prasselten ins Meer, Möwen kreischten ausgeregt bei jedem Schuß, und die dreizehn Männer, die den Felsen besetzt hielten, saßen plaudernd bei gutem flandrischem Bier.

Laß sie nur ihr Pulver verknallen"^ lachte Captain Maitland, der Anführer der kleinen Schar,diese Felsen haben lahrhundertelang hier gestanden, und ich glaube, sie werden noch einige Zeit hier stehen blei­ben " Und dann tranken sie auf die gute Gesundheit Jacobs II.

Vier Jahre lang wurden sie befchossen. Mer Jahre lang verlachten dreizehn Männerchen aus einer winzigen Insel Pracht unib Macht des großen England, und während all dieser Zeit sorgten st« sich mehr um den guten Sitz ihrer Perücken und die Temperatur des Frühstücks­weines als um die fast täglichen Angriffe.

So aber fing diese bemerkenswerte Belagerung an: Im Frühling des Jahres 1689 wurden vier junge Offizier nach der Revolution auf Baß Rock eingekerkert. Sie hatten für König Jacob gefochten und sich das bedauerten sie später sehr gesangennehmen lassen. Es waren die Leut­nants Haliburton und Middleton und die Kadetten Ray Und Dunbar alles Jungens, die mit dem Teufel selber Karton spielten. Sie waren im Augenblick die einzigen Gefangenen. Das war ihnen lieb; denn für vier Mann gab es höchstens zwanzig Mann Besatzung.

Eines Nachts kam das lang erwartete Verpflegungsboot nach Baß Rock, und der diensttuende Offizier eilte mit seiner kleinen Garnison zum Löschen. Nur vier Mann Wache blieben zurück die schußbereiten Musketen aus die Gefangenen gerichtet. Zehn Minuten später aber hatten die Gefangenen die Musketen, und die bisherigen Wächter lagen sauber gebündelt am Boden. Die Offiziere bemächtigten sich der gesamten Waf­fen, zogen dann die Brücken hoch und teilten dem Kommandanten von Baß Rock ruhig und höflich mit, daß sie die Festung für die gute Sache in Besitz genommen hätten und sofort mit Feuern beginnen würden, wenn er der Kommandant nicht sofort mit seinen Leuten verschwände.

Zwei Mitglieder der so überrumpelten Garnison der Sergeant Fasse und der Kanonier Swan baten, sich den unerschrockenen Offi­zieren anfchließen zu dürfen. Es wurde gnädig gewährt. Der Rest der

Garnison segelte nach Berwick und sucht« nach einer guten Ausrede. Aus die Kunde von diesem Handstreich schiffte sich in der gleichen Nacht ein Captain Maitland mit sechs Freunden nach Baß Rock ein, um Hali­burton zu verstärken, und übernahm zwanglos nach der Rangliste den Oberbefehl.

Außer einem Fall von Scharlach und mehreren Fällen von Zahn­schmerzen ging es den dreizehn Männern die nächsten vier Jahre lang ausgezeichnet. Sie begannen ihre Unabhängigkeit damit anzuzeigen, daß sie die Standarte König Jacobs hißten und sie feierlich mit den ihr zustehenden Salutschüssen grüßten.

Dann sahen sie sich ihre Festung genauer an. Nach der Seeseite' der einzig angreifbaren gab es ein Bollwerk mit einundzwanzig Kanonen, und um die ganze Festung lies sine gut gedeckte, in den Felsen geschlagene Galerie, in die Schießscharten für die Musketen geschnitten waren. Pulver und Kugeln gab es im Ueberfluß.

Die Nahrungsmittelfrage war die unangenehmste, aber sie wurde bald einfach gelöst. Eine dänische Fregatte segelte ahnungslos an Baß Rock vorbei. Maitland setzte ihr eine Kugel vor den Bug und zwang fit beizudrehen. Dann ging er mit feinem Freunde, dem ßairi) von Ard- millan, an Bord und plünderte die verblüfften Dänenfür Rechnung der britischen Admiralität" recht gründlich aus. Die beiden requirierten zwei Fässer Bier, zwei Tonnen Fleisch, eine Tonne Fisch und einige Säcke mit Mehl. Für eine Besatzung von nur dreizehn Mann war das auch damals gar nicht schlecht. Die Dänen murrten, aber auf der Bastion standen einundzwanzig Kanonen, da brachten sie lieber selber die Fäffer an Land. Weitere Ausflüge dieser Art folgten in regelmäßigen Abständen, und von Nahrungsmangel war zunächst nicht mehr die Rede.

Im März 1692 nun sandte die Admiralität den Captain Roope mit derSherneß" und Captain Orton, Master desLondon Merchant", mit 60 Kanonen und 220 Mann, um die Insel von diesenVerbrechern und Verrückten" zu befreien, sie auszuräuchern und wieder zu besetzen. Nur die Hälfte von ihnen kam auf reichlich zerschossenen Schissen in den Heimathafen zurück.

Als nächstes Schiff sandte die AdmiraliM ihre Trumpfkarte, das FünfzigkanonenfchiffLion". DerLion" brachte es vorübergehend fertig, die Einkaufsausflüge Maitlands zu verhindern an eine Eroberung aber war gar nicht zu denken. Ms dann in einer stürmischen Nacht der Lion" anlegen muhte, um nicht auf die Klippen geworfen zu werden, segelte Crawford Laird of Ardmillan mit acht Mann zu der nicht weit entfernten May-Insel und räumte die Kohlen- und Lebensmittellager des dortigen Leuchtturms aus.

Immer neue Schiffe fügten sich in den Blockadering ein. Auf dem Festland wurden Truppen bereit gehalten die schottische Garde zu Fuß, und die Admiralität beschloß, mitdieser lächerlichen und un­

gehörigen" Angelegenheit nun endlich Schluß zu machen. Aber die Bom­bardements prallten an den Felsen hilflos ab, und diese waren so steil, daß nicht daran gedacht werden konnte, sie zu ersteigen. Dreizehn Mann lachten das große Britannien aus.

Es gab nur eine Möglichkeit sie zu bezwingen: istan mußte sie aus­hungern. Achtzehn Schisse mit einigen hundert Kanonen und über zwei­tausend Mann bildeten einen Blockadering um den kleinen Felsen, und ständige Wachen hielten Maitlands gefährliche Schaluppe im Auge, die die Belagerten mit Flaschenzügen aus dem Bereich eines plötzlichen Üeberfalles in Sicherheit gebracht hatten.

Aushungern ist immer ein ziemlich sicheres Mittel gewesen, und es wurde auf Bah Rock langsam unerfreulich. Ader da durchbrach eines Tages eine französische Fregatte die Blockade und brachte Proviant für zwei weitere Jahre mit^Maftland grüßte sie begeistert mit Freudensalven. Die Blockadeschiffe machten Jagd auf sie wild, nervös und verzweifelt. Im richtigen Augenblick indessen fiel ein dicker Nebel. Die Franzosen entkamen.

Sollte man diesen kleinen Felsen weitere zwei Jahre belagern? Oder sollte man warten, bis die Empörer an Altersschwäche starben? Es war sehr bitter. Einerseits stand bas Ansehen der britischen Flotte auf dem Spiel, anderseits kostete das Unternehmen soviel gute Dublonen, daß man dafür ein Dutzend Inseln hätte selber bauen können. Die Engländer waren schon damals weise und beherrscht und rechneten gut. Die Regierung sandte zwei Unterhändler mit weitgehenden Vollmachten. Die Unterhändler waren im Dienste ergraute alte Knochen und würden die Sache schondezent erledigen."

Sie taten das auch. Allerdings hatte die Regierung nicht mit dem feinen alten Kognak gerechnet, den die französische Fregatte in Baß Rock ausge­laden hatte . Mit allen Ehren und eben diesem guten, alten Kognak wurden die beiden Staatsräte von der kleinen Garnison empfangen und be­grüßt. Dann sprach man von den Uebergabebebingungen, unb bann trank man roieber zwei bis siebzehn Gläschen. Als die beiden Unterhändler in North Berwick wieder nüchtern wurden und sich den Schoden besahen, muß­ten sie feststellen, baß sie einen phantastischen Vertrag mit Maitland unter­zeichnet hatten.

Zuerst einmal würben ble Empörer von ben in Berwick stationierten Truppen mit allen militärischen Ehren zurückgeholt. Aber bas war noch nicht alles. Die Staatsräte hatten außerbem festgelegt unb mit Wort und Siegel bekräftigt, bah die dreizehn Mann von Baß Rock sofort die ihrem Rang entsprechende volle Pension erhielten und außerdem eine Nach­zahlung der Löhnung für die vier Jahre, während der sie sich so tapfer vor dem Feind gehalten und alswahre Söhne ihres Landes" erwiesen hinten.

Die Engländer rechneten nicht nur gut sie standen auch zu ihrem Wort. Sie zahlten schweigend und besetzten lächelnd Baß Rock, von dem di« Dreizehn Abschied nahmen, um in den wohlverdienten Ruhestand zu treten.

Sie haben auch nachher noch lange durchgehalten, und erst als der zur Zeit des Abkommens jüngste Beamte der britischen Staatskasse grau und alt geworden unb eigene Pensionierung nachsuchte, würben bie letzten Konten geschlossen unb bie AktenBaß Rock" ad acta gelegt.

Derantwortltch: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Vrühlsche Untversitätsdruckerei R.Lang«, Gießen.