Lieb der Oesterreicker.

Von Josef Friedrich Perkonig.

Deutschland, du unsere Wiege, Deutschland, du unser Sarg, Vater, mit dem ich siege, Mutter, die mich verbarg.

Abend, in den ich träumte. Morgen, in den ich erwacht, Sternenlicht, es umsäumte eine bittere Nacht.

Edlerem Dasein geboren, ziehen wir singend ein. Oh, wir waren verloren, und nun werden wir Deutschland sein.

Salzburger Zugendland.

Von Karl Heinrich Waggerl.

Freunde, laßt mich sagen, was mir das Herz bewegt, laßt mich etwas zum Lobe der Heimat sagen. Ich möchte es tun, weil es sich fügt, daß wir uns einmal näher und vertrauter als sonst zusammenfinden, - hier auf der freien Bergeshöhe. Auch weil uns ein so prächtiger Tag geschenkt ist, Wärme und Helle und alle freudigen Farben des Sommers, den wir zur Sonnwend feiern wollen. Und endlich, weil diese Stunde eine Stimme haben muß, wundert euch nicht!

Schaut, es ist ein so kleines Ländchen, ein winziger Fleck Erde, an der weiten Welt gemessen. Wohin ihr blickt, wo in der Runde sich der Himmel niedersenkt, dort sind auch schon seine Grenzen. Aber der ganze Himmel ist eben groß genug, es zu umfassen.

Da liegt es um euch ausgebreitet, fest gegründet in der erzenen liefe, unwandelbar, getreu. Bedenkt, ob euch das nicht ein Trost fein kann in der Wirrsal des Lebens! Wann immer ein Mensch hier stand und ins Weite blickte, er sah, was wir sehen: die Heimat. Dieselben Berges­häupter im Umkreis, die Wälder, die Flüsse in den Tälern, und die spätesten Enkel werden sie nicht anders schauen, wenn unser Andenken längst verweht ist. Denn die Heimat ist das Bleibende, das Ewige, die Erbgnade für unser unseliges Geschlecht.

Sagt nicht, Freunde, das sei Schwärmerei. Es liegt nichts daran, ob einer an dem oder jenem Ort der Welt werke und sich ums Dasein plage. Menschen hätten doch die Grenzen gesteckt, sie seien vom Zufall oder vom Wechselspiel der Geschichte bestimmt worden. Da sei kein Zauber im Spiel, nichts Innerliches und Unwägbares, die Heimat schaffe sich der Mann, wo ihn fein Geschick hintrüge, nein, glaubt das nicht. Ein Mensch kann nicht überall daheim sein, zu Hause wohl, aber nicht daheim.

Ihr müht daran denken, wie euch geschah, wenn euch in der Fremde ein Landsmann begegnete, der von der Heimat reden konnte. Wie ihr nach jedem Hügel hättet fragen mögen, nach den Bäumen ums alte Haus, nach dem Brunnen Und dem Turm, ob er noch stünde, als ob es nicht auch anderwärts Hügel und Bäume und Türme gäbe. Aber das meintet ihr nicht, sondern der Baum, nach dem ihr fragen wolltet, war euch auf eine geheimnisvolle Art ins Gemüt gewachsen, es war der Baum eurer Kindertage. Denn das Heimatland ist ja in Wabrheit das Land der Kindheit, voll rätselhafter Klänge und magischer Bilder, die der Verstand nicht saßt, aber das Gemüt, weil sie uns aus einer Zeit her bewahrt wurden, in der unsere Seele selber noch voll von Gescheh­nissen war.

Darum will ich etwas zum Lob der Heimat sagen. Vielleicht bin ich von Natur seßhafter als andere Leute, oder zu weich, zu sehr von Ge­fühlen abhängig. Ich war ja auch unterwegs, war Soldat im Kriege, war auf Reisen in vielen Ländern und Städten, aber es wurde mir nie wirklich wohl in der Ferne, ich verstehe, weshalb das Wort Elend vor atters soviel wie die Fremde bedeutete. Ost wenn es mir drang ging, dachte ich im stillen meinem Heimweh nach. Fährst du nur erst wieder in deinem Ländchen ein, dachte ich, in Salzburg und das Tal hinauf, dann ist das Aergste schon überstanden. '

Und es ist ja auch ein gesegnetes Land, weiß Gott, der fremdeste Mensch im fernsten Erdenwinkel schaut dich an und nickt dir zu, wenn du den Namen nennst. Ich kannte es die Gaue auf und ab, als ich noch gar nicht zur Schule ging. Mein Vater war Zimmermann, aber er trieb fein Handwerk lange Zeit nicht an einem festen Platz, sondern er zog mit seiner Familie im Land umher und blieb da und dort bei den Bauern, wenn er gerade Arbeit antraf. Mich selbst aber und unsere ganze ge­ringe Habe schob die Mutter auf einem Korbwagen vor sich her. und wie ich da zu oberft auf den geblümten Kiffen lag, wurde mir der Himmel früher vertraut als die Erde: ein gewaltig hoher Himmel, im­mer noch höher als die höchsten Berge, erfüllt vom bewegten Spiel der Wolken und vom Heer der Gestirne in der Nacht. OU lag ich viele S*un= =ben lang allein auf einem geschützten Platz im Walde, während die Mutter in der Nähe Beeren sammelte, bis der Vater zurückkam. Es will mir in der dunklen Erinnerung scheinen, als habe damals viel mehr Wald in den Tälern gestanden, und dieses immerwährende Rauschen der Wipfel blieb mir zeitlebens im Ohr. Auch andere Stimmen und Ge­räusche, mancher Vogelruf, das Summen der Bienen über Wiesen, das ©eläute vieler Glocken. Noch heute ist mir etwa der Begriff Dorf mit einem bestimmten Glockenton untrennbar verbunden.

Der Vater stammte aus Gastein, die Mutter aus dem Pinzgau, so kannten sie dort Weg und Steg und jedermann. Cs war das noch eine andere beschaulichere Zeit, viele Leute unterwegs auf den Straßen, aber die meisten zu Fuß, wie wir und gut Freund mit den Schwerfuhrleuten. Da traf oft eine fröhliche Gesellschaft auf so einem Brückenwagen zu- ommen. Die Mutter fang gern, sie konnte, nach meinem Geschmack, uni

beschreiblich schön fingen und es waren ja auch prächtige Lieder: herb Inf Klang, schwerflüssig, heule hört man sie nicht mehr oft.

Im Hochsommer zogen wir weit in die Täler des Pmzgaues hinauf, manchmal bis zu den letzten Höfen und Almen und fast unter die Glet­scher. Wenn der Karren nicht mehr taugte, lief ich tapfer an der Hand, soweit mich meine kurzen Beine tragen wollten. Da und dort verstreut hatte ich selbst schon Freunde, einen Hund oder die Kinder in den Ge­höften, Mädchen und Buben, Mädchen lieber, weil sie weniger aufs Raufen aus waren. Am besten abet verstand ich mich mit den alten ßeuten. Die waren nur scheinbar so gebrechlich und zitterig, heimlich trieben sie allerlei schwierige Künste. Es gab welche, die konnten wunder­volle Figuren in hölzerne Buttermodel schneiden, Blumen und Gemsen und heilige Zeichen. Andere bestickten die breiten Gebergürtel mit weißen Fäden aus den Kielen der Pfauenfeder, und die Frauen konnten spinnen und stricken und dabei erzählen.

Vieles habe ich vergessen oder wohl auch in meinem kindlichen Sinn durcheinander gebracht, ich kann es nicht mehr entwirren. Das waren keine Märchen, wie sie uns aus anderen Gauen deutschen Landes über­liefert sind. Immer stand etwas Mächtiges, Drohendes, Unabwendbares dahinter, und der Mensch war klein und schwach vor diesen Kräften, aber mutig im Kampf mit ihnen. Alles war riesengroß von Massen, und das Böse wurde immer furchtbar gerichtet.

Ich will euch, Freunde, nur an die Geschichte vorn Drachen im Tap- penkarsee erinnern, weil ihr das Wasser hier vor Augen habt, wenn ihr nach Süden schaut. Etliche werden wissen, daß dieser See fast grundlos ist, man hat ihn nie ausloten können. Gewöhnlich liegt er friedlich und glatt, aber manchmal steigen Wirbel aus der Tiefe, wölben die Fläche ein wenig und löschen den Glanz des Spiegels aus, daß er gerinnt und grau wird wie geschmolzenes Metall. Es sieht aus, als rege sich etwas Lebendiges im See.

Im finsteren Abgrund, sagt man, liegt ein Lindwurm auf den Felsen, ein Ungeheuer aus grauer Vorzeit. Er ist todwund, aber immer noch stark genug, unablässig am Gestein zu nagen und langsam einen Weg für die große Flut zu graben, die dereinst alles Lebende im Tal ersäufen wird. Manchmal wendet er den gewaltigen Leib, und bann wölbt sich oben das Wasser über dem Spiegel.

Nun, es ist die einfältig schmerzliche Geschichte, bas uralte Lied vom Drachenkampf, von Kühnheit, Liebe und tödlicher Treue. Da lebte ein Mann in alten Zeiten auf dem Kar, ein armer Schafhirt, der die Herden der Bauern hütete. Er liebte ein Mädchen aus dem Tal, aber bas war nicht seinesgleichen, sondern eines reichen Bauern Tochter und überaus schön. Und deshalb konnten die beiden nicht zusammenkommen. Wie das so geht in alten Geschichten, der stolze und hartherzige Vater willigte nicht ein, es geschah nur zum Hohn, daß er dem lästigen Brautwerber die Be­dingung stellte, er müsse zuvor den Dracben im Kar erlegen.

Allein dem Hirten machte die Liebe Mut, er nahm sich bas Herz und bestand einen furchtbaren Kampf mit dem Untier. Noch heute sind die Felsen weit herum von seinem Atem versengt und von seinen Krallen zerrissen. Der Hirt traf den Wurm mit der Axt in die Weiche, daß er sich wund in den See warf. Aber auch der Sieger kam nicht ohne Unheil davon, denn von Stund an war sein Atem vergiftet. So hatte er den Preis errungen und doch verloren, er konnte feine Braut nicht um­armen, ohne sie zu töten. Allein die Treue siegte über alle Arglist. Das Mädchen küßte den Geliebten und nahm so selbst den Tod von seinem Munde. Der Hirt aber sprang mit ihr von der Höhe des Felsens In den See.

Das ist die Sage vom Lindwurm im Tappenkar. Ihr seht ja die Felsen noch, von seinem Atem verbrannt, seid nicht ungläubig, Ihr seht das zerrissene Gestein. Es könnte wohl sein, daß die Zeiten der Drachen­kämpfe und der barhäuptigen Helden noch nicht für immer vorbei wären, daß die gewaltigen Mächte der Urzeit noch ungebrochen in Him­melshöhe und Erbentiefe ruhten, während der friedlose Mensch dazwischen sein Wesen treibt und seinen Witz an der Natur versucht. Vielleicht hat sich im Bergvolk noch eine Ahnung dieses größeren Menschheitsgeschickes erhalten, vielleicht denkt es gar nicht so unbeholfen und einfältig, sondern nur weiträumiger. Dieses Volk ist freilich auch sonst im Wesen verschieden von dem in der Ebene und in den breiten Tälern, verschlossener, beharr­licher, herb auch noch in der Heiterkeit. Man sagt ja anderwärts in Salz­burg, es gäbe dreierlei Menschen auf Erben, Männlein und Weiblein und Pinzgauer.

Das kann gar nicht anbers fein bei Leuten, deren Dörfer stundenweit in den Tälern ober hinter hohen Pässen liegen. Ich war selber schon ein halbwüchsiger Bursche, als ich zum erstenmal in die Stadt hinaus­kam. Nachher ift mir diese Stadt freilich sehr lieb geworden, sie hat ja auch keine ebenbürtige Schwester in der Welt. Sie ist bas andere Salz­burg, das heitere, das freundlich aufgeschlossene, dort wurde Mozart geboren.

Ein kleines Ländchen, Freunde, man muß es herzlich lieben. Hierher hat Gott von allen schönen Dingen eins gestiftet, als er die Welt erschuf und meinte, daß sie gut sei. Hier sind die Berge gewaltig und edel ge­staltet, die Täler wohlgeordnet, sie tragen Erze in ihrem Schoß, heilsame Quellen, Gold und das heilige Salz. Hier bauten schon die alten Völker ihre Straßen, gründeten Städte und übten schöne Künste, als ringsherum noch lauter Wildnis war. Es wäre viel zum Ruhme Salzburgs zu sagen, seiner Landschaft, seiner Leute. Aber für mich ist es das gelobte Land.

Haltet mips zugute, wenn ich hier bleiben will, meine geringe Arbeit unter euch tun und zufrieden fein. Ein junger Vogel muß feine Flügel gebrauchen, versteht sich, aber ich bin schon ein älterer Vogel. Als ich jung war, meinte ich ja auch, ich müsse meine Kräfte in der Fremde versuchen, dort müsse das Geheimnis verborgen, die Wahrheit zu gewin­nen sein. Jetzt weiß ich, daß die Kraft aus den Wurzeln kommt und daß die Wahrheit im Nächsten wie im Fernsten zu finden ist, aber Überall gleich mühevoll. Was immer ich in der weiten Welt lernen und erfahren konnte, ich habe es nirgends inniger, gültiger und tiefer erfahren, als hier auf dem Boden der Heimat, aus dem ich unwissend gekommen bin und in den ich einmal, wenig weiser geworden, für immer heimkehren möchte.