Krokodile erschienen, um sich am Rand der Insel, halb im Wasser hängend, niederzulassen — gleich machten sich die Wasserläuser herbei, um sich, sobald die Rachen sich öffneten, als Wurmfänger zu betätigen.
Außer ihrer verschwiegenen Bucht war diese Insel der einzige Ort, wo das Erscheinen der Krokodile kein Entsetzen verbreitete. Die Flußpferdmütter gaben zwar besonders gut auf ihre Kleinen acht, aber im übrigen bot der Platz das Bild vollkommenen Friedens zwischen Vögeln und Vierfüßlern. Es war ein Platz, wo die irrsinnige Sonnenglut schon von vornherein jeglichen Tatendrang im Keim erstickte. In gleicher Regungslosigkeit verharrten Krokodil wie Flußpferd; Wasserschildkröten schoben sich langsam vorüber; Reiher standen wie Statuen; Kraniche, scheinbar einbeinig, bewegten sich nur, wenn sie einen Beinwechsel beabsichtigten —
Zu dieser Insel nun pflegten auch die andern Krokodile des Flußbeckens zu kommen. Sie waren seinerzeit nicht sehr beglückt über das Erscheinen des Riesen gewesen, der ihnen an Schnelligkeit und Kraft so weit überlegen war. Immer war er als Erster zur Stelle, wenn einmal etwas Genießbares den Strom herabgetrieben kam, was so die seltenen, mühelos in Besitz zu nehmenden Freuden in ihrem Leben waren. Wäre irgendein kleineres Krokodil aus einem andern Flußgebiet plötzlich erschienen, um ihnen ihre Rechte im Becken streitig zu machen — sie hätten kurzen Prozeß gemacht, hätten es getötet oder davongejagt. Aber die Ungeheuerlichkeit des Riesen schüchterte sie ein und sie ertrugen seine Anwesenheit ohne Widerspruch. Wenn der Riese bei der Sandbank war, wagten sie keinen Versuch, auch dort zu jagen. Nur wenn er und seine Ehehälfte in ihrer Bucht lagen, besuchten die zwei andern Krokodile, falls ihnen die Fischnahvung nicht genügte, den Kanal hinter der Sandbank und sicherten sich dort ihre Beute. Aber solange der Riese auf Jagd war, hielten sie sich in respektvoller Entfernung, entweder in ihrer Privatbucht oder am lenseiligen Ufer.
Die Insel aber war eine Art neutralen Gebiets, auf dem alle Tiere des Flußbeckens sich zusammenfanden. Dort erregte nicht einmal das Erscheinen des Riesen Beunruhigung. Auf chren Ufern ringsum war Platz für alle, und Herrscherin war einzig und allein die überwältigende Hitze, die alle feindlichen Regungen in schläfriger Verdöstheit eingekapselt hielt.
In dieser ganzen Umgebung fühlte sich der Riese ausnehmend wohl. Er räkelte sich faul neben seiner Gefährtin auf der langen Schlammbank, oder begab sich mit langsamem Watschelgang ans Land, mitten in den Kranz von riesigen Palmen und Papyrusstauden hinein. Bucht und Becken wurden der Hauptschauplatz seines Lebens. Er vergaß die alte Heimat droben im Fluh und die beiden Krokodile, mit denen er einst der Jagd oblag; er vergaß die Begegnung mit den Menschen kurz nach dem Brückenbau; er vergaß die lange Reise den Strom hinunter. Er war nicht mehr zur Einsamkeit verdammt, keinen Gefahren mehr ausgesetzt; er hatte zu fressen und fühlte sich grenzenlos wohl. Und kein Argwohn beschlich ihn, daß ein solch paradiesischer Zustand nicht ewig währen könne!
Pallah und Zebra.
Die kleine Pallah wandert weiter. — Endlich Wasser. Zebraf^eundschaft. — Der Heuschreckenspuk. — Die lebende Decke. — Kobra und Sekretär. —Zur Tränke.
Gefahr in der Luft. — Der Todesschrei.
Als das Feuer endlich ausgetobt hat und selbst die Glut in den verkohlten Baumstämmen erloschen ist, kommt die kleine Pallah hinter chrem Block am Fuße des Felshügels hervor, steht nun da und blickt ins offene Land hinaus. Noch schüttelt sie die Angst. Daß auch Tag für Tag und Nacht für Nacht immer fo schreckliche Dinge geschehen! Da war der nette "junge Bock aus ihrer Herde vorn Leopard zerrissen worden; sie selbst, einsam und verlassen wie sie ist, kann nicht fressen ohne ständige Furcht vor Gepard und Leopard, kann nicht trinken ohne Angst vor den Krokodilen; schläft sie, fo wird sie gewiß durch das Geschrei und die Warnrufe der Paviane wieder geweckt! Und jetzt ist auch noch dieser neue furchtbare und ihr ganz unfaßbare Feind gekommen, der ihr noch größere Angst einjagt als all die andern. Auch die Warnrufe der Paviane, auf die sie so viel gegeben hat, können ihr gegen dieses unerbittlich vorwärtsdrängende, lodernde Etwas, das sogar Gras und Bäume verschlingt, nicht helfen.
Die Paviane über ihr schreien einander immer noch aufgeregt zu, und ohne zu wissen warum, fühlt sie, daß deren Schutz ihr nicht länger von Nutzen fein wird. Sie wünscht sich weit, weit fort von diesem Hügel mit seinen rauchgeschwärzten Felszacken und der ausgebrannten schwarzen Erde unten. >
Und mit einem Male gibt sie sich ans Lausen. Ohne auf den Weg zu achten, läuft.sie, wie es kommt — fort vom Fluß und über die Steppe hin zu den Bergen, die mehrere Kilometer weit entfernt das Tal begrenzen. Daß es die Stunde ist, wo sie fönst zur Tränke an den Fluß lief, daran denkt sie jetzt nicht — sie läuft und läuft, bis völlige Ermattung sie zwingt, halt zu machen. Da erst fchaut sie sich um. Die Berge find jetzt viel näher und überrafchend größer geworden. Sie kann deutlich die Bäume sehen, die aus den Abhängen wachsen. Oben auf ihrem Gipfel haben sie einen seltsamen weißen Rand. Es dämmert bereits, und während sie noch mit sliegendem Atem dasteht, fällt ihr ein, daß sie noch vor der Nacht eine Tränke suchen muß. Eine kleine Bodensenkung, von Bäumen eingefaßt, liegt in einiger Entfernung vor ihr, und da sie weiß, daß dort möglicherweise Wasser zu sinden ist, nimmt sie noch einmal alle Kraft zusammen und macht sich dorthin auf. Da bemerkt sie eine kleine Herde Oryxantilopen, die sich von der andern Seite her dem Tümpel nähern; sie halten die Köpfe mit den langen, geraden und spitzen Hörnern gesenkt, als feien sie nach langer Wanderung vor Erschöpfung nicht mehr imstande, sie hoch zu tragen. Die Tiere kommen ohne die üblichen Wachen dahergezogen; denn sie verschmachten schier nach Wasser und lassen in ihrem Drang, möglichst bald das Wasser zu erreichen, alle Angst vor Löwen und alle Vorsicht fahren. Endlich sind
sie da — schlittern und springen den abschüssigen Rand hinunter, stolpern bis zur Mitte des seichten Wassers und senken die Köpse zum Trinken.
Die kleine Pallah gesellt sich zu ihnen, und auch sie trinkt gierig. Wie gut das tut nach diesem Tag der Schrecken, der Gluthitze und noch dem langen ermüdenden Laus! — Sie ist noch nicht fertig, da halten die Oryxantilopen plötzlich mitten im eifrigsten Trinken inne und stehen gespannt mit erhobenen Köpfen. Jetzt kommt eine große Herde Zebras an, die in gesteigerter Hast die Böschung herabpoltern, als sie entdecken, daß sie das jchnell dahinjchwindende Wasser nicht für sich allein haben sollen. Unten angekommen hallen sich die Weibchen mit den Jungen zunächst zurück, um den Männchen den Vortritt zu lassen; begierig stürzen diese vor, um die Ersten am Wasser zu sein. Ein Zebrajüngling, ein schon ganz stattlich aussehender Kerl, zögert eine Sekunde lang, als müsse er sich erst über den ihm zukommenden Platz klar werden; dann trifft er fchnell feine Entscheidung und drängt sich mit nach vorn. Das ärgert aber zwei ältere Herren, die sich durch Püffe und Knüffe mit den Schnauzen ein derart unbescheidenes Auftreten nachdrücklichst verbitten.
Nachdem die kleine Pallah chren Durst gelöscht hat, wandert sie auf die andre Seite des Wafferiochs hinüber. Wiederum fühlt sie sich so verlassen und weiß nicht wohin. Sie treibt sich unter den wartenden Zebras umher und bleibt dann einmal stehen, um an einem Büschel Gras zu zupfen. Jener Zebrajüngling, der soeben gemaßregelt worden ist, steht in ihrer Nähe und senkt den Kopf, um an ihrer Seite zu grasen, und weil sie ihn freundschaftlich beschnüffelt und sich nicht von ihm abwendet, kehrt er wieder zu ihr zurück, nachdem es ihm endlich vergönnt gewesen, mit den Weibchen und ihren Kleinen zum Wasser vorzugehen. Das saßt nun die kleine Pallah wieder als Zeichen der Freundschaft auf (oh, wie hat es ihr daran gemangelt!), und als die Zebras wieder von der Wasserstelle aufbrechen, schließt sie sich ihnen an und hält sich dicht an ihren jungen Freund. Neben i h m liegt sie im Gras, wenn die Herde rastet; neben i h m steht sie, wenn sie weiden. Das junge Zebra, obgleich kräftig gebaut, ist auch noch nicht größer als die Pallah, und wenn die Zwei mitten in der Herde beieinander stehen, überragen die ausgewachsenen Tiere sie völlig und umgeben sie wie ein Schutzwall. Da konnte man sich schon geborgen fühlen! Und wenn sie je beim Weiden einmal zu nah an den äußeren Ring der Herde geraten, fo kommt die Zebramutter gleich hinterher und stößt ihren Sohn mit der Schnauze wieder zurück.
Als die Herde am nächsten Morgen in der Frühe äsend weiterzieht, treffen sie auf eine alte Kuhantilope, die als Wachposten auf einem Ameisenhügel steht, während ihre Gefährten ringsumher verstreut das Gras abrupten. Die kleine Pallah, die sich unter Ihren neuen Freunden schon sicher und glücklich fühlt, beginnt zu spielen, springt hoch in die Luit — wirst sich schnell herum und — springt wieder. Das junge Zebra steht derweil neben seiner Mutter und betrachtet sie staunend, und auch die Zebramutter versolgt ihre drolligen Possen mit Aufmerksamkeit. Und lange dauert es nicht, da bekommt das junge Zebra auch Lust mitzutun und versucht zu springen wie die Pallah; aber während diese leicht und anmutig in die Lust fliegt und gleich hinterher noch einmal, bringt er nur kleine kurze Hopser zustande und immer wieder plumpst er schwer auf alle vier Füße zurück. Er kann es gar nicht herausbekommen, wie sie es nur anfängt, und versucht cs immer und immer wieder, schwerfällig und ohne die geringste Aussicht, es ihr an Schnelligkeit und Leichtfüßigkeit gleichzutun.
So vergehen zwei Tage. Als Zebra und Pallah wieder einmal unter Aufsicht der Mutter miteinander fpielen, während die andern Zebras grafen oder in einem ausgetrockneten Wasserbett schlafen, verdüstert sich mit einemmal der Himmel durch eine große Wolke, die sich von hoch oben herabsenkt. Das älteste Zebra blickt bestürzt in die Höhe und macht sich bann gleich aus dem Staube, und die ganze Herde folgt feinem Beispiel. Langsam sinkt die Wolke — tiefer und tiefer, bis sie endlich den Boden berührt. Dann teilt sie sich in Hunderttaufende kleiner geflügelter Lebewesen von graugrüner Färbung und eigenartiger Zeichnung — ein Heuschreckenschwarm!
Die kleine Pallah bemerkt verwundert, wie die Farbe des Bodens sich verändert, als diese Myriaden von Insekten sich darauf nieberlaffen. Sie sieht sie in Massen auf dem Rücken des jungen Zebras wuseln und davon herabgleiten, soweit sie sich nicht in Schwanz oder Mähne verfangen. Sie fpürt sie auf ihrem eigenen Kopf und Körper — sie tritt bei jedem Schritt darauf; es sind ihrer fo viel, daß die Leichen der Tiere, die sie im Laufen zertritt, sofort wieder ganz bedeckt sind mit neuen Heuschrecken, die vom Himmel fallen.
Die Grashalme biegen sich unter der Last der großen Insekten nieder; hie und da schnellt ein einzelner Halm, der plötzlich entlastet wird, wieder hoch, um gleich darauf wieder niedergedrückt zu werden von nachfolgenden Heuschrecken, die sich gleichzeitig zu Dutzenden da-aus stürzen. Der Boden ist buchstäblich verschwunden unter dieser leben gen wimmelnden Masse. Vögel erscheinen in Scharen, um von den Heuschrecken zu fressen; von allen Seiten kommen sie angeflogen zu diesem riesigen graugrünen Fleck da am Rand der Steppe. Aber ob sie auch Tausende der Insekten vertilgen, der Fleck bleibt, unverändert an Größe und Färbung.
Die Pallah läuft mit den Zebras, und sie stoßen wieder auf andre flüchtende Herden. In einem Umkreis von mehr als anderthalb Kilometer haben die Heuschrecken das Land besetzt, ein Schwarm, der im Lause eines Tages die Vegetation hier ebenso restlos vernichten wird, wie das Feuer es in der Gegend beim Fluß besorgt hat. Immer und immer wieder schüttelt die Pallah sich, um die Plage loszuwerden; aber immer wieder werden die Abgeschüttelten durch andre erfetzt. Die Herde hat noch etwa drei viertel Kilometer zurückzulegen, um aus dem Bereich der Heuschrecken herauszukommen; doch da tut sich plötzlich ein starker Wind auf. Die lebende Decke erhebt sich wie eine Wolke vom Boden, läßt sich noch einmal nieder und schwingt sich bann hoch in die Lüfte, taumelt und wogt eine Weile unsicher im Winde und steigt dann noch höher, um schließlich weit in der Ferne zu verschwinden.
(Fortsetzung folgt.)


