Das Gekreisch schwillt sofort ohrenbetäubend an: „Hapana, Vwana — nein, Herr — Tumbo amekufa — Tumbo stirbt!"
„Asio — weil Tumbo bald tot sein wird, wollt ihr das viele Geld als Entschädigung nehmen?"
„Ndio, Bwana — ja, Herr!"
„Und keinerlei sonstigen Ansprüche stellen?"
„Hapana, Bwana mbubwa — nein, großer Herr!"
„Gut ..Rohde reißt den Verschluß seines Gewehres aus und preßt einen Ladestreifen in das Magazin, Die Neger werden unruhig und sehen ihn mißtrauisch fragend an,
„So viel Geld kann natürlich nur für einen wirklich Toten gezahlt werden", erklärte der Deutsche ruhig, „Ich werde jetzt Tumbo eine Kugel durch den Kopf jagen — und dann nehmt ihr die Bahre und das Geld, und ,,
Weiter kommt er nicht, Tumbo starrt ihn mit angstvoll aufgerissenrn Augen an, und dann übertönt sein schriller Angstschrei noch das Kreischen seiner Verwandtschaft, -
„Hapana piga — nicht schießen .. .", brüllt er und schleudert die Decken zur Seite, In der nächsten Sekunde springt er mit einem gewandten Satz über das Geländer und verschwindet schreiend hinter den Hütten, Sein« trauernden Verwandten können ihm kaum folgen .,.
Lord Darton hat mit offenem Munde zugesehen. Dann lacht er, daß seine kühlen grauen Augen tränen und schüttelt Rohde die Hand, „Den Scheck behalten Sie, Sie haben ihn ehrlich verdient für die wunderbare Heilung!" Ernst fährt er fort: „Auch für meine ,,, Jetzt sehe ich, was die Neger mit mir anstellen würden, wenn ich Sie nicht hätte. Es ist Ihnen hoffentlich recht, wenn wir gleich unseren Vertrag unterzeichnen!?"
Am nächsten Tag sitzt Tumbo vor seiner Hütte, In der Hand hält er eine Platte Tabak, von der er andächtig Krümel schnitzelt. Man sieht ihm an, wie angestrengt er nachdenkt, denn seine Stirn ist gefaltet wie bei einem aufmerksamen Dackel, — Endlich stopft er seine Pfeife und schüttelt den Wollschädel, der vor vergeblicher Anstrengung schmerzt: daß der gestrenge deutsche Herr ihn heute tüchtig abgekanzelt hat, findet er in Ordnung, Eigentlich hatte er wegen des versuchten Betruges schon auf den Kiboko geschielt, die Nilpferdpeitsche. — Aber, daß der Bwana dann plötzlich gelacht und ihn mit einem freundschaftlichen Klaps und einer Platt« Tabak aus der Tür geschoben hat — das ist eines der vielen Rätsel der Wasungu, der Weißen ...
Tumbo seufzt schmerzlich: Ein schwarzer Mann kann das nie begreifen.
Oie unaufhörlichen Irrfahrer, s
Sinn und Leben der Wikinger.
Bon Franz Schauwecker.
Di« Wikinger sind kein Stamm der Germanen, wie die Preußen kein Stamm der Deutschen sind. Beide — nahe verwandt und unendlich fern — finib die durch das Schicksal und das Blut erbarmungslos getroffene Auslese der Besten aller Stämme.
Die Wikinger warfen sich hinein in den großen Strudel. Es war ihnen gleich, ob sie untergingen oder fruchtbare Gestade erreichten. Sie handelten aus dem Trieb und aus der Kraft. Sie waren die Männer des Schicksals. Sie gingen ihren schrecklichen Weg, ohne eine Karte zu besitzen, ohne zu wissen, was die Wegweisungen der Kart« bedeutete. Sie vollzogen den höheren Auftrag, sie waren die von Glanz und Grauen umwitterten Boten des Schicksals. Ohne Kenntnis und ohne Blickweite vertrauten sie sich ganz dem eingeborenen Drang und Zwang an, der sie leitete, Drachenschiffe auszurüsten und der Verlockung der Fernen zu folgen, welche hinter den Horizonten liegen.
Zwischen der Weltherrschaft Roms und derjenigen Großbritanniens gab es eine Weltherrschaft der Deutschen. Es war eine unsichtbare Weltherrschaft.
Im Jahre 620 wurden von den Wikingern die Shetbandinseln besetzt 753 tauchten Wikinger an den englischen Küsten auf, 787 brachen sie in England selbst ein. 795 suchten sie die Gestade Unteritaliens heim. 796 erschienen Drachenschiffe in Spanien. 799 wurden die aquitanischen Inseln besetzt und ausgeraubt. Im Jahre 800 wurden die Färöer erobert und 802 die Hebriden erstürmt. 820 wurde Flandern überfallen: um 835 wurde Friesland verwüstet. 839 waren die Wikinger plötzlich in Ingelheim, und im selben Jahre fiel ihnen London zur Beute. 841 fuhren sie die Seine hinauf, 842 wehten ihre Wimpel auf der Loire, 844 auf der Garonne und unmittelbar danach in Sizilien, Cordova, Lissabon und Marokko. 845 erschienen sie auf der Elbe und zum zweiten Male auf der Seme. Sie standen vor Paris. 859 brachen die erschreckenden Häupter ihrer Drachenschiffe durch die Meerenge von Gibraltar, und dann trugen sie das in die Flucht jagende Entsetzen ihrer Heere nach Rußland hinein.
861 entdeckten sie und besiedelten Island. 862 begründete Rurik das wikingische Warägerreich in Rußland. 865 stießen sie ins Schwarze Meer vor und tauchten vor Konstantinopel auf, das sie im Lauf der Zeit mindestens viermal angriffen. 876 fuhren sie zum siebenten Male die Seine hinauf. Von 879 bis 881 verheerte das „Große Heer" die Landschaften der Schelde und Somme. 880 drangen sie ans Kaspische Meer vor. 882 nahmen sie Kiew mit List und Gewalt und nannten es Känugard. 885 und 886 belagerten sie Paris, Um 890 war das „Große Heer" im Osten
Frankreich und in der Bretagne, und 892 fuhr es unter dem schlauen und rücksichtslosen Haastein nach England hinüber. Dort löste es sich um 896 aus, '
• 2(,t.r^C5 9i»g mit unerhörter Schnelligkeit und Gewalt vor sich, Ihre kriegerische Taktik war durch die einzigartige Verbindung von See- und Landkampf, Schiff und Pferd, Lift und Brutalität fast unschlagbar. Weil sie am Eroberten nicht festhielten, waren sie kaum zu fassen. Wo sie einmal geschlagen wurden, wichen sie sogleich aus und erschienen andernorts wie der Blitz,
Ihre Drachenschifse waren von höchster Schönheit der Form, und diese
Form war zugleich von äußerster Zweckmäßigkeit, Diese Boote trugen anfangs nur zwanzig Mann, während die größten der späteren Zeit bis zu tausend Mann mit sich führten. Von Westisland nach Grönland fuhren sie in vier Tagen, von Dänemark nach England in drei Tagen: die Strecke von den Hebriden zu den Orkaden bewältigten sie in sieben Tagen und die von der mittleren Küste Norwegens nach dem isländischen Nordkap ebenfalls in sieben Tagen. Niemand besaß ihre Navigations- und Schiff- sahrtskunst in jenen Tagen, niemand verfügte über den elementarischen Kampfgeist wie diese Wikinger.
912 fielen sie in Transkaukasien ein, Norwegen wurde geeinigt.
Gleich darauf begann der geheime Riß auszuspringen: das Christentum drang ein. Es wurde meistens nicht geglaubt, aber es nistete sich ein. Die alten Götter stürzten.
Um 985 wurde Grönland, das grüne Land, entdeckt und besetzt. Um 980 saßen die Wikinger unter den Wikingern, die Jomswikinger, an der Mündung der Oder, wurden 986 von Jarl Hakon geschlagen und hinterließen den sagenhaften Ruf von Männern aus Stein und die Legend« von Vineta.
Um 1000 entdeckte Leif die Ostküste Amerikas.
1013 erobert« Sven Gabelbart England. Von 1016 bis 1042 herrschten die wikingischen Dänen über England. Die Eroberung der Orkaden erfolgte im Jahre 1022. Normannische Kreuzfahrer — christianisierte Wikinger, die auf den Erzengel Michael, den mit dem Schwert, schwuren — tauchten 1029 in Unteritalien auf. 1034 zog Harald nach Griechenland. 1040 aber erschien Ingvar, der Wikinger, in Asien.
Im elften Jahrhundert wurde durch Robert den Wiskard und die beiden Rogers das erste große, geschloffene Wikingerreich der Normannen auf Sizilien begründet: wuchs, blühte und zerfiel. Es zeigte zum erstenmal die staatsbildende Kraft, welche in diesen bisher fast ausschließlich abenteuernden, vernichtenden Wikingern verborgen war. Es war eine geniale Kraft, welche Dinge vorwegnahm, die erst nach Jahrhunderten wieder erfüllt werden konnten, wie zum Beispiel den Beamtenstaat inmitten des mittelalterlichen Lehnswesens.
1066 siegte Wilhelm der Eroberer bei Hastings. 1111 erschien Sigurd, der Jerusalemfahrer, in Konstantinopel, damals Byzanz genannt. 1164 wurde Spitzbergen entdeckt, und 1166 fuhren Wikinger als die Ersten durch die nördlich Amerikas gelegene Barrow-Straße.
Das war int Raum von drei Jahrhunderten eine der Weltherrschaft angenäherte Beherrschung der gesamten damaligen Welt und zugleich ein Vorstoß, weit über diese Welt hinaus ins Unbetretene.
Nichts von all dem hinterließ eine feste Gestalt, Vieles wollte werden, aber es zerbrach, ging in fremdem Volkstum unter und mischte sich. Dieser rätselvolle Ausbruch einer nie zuvor noch später erlebten Kraft entäußerte sich seines eingeborenen Glaubens an die heimatlichen Götter, verlor den notwendigen Zusammenhang mit den tiefruhenden, nährenden Grundwässern des Glaubens und des Volkstums und fuhr darum hin wie ein die Welt mit schrecklichem Glanz erfüllendes, unheilvolles Meteor.
Die Erinnerung an ihre so herrlichen wie furchtbaren Taten verging nicht.
Oie Teilung der Erde.
Von Friedrich Schiller.
„Nehmt hin die Welt!" rief Zeus von seinen Höhen Den Menschen zu, „nehmt, sie soll euer fein;
Euch schenk ich sie zum Erb und ew'gen Lehen;
Doch teilt euch brüderlich darein."
Da eilt, was Hände hat, sich einzurichten. Es regele sich geschäftig jung und alt.
Der Ackermann griff nach des Feldes Früchten, Der Junker birschte durch den Wald.
Der Kaufmann nimmt, was feine Speicher fassen, Der Abt wählt sich den edlen Firnewein, Der König sperrt die Brücken und die Straßen Und sprach: „Der Zehente ist mein."
Ganz spät, nachdem die Teilung längst geschehen, Naht der Poet, er kam aus weiter Fern;
Ach, da war überall nichts mehr zu sehen. Und alles hatte seinen Herrn.
„Weh mir! Soll ich denn allein von allen
Vergessen sein, ich, dein getreuster Sohn?" So ließ er laut der Klage Ruf erschallen Und warf sich hin vor Jovis Thron,
„Wenn du im Land der Träume dich verweilet", Versetzt der Gott, „so hadre nicht mit mir.
Wo warst du denn, als man die Welt geleitet?" „Ich war", so sprach der Poet, „bei dir.
Mein Auge hing an deinem Angesichte, An deines Himmels Harmonie mein Ohr;
Verzeih dem Geiste, der, von deinem Lichte
Berauscht, das Irdische verlor!"
’^a5, h*n2" spacht Zeus, — „die Welt ist weggegeben. Der Herbst, die Jagd, der Markt ist nicht mehr mein.
Willst du in meinem Himmel mit mir leben, Sooft du kommst, er soll dir offen sein."
Verantwortlich: Dr. HanS Thhrioi. — Druck und Verlag: Drühlsche Universitätsdruckerei R.Lange, Gießen.


