Ausgabe 
22.7.1938
 
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den Augenbrauen vertiefte sich.Ich schätze es nicht, von meinen Ange­stellten kritisiert zu werden. Zugeben mutz ich, daß Sie während meiner Abwesenheit meine Pflanzung musterhaft verwaltet haben. Deshalb war ich fast bereit, den Vertrag mit Ihnen einzugehen, den Sie wünschten und der Ihnen voll Selbständigkeit gegeben und Sie beinahe zu meinem Teilhaber gemacht hätte. Aber jetzt glaube ich doch, daß wir nicht gut miteinander auskommen könnten!"

Er sah, wie das Blut aus dem lederfarbenen Gesicht des Deutschen wich, und wie die Augen dunkel wurden vor Zorn. Unbewegt fuhr er fort:Wollen Sie mir nicht wenigstens erklären, worin Sie eine Dumm­heit sehen, wen ich ein gefährliches Raubtier auf meiner Farm abschieße?"

Rohde lachte spöttisch:Gefährliches Raubtier unser braver alter Simba! Selbst die Nigger fürchteten ihn nicht. Und seit den acht Mona­ten, die ich hier bin, hat er noch keinem Lebewesen etwas zuleide getan, außer den zahlreichen Warzenschweinen. Die können Ihnen dankbar feilt irr Ihren voreiligen Schuß. Jetzt können sie ungestört in der Pflanzung Hausen uni> meine mühsame Arbeit vernichten!"

Unsinn" unterbrach Lord Darton schroff.Sie tun ja fast, als ob der Löwe Ihr Wachhund gewesen wäre. Hätte ebensogut Menschenfresser werden können

Erst wenn er krank oder alt geworden wäre und kein Wild mehr erwischt hätte. Dann hätte er uns vielleicht eine Ziege geraubt und es wäre Zeit gewesen. Aber jetzt ..."

Mit den paar Warzenscheinen werde ich leicht fertig. Morgen schon veranstalte ich eine Treibjagd auf die Tiere. Sagen Sie den Leuten Be­scheid! Zwanzig Mann werde ich brauchen als Treiber."

Die mir bei der dringenden Arbeit fehlen", ergänzte Rohde in­grimmig.Ich muß nachher noch ins Dorf reiten, um Arbeitskräfte auf­zutreiben." _

Lord Darton trommelte mit feinen gepflegten Fingern ungeduldig auf die Brüstung.Der halbe Tag wird nichts schaden. Sie sind auch eingeladen, Mr. Rohde!"

Der Verwalter sah verschlossen vor sich hin:Danke leider habe ich gar keine Zeit däfür!" Er faßte slüchttg an seinen Tropenhelm, und der Engländer sah ihm wütend nach, wie er in den Sattel seines bereit­stehenden Maultieres stieg und den Npamparas, den schwarzen Aufsehern, kurze bestimmte Anweisungen gab . ?.

Lord Darton trat in das Innere seines Hauses. Sorgfattig nahm er aus dem Gewehrschrank die Doppelbüchsen und untersuchte liebevoll dis blanken Waffen. Dabei schmunzelte er vor sich hin:Gefällt mir eigent­lich doch, der Grobian. Seine Arbeiter hat er im Schwung, und auf dis Schwarzen versteht er sich. Von seiner Halsstarrigkeit werde ich ihn auch noch heilen ..." *

Am nächsten Tage zog Lord Darton zur Treibjagd aus. Sein Somali­boy begleitete ihn als Büchsenspanner, und ein stämmiger Suaheli schleppte die Gewehre. Im entferntesten Teil der ausgedehnten Pflan­zung hat das Treiben begonnen und kommt allmählig näher. Das Knal­len der Schüsse und das Johlen der Treiber dringt bis zu Rohde, der mit seiner jungen Frau am Kaffeetisch sitzt. Die blonde Deutsche sieht angstvoll zu ihrem Mann hin:Du mußt dich eben gut mit ihm stellen! Er ist der Besitzer, und wenn er dir kündigt" . r

Hat er gestern schon getan", lagt ihr Mann bitter,wenigstens durch die Blume ..." Er streichelt tröstend über ihre Hand. ,^ah gut sein, irgendwie wird der alte Gott schon helfen. Er verläßt keinen Deutschen. Aber horch: Der wilde Jäger scheint genug zu haben. Schon seit einer ganzen Weile fällt kein Schuß mehr." Er lacht ärgerlich, weil er fühlt, daß seine Stimme schwankt.... wird schön aussehen hier, wenn er allein herumwirtschastet mit Schwarzen, die er nicht versteht!

Plötzlich dringt schrilles Kreischen bis zu dem Verwalterhaus Es klingt, als wenn ein Tier in höchster Todesnot klagt. Die junge Frau wird bloß, und ihr Mann springt erschrocken auf. Da wird die Tur auf- gerissen, und Lord Darton stürzt verstört herein

Entschuldigen Sie aber ich muß Mr. Rohde bitten, sofort nut« ^°,Was" ist denn los?" fragt der Verwalter unterwegs, während fi« dem'großen Farmhaus zuhaften. ..... ,

Der Lord ist kreideblaß.Eine sehr schlimme Geschichte .stöhnt er. .Ich habe einen Treiber angeschossen und fürchte, daß er jetzt schon tot ist," Aus der Veranda ballt sich ein Knäuel von Schwarzen. Ihr Heulen und Kreischen wird noch lauter und durchdringender als sie die Weißen sehen. In ihrer Mitte liegt auf einer Tragbahre Tumbo, der

Rohi^ tritt zu ihm.Laß mal die Wund« sehen, vielleicht können wir

Augäpfel des Negers find verdreht, so daß man nur das Weiße steht Und die Verwandtschaft stößt sofort ein "ES schrilles Wehklagen aus, daß Lord Darton feine Handflächen gegen die Ohren preßt.

Das ist ja entsetzlich", erklärt er erschöpft.Mein Somali hat nur die Forderung der Sippschaft schon übersetzt: Sie verlangen hundert Psund als Entschädigung und erklären slch damit für abgesunden.

9ff)pr das ist dach Unsinn!

"Meinetwegen aber ich will gern diese Summe verschmerzen, wenn ich damit Ruhe habe. Hätte Sie gar nicht herbemüht, wenn die Leute mit einem Scheck zufrieden gewesen wären ... Haben Sie genügend Silber in der Kasse?"

, Morgen ist Lohntag. Aber ich kann doch nicht.

Selbstverständlich müssen Sie. Ich fahre morgen zur Bank und er»

Rohde stapft^wortlos seiner Behausung zu. Nach tranigen Minuten kehrt er zurück. In den Händen trägt er zwei schwere Deutel, und über seiner Schulter hängt die Repetierbüchse. Schweigend legt er beides auf den großen Tisch der Veranda. Als sich die Schwarzen gierig über dis Geldsäcke stürzen wollen, schiebt er sie zurück. . rf.

Dieleicht ist Tumbo noch zu retten, wenn wir einen Arzt herbei« schassen..."

lischen Oessentlichkeit ist mehr als kühl. Was soll man sich um eine alte Verrückte kümmern?

Da, im Dezember 1838, erhält dieTimes" ein unerwartete Zu­schrift:

Oberst Napier an den Herausgeber der Dimes.

Freshford, den 4. Dezember 1838.

Sir!

Die Korrespondenz der Lady Hefter Stanhope, kürzlich in der Times veröffentlicht, hat manchen gedankenlosen Menschen Anlaß zum Spott gegeben. Es kann sich dies am Ende als eine ernste Sache Herausstellen. Diese .verrückte Lady', wie manche unserer Zeitgenossen sie genannt haben, besitzt weitgehenden Einfluß bei den arabischen Stämmen, sie kann mehr als irgend jemand anderer England die Freundschaft jener Nationen sichern, deren guter Wille unseren Interessen lebenswichtig werden wird, wenn wir und die Zeit wird bald kommen mit Ruß­land uns über die Unabhängigkeit der Pforte verständigen. Wenn ihre Art nicht zu vornehm und großzügig wäre, um Rache zu suchen, könnten englische Reisende bitter für die Insulte an Lady Hefter Stanhope büßen ... Sie hat mehr als weibliche Schnelligkeit der Auffassung, In­tuition und Tapferkeit, sie hat darüber hinaus männlichen Scharfsinn, Unternehmungslust und Wagemut. Das Ausmaß ihrer Kraft und Ent­schlossenheit mag zu spät begriffen werden. Wenn sie durch Beleidi­gungen zu einem aktiven Feind gemacht wird, kann und wird sie den Interessen Englands im Osten mehr Schaden zufügen, als ach! Lord Palmerstons Politik in diesen Gegenden bereits getan hat ..."

Die Stimmen mehren sich, die Oessentlichkeit schwenkt um. Man ver­langt Hilfe für jene Lady, die England im Orient so große Dienste erweist.

Im Juni 1839 bietet Großbritannien die versöhnliche Hand. Lord Hardwicke schreibt, er zweifle nicht, daß sich vor Myladys Verteidigung alle Schwierigkeiten zerstreuen würden nur rät er, daß sie selbst nach England komme ...

Das scheint mir vernünftig, aber ich will nicht", antwortet Hefter.

Wozu soll sie schreiben, daß es zu spät ist? Geld braucht sie keines mehr. Ein großes Licht fühlt sie näher kommen und erwartet es mit offenen Augen.

Gebt dem Cäsar was des Cäfars ist und überlaßt die arme Hefter sich selbst. Sprechen wir nicht mehr davon."

Warum soll man davon sprechen, daß sie röchelnd in Dar Dschun liegt und kaum mehr die Worte schreiben kann? Hefter Stanhope hat der Ewigkeit in die Augen geblickt, sie wird mit dem Mut des Wissenden über die große Schwelle gshen und keiner von denen, die am Lichte zweifeln, braucht die Stunde zu kennen!

Eine Woche darauf, am 23. Juni 1839 um zwei Uhr nachmittags brachte der Dragoman des österreichischen Konsuls Botschaft nach Saida.

Zu Mitternacht, im Angesicht der schweigenden Berge des Libanon, versenkte der Vertreter Englands ihren Leichnam unter die blühenden Rosen von Dar Dschun. Verstört vor Schreck war die Dienerschaft aus dem Totenhaus in die Berge geflohen.

Auf asiatischer Erde deckte die Fahne Großbritanniens sie zu wie einen in Ehren gefallenen Kämpfer; am Grab der Frau, die auf ver­schlungenen Wegen Wahrheit gesucht, erwiesen dennoch zwei Ehristen die letzte Ehre.

Das Felsenschloß zerfiel, wuchernde Blumen versteckten ein namen­loses Grab, das Märchen war zu Ende. Doch nach langen Jahrzehnten, wenn ein Berg erbebte und der Sturm über den Libanon heulte, flüfterte es in den Dörfern, die Sitt gehe um; und ein arabischer Stamm, dem Hefter Stanhope Königin geheißen, verehrte immer noch als Heilig­tum jene Münzen, die sie in Palmyra unterihr Volk" geworfen.

Oie wunderbare Heilung.

Von F. G. Schmidt-Olden s.

Die Sonne knallte auf das Wellblechdach des großen Farmhauses. Aus der schattigen Veranda saß der Verwalter Rohde dem Besitzer der Planzung gegenüber. Sein braungebranntes hageres Gesicht mit den tiefeingefchnittenen Falten zeigte mühsam beherrschten Merger.Wirklich keine Heldentat, Lord Darton", knurrte er,daß Sie unseren Farm­löwen totgeschossen haben. Eher könnte man es eine. Er brach ab schob feinen Stuhl zurück.Sie entschuldigen mich wohl jetzt ich habe zu tun." ,,

Der Engländer erwiderte die knappe Verbeugung mit einem Kopf­nicken und sah seinem Verwalter nach, der die Stufen hinabstieg und auf die Hütten der eingeborenen Arbeiter zuging.Eingebildeter Bursche , murmelte er dabei.Etwas zu sehr überzeugt von seiner Tüchtigkeit und Unfehlbarkeit. Aber ich werde ihm zeigen, daß ich hier der Herr bin ...

Er reckte seine lange Gestalt auf und trat an tue Brüstung.Mr.

Rohde noch ein Wort!" . . ,

Der Deutsche kam langsam zurück. In seinem harten Gesicht arbeitete es. Wenn er nicht an Frau und Kind denken mußte, wurde er dem Narren da oben, der nur an Jagen und Schießen dachte, einfach oen ganzen Krempel vor die Füße werfen. Aber lange wurde es seine Lordfchast ja hier nicht aushalten. Und bislang hatte er als Farmverwal­ter ganz zuftieden gelebt. Bis vor acht Tagen der Besitzer ^sv^roffen war. Mit [einem Jagdspleen die Wirtschaft auf den Kopf ftellte unb die Arbeiter verdarb und aufsässig machte, weil er sie nicht zu behandeln "ßotb Darton stopfte sich bedächtig seine Tabakspfeife, und seiner trockenen Stimme war der innere Merger anzuhoren:Sie wollten vor­hin sagen, Mr. Rohde, daß Sie meine gestrige ßomenjagb für eine Dummheit hielten? War es nicht so?" , . Onrh

Rohde sah ihn offen an.Da Sie das Wort aussprechen, Lord Dar- ton, gab er freimütig zu,ja, das dachte ich aüerbings!

Das Gesicht des Engländers blieb unbewegt. Nur die Falte zwischen