Ausgabe 
22.7.1938
 
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haben mich weder als Frau noch als Mann gekannt für sie war ich ein Wesen besonderer Art."

Verzeihen Sie ... Diese Frag« war keine Frage für mich -. Für mich sind Sie wie eine der Vestalinnen Roms, die nur mit jungfräu­lichen Händen die Flamme hüten können, wenn auch"

Er hielt an.

Wenn auch ...?" fragte Hefter. .

,Lch wollte sagen, daß ich dennoch glaube, Sie haben einmal in Ihrem Leben einen Mann geliebt, Lady Hester! Verzeihen Sie, wenn ich es sage aber nur diese Nacht hört uns zu mit ihren Gestirnen und ich brauche keine Antwort."

Er sprach mit abgewandtem Gesicht. Sie schwieg.

Ein Stern siel herab, und es war, als höre man in der unendlichen Stille den ewigen Strom von Werden und Vergehen.

,Me irren", sagte die Frauich liebe ihn heute noch und habe nie ausgehört ihn zu lieben... Für die Wissenden gibt es keinen Tod.

Das Stelldichein beschränkte sich längst nicht mehr auf die Stunde um Mitternacht. Meryon stellte fest, nicht ganz frei von Eifersucht, dah der Prinz" schon mittags gerufen wurde, zuweilen sogar am Morgen. Dafür konstatierte er mit Befriedigung, dah Pückler nur mehr halb so stolz herumging wie vordem und Mylady königlicher war denn je. Sie hatte wohl auch über den Deutschen triumphiert!

Eines Tages empfing Hefter den Doktor in besonderer Huld.

Hören Sie, Meryon, da ist etwas, von dem ich -möchte, Sie spre­chen es aus statt meiner. Der Prinz wird über mich in Zeitungen schrei­ben, sagt er. Nun, was er über mein Temperament, meinen Verstand und mein Benehmen meint, gilt mir gleich. Aber ich möchte nicht, daß er etwas über mein Aeuheres bringt, weder über mein Gesicht noch Erscheinung oder sonst etwas. Es ist nichts Erfreuliches zu melden über eine Person, die beinahe vier Monate im Bett gelegen hat. Am besten wird sein, er schreibt, er habe überhaupt nichts an mir bemerkt, ver­stehen Sie?"

Gewitz, wenn Mylady wünschen"

Nun sagen Sie: was erzählt der Prinz? Sie wissen: zu mir kommt man mit einem vorbereiteten Gespräch und ausgedachtem Kompliment... Wie spricht er bei Ihnen? ... Es ist ein schöner Mensch, der Prinz I Und die deutschen Schneider arbeiten erstaunlich gut. Sagen Sie tragen alle Herren jetzt weihe Handschuhe?"

Meryon bejaht.

Das muh aber teuer fein! Denken Sie nur: man wird es nicht mit weniger als zwei Paar am Tag machen können das wären wohl etwa sieben Schilling in drei Tagen also siebzig Schilling im Monat!"

Meryon fand es nicht der Mühe wert, die Möglichkeit des Waschens zu erwähnen, aber da ihm diese Bemerkung die Art ihres Rechnens be­sonders gut zu illustrieren schien, notierte er sie insgeheim für fein Tagebuch.

Doch Mylady war noch nicht zu Ende mit ihrem Lob:

Gut erhalten ist der Prinz, das muh man sagen. Er schreibt ohne Brille und ist doch schon in Ihrem Alter."

Meryon griff unwillkürlich an feine Gläser.

Ich dachte, Mylady, er sei jünger als ich"

Nein, nein, ich weiß es genau, er ist so alt wie Siel"

Der Abschied wurde aufgeschoben, Pückler sprach von einem leichten Unwohlsein und Mylady nahm es bereitwilligst auf.

Aber dann, eines Abends, führte sie ihn dennoch zum letztenmal in die geheiligten Ställe ihrer beiden Araberpserde, die bestimmt fein feilten, dem kommenden Messias Dienste zu tun.

Pückler lächelte über die Geschichte der Pferde das eine hatte einen Schultewefekt und Mylady meinte, es entspreche der Propheti: ein Pferd, das ganz gefältelt zur Welt kommt, wird bestimmt fein ..." lieber die Pferde waren in europäischen Zeitungen seitenlange Berichte erschienen sie dienten als Kronzeugen für Myladys Verrücktheit. Ihm erschien der Unsinn, den diese Frau zuweilen sprach, liebenswerter als manche Klügelei gelehrter Theorien ...

Mylady, was werden wir noch alles von Ihnen hören?" fragt er weich.

Sie schüttelt den Kopf:

,Hch habe keinen Ehrgeiz mehr. Für die Jahre, die noch vor mir liegen mögen, habe ich nur einen Beruf: den Messias zu erwarten! Alle, die zu glauben vermögen, sollten sich aktiv auf die großen Ereignisse vorbereiten, denen wir entgegengehen ... Ein neues Jahrtausend bricht an! ... Sie schweigen?"

Lady Hester, Sie wissen, in diesem Punkt denke ich anders. Der Messias ist schon erschienen und erscheint nicht mehr als einmal!"

Der ganze Orient wartet auf ihn sollen alle sich irren?" Pückler, der Deutsche, sieht lange vor . sich hin.

3d) könnte mir höchstens denken, dah er eines Tages im Geiste wiederkehrt feine eigene Lehre zu läutern ...Cs fehlt auch jetzt nicht an Mächten, die diesen reinen Christusgeist gern wieder kreuzigen würden ..."

Schweigen wir", jagt Hefter.Nehmen Sie diese Schriften mit sich sie sollen niemand anderem in die Hände fallen ... Und jetzt lassen Sie uns scheiden, wie es Weisen geziemt ohne Abschied zu nehmen. Schon steigt die Sonne die Perle der Freunde."

Sie lieh ihm lange die Hand, über die er sich wortlos beugte.

Es waren die letzten lichten Tage über Dar Dschun; denn aus Eng­land kam keine Nachricht, und die Pension blieb aus.

Schweigen.

Herbst 1838. Früh setzen die Regen ein und vernebeln das Felfen- schloh von Dar Dschun.

Hungersnot folgt dem Krieg, in dumpfer Verzweiflung leben die Drusen. Zu Damaskus schließt man die Läden, es gibt keine Ware mehr. Das Getreide erreicht Wucherpreife.

Und das Haus der Sitt ist verschlosien, Dar Dschun, das Asyl für alle. Einem Diener gibt sie Befehl:

,Führ die Pferde in den Hof, und ehe du sie tötest, flüstere chnen ins Ohr: chr habt auf Erden gearbeitet, eure Herrin, die euch liebt, hat Angst, daß ihr in grausame Hände sollt, deshalb schickt sie euch in den T^Meryon, &er letzte Zeuge aus England, sieht eines Morgens, als er vor die Burg kommt, Arbeiter damit beschäftigt, die Tore zu vermauern.

Mylady?" fragt er entsetzt.

Sie raucht so gelassen wie nur je.

,Lch sagte Ihnen ja, ich werde mich einmauern lassen, wenn keine Nachricht aus England kommt ... Ja, Doktor, die Würfel sind gefallen.

Einmauern! Entsetzlich! Meryon läuft es kalt über den Rücken. Kann er sie jetzt allein lassen? Dabei sehnt er sich krank nach Europa un­erträglich ist der Zustand in der eigenen Familie ... Mrs. Meryon im Kampf mit Myladys Dienerschaft, die ihr ein bärtiges Gesicht und hol­ziges Blut prophezeit, wenn sie nicht willig und freudig. Tag und Nacht den Doktor nach Dar Dschun läßt, wann immer es die Sitt wünscht! Dabei rüstet der Aegypter aufs neue. Bis nach Kreta und Albanien zieht er Truppen zusammen, ein neuer Kriegl Großer Gott! Der Doktor wird nervös Ost, wenn er im Morgengrauen in sein Heim kommt, findet er warnende Botfchast des Konsuls, für diese Nacht feine Diener zu be- roaffnen und eines Angriffs gewärtig zu fein ... Auch kann Mylady ihn felbstverständlich nicht mehr bezahlen ...

Aber jetzt sich von ihr trennen? Hat nicht auch Fürst Pückler zu ihm gesagt:Sie werden doch nicht Lady Stanhope allein lassen, solange sie nicht ganz gesund ist!" ,,, . . .

Seit Tagen schon schläft Meryon nicht mehr, er ist allem mit feiner Sorge und seinem Zweifel, denn mit Mrs. Meryon kann er nicht spre- chen über Dar Dfchun.

Da kommt Mylady felbft zu Hilfe:

, Doktor, auch Sie müßen gehen. Sie können mir nicht helfen, und ich habe kein Geld mehr ... Je eher Sie zurückfahren, desto bester. Sie wissen, wie dankbar ich bin, dah Sie überhaupt tarnen ..."

Nun, wenn Mylady selbst befiehlt ...

In einer Augustnacht steht er vor ihr und beugt sich zum letztenmal vor dieser Frau. Hat er ihr nicht die besten Jahre gegeben und seine ganze Kraft soweit sie gereicht? Er ist fünfzig Jahre alt, und es wird hohe Zeit, an seine Familie zu denken.

Sie legt die Hand aufs Herz und küßt ihn auf den Mund.

Zweitaufend Piaster, die er übrig hat, bittet er dalassen zu dürfen für alle Falle ... Gewiß nimmt sie an, bald wird sie zurückzahlen können wenn Gott will.

Dann reitet er durch den schmalen Spalt des vermauerten Tores von Dar Dschun und läßt sie allein zurück in diesem blutigen Land, ver- lassen, verarmt und krank. r

Am nächsten Morgen, als er mit seiner Familie ausatmend zmn Hafen von Saida reitet, kommt ein Bursche nachgelaufen. Ums Himmel, willen! Noch ein Hindernis?

Nein, er soll nur einen türkischen Teppich von Mylady bringen vielleicht, daß er auf der Ueberfahrt gebraucht werden kann ...

In diesem letzten Augenblick noch keine Klage, kein Borwurf, nur Sorge um seine Bequemlichkeit. Woher nimmt eine Frau solche Kraft? Er weih es nicht. Er hat es nie gewußt. Immer wird sie ihm ein Rätsel bleiben. Hat sie nicht selbst gesagt:Für das, was ich sehe, sind Sie blind?" Es gibt Stunden, wo er glaubt, dah in Mylady Kräfte sind, di­feine ärztliche Wiffenschast nicht diagnostizieren kann.

Schakale umziehen die Festung, Hunde beißen eine Hyäne mitten im Garten tot. Kein Besucher reitet mehr durch die vermauerte lür, kein Brief kommt von Englands Königin an die Nichte des großen Pili Einmal hat Viscount Ebrington eine Spezifizierung der Sdjulöen ver­langt aber er ist ohne Antwort geblieben. Die irische Erbschaft ist >n Lust zerronnen. Europa hat vergessen.

In einer Sturmnacht erscheint ein fremder Derwisch vor Dar Dschun. Er hat gehört, daß jeder hundert Piaster von der Sitt erhält: aber heut- gibt es nur ein Mittagessen.

Es ist ein riesiger Mensch mit zottiger Brust und roitoen Augen. Mik gebauten Fäusten richtet er sich auf und verflucht dreimal das Haus.

Die Diener scheuchen ihn fort, doch aus den Bergen echot der Bogil des Unglücks. -

Sitt Mylady muß Brief um Brief an die Wucherer der Hafenstadt schreiben, um Brot und Del zu kaufen. In den Kaffeehäusern von Saide schreien ihre Gläubiger:

Wir haben es satt! Keiner soll mehr einen Pfennig geben! Sie foH zahlen!"

Ein türkischer Bauer hört zu, schweigend raucht er in der Ecke. Jetzt erhebt er sich:

Wenn du Furcht haft, dein Geld zu verlieren, nimm das meint als Pfand."

Gib her", sagt der Wechfler.

Der Türke ist arm, er muß Güter verkaufen, um borgen zu können» aber das ist nur seine Pflicht, verkündet er, denn:

Die Sitt hat uns in jeder Not geholfen, sie ist ein allgemeines Gluck, und wir müssen sie heilig halten!"

Sie ist dreiundsechzig Jahre alt und liegt mit krankem Körper in vermauerter Festung. Aber der Wille ist ungebrochen. Pückler-Muskcni» der die Korrespondenz in Angelegenheit ihrer Schulden an europäische Zeitungen schicken soll, hat geschrieben, Mylady kenne den Westen nicht mehr so ganz genau der rauhe Ton würde mehr schaden als nützeN- Nun hat sie selbst Berichte an die englischen Blätter geschickt und benag) richtig! Meryon, daß bald ein Memorandum erscheinen werde.

Es trifft ein, was Pückler vorhergesagt: der (Empfang in der eng