Gießener Aiiiilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger
Jahrgang 1958 Zreitag, den 22. Juli Nummer 56
Lady Hefter Stanhope
EINE FRAU OHNE FURCHT
Von Maria Josepha Krück von Hoturzyn
Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
(Schluß.)
Pückler lachte und legte die Hand auf Meryons Zirm:
„Ausgezeichnet, Doktor, das paßt zu dem Märchen aus Tausendundeiner Nacht ... auch zu meinem eigenen Nachtwächterleben in allen Erdteilen ... Wollen Sie bitte Mylady versichern, daß ich mit Ungeduld mein erstes mitternächtliches Stelldichein erwarte."
Rosen blühten und dufteten die Alleen entlang, die er schritt, sie überschütteten jede Mauer, jeden Zaun in einer Fülle, wie Pückler sie nie gesehen. Der Mond erleuchtete die Felsenburg. Vor einem Pavillon verabschiedete sich Meryon. Mylady wünsche Durchlaucht allein zu emp- sangen ...
Pückler sah auf die Uhr: sie zeigte Mitternacht. Er lächelte. Vierzig Jahr« jünger sie beide — und er wäre der Prinz, der zu der verzauberten Prinzessin kommt ...
Er stand vor einer Portiere, die sich hob ... Eine sehr schöne Hand winkte, auf dem englischen Lehnstuhl Platz zu nehmen. Pückler verbeugt« sich in großer Form vor dem blassen, edlen Gesicht, in dem zwei Augen brannten ... Die weiße hohe Gestalt, der flammendrote Turban, die volle Stimme ... Es war nicht eine Pompadour der Wüste, wie er erwartet, nicht eine große Kurtisane des Orients. Die da saß, er täuschte sich nicht — war wie eine Sibylle des Altertums, majestätisch, wissend — und keusch...
„Sie sehen, Prinz, seit mein Vermögen geschmolzen ist, lebe ich als Derwisch hier. Ich brauche den Luxus gottlob nicht mehr, ich suche mich Oer Natur wieder zu nähern, von der uns die Zivilisation getrennt hat. Meine Rosen sind meine Juwelen, zu Uhren dienen mir Sonne und Stern«, zur Nahrung Früchte und Wasser ..Sie hielt an und lächelte: ,,3n Ihrer Physiognomie lese ich allerdings, daß Sie ein arger Epikuräer sind, Prinz. Ich verstehe die Mienen der Menschen zu deuten wie die Pflanzen und die Sterne ... Wie werden Sie es acht Tage bei mir aushalten können?"
„Mylady, Ihre Armut ist immer noch eine englische Armut — die dem deutschen Reichtum ziemlich gleichkommt ..." ,
Ihn konnte di« Drohung nicht schrecken. Er hatte sich bereits durch Meryon versichern lassen, daß Myladys Gäste nicht auf Frucht und Wasser gesetzt wurden I ,
Aber in dem Weltmann Pückler steckte ein Zeitgenosse Goethes, der hinter allen Genüssen der Erde nach den ewigen Werten fragt. Ihm lag daran, die Sibylle bei den Sternen festzuhalten.
„Mylady, wenn Sie von Sternen sprechen — ich respektiere alle innigen Ueberjeugungen, wenn ich Ihnen auch nicht in Ihrem Fluge eigen kann. Doch scheint es mir widersinnig, den Planeten Einwir- lungen abzusprechen — wo wir doch die Einflüsse des Mondes emwand- irei wahrnehmen — wenn auch ohne Erklärung ..."
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„lieber uns ist eine fortlaufende Kette unsichtbarer höherer Wesenheiten — unter uns —, andere, untergeordneter Art ... Wir sehen diese Wesen selten und kommen dennoch.mit ihnen täglich in Berührung ... i'mben Sie das absurd?"
„Mylady, mir käme das kühne Absprechen absurder vor — em an- naßender Dünkel, den ich mir nicht leisten möchte ..."
Ihre Pfeifen qualmten, Hefters Augen wurden tief und blau, Südier lehnte sich zurück und genoß Stunde und Anblick.
„Wäre man gründlich bewandert mit den unfehlbaren kosmischen Einflüssen — unsere Wissenschaft würde dadurch nur gewinnen — auch tnfere Kunst. Die Alten haben viel davon instinktiv erfaßt — wenn üelleicht auch wenige bis zum Wissen gelangten. Daher schufen fie |o (rofoe Kunstwerke. In ihnen erkennt man deutlich die Gesetze der Sterne ..."
Pückler beugte sich vor: .
„Ich habe einen großen Landsmann, er heißt Goethe — em Dichter. Stad) ihm ist Kunst die Offenbarung geheimer Naturgesetze ..."
„Er hat recht — aber unsere modernen Künstler sind weit davon entfernt. Sie mischen Heterogenes und Anormales zusammen, hier eine Stale, dort ein Auge, das — den Gesetzen nach — nie zusammengehoren hnn ... Wissen Sie, Prinz, daß die Deutschen nach einer arabi chen Heberlieferung von außerordentlich hoher Rasse sind, gleich den Königen,
ihren Ahnen ... und daß die Schotten und Iren von den Arabern abstammen?"
Nein, er wußte es nicht..
„Lesen Sie das Schicksal eines Menschen aus seinen Sternen?" fragte Pückler und beobachtete scharf.
„Zu den tieferen Regungen bedarf es größerer Wissenschaft und er- habenerer Eigenschaften, als sie mir zuteil wurden", erwiderte sie leise.
„Reicht Menschenmöglichkeit je so weit?"
„Nur bei bejonders begünstigten Menschen .... Ihr Stern wirkt so mächtig auf sie, daß wir Eingeweihten ihn auf ihrer Stirn erblicken .. . Aber ich sah das nur einmal in meinem Leben. — Prinz, werden Sie dies alles auch in einem Buch veröffentlichen wie Monsieur Lamartine?"
Ihre Augen tauchen in die feinen.
,Hch weiß, Mylady, wo das Schweigen beginnt", sagt Pückler.
Und er hat fein Wort gehalten, bis in feine Tagebücher hinein. —
Es find wunderbar warme, mondklare Nächte über dem Rofeneiland Dar Dfchun. Es sind Nächte voll Frage und Antwort für den deutschen Mann und die englische Frau. Nie hat ein Mensch aus Europa so ernsthaft zuhören können, nie ist ihr das Wort so warm, so reich und befruchtend geströmt. Es ist die durchdringendste Menschenkenntnis, die Pückler je erlebt; ein unerhörtes Gedächtnis, männlicher Mut und jungfräuliche Zartheit vereinen sich in dieser Frau.
Mylady sorgt für ihre Gäste auch in Angelegenheiten materiellen Behagens; nicht nur, daß sie den Baum bezeichnet, von dem jeweils die Zitronen für des Fürsten Limonade gepflückt werden sollen — eines Tages läßt sie ihm aus Saida die beiden abessinischen Sklavinnen holen!
„Seine Frau ist da! Einen Stuhl für die Konkubine!" rufen die Diener.
„Oh, wird das Mylady nicht doch unangenehm sein?" fragt Pückler den Doktor.
. Aber der versichert, im Osten reise jeder große Herr mit seinem Harem. —
Graf Tattenbach, der in Begleitung des Fürsten gekommen ist, hat ein Fieber überstanden; Mylady bereitet ihm eigenhändig schwarzes Salz, das er schlucken muß. Es hat unangenehme Folgen und ist durchaus nicht nach feinem Geschmack. Aber er irrt sich, wenn er meint, daß Widerspruch helfe. Kein Besucher bleibt einige Tage auf Dar Djchun, ohne von Mylady verarztet zu werden.
Pückler will unendlich viel wissen. Mylady lächelt:
„Seid ihr Deutschen das Volk der Gottsucher?"
,Zch glaube es", meint er ernst; „zum Beispiel möchte ich gern von den orientalischen Religionen erfahren."
„Lieber Fürst! Man kann doch nicht in Stunden sagen, was Resultat jahrelanger Püsung ist! Reynaud schrieb ein großes Buch, er hatte vier geheime Bücher der Drusen und fünf Gelehrte des Landes bei sich, die ihm einen Winter lang übersetzten und erklärten. Aber wenn man auch die Texte versteht, heißt das noch nicht den Sinn begreifen ... Wenn ein Druse fragt: .Gebrauchst du Senna-Blätter?' so heißt das in der Geheimsprache: .Bist du für die Revolution?' ... Damals, nachdem ich Oberst Boutin habe rächen lassen — blutiger, a(s ich selber wollte! — da ging ich zu einem alten Derwisch, um die Geheimnisse seiner Religion zu erfahren, schlief auf Blättern, fastete und übte nach Vor- Ichrift ... Ich habe manches gelernt dabei und danke Gott, daß er mich erleuchtet hat ... Freilich hielten mich die Europäer für verrückt damals —"
„Manche meinten auch, Lady Stanhope [ei in geheimen Diensten einer großen Brüderschaft ..
Die Frau lachte:
„3a, was hat man alles gemeint! Ich habe nie in Diensten gestanden — wenn mich auch manche für sich gewinnen wollten ...Ich will frei fein — mit meinen eigenen wilden Ideen! Kommen Sie, Prinz, die Nacht ist kühl, gehen wir spazieren."
Er bot ihr den Arm, in langwallendem Gewand schritt sie dahin, mit dem Turban über dem Königsgesicht.
Eine Terrasse, von hohen Vasen eigenen Entwurfs umstellt, ist über dem senkrechten Abgrund errichtet. Das wogende Gebirge verebbt gegen Westen und öffnet sich dem Horizont des Meeres. 3m grünlichen Licht eines orientalischen Vollmonds liegt der Herrin eigener, verzauberter Garten — ein Meer von Rosen, deren Duft die Atmosphäre füllt und traumhaft den Sinn umspielt. Auf ihre kühlen Purpurkifsen setzt sich die Frau — ist sie nicht selbst ein Stück dieser Landschaft — kühn, wild und zeitlos schön?
„War Nassr Ihr Geliebter?" fragt Pückler plötzlich und wundert sich über die eigene Frage.
,Zch weiß, daß man es in Europa geglaubt hat, aber — die Araber


