steigt das Gelände vom steinigen Strand auf; eine immergrüne Grasnarbe bedeckt den kalkhaltigen Boden, sie wächst üppig und dick wie ein Teppich, denn die Stürme bringen viel Feuchtigkeit mit, und wenn die Winde milde wehen, tragen sie die laue Luft des Golfstroms in sich. Hier zieht England seit Jahrhunderten seine besten Pferde. In Koppeln ist das Land geteilt, und Mutterstuten mit Fohlen klettern vom Meer bis. hinauf zur Höhe und wieder hinab.
Oben, hinter einem Hang, liegen Dorf und Schloß Dreadford.
Aber William Bruce hat das Grab nicht hinter dem Hang graben lassen: es liegt auf dem höchsten Punkt ringsum. Wer bet ihm steht, sieht hinaus auf das Meer, hinaus in die Welt, in die unendliche Weite. Der Wind kommt und weht um das Kreuz, das errichtet ist aus den Sparren des Dreideckers, der den Toten trug, und aus den Flügeln des Propellers, der die Luft durchschnitt. Wenn der Sturm pfeift, beginnt das Holz zu fingen, wie es sang, als das Flugzeug hoch oben durch den Aether stürmte. Abends aber, wenn die Pferde in die Ställe wollen, kommen sie hier hinauf; sie legen dann wohl die schlanken Hälse auf das Gatter, das den Grabhügel umfriedet. Die Fohlen reiben ihr Fell an den Stäben aus weißer Birke, und die Stuten wiehern.
Er ist einen Fliegertod gestorben, weiß William Bruce, und einen Reitertod wie fein Vater.
Er hat einen langen schweren Bries an Irene geschrieben und ihn zu den Sachen gelegt, die man bei Günter Czeh fand: das Eiserne Kreuz, das er auf seinem Rock trug, das Bild der Mutter, das er an seiner Brust barg, den Ring mit dem stolzen Wappen und die Uhr, deren Zeiger stille standen, weil er das Werk nicht mehr aufgezogen hatte.
Ein Buch aber, das man bei ihm fand, hat William Bruce behalten. Ek hat es oft lesen müssen, Zeile für Zeile, ehe er seine Sprache verstand: es ist Rilkes Weise von der Liebe und dem Tod des Kornetts. William Bruce sagt die letzten Sätze dieses Sanges oft vor sich her: „Im nächsten Frühjahr — es kam traurig und kalt — ritt ein Kurier in Langenau ein. Dort hat er eine alte Frau weinen sehen."
*
Irene geht durch den Park von Waldhausen. Sie nimmt Abschied.
Der hohe Sommer steht zwischen den alten Bäumen, die Wärme lastet. Im Heckengang blühen die Rosen. Sie wird keine mehr pflücken für die Zimmer im Schloß.
Der Weg steigt an. Bis zur Höhe folgt sie ihist, von hier ist der Blick frei, weit in das Land hinein. Das Korn steht schon gelb, bald werden die Mäher und Binder über die Felder rattern, um die Ernte einzubringen; Dreschmaschinen werden klappern, und Roggen und Weizen und Hafer werden in goldenen Strömen in die Säcke rinnen.
Sie wird den Segen nicht mehr sehen.
Drinnen im Haus, im Dftflügel, in dem das Rentamt untergebracht ist, wird das Gräflich Czehsche Majorat. Waldhausen an den Folger, den Grafen Stephan Czeh-Sierfky, Olli Czehs ältesten Sohn, übergeben. Die Beamten der Fideikommißauffichtsbehörde find zugegen, Irenes Anwalt ist gekommen, und ein Vertreter ihrer Bank, aus Böhmen ist der Inspektor gerufen worden und die Verwalter von Prichterdors und Ell- aut find zur Stelle; Stephan hat seinen eigenen Anwalt mitgebracht. Die Bücher sind überprüft worden, es ist alles schnell und glatt gegangen; nur einmal hat der Wiener Anwalt gefragt, warum nicht ein gelernter Beamter dem Rentamt vorgestanden hätte, sondern eine Frau, dazu noch eine enge Verwandte des Hauses. Irene ist einen Augenblick tief blaß geworden, bann hat sie sehr ruhig gesagt: „Sie scheinen vergesse« zu haben, Herr Doktor, daß Krieg ist und unsere Männer im Felde stehen. Die Verwaltung der Güter lag in meiner Hand, und ich hatte volles Vertrauen zu mefner Tochter, die ja die Schwester des Besitzers war. Sie können wohl nicht verlangen, daß ich damit rechnete, daß mein Sohn fiel." Der Wiener Herr war verlegen geworden. „Sie haben mich mißverstanden, Frau Gräfin, so war es doch nicht gemeint!" — „Ich habe Sie sehr wohl verstanden, Herr Doktor." Sie hat sich erhoben, sich zu den Beamten der Aufsichtsbehörde gewandt: „Ich glaube, meine Anwesenheit ist wohl nicht mehr erforderlich", und hat den Raum verlassen.
Ein Stachel sitzt mit scharfen Widerhaken in ihrem Herzen und schmerzt. Es sind nicht die Worte, die ihr so wehtun, es ist nicht der Verdacht, den dieser Fremde schlecht verbrämt aussprach, es ist die Gesinnung, die in den Worten und in dem Verdacht lag. Sollte sie von jetzt ab hier in Waldhausen herrschen? Wer fürchtete, daß sich andere bereicherten, mußte der nicht selbst Gedanken an Bereicherung in sich tragen?
Da liegt das Land vor ihr. Jener Kirchturm jenseits der Höhe, über die sie so oft geritten, gehört zu Prichterdors, und jene Dächer, die in der Sonne blinken, decken die Scheunen von Ellgut; ganz weit rechts am Waldrand liegt Merzbach.
Das Land ist mein Zeuge, denkt Irene, daß ich nicht an mich dachte, "'äst einmal an meine Kinder, nicht an die Czehs, als ich es bestellen und abernten ließ, sondern nur an die Frucht, die es tragen mußte unö die Deutschland gebrauchte. Ader auch die Menschen können für mich zeugen.
Sie ist in den letzten Wochen, in denen es schon klar war, daß sie der österreichischen Linie Platz machen muhte, viel in den Häusern dort unten tm Tal gewesen, in den Häusern, in denen die Kriegsnot und der Kriegstod etngefaUen roaren wie in das ihre. Sie hat viel Tränen gesehen, nicht um das Leid der Menschen, die in den Häusern wohnten, sondern um ihr eigenes Leid und um ihr Scheiden. Man hat ihr die Jpanäe geküßt und hat sie gebeten, zu bleiben; man hat nicht begriffen, baf} fie gehen muh. Die Furcht vor bent Neuen lastet auf den Herzen, weil das Neue doppelt schwer wog in so schwerer Zeit
Und viel Dank und viel Liebe ist zu ihr geflossen.
Ihr ist warm um das Herz geworden in den Hütten dort unten. 3m schloß oben aber weht eiskalte Lust.
Ähr Anwalt hat ihr geraten: „Erheben Sie Einspruch gegen die Erb- Jormel im Testament des Grafen Claus Czeh oder lassen Sie Ihre Tochke» Einspruch erheben. Rieben und Wustrau waren freier Besitz
Ihres Sohnes, wie sie vorher freier Besitz des Grafen Claus gewesen, der das Testament zweisellos unter dem Gesichtspunkt gemacht hat, daß Ihr Sohn später männliche Nachkommenschaft gehabt hätte. Solche Klauseln sind unzulässig; es bedarf kaum eines Prozesses."
„Nein, lieber Freund, es bleibt, wie es ist."
„Aber es ist doch ein Wahnsinn, Frau Gräfin, auch diese Güter dem österreichischen Vetter zu überlassen."
„Die Czehs sollen haben, was ihnen zukommt. Aus dem Oesterreicher wird bald ein Reichsdeutscher werden. Es ist das gleiche Blut. Was tut da die Grenze."
Ja, die Menschen können zeugen für Irene Czeh, die gearbeitet hat für dieses Land, die ihre Pflicht tat bis zum letzten und die nun das Schicksal vieler Frauen teilt, die auf deutschen Majoraten saßen und plötzlich den Wanderstock nehmen mußten, weil die Linie ihres Leibes im Mannesstamm erlosch. Sie wird keine Not leiden; die Majoratsbestimmungen sehen für die Witwe des letzten Herrn eine Rente vor, die groß genug ist für ihr Leben. Es gibt auch einen Witwenfitz auf Waldhaufen: vier Zimmer im Westflügst des Schlosses, schreibt die alte Bestimmung vor, mit Küche und ausreichend Holz zur Feuerung; eine Magd hat das Majorat der Witwe zu stellen und chr bestimmte Mengen an Fleisch, Wild, Geflügel, Butter, Mehl, Gemüse und Obst zu liefern; täglich einmal hat sie Anspruch auf ein Gespann Pferde für drei Stunden,, mit „guter Chaise".
Aber Irene will nicht in Waldhausen bleiben, sie könnte nicht ertragen, über die Sieder zu blicken, die sie so lange umsorgt. „Sie müssen sich Ihr Wohnrecht und Ihren Anspruch auf die Deputate in Geld ablösen lassen, Frau Gräfin", hak der Anwalt gesagt. — „Ich habe auch so genug für mich." — „Die Zeiten können sich ändern." — „So werde ich mich auch ändern müssen. Ich bin mit leeren Händen nach Wald- hausen gekommen, und ich werde es verlassen, wie ich (am."
Sie macht sich keine Sorgen um ihre Zukunft. Sie geht in ihre Wohnung am Berliner Tiergarten zurück, und Lexe zieht mit Jürgen und Hilde, den Enkeln, zu ihr, bis der Krieg beendet ist und Bernd heimkehrt; auch Lexe hat genug zum Leben, das Heiratsgut ist sichergestellt, und . die Erbabfindung, die die Majoratsbestimmungen für Geschwister vorschreiben, gleicht einem bescheidenen Vermögen.
Stein, Irene hat keine eigensüchtigen Sorgen; es gibt viel größer«, viel schwerere, die die eigenen in Nichts verwandeln: die um das Heer, das — alle fühlen es — im Endkampf steht, die um die Heimat, die in Hunger und Not zufammenzudrechen droht. Irene verstopft sich die Ohren, um nichts von dem zu hören, was geredet wird, um nicht die Hetzruse zu vernehmen, die ins Volk geschrien werden; sie sieht ein geheimes Feuer glimmen und weih nicht, wie man es löschen soll; sie fühlt nur, es könnte noch erstickt werden, aber sie ist ohnmächtig als Frau und gewahrt mit Schrecken, daß die Männer versagen, die gegen den schwelenden Brand vorzugehen bestimmt wären.
Soviel Mut an der Front und soviel Feigheit in der Heimat.
Der Schmerz um Günter ist fast verschaltet in ihr durch die Sorgen um das Ende, das kommen muß.
Sie begreift manchmal die Tochter nicht, die mit den Kindern spielen und lachen kann, die lange Briefe an ihren Mann schreibt, die nur Berichte sind über den Alltag ihres engen Kreises, die alle Zeitungen beiseite schiebt — ,Zch kann doch nichts ändern", —, die nur Mutter und Frau ist, wie auch die Zeit läuft, und sagt: „Das ist meine Ausgabe."
In Günter war eine Flamme, in Lexe lodert kein Feuer.
Irene verläßt den Park, sie geht hinein in die Felder, tritt vorsichtig über einen Rain und steht mitten im Roggen. Die vollen Aehren des fast reifen Korns überragen ihre Schultern. Die Sonne brennt auf die Frucht: es riecht nach Brot um Irene. Sie hebt die Hände und streicht über di« gelbe Pracht; sie führt eine Aehre an ihre Lippen und küßt sie.
Es ist ein schweres Abschiednehmen. Sie hat diesen Boden liebgewonnen, der so unendlich reich ist, daß er sich jedes Jahr wieder neu verschwenden kann, der gibt und gibt, ohne müde zu werden. Dort unten, wo ihre Füße stehen, wächst es zwischen den Halmen schon wieder empor und will zum Licht; es hebt sich, sobald das Korn geschlagen ist, und setzt feine späten Blüten und treibt feinen späten Samen; es klagt nicht, wenn der Pflug die Scholle umbricht und es tötend unter das Erdreich wirft, sterbend gibt es dem Acker noch neue Kraft. Ewiges Vergehen und ewiges Werden.
Und tausenderlei Getier ist im Feld: es kriecht an den Halmen empor, es huscht über den Boden, es fliegt und flattert und gaukelt, es summt und zirpt, es weiß feinen Weg und hat feine Aufgabe. Es lebt, pflanzt sich fort und verlöscht. Auch von ihm muß Irene scheiden. Sie hat es belauscht, sie mußte ihm oft zum Feinde werden, wenn es als Schädling die Frucht bedrohte. Jetzt weiß sie, daß sie es liebte.
Fern steht der Wald und klimmt die Berge hinan. Seine Stämme streben in den Himmel; das Dach feiner Zweige wölbt sich zum Riesendom, durch den die Gottheit der Natur wandelt. Er hat ihr viele Feierstunden gegeben, denn in ihm ist die große Stille und die große Erhabenheit. Zu ihm ist sie geflüchtet, als die erste Nachricht kam, daß Günter nicht zurückgekehrt sei vom Flug gegen den Feind; sie hat all ihr Hoffen in das junge Grün hineingebetet und doch schon gespürt, daß alles Hoffen irre war. In ihm hat sie ihren Gott und seinen Trost ge- sucht, als sie Williams Brief in den Händen hielt und das Bild, die Uhr, die stille stand, den Ring mit dem Wappenschilde und das Kreuz von Eisen. Aber der Wald hat nichts von Tod wissen wollen, er hat ihr seine gestürzten Riesen gezeigt, auf deren Leibern frische Farren sproßten und stolz sagten: wir leben. Sie hat gefühlt, daß des Waldes Stille Atem ist und des Waldes Sterben immer wieder neues Gebären. Auch in seiner mächtigen Gemeinschaft, die sich Stamm an Stamm schützt vor Sturm und Wetter, hat nur das Leben ein Recht und nur die Kraft. Was schwach ist, muß verkümmern, fallen und verrottend noch dem Starken Nahrung spenden.
Der Wald hat eine harte Sprache zu ihr gesprochen und doch eine Sprache des Trostes: glaube an das Leben.
(Fortsetzung folgt.)


