Ausgabe 
22.8.1938
 
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Unbekannte Krau.

Bon Josef Weinheber.

Woher du kommst, ich weiß es nicht. Im Himmel hoch die Wolke zieht. Dom Baume tropft ein Morgenlied. Die Blüten schneien weih und dicht.

Wer bist du, unbekannte Frau? Mittäglich schweigt ein voller Tag. Die Schlange gleißt im Buchenschlag. Fern schläft ein Berg im satten Blau.

Dein Schicksal rührt mich dunkel an. Der Abend deckt die Quellen zu.

Aus Purpurgründen rauscht die Ruh. Ob wir uns vordem einmal sahn?

Es trinkt die Nacht dein Angesicht. Ich habe wohl sehr lang geträumt? Ein letzter Bord den Himmel säumt: Du schwindest, gehst und bist Gedicht

Fülle des Sommers.

Von Ernst Kreuder.

In der Nacht wurde Perth von einem Donnerschlag wach. Er fuhr im Zelt hoch, wie von Einern Kanonenschuß geweckt. Gleich darauf blitzte es wieder, grell und blendend, zweimal hintereinander; dann ging ein erdeverschlingendes Krachen und Brüllen in der Höhe los. Es klang, als schlügen sie Himmel und Erde entzwei. Perth hatte den Eindruck, als ob in diesen ohrensprengenden Donnerschlägen eine urweltliche Befriedi­gung mitklänge. Datin hörte er den Regen draußen auf den stillen See prasseln. Eine Sekunde später trommelte der wolkenbruchartige Guß auch auf das Zeltdach.

Er schaute auf das winzige Leuchtzifferblatt der Armbanduhr. Es war erst kurz nach elf. Gut, daß er am Tage eine Menge trockenes Kleinholz gelesen und regensicher untergebracht hatte. Er hatte das Gewitter voraus­geahnt; denn es war erstickend schwül gewesen, und die Sonne hatte wie mit Nadeln gestochen. Auch das Boot war im Trockenen.

Die kühle Regenluft drang erfrischend ins Zelt. Er lag noch eine Zeitlang wach und hörte dem Regen draußen zu. Da es sehr stark reg­nete. konnte es am Morgen wieder schön sein. Er dachte noch, daß er jetzt aufstehen, die Oelhaut umhängen und einen Gang durch den Som- mernachtregen machen müßte. Der Donner rollte noch zuweilen in der Ferne, als grollte er sich aus; dann hörte der Regen auf und Perth schlief wieden ein.

Als er am Morgen vors Zelt trat, war die Sonne noch nicht auf­gegangen. lieber dem See stand leichter Nebel, die Luft war kühl und rein; es war so still, als läge alles noch in tiefen Träumen. Perth sprang ins Wasser, es war durch den Gewitterregen etwas abgekühlt, gestern war es wie lauwarmer Tee gewesen. Er schwamm ein Stück, ging dann an Land, machte einen kurzen Dauerlauf und brachte das Boot zu Waf- ser. Er paddelte über den See und das kleine, schilfumstandene Flüßchen hinauf, das hier mündete.

Nach einer Stunde war er von dem zwanzig Häuser großen Rieddorf zurück, wo er in der Gemifchtwaren-Handlung eingekauft hatte. Die Sonne war aufgegangen und hatte das dunstgraue bleierne Zwielicht vertrieben. Bogelstimmen wurden in den Gebüschen wach, der Sommermorgen brach mit strahlendem Glanz an. Der Himmel zeigte ein frisches, luftiges Blau.

Jetzt machte Perth mit dem getrockneten Kleinholz Feuer, überbrühte den Kaffee, als das Wasser in dem verrußten Tops brodelte, und briet die dünnen Speckscheiben in der Pfanne an. Als die Speckscheiben durch­sichtig wurden, schlug er die Eier darüber, ohne die Dotter zu verletzen. Erst als er die Pfanne vom Feuer nahm, stach er die Dotter an, worauf sie tief löwenzahngelb über den Speck flössen.

Diese Verrichtungen versetzten ihn stets in einen Zustand einsamer, rauschhafter Benommenheit. Während er den heißen Kaffee schlürfte und die köstlich beladenen, triefenden Brotscheiben in den Mund schob, blätterte er genießerisch die nagelneue Illustrierte durch, die noch nach Druck roch. Er hatte das Heft vom Dorf mitgebracht. In der Stadt war das keine so große Aufregung; aber hier in der völligen Einsamkeit und Riedwild­nis, wo man tagelang niemand sah, konnte das Photo einer hübschen, jungen, gerade entdeckten Filmschauspielerin im weißen Badeanzug am Strand wie etwas Unerhörtes wirken.

<'7-rtt) lehnte sich zurück und zündete die erste Zigarette an. Sie !d>. den ganzen Tag nicht mehr so gut wie jetzt. Man wurde dabei elbst ein wenig zu Rauch und schwebte. O ja, die Mädchen, dachte Perth n diesem Schweben, sie sorgen immer wieder dafür, daß es nicht zu riedlich wird und zu ruhig. Nehmen wir an, es gebe für einen Mann nichts mehr, was ihn beunruhigen könnte, er hätte feinen Frieden mit b<r Wett gemacht und wäre mit feinem Frühstück, mit dem Weiter und leiner Ungebundenheit völlig zufrieden da kommt plötzlich so ein Ichlankes, junges Geschöpf daher, mit Gliedern wie ein Reh und einem Besicht wie Blumen und Wein, und aus ist es mit dem Frieden. Denn diese Lohe kann er nicht mit Wasser löschen.

Er stand auf, um seinen morgendlichen Rudgang zu machen. Das Baumftücf, an dem er vorüber kam, bestand aus Akazien und Hollunder. Leide blühten und erfüllten die Luft mit ihrem brotsüßen, malzigen Duft. Bann entdeckte er unter der hohen Silberweide ein Zelt. Zwei Fahrräder lehnten am Stamm. Weiter vorn nach dem Kornfeld zu stand ein kleineres iielt. Ein Mädchen kniete in der Nähe und versuchte, Feuer anzumachen. Sie zündete fortwährend Streichhölzer an. Manchmal qualmte der Reisig- taufen, dann ging er wieder aus. Natürlich, dachte Perth, sie halle nasses Holz. Er ging hinüber und sagteGuten Morgen". Das Mädchen im kornblumenblauen Trainingsanzug wandte den Kopf und erwiderte seinen

Gruß gleichgültig, aber nicht unfreundlich. Perth sah In ihrem Zelt mehrere aufgeschlagene Bücher liegen.

Kann ich Helsen?" fragte er. Zwei-, dreiundzwanzig, dachte er, paukt für irgendwas Theoretisches, vielleicht Sprachexamen. Oder Physik.

Danke, nicht nötig", sagte sie und lächelte höflich ablehnend.

In den Büchern skeht's wohl nicht, wann das Gewitter kommt?" meinte er ruhig und deutete nach dem Zelt.

Es soll auch Propheten geben", erwiderte sie gleichgültig.

Alsdann, guten Morgen", sagte Perth und ging weiter.

Als er außer Sicht war, kletterte er auf eine Eiche, wo er, selbst un­gesehen, das Zelt beobachten konnte. Das Mädchen mühte sich noch eine Weile mit dem Feuer vergeblich ab, dann setzte es sich vors Zell und sah verdrossen vor sich hin. Perth sprang herab' und verschwand. Bald dar­auf erschien er wieder an dem Zelt des Mädchens, es lag jetzt im Zelt und war eingeschlafen. Er konnte es im Schläf atmen hören. Geräuschlos lud er' sein trockenes Kleinholz ab und machte Feuer. Dann stellte er den Dreifuß darüber, den Topf hatte das Mädchen schon gefüllt, das Wasfer kochte bald, Tee war auch schon in der Kanne, er brauchte nur über» zugießen.

Dann nahm er di« Pfanne aus dem Gras und sah sich um. Er sand jedoch nichts zum Braten, hob daher einen Stein auf, trat neben das Zelt, gongte mit Stein und Pfanne und rief: '

Platz nehmen zum ersten Frühstück!"

Bevor das Mädchen richtig zu sich kam, war Perth wieder ver­schwunden.

Er kehrte auf großen Umwegen zu feinem Zelt zurück. Der Morgen wurde immer strahlender und schöner. Er legte sich ins Gras, rauchte eine Zigarette und las den Roman der Illustrierten. Obwohl der Roman spannend war, blieb Perth nicht recht bei der Sache. Er rollte sich auf den Rücken und schaute in den Himmel. Er war allein und war es doch wieder nicht. Ob sie sich wohl geärgert hak, dachte er, als sie den Tee fix und fertig norm Zell fand? Dann fiel ihm ein, daß Trede kürzlich fein Horoskop gestellt hatte. Er hatte das meiste wieder vergessen, aber eins hatte er behalten. Trede halle ihn fast etwas schadenfroh angesehen und ihm erklärt, daß er im fünften. Feld den Saturn habe, noch dazu in feinem eigenen Zeichen, im Wassermann. Trede erklärte weiter, das fünfte Feld gelte allgemein als dasLiebeshaus", und der Saturn sei nicht ge­rade der große Uebeltäter, könne doch hemmend und beschwerend wirken. Neigung zuTiefsinn" undMelancholie".

Vielen Dank für den Tee", sagte jetzt jemand hinter ihm. Perth wandte den Kopf, dann setzte er sich auf. Das Mädchen stand im Trai- ningsanzug im Gras, er hatte es nicht kommen gehört.

Bitte", antwortete er,wollen Sie sich nicht setzen? Eine Zigarette?" Ich möchte jetzt ins Wasser", sagte sie, sie nickte ihm zu und ging. Vor den Akazien sah sie noch" einmal zurück und rief:Auf Wieder­sehen."

Perth legte dieKurzen" und die Bootsschuhe ab und pirschte durch die Weidenbüsche ans Seeufer heran. Gleich darauf sah er drüben das Mädchen ins Wasser gehen, dann schwamm sie. Sie hatte einen braunen Badeanzug an und eine gelbe Badekappe auf. Sie schwamm ruhig in den See hinein. Dann wendete sie nach links und kam so in seine Nähe. Sie konnte aber nicht sehen, daß er ins Wasser ging. Er tauchte sofort unter und schwamm rasch auf sie zu; er hielt die Augen offen und konnte unter Wasser ihre Beine sehen.

Er schwamm unter ihr hindurch und tauchte mit dem Gesicht plötzlich vor ihrem Gesicht auf. Sie schrie auf. Er lachte. Dann schimpfte sie. Aber dann mußte sie auch lachen, daß sie so geschrien hakte.

Sie haben Hebung darin", meinte sie spöttisch.

Können Sie tauchen?", fragte er.

Ich tu es nicht gern."

Aber man muß es können", sagte er.Geben Sie acht, Sie brauchen sich nur sinken zu lassen, aber halten Sie die Augen offen, es sieht luftig unter Wasser aus. Wenn Sie tief genug unten sind, brauchen Sie nur mit den Beinen zu treten. Jetzt geben Sie mir ihre Hände. Fertig, die Beine ganz gerade nach unten, los!"

Er sah, wie sie noch einmal Luft nahm, dann sanken sie unter. Obwohl es fast häßlich war, wie das Gesicht des Mädchens in dem grünen Wasser fortwährend zerfloß und der Körper lang wurde und sich komisch ver­zerrte, fühlte er sich doch unendlich freudig. Als sie schon ziemlich tief waren, zog er sie einen Augenblick an sich heran, um zu sehen, ob sie die Augen offen hatte. Sie nickte ihm in dem jetzt dunkelgrünen Wasser mit geöffneten Augen zu. Gleichzeitig spürte er, daß sie nach oben wollte. Er trat etwas kräftiger und zog sie so mit herauf.

Als ihr Kopf über das Wasser kam, riß sie den Mund auf, bog die Lippen vor, damit ihr dos Wasser nicht hinein lief, schnaubte und sagte nur:Wunderbar!"

Er sah, daß sie erschöpft war.

"Grete! Hallo! Grete!" riefen in diesem Augenblick zwei dunkelbraun gebrannte Gesellen am Ufer.

Meine Leibwache", sagte Grete und winkte ihnen zu.

Brüder?" fragte Perth.

Nein", sagte das Mädchen,sie pauken mich für das Examen ein."

Die beiden Radfahrer kamen im Rekordtempo angekrault.

Wir fuchten dich", riefen sie,feit wann kannst du denn so lange tauchen?"

Grete schwamm ihrer Leibwache entgegen. Perth blieb zurück. Dann schwamm er langsam nach dem anderen Ufer. Als er aus dem Wasser ftieq und sich zurückwandte, sah er, wie ihm das Mädchen zuwinkte. Die Radfahrer starrten zu ihm herüber. Dann gingen sie alle nach den Zelten. Jetzt wurde das Mädchen eingepaukt.

Ueber Mittag schlief Perth in der Nähe seines Zeltes im Schatten von Eichen. Er hatte sich ein Bändchen Sroinburne mitgenommen, in dem er immer wieder gern las. DieBallade vom Traumland" kannte er aus­wendig. Er legte das Buch fort, schloß die Augen und spürte den leichten Wind, der hier vorbeistrich. In Gedanken sagte er noch einmal den Schluhvers auf:Im Lande der Träume ersah ich mein Ziel, dort schlaf