SietzenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger .
Jahrgang 1938 Montag, den 22. August Nummer 65
Pllllch
Ein Tierleben in afrikanischer Wildnis.
Von Cherry Kearton.
Copyright by 3. Engelhorns Nachf., Stuttgart.
5. Fortsetzung.
Dennoch: in all ihrer Siegestrunkenheit werden die Löweg plötzlich vorsichtig, als sie sich nun dem Wasser nähern. Auf dem Lande sind sie allmächtig, und wo sie sich zeigen, da flüchtet alles vor ihnen: aber sie wissen, daß der Fluß in seiner Tiefe Geschöpfe birgt, die keine Angst vor ihnen kennen — ja, die imstande sind, wenn ihnen der Sinn danach steht, sie beim Trinken zu packen und unters Wasser zu ziehen. Früher schon haben sie häßliche dunkle Gestalten aus der Flut auftauchen sehen, und dann haben sie sich jedesmal nicht getraut zu trinken und sich Eiligst zurückgezogen. Drum zaudern sie auch jetzt dort, wo das Wasser den Ufersand leckt. Das triumphierende Gefühl der eigenen Unwiderstehlichkeit ist einer seltsamen Furcht gewichen, Furcht vor Dingen, die da plötzlich aus der Finsternis drohend und gefährlich auf sie loskommen können. Nach längerem Warten senken sie endlich, immer noch sehr vorsichtig und argwöhnisch, die Köpfe und trinken. Sobald sie aber ihren Durst gelöscht und sich vom Ufer zurückgezogen haben, sind sie wieder ganz die kühnen und schreckenverbreitenden Herren des Dschungels. Und ihr machtvolles herausforderndes Triumphgeheul hallt von neuem durch den nächtlichen Busch bis weit in die Steppe hinaus.
Krokodile in der Bucht.
Die neue Bucht. — Weibliche Gesellschaft. Angriffstaktik. — E i n Bild vollkommenen Fr jeden s. Neutrales Gebiet. — Alleinherrscherin — die Hitze.
Von den Bäumen am gegenüberliegenden User echot das Triumphgebrüll des Löwen zurück über den Fluß und dringt in die Ohren zweier Flußpferde, die jenseits des Baumgllrtels friedlich weidend im Gras stehen, jetzt aber aufhorchen, die Köpfe in Richtung Sandbank drehen und dann allsogleich dem Flusse zusteuern, wo sie still im Wasser verschwinden, das ihnen doch noch größere Sicherheit bietet. Kormorans und Geier fahren aus dem Schlaf auf, die Affen auf dem andern Ufer wimmeln unruhig durcheinander, obgleich doch der Fluß mit feiner ganzen Breite zwischen ihnen und der Gefahr liegt; alle Geschöpfe im Wasser und am Land sind aufgescheucht und in Unruhe versetzt--
olle — außer den Krokodilen, die in dem seichten Wasser der Buchten herumliegen. Sie öffnen höchstens ihre wäßrigen Augen, bewegen sich ein weniges und stieren dann schläfrig auf den Fluß hinaus.
Seit dem Tage seiner Ankunft im Flußbecken hatte das Riesenkrokodil sich einem Leben voller Behagen und lohnender Jagden hingegeben. Als der verwundete Leopord seinen Ast verlassen hatte, war das tote Flußpferd schnell von der Strömung abwärts getrieben worden; der Riese hatte sich mit Eifer hinterhergemacht und dabei bemerkt, daß die junge Krokodilsmaid nicht von seiner Seite wich. Er hatte nichts dagegen. Zwar hatte ihm das Erscheinen dreier Krokodile, die am Fräße teilhaben wollten, nicht gepaßt; aber gegen ein einzelnes hatte er nichts einzuwenden, ja — er empfand feine Gesellschaft geradezu als angenehm. So gestattete er auch, daß „sie" ihm behilflich war, den Fleischkoloß zu einer tiefen Uferhöhlung zu schleppen, wo die bloßgelegten Wurzeln eines überhängenden Baumes ihn davor bewahrten, von der Strömung wieder fortgerissen zu werden. Als sie nun zusammen aus den abwärts gelegenen Teil des Flußbeckens zuschwammen, und „sie" sich plötzlich seitwärts wandte, um in einer schmalen Bucht zu verschwinden, folgte er ihr beflissen. . u
Als er bei seiner Ankunft damals zuerst um das weite Becken herumgeschwommen war, hatte er diese Bucht gar nicht entdeckt, so üppig wucherten die Schlinggewächse, die wie ein dichtes Geflecht vor ihrem Eingang hingen. Und auch jetzt, wo er „ihr" hart auf dem Schwänze folgte, zwang ihn sein beträchtlicher Leibesumfang, sich an einigen Stellen gewaltsam Bahn zu brechen. Innen jedoch, hinter dem verhängten Eingang, lag ein kleiner Pfuhl, dunkel und von Bäumen beichattet, dabei so breit, daß der Riese sich gerade darin um sich selbst drehen konnte. Hohes Papyrusschilf und Palmen wuchsen dicht am Ufer, und Schlingpflanzen und Gesträuch ließen ihre ineinandergeslochtenen Ranken ins Wasser hängen. Eine lange schmale Schlammbank, die in dieser Jahreszeit gerade ganz aus dem Wasser herausragte, dehnte sich
auf der einen Seite aus. Es war ein dunkles Stauwasser, stagnierend und unbewegt, solange sich keine Krokodile darin regten und es zu einer trüben Brühe aufrührten, die gegen das Ufer schwappte.
In dieser Bucht gründeten die Krokodile ihre Häuslichkeit. Da gab's Wasser zum Schwimmen — eine Schlammbank zum Ruhen. Versteckt, geborgen und im dunklen Dämmer lag das Heim — ein schöneres konnte für Krokodile schwerlich gefunden werden!
Ueberdies erwies sich die benachbarte Sandbank als ein geradezu ideales Jagdgebiet, wo es Fleisch in Fülle zu holen gab, so daß selbst der ewig fleischlüsterne Riese satt wurde. In dem Wasserkanal, der sich an der einen Seite der Sandbank bis zu der Stelle hinzog, wo der Sand in festes Erdreich überging, konnten die Krokodile schwimmen. Dort lagen sie auf der Lauer, bis aus Augen und Nasenlöcher unter Wasser, und unter den Bäumen hervor traten die Tiere und schritten über die Sandbank, um zu trinken. Dann aber schossen die Krokodile in größter Geschwindigkeit aufs Ufer zu. Zebras oder Gazellen, durch das Geräusch aufmerksam gemacht, wandten sich schreckerfüllt zur Flucht und ließen den Strand hinter sich. Oft aber war keine Zeit mehr zum Entkommen, oder dem flüchtenden Tier legte sich unversehens noch das zweite Krokodil in den Weg, riß den Rachen auf, schnappte zu, und das arme Opfer zappelte an Kopf ober Bein gefangen. Oder das Krokodil schnappte nicht, sondern warf sich plötzlich zur Seite, und der große Schwanz sauste herum wie eine schwere Senfe und schlug das Tier zu Boden, wo es hastig gepackt und in den Fluh gezerrt wurde, um dort zu ertrinken.
Manchmal in der Dämmerung blieb wohl so ein alter vorsichtiger und erfahrener Antilopenbock, der sich mit der Gefahr auskannte, zögernd stehen, ehe er sich über den Sand ans Wasser traute. Während er dann so stand und seine Blicke spähend ins Dunkel schickte, geschah es wohl, daß eins der Krokodile sich leise rührte oder der Mond plötzlich hinter einer Wolke vortrat und auf dem Wasser glitzerte, wo bann mitten in dem Silberstreif mit einem Male ein kantiger schwarzer Fleck sichtbar wurde. Dann machte der Bock mit einem kleinen nervösen Satz kehrt und rannte auf und davon, und im Nu verbreitete sich die Schreckensbotschaft unter allen anderen Tieren, die auf dem Wege zur Sandbank waren: die einen liefen wieder zurück: die andern blieben abwartend stehen. Erst nach einftünbiger Ruhe, während der die Krokodile regungslos halb unter Wasser dagelegen hatten, kam eine etwas beherztere Gazelle an, hinter der scheu die andern folgten. Sie wagte sich zehn oder zwölf Schritt vor, blieb stehen, horchte und spähte ins Dunkel, schritt weiter, blieb wieder stehen, erreichte den Anfang der Sandbank — starrte in den Kanal, wo die Krokodile jetzt fast ganz unter Wasser lauerten, und stelzte bann endlich zierlich über den Sand, um zu trinken. Da, ehe die andern Tiere zu ihr stoßen konnten, rührte sich sachte eins der Krokodile, ungeduldig nach der langweiligen Warterei, und begann sich aus dem Wasser heraufzuarbeiten; aber die Gazelle, die bei der ersten leisen Bewegung sofort scheu geworden war, sprang behende zurück und war, ehe das Krokodil zuschnappen konnte, in Sicherheit.
Aber sogar nach diesem Vorkommnis wagte sich nach einer Stunde Wartens schließlich doch wieder ein durstiges Tier vor, und bann würben die Krokodile für ihr geduldiges Ausharren belohnt. Nicht jede Nacht kamen sie zur Sandbank; aber wenn sie tarnen, verschafften sie sich meistens früher ober später ihren Tribut. Hatten die Löwen in der Flußgegend gejagt, bann lag bie Sandbank noch mehrere Stunden hinterher verlassen da. Manchmal aber war der Durst doch noch gebieterischer als alle Furcht, und bann war die Gelegenheit für die Krokodile günstig. Wenn auch die Sandbank zeitweilig als ein Ort des Schreckens verrufen und geradezu gemieden war — sie war doch ein lebenswichtiger Punkt für alle die vielen in diesem Talabschnitt hausenden Tiere, und so wurde denn immer wieder ein neues Opfer unter Wasser gezogen und in die Uferhöhlen verschleppt, und immer wieder legten zwei gutgenährte Krokodile den Heimweg in ihre Bucht zurück.
So lebten sie nun feit Wochen in größter Zufriedenheit: sie jagten, schliefen, labten sich an ihren Vorräten, kundschafteten bas Becken aus, fingen große Fische ober besuchten eine geräumige flache Felsinsel, wo sie rasteten und sich von der Sonne braten ließen.
Diese Insel wurde auch regelmäßig von einer Flußpserdsamilie, von Kranichen, Reihern und Wasserschildkröten ausgesucht. Die Flußpferde weideten immer des Nachts auf dem jenseitigen Ufer im Grafe; aber ihre eigentliche Behausung war das Flußbecken, wo sie lässig umherschwammen und «trieben. Manchmal verschwanden sie ganz unter der Oberfläche, tauchten wieder auf, schnellten einen Wasserstrahl in die Luft und sanken wieder unter. Die Hitze des Tages lockte sie immer zur Insel, wo sie in stumpfsinnigem Brüten in der Sonne lagen. Kraniche und Reiher standen stundenlang auf dem Sand, der als dünne Schicht den Felsboden bedeckte, Königsfischer kreisten darüber, und wenn die


