Ausgabe 
22.4.1938
 
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GiehenerZamilieniMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1958 ßreitag, den 22. April Nummer 5(

Herz!m AW

Roman von -Hans-Äaspar von Zobeltitz

Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart

17. Fortsetzung.

Es ist ein kleines schmales Zimmer. Eine verhüllte elektrische Birne brennt an der Decke. Ein Bett steht an der Wand, ein kleiner Tisch neben seinem Kopfende; ein Stuhl ist da, auf dem eine Schwester in weißer Haube sitzt.

Ein Bild des Friedens nach dem Lärm der Marschstraßen.

Ein Bild des Friedens, wenn der Tod nicht so dicht bei dem Lager dort stünde, der Tod des Krieges. ,

Die Schwester steht leise auf. William Bruce nimmt ihren Platz ein.

Er sieht aus den Sterbenden, der tief im Morphiumschlaf ruht. Ein schmaler schlanker Körper hebt sich unter der leichten Decke ab, schmale, saft kindliche Schultern liegen auf den Kissen, und lang und fein sind die Arme, die kraftlos neben dem Leib sich strecken. Das Gesicht ist zur Seite geneigt, es ist ganz blaß, fast weih, aber William Bruce erkennt es, denn es ist Irenes Gesicht, das Antlitz, das er liebt.

Und die große Liebe fließt nun von ihr hinüber zu dem Mann, dem Knaben mit dem weichen verwirrten Blondhaar, das auch das ihre ist.

Ohne Bewegung sitzt William Bruce und blickt auf dieses deutsche Kind, das die Schwelle bald überschreiten wird zwischen dem Hier, das mir kennen, und dem Dort, das ewig im Verborgenen bleiben wird. Und er begreift das WortFeind" nicht mehr. Er hat den jungen Morriston gekannt, der vereint mit diesem hier in die Tiefe und den Tod stürzte: er war ebenso jung, ebenso schlank und hatte dasselbe wirre blonde Haar, zwei Menschen gleichen Blutes.

Und in dem Engländer William Bruce wird die Frage wach: Warum muß dies sein? Er hat viel Zeit zu denken und zu grübeln, denn die Nacht, die draußen in Feuer und Kampf schnell verrinnt, schleicht hier in Einsamkeit und Stille langsam dahin.

Warum?

Wer weiß denn heute noch, warum dieser Krieg ausbrach? fragte er sich. Wer weiß es überhaupt? War es wirklich dasRight or wrong rny country", das den Kampf befahl? Oder war es nicht die Angst elender Krämerseelen, die fürchteten, daß ihnen ihre Gewinne geschmälert werden könnten? Hatte sich der Soldat nicht vom Saufmann' beschwatzen lassen: Gib acht, dieser Deutsche wird zu groß? Worin denn? Hatte er nach den Ufern der britische» Inseln gegriffen? Hatte er die Rechte der Krone Englands angetaftet? Nein, er hatte nur die Wege des eng- 'ühen Handels gekreuzt. Geld das war die Triebfeder zu diesem Krieg riefen.

Held hatte die Hirne benebelt; und hinter ihrer vermeintlichen Bater- asliebe stand die Sucht, die schon dicken Taschen noch praller zu .den. Sie waren so verstrickt in die Gedankenwelt ihrer Warenspeicher und Handelsschiffe, ihrer Lagerhäuser und Faktoreien, daß sie in diesen ihre Heimat sahen und glaubten: England würde mit Waffen berartnt, wenn einer ein Kontor neben das ihre setzte.

Warum?

Wußten denn die Männer, die in den Gräben lagen, gleich in wel­chen, noch warum sie kämpften? Die Deutschen vielleicht, denn man wollte in ihr Land einbrechen. Die Franzosen vielleicht, denn ihre Städte und Dörfer sanken in Trümmer. Aber die Engländer, der einfache englische Mann? Setzte er nicht fein Leben immer und immer wieder ein, ein­fach nur, weil dieser Krieg nun einmal da war und zum Ende geführt werden mußte, zum siegreichen Ende?

Hatten diese beiden jungen blonden Menschen, die Kinder gewesen, als die ersten Schüsse fielen, wohl je daran gedacht, warum sie hoch oben in der Luft gegeneinander stürmten? Gewiß: sie hatten beide den herr­lichen BegriffVaterland" in ihren Herzen gehabt, sie hatten an die Beürohung der heiligsten Güter der Heimat geglaubt; aber welche Guter waren denn bedroht gewesen damals, als sie noch Kinder waren: heilige Güter ober sehr irdische?

William Bruce starrt in das Gesicht des Knaben, den der Luftkampf >u Baden schlug, vielleicht der letzte ritterliche Kampf, den diese Erde sieht, der letzte freie Kampf, Mann gegen Mann, nicht getaucht in Schwa­nn tödlicher Gase, nicht umspien vorn Hagel glühenden Eisens, das von lern aus dem Hinterhalt nach mathematischer Berechnung geschlendert wird. Er denkt an die Fran, die dieses Knaben Mutter ist und die er liebt. Heute noch liebt wie einst, trotzdem die Völker, denen sie angehören, miteinander ringen.

Er ist draußen in der Welt gewesen: in Afrika, in Indien, in Asien. Er hat schwarze, braune und gelbe Völker gesehen, und er hat sie ver­achtet. Er hat die Männer nicht verstanden, die Frauen fremden Blutes berühren konnten und das hohe Wort Liebe besudelten in solcher Ge­meinschaft.

War zwischen ihm und Irene je der Gedanke aufgetaucht: sie wären nicht eines Blutes?

Hätte Irene nicht auch Mutter eines Morriston fein können?

Und wäre dieser Morriston nicht dann ein Knabe gewesen, schlank, blond und edel, gleich' diesem jungen Deutschen, der hier liegt, um zu sterben?

Ich darf nicht so denken, sagt sich William Bruce. Der Kampf ist da, er muß zum Ende geführt werden, zum siegreichen Ende für England. Noch ist die Welt nicht so weit, daß solches Denken erlaubt ist, auch nur vor der eigenen Seele erlaubt. Aber vielleicht bringt dieser Krieg die Welt dahin. Dann wäre er wohl nicht umsonst gewesen.

Der Knabe unter dem weißen Linnen rührt sich Zuerst zucken die Finger, krampfen sich zufammen und öffnen sich wieder, bann läuft ein Zittern burch ben ganzen Leib, bie Brust hebt sich. Plötzlich stehen bie Augen weit offen, ihr Blick geht starr zur Decke, an ber das verhüllte Licht schimmert. Ein Aechzen quält sich aus ber Kehle.

Warum kann ich nicht helfen, warum bin ich fo machtlos biefem Ge­schehen gegenüber?

Er wagt sich nicht zu bewegen, er wagt nicht, mit seinen Händen ben bebenben Körper zu stützen. Er sieht sich um: ist benn nirgenbs Hilfe?

Da löst sich bie Schwester, bie er ganz vergessen Hatz aus einem Win­kel des Raumes und tritt an das Bett. Mit gewohnten sachlichen Griffen schiebt sie das Kissen zurecht, hebt Günter Czehs Kopf, führt ein Glas an [eine Lippen. Vom Tisch nimmt sie eine Ampulle, bricht das feine Röhrchen ob, eine Spritze saugt bie wasserklare Flüssigkeit ein.Wir wollen es ihm leicht machen", flüstert sie, halb zu sich selbst, halb zu William Bruce.

Er greift nach ihrem Arm, er will sie zurückhalten. Aber ber Körper des Knaben zuckt in wildem Schmerz, das Gesicht verkrampft sich, der Atem keucht. So läßt er es geschehen. Das beruhigende Gift rinnt in Günters Adern.

Die Stille kehrt zurück. Aber bie Augen bleiben geöffnet unb sehen William Bruce an.

Er beugt sich vor, jetzt, wo ber Sturm,der'Schmerzen verebbt ist, hat er den Mut, seine Hand unter des Sterbenden Kopf zu legen.

Ich komme von deiner Mutter, Günter", sagt er und bemüht sich, die fremden Worte fehlerlos zu formen.

Die blassen Lippen bewegen sich.Deutsch?" fragen sie ganz leise.

Ja, Günter, deutsch. Deine Mutter läßt dich grüßen, Günter. Sie ist sehr stolz auf dich." Er weiß nicht, wer ihm vorschreibt, was er sprechen soll, die Sätze kommen von allein.Sie hat gelesen, daß du siegtest."

Ein Lächeln spielt um den Mund, ein mattes, kleines Lächeln. Mutter du weißt es? Der Orden, Mutter."

Du wirst ihn bekommen, Günter."

Der Atem wird flacher, schwächer, bie Worte kommen leiser, doch bas Lächeln wird tiefer, inniger. Die Stimme haucht fragend:Bin ich zu Haufe?"

Bald, Günter, bald."

Waldhausen ... Mutter ... die Koppeln ... bie Pferbe..."

Schwer wirb ber Kopf, ganz schwer. Er lastet in William Bruces Hanb. Die Augen schließen sich. Noch einmal bewegen sich bie Lippen. Wald..." glaubt William zu verstehen,Wald..." Wie Träumende sprechen.

Dann ist nur noch bas Lächeln ba.

Unb ber Friede. Der Friede.

William Bruce hat die irdischen Reste des jungen Grafen Günter Czeh einfargen lassen und mit sich genommen in feine Heimat.

Die englischen Fliegerkameraden haben ben Sorg getragen bis zu bem Kraftwagen, ben sie bem toten Gegner für bie letzte Reise zur Ver­fügung stellten. Dann ist Bruce bie gleiche Straße zurückgefahren, bie er kam. Wieber durch Kolonnen, Kolonnen, wieder unter dem stampfen­den Klang von Schritten, dem Knorren von Rädern unb bem fernen Grollen bes Feuers ber Front. Ein Regiment Senegalneger hat feinen Weg gekreuzt. Er hot bie Augen geschloffen, er konnte bas frembe farbige Volk nicht anfehen.Sollen biefe ben Sieg bringen über Weiße?" fragte er sich,den endgültigen, letzten Sieg, den Sieg für Englcknd?" Unb das blaffe, edle Gesicht des Toten tauchte vor ihm auf unb das Lächeln, bas auf ihm gelegen hatte, als alles Leiben zu Enbe war. Es war das gleiche Lächeln, bas Irene Czeh einst im Schlaf gehabt hatte.

Dreabforb liegt an ber Sübroefttüfte Englands, da, wo bie Küste der vollen Wucht der Stürme des Meeres ausgesetzt ist. In steilen Hügeln