Gin Bildchen.
V> -i Carl Spitteler.
Den Rain hinaus mit trotzigem Alarm Fuchtelt ein Kinderschwarm. „VorwärtsI Hurra!" Hut ab! Du schaust kein Spiel.
Den Himmel zu erstürmen gilt das ernste Ziel.
Er ist so nah.
Siehst, wie er aus dem Grase guckt dort oben?
Zwei Glockentöne, leicht vom Morgenwind gehoben, Kommen vergnügt und ungezwungen Dahergesungen.
„Wo geht denn hier der Weg?"
„Wir wollen durch den Kindersternenhaufen lieber den Hügel weg
Die lange Kirschblütenstraße laufen." Gesagt. Ein Sang, ein Flug: Verschwunden in den Kirschen überm Hügelzug.
Der Kindersturm aber dort unten Hat einen Igel gefunden. In Anbetracht dessen Ist der Himmel vergessen.
Anton Bruckners Weg zu Gott.
Bon F. O. H. Schulz.
Alles, was nach Bach groß war, strebte zu Gott. Anton Bruckner ruhte in ihm.
Dort, wo sich der klarste Himmel des nördlichen Alpenlandes über Oesterreich wölbt, wurde Anton Bruckner am 4. September 1824 geboren. Seine Wiege stand in dem kleinen oberösterreichischen Dors Ans- felden, wo sein Vater Schulmeister war. Sein braves Weib hatte ihm zuerst das Toner!, danach zehn weitere Kinder geschenkt. Kaum, daß sie aus den Beinen stehen konnten, versammelten sie sich um den Vater, um ihn singend in seinem Dienst an der Orgel zu unterstützen.
Anton ging noch nicht zur Schule, als er schon die Geige und das Spinett zu handhaben verstand. Als er dreizehn Jahre alt ist, stirbt sein Vater an der Schwindsucht. Der Anblick des Sterbenden erschüttert das Kind so tief, daß es am Totenbett in Ohnmacht sinkt.
Anton kommt als Sängerknabe in das Augustiner-Chorherrnstift St. Florian bei Linz. Er erschaudert bei dem Anblick der berühmten, hier aufgebauten Orgel mit den vier Manualen, den 94- Registern und 4993 Pfeisen. Ihr Singen und Brausen läßt ihn erbeben. Er sinkt in der Stiftskirche in die Knie und bittet Gott, ihm so dienen zu dürfen wie dieser Organist hier.
Mit Inbrunst versenkt er sich in die Geheimnisse der Musik. Er empfängt Unterricht an der Orgel, am Klavier, auf der Violine und im Gesang. Er komponiert. Dabei vergißt er in seiner Einfalt nicht, daß er ein Schulmeister „wia der Vater" werden will. Er bereitet sich mit Fleiß auf dieses Amt vor und wird Hilfslehrer in dem Dorf Windhag.
Wenn die Unterrichtsstunden vorbei sind, muß er „heug'n", „dreschen", „Erdäpfel graben",' „ackern" und sonstige Knechtsdienste versehen. Aber' da sein Monatslohn von 2 Gulden nicht ausreicht, spielt er den Bauersleuten Sonntags zum Tanze aus, begleitet er den Hochzeitszug von der Kirche bis zum Hause mit anderen Dorsmusikanten. Aus dieser Luft flieht er in die Einsamkeit der weiten Natur. Er durchstreift das einsame Land, seine Bekannten nennen ihn einen Verrückten. Aber aus seinen Augen leuchtet immer selige Einfalt, und aus ihr gebiert er eine Messe in C-dur.
Nach zwei Jahren der Prüfung kommt er als Schulgehilfe nach Kronstorf. Er darf in einem Bretterverschlag innerhalb des Schulraumes schlafen. Seinem dankbaren Herzen entströmen Choräle und Messen, denen er die Widmung A. m. D. g. (Ad majobem Dei glöriam — Zum größeren Ruhme Gottes) voransetzt.
Nach drei weiteren Jahren wird er Lehramtsgehilse in seinem geliebten St. Florian. Danach Organist des Stiftes. Sein Glück ist nicht in Worte zu fassen. Nun sitzt er an dem mächtigen Orgelwerk und entlockt ihm selbst all die Töne, die einst dem Dreizehnjährigen schon das Herz entzückten. Bei Musikern in der Nachbarschaft erweitert er unermüdlich seine theoretischen Grundlagen. Und die Frucht seiner inbrünstigen Liebe zum Werk ist ein Requiem in d-moll für gemischten Chor, Streicher, Posaunen, Hörner und Orgel, seine reifste Jugendschöpfung. Zwölf Stunden sitzt er täglich am Klavier, drei Stunden an der Orgel. Einer der größten Orgelmeister reift in der herrlichen Barockkirche von St. Florian heran. Sein Ruf dringt nach außen. Und 1856 geht der 36jährige als Domorganist nach Linz. Der Bischof Rudigier, ein leidenschaftlicher Musikfreund, liebt seinen Organisten von ganzem Herzen. Oft pilgern sie beide allein zum Dom, wo Bruckner bei verschlossenen Türen seinem Herren vorspielen und ihm das Reich der Herrlichkeit im Hymnus der Melodie wie in der Versenkung des Akkordes ausmalen muß. Bruckner wird reichlich belohnt. Er dars jährlich Ferien nehmen und zu dem berühmtesten Kontrapunkt-Lehrer seiner Zeit, Simon Sechter, in Wien, so lange reifen, bis dieser ihn als „reinen Meister in diesem Fache" entläßt.
In Linz hat er zum erstenmal das Erlebnis Richard Wagner, dem er die Schärfung seines Ohres für die gesteigerten Möglichkeiten des Orchesters verdankt. Eine Periode fruchtbarster kompositorischer Tätigkeit ist für Bruckner angebrochen. Drei große Messen entstehen. Die musikalische Fachwelt horcht auf. Der Durchbruch des Genies war sowohl in formaler wie inhaltlicher Beziehung so gewaltig, daß niemand sich das Woher erklären konnte. Bruckner hatte lange an den strengen Formen der klassischen Kunst sestgehalten. Seine Ehrfurcht vor den Meistern war so groß, daß es ihm sreventlich erschien, über sie hinauszustreben. Als man ihn in späteren Jahren nach dem Geheimnis seines ganz unerwarteten Durchbruches zu Neuem fragte, antwortete er, immer noch ein Kind: „3 hab mi net traut."
1868 bringt er feine erste Sinfonie in c-moll heraus. Die Aufnahm« in Linz ist freundlich. Aber Bruckner fühlt, daß man ihn nicht versteht. Da bricht das Kind Gottes in sich zusammen. Sein Arzt- kündigt Ihm di« Gesahr des Irrsinns an. Er dars nicht an seine Orgel. Er darf nicht komponieren, noch sonst irgendeine Arbeit verrichten. Alles steht auf des Messers Schneide. Er fühlt sich „gänzlich verkommen und verlass-n, entnervt und überreizt". Aber in Bad Kreuzen überwindet er feine Krankheit. Und mit feiner Gesundheit wächst aus ihm heraus die große Meße in f-moll, das innigste Gebet seiner Seele, das der Gerettete dankbar zum Himmel schickt.
1867 war Sechter in Wien gestorben, und an Bruckner erging der Rus, die sreigewordene Lehrstelle am Konservatorium zu übernehmen. JBrurtner zögert. Was soll er in Wien? Er fürchtet sich vor dieser Welt, in der der Unglaube thront, die Eitelkeit am Werke ist, der Liberalismus alle geschichtlichen Bande auslöst und Eduard Hanslick, der allmächtige Kritiker der „Neuen Freien Presse", feine Hinrichtung schon am Werke Richard Wagners vollzogen hat? Herbeck, der Leiter der Wiener Konzeri- gesellfchast, muß persönlich nach Linz kommen, um den Domorganisten zu überreden. Endlich gibt Bruckner nach. Am 1. Oktober 1868 tritt er seine Stellung als Professor für Generalbaß, Kontrapunkt und Orgel am Konservatorium in Wien an.
Alle seine Befürchtungen werden bei weitem übertroffen. Er steht mit feinem Kinderglauben in einer Welt des Zynismus. Seine Gottinnigkeit prallt gegen die Bedürfnisfe der Zivilisation, sein schöpferischer Geist gegen den gesellschaftlichen Anspruch. Die wendigen Hanslickianer überschütten den hilflosen Meister mit Hohn. Der unendliche Atem seiner neuen sinfonischen Form wird als Formlosigkeit gebranümarkt. Man hetzt dos Konzertpublikum in eine solche Abneigung gegen Bruckner, daß er während der Aufführung der dritten Sinfonie den Saal verläßt.
Bruckners Not ist groß. Aber „Aus tiefster Not schrei ich zu dir" wird immer mehr Leitstern seines schöpferischen Müssens. Er gebiert die Vierte, die einige Jahre nach ihrer Vollendung sogar mit teilweisem Erfolge ausgeführt wird, danach die Fünfte mit 'ihrem beispiellos grandiosen Finale, das den vollendeten Durchbruch in das Reich Gottes bedeutet. Aber Bruckners trauriges Los ist es, dieses Wunderwerk niemals gehört zu haben. Als es 1894 in Graz zum erstenmal ausgeführt wird, ist der Meister schon so schwach, daß Sie Reise außerhalb des Bereiches der Möglichkeit liegt.
Seine Meisterschaft schreitet fort. Von der Siebenten an beginnt die Welt stärker auf den Meister zu hören. Dirigenten vom Range der Ni- kisch, Muck und Mottl setzen sich in Deutschland für ihn ein. München, Leipzig, Karlsruhe und Berlin melden Triumphe. Da überkommt Bruckner ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit und er schreibt fein Tedeum nach einem alten Text des Bischofs Ambrosius von Mailand. Das Werk wird 1886 mit gewaltigem Erfolge sogar in Wien ausgeführt, und Speidel ver- küicdet im „Fremdenblatt": „Mit Stimmen und Geigen, mit Pauken und Trompeten lobt er seinen Gott... Wie im Sturm, wie in einem Wirbelsturm trägt er seinen Herrn empor... Das Publikum konnte sich dieser Wirkung nicht entziehen und rief den Komponisten unermüdlich."
Anton Bruckner hat den Kampf zwischen dem Dämonischen und dem Göttlichen siegreich bestanden. Das Adagio wird [eine vollkommene Ruhe in Gott. Es rückt in den beiden letzten Sinfonien hinter das Scherzo. Die Dämonen find zur Ruhe gebracht. In den letzten Lebensjahren beginnen die Ehrungen für den Meister. Man beginnt auch in Wien die Gröhe des Genies zu fühlen. Die Universität ernennt ihn zum Doctor honor causa, und der Rektor der Universität begleitet das Ereignis mit folger den Worten: „Wo die Wissenschaft Halt machen muß, wo ihr unüber steigliche Schranken gesetzt sind, dort beginnt das Reich der Kunst, roeldje das auszudrllcken vermag, was allem Wissen verschlossen bleibt. Ich, der Rector magnificus der Wiener Universität, beuge mich vor dem ehemaligen Unterlehrer von Windhag."
Am 4. Juli 1895 bezieht Bruckner ein Zimmer im Kaiserlichen Lustschloß Belvedere, das bald sein Todeszimmer werden soll. Unermüdlich arbeitet er an feiner Neunten. Er ist voll des Bewußifeins von feinem Ende. Das unsterbliche Adagio, das er „Abschied vorn Leben" nennt, wird fein Schwanengesang. An die Spitze der Partitur aber setzt er die Worte „D e in lieben Gott gewidmet." Noch am Vormittag seines Todestages schafft der Unermüdliche an dem Finale feiner Neunten.
Hugo Wolf durfte noch einen Blick durch die halbgeöffnete Tür des Sterbezimmers werfen und beschreibt das erschütternde Bild: „In einem einfachen Metallbett, in Kissen ganz vergraben, lag Anton Bruckner, mit schmal gewordenem, blassen Antlitz, den Blick starr und unbeweglich zur Decke gerichtet, auf den Lippen ein verklärtes Lächeln, und diese wie zu seligem Gesang leise bewegend, schlug er, die ganz abgezehrte Rechte auf der Bettdecke, mit ausgestrecktem Zeigefinger den Takt zu einer Musik, die nur er allein zu hören vermochte und die der allem Irdischen schon völlig entrückte Meister mit in die Ewigkeit hinüber genommen hat."
So starb der Welt einfältigster, letzter großer Sinfoniker. Seine Gebeine ruhen in einem freistehenden Sarge unter der von ihm fo sehr geliebten Orgel von St. Florian. Alles, was nach Bach groß war, strebte zu Gott. Anton Bruckner ruhte in ihm.
Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Vrühlsche UniversitälSdruckerei A.Lange, Gießen.


