Ausgabe 
21.11.1938
 
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haben, denn hier geben sich fast alle edlen Metalle und ihre weniger vor­nehmen Genossen ein Stelldichein, Kupfer gibt es und Nickel, Kobalt, Wis- mut und Arsen, aber das unscheinbare Uranerz hat sie alle übertrumpft, und wenn von jenen nichts mehr abgebaut wird, so bleibt dieses in mannigfacher Hinsicht doch noch wertvoll genug. So unauffällig die Uran­pechblende nämlich auch ist, so wunderbar leuchten die Farben, die man aus ihr herstellt und die zur Glas- und Porzellanmalerei dienen. Und dann wäre das moderne Radiumbad ohne das Uran nicht denkbar; nimmt es doch sein radiumreiches Wasser unmittelbar aus dem Uranbergwerk des Eliasschachtes. *

Und doch vermochten weder Kupfer noch Nickel, weder Wismut noch gar das Uran den Ruhm des nunmehr reichsdeutschen Städtchens zu begründen, Joachimsthal ist das, was es ist, nur des Silbers wegen, das man früher hier reichlich abbaute. Gerade die Mitternachtsgange waren am ergiebigsten, und noch heute sind die Ausbisse dieser Gänge durch zahlreiche uralte Halden gekennzeichnet, die Zeugnis davon ablegen, daß damals das Erz im Tagebau gefördert wurde. Schon vor dem fünf­zehnten Jahrhundert war das Silbervorkommen der Gegend bekannt, aber Berühmtheit erlangte der Abbau erst, als Stephan Graf von Schlik die metallene Ernte in feine Obhut nahm. Er baute bei Konrads- grün im Erzgebirge die Bergstadt Sankt Joachimsthal im Jahre 1516, und , es dauerte keine drei Jahre, da ließ er daselbst eine Münzstätte errichten, die wie keine andere tn der Welt bekannt geworden ist. Die silbernen Guldengroschen nämlich, die von hier aus ihren Weg antraten, nannte das Volk einfach Joachimstaler und schließlich bloß noch Taler! So eng waren diese Münzen mit dem edlen Stifter Joachimsthals verknüpft, daß man sie früher auch Schliktaler nannte, übrigens eine wohlverdiente Ehre, die man dem Grafen antat, denn er stammte aus einer berühmten und alten vogtländischen Familie. r

Als Graf Schlik im Jahre 15?6 dem türkischen Krummsabel zum Opfer fiel, hatte das Bergstädtchen Joachimsthal wohl auch die Blute seines Ruhmes erreicht: 8000 bis 12 000 Arbeiter waren beschäftigt, das gleißende Erz zu hauen und in rollendes Geld zu gießen. Dabei war die Arbeit der Bergleute noch so mühsam wie weiter drinnen im Land Böhmens wo die Schächte viele hundert Meter tief lagen und wo nur mühsam tzes Berges Schätze gewonnen werden konnten.

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Joachimsthal war zwar schon damals weithin bekannt, aber es fehlte ihm die rechte Würde, der Henkel sozusagen, an dem man es fassen konnte. So kam es gerade recht, daß der gesamte Bergbau im Jahre 1545 an die Krone überging und Ferdinand I. Joachimsthal zur könig­lichen Bergstadt ernannte. Er gab eine eigene Bergordnung heraus, die dann später für alle Bergorte bindend wurde. Trotz dieser neuen Würden war doch die Ausbeute geringer geworden als zur Schlikschen Zeit. Immerhin wird noch ein Reinertrag von 43 000 Talern gemeldet. Doch war dieser Rückgang der erste Schritf zum Weg bergab. Mit furcht­barer Wucht brauste der Dreißigjährige Krieg über "die Länder und wütete nicht weniger schlimm als die Hussiten seinerzeit vor Gründung des Silberstädtchens Joachimsthal gewütet hatten, die auch damals so manchen uralten Bergbau im Inneren Böhmens zum Erliegen brachten. Man schrieb das Jahr 1651, als die berühmte Münze, der die Taler Stück auf Stück entrollten, aufgelöst werden mußte und von Prag über­nommen wurde. Mit dem Bergbau ging es rasch abwärts: im 17. und 18. Jahrhundert wurden jährlich nur noch ungefähr 3000 Mark Silber erzeugt (früher waren es an die 30 000 Mark!), tn der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aber kaum ein Drittel davon. Galt es früher als Selbstverständlichkeit, daß die Söhne der Bergleute wiederum Bergleute wurden, so hatten jetzt nur noch wenige Lust zu diesem Beruf; beschäf­tigte man doch nur noch 56000 Bergmänner zu jener Zett.

Angesichts des reichen Erzvorkommens war es natürlich selbstverständ­lich, die Arbeitskraft nicht nur aus das Silber zu verwenden, sondern auch andere Metalle zu gewinnen. Schon zu Zeiten des Grafen Schlik wurden Metallhütten angelegt, die noch lange Zeit in Betrieb blieben. Dort wurden die Metalle verschmolzen.

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Als auch diese Hütten immer nutzloser wurden, blieben die wenigen, diettrberhaupt noch in Betrieb waren, der Uranfarbenerzeugung Vorbe­halten, die sozusagen die zweite Periode des Ruhmes von Joachimsthal bedingten. Erst in neuerer Zeit erkannte man den Wert des Radiums, das dieses Uranerz enthält und das das heilkräftige Wasser bedingt.

Trotz der Wendung, die das Städtchen Sankt Joachimsthal nut feinen rund 18 000 Einwohnern in feiner Industrie genommen hat, wird doch der Silberbergbau nicht auf immer der Geschichte angehören, denn eine intensive Bergbauarbeit, wie sie aus sächsischer Seite, zum Beispiel im Zinnbergbau, wieder ausgenommen wurde, mag noch viele Schätze fördern. Gerade auf der böhmischen Seite ist das Erzgebirge ja so reich. Bedenkt man, wieviele Städte sich allein dem Silberbergbau widmeten Gottesgab, dessen Silberbergwerke wohl schon 1535 entstanden; Kloster­grab, das durch einfache Bergleute gegründet wurde und seit dem 16. Jahrhundert einen regen Silberbau sein eigen nannte; Presnitz, Niklasbera Weipert und manchs andere Orteso liegt es klar auf der Hand, daß sich irgendwo der Abbau doch noch lohnen wird. Es kommt immer auf den Geist der Zeiten an: ob man den Mut findet, nach Erzen I zu schürfen oder ob man die Mühen und vielleicht vergeblichen Kosten scheut. Wie abbaufreudig war das sechzehnte Jahrhundert und wie reich ist es dafür gesegnet worden! In Abertham, einem der ältesten Berg­städtchen Böhmens, gar nicht weit von Joachimsthal gelegen, wurde allein in den Jahren 1529 bis 1589, also innerhalb eines Zeitraumes von 60 Jahren, über 95 000 Mark Silber erbeutet und das ist doch gewiß I ein besonders hoher Wert.

Wieder stehen wir an einer Zeitenwende, und auch sie wird den ehr- I würdigen Bergstädten des südlichen Erzgebirges neuen Aufschwung geben.

Die Tschechen zinsten, steuerten und leisteten dem Reich wohl viel, | ober bas Reich vergalt auch mit einem gerüttelten Scheffel. Hatte schon L vierte Heinrich^em Herzog Bratislav und dann der Rotbart dem Bladislaw die Königswürde verliehen, so empfing i'e Przemysl Ottokar erblich aus der Hand des Staufers Philipp, und der König von Böhmen war von nun an der oberste weltliche Kurfürst des Deutschen Reiches.

Aber durch die Verleihung des höchsten Glanzes unö des höchsten Rechtes sollten doch bloß die früher erteilten Gaben durch die Hand eines Lehrers gekrönt werden, der seinen Schuler nicht allem deshalb gern vor allen ausgezeichnet sieht, weil er tn eitler Eigenliebe damit seine eigene Erzieherarbeit verherrlichen will. Wer immer wieder gibt, sobald der Schüler nur begehrt, muß dem Schuler schon um seines Selbstes willen zugetan sein. - .

Und wie der Deutsche willig die Kenntnis hergab wie der Pflug übers Feld geführt wird, wie man das Rind pflegt und das Brot backt, wie man das Haus richtig gegen Wind und Wetter stellt, wie man die Ahle führt und den Hammer und alles, was dem Handwerk dient, jo ging der Deutsche auch überall dort selber hin, wo die Hand des Tschechen zu schwach schien oder zu unerfahren, und wo die härteste Faust nötig war, dem Urwald einen Ackerboden abzuzwingen, oder d,e Erze aus den'Steinen zu reißen.

Und der Deutsche kam, wann, und von wo immer ihn die böhmischen I Könige riefen, und baute die Städte vor das staunende tschechische Volk. T Aber er baute sie nicht bloß in die Gebirge, aus den Boden hin, dessen Härte vom Tschechen gemieden wurde, nicht nur in die Inseln seiner deutschen Sprache, sondern auch' in das slawische Gebiet hinein. Beraun und Chrudim, Hohenmaut und Jermer, Nimburg und Komggratz, Ko- niqinhof und Melnik, Pribram und Schlau und Trans und Tschaslau und Schüttenhofen und Pilsen und Proßnitz und Brunn und Biel,tz und Teichen und die vielen anderen alle, es gibt keinen Atem, der in einem Zuge nennte, was die geschaffen haben, Die auch Kolm erbauten und es benannten nach Köln am Rhein. I

Und Prag!

Mütterchen wird diese Stadt von den Tschechen geheißen. Die Deut­schen aber schenkten ihr eine Liebe, wie sie tief und schmerzensreich nur einem Kinde gegeben wird. Denn deutsche Arbeit legte die Steine zum Grunde der Stadt, aus deutschem Fleiß wuchs sie empor und ^deutsch begrüßten noch ihre Bürger König Johanns Einzug und deutsch die Gattin, die sich der vierte Karl aus Frankreich holte. Dis deuten Türme von Teyn lesen die unvergängliche Handschrift des deutschen Bru­ders in den Steinen der Kirche von Sankt Nikolas jenferts der deutschen Brücke und der Turm des Domes auf dem Burgberg schreibt zugleich mit dem Namen eines Baumeisters aus Schwaben eine ewige Wahrheit in den Himmel über diese Stadt. Die Säule des Rolands verkündet, I welches Recht in diesen Mauern herrschte, wo Reinmar von Zweier nach dem Vogelweider die besten Sprüche schrieb und Ullrich vom Eschenbach seine großen Epen dichtete, unt> wo von den Kanzleien der Luxemburger jene Sprache ausging, die über Kursachsen dann zu Martin Luthern aus die Wartburg fand. , _ , , .

Und es bleibt immer ihr deutsches Prag, durch alle Jahrhunderte nachher, auch wenn sie Gut und Leben für diese Liebe lassen müssen. Denn Prag ist auch Haß.

Am furchtbarsten ist der Haß, wenn er aus maßloser Liebe ent­springt, die nicht teilen will und sich nicht bescheiden kann. Die Tschechen wollten ihr Mütterchen für sich allein und kämpften ebenso tapfer dafür und setzten Blut ein, wie die Deutschen für ihr Kind.

So ist Not und Tod und Elend im goldenen Prag.

Aber immer, wenn die Deutschen schon selbst an ihr Ende glauben wollen, und wenn schon ihre Letzten gebeugt durch die Straßen und über das vergossene Blut gehen wie über- einen Friedhof und durch die Reihen von Gräbern, dann wird Prag ein Wunder.

Denn wenn im weiten böhmischen Land die schwermütigen Lieder eingeschlasen sind, wenn die Linden still wurden und das Korn ruht, und wenn auch unter den-hundert Türmen das Leben endlich schweigt, dann wachen die Steine und Mauern auf und reden mit deutschem Munde in Prag. Und unter ihren Zaubersprüchen und Formeln steht immer wieder das deutsche Leben auf, denn das Leben in Liebe ist wie die Liebe selbst und hört nimmer auf.

Oie Stadt der silbernen Taler.

Das sudetendeutsche Bergstädtchen joachimsthal.

Von Dr. H. Frieling.

üuf dem Kamm des Sächsischen Erzgebirges hat man kaum den Ein­druck, in etwa 1000 Meter Höhe zu wandern; das Gebirge steigt nur langsam an, bis man plötzlich von einer Lichtung aus tief hinab nach Böhmen schauen kann. Jäh fällt der Südrand des Erzgebirges ab, und vom Tal aus bietet es einen gewaltigen Eindruck. Auch der Keilberg erscheint dann wirklich als der höchste Gipfel des Erzgebirges.

Just zu feinen Füßen liegt das alte Bergstädtchen Sankt Joachimsthal. Selten ist ehrwürdige Ueberüeferung mit dem Geist von heute in einer so notwendigen Weise gepaart wie hier, wo die gotische Dekanatskirche und das alte Rathaus mit dem modern gebauten Radiumbad und der großen Uranfarbensabrik das Auge des Besuchers fesseln.

Jochimsthal ist das Herz und die Pulsader des mineralreichen Erz­gebirges. Von mächtigen Porphyrgängen und Basalten ist hier der Glim­merschiefer durchsetzt. Die Freundschaft dieser verschiedenen Gesteine bedingt es wohl, daß zahlreiche Erzgänge den Berg durchziehen und teils von Norden nach Süden, teils von Osten nach Westen streichen. Der Berg­mann nennt sie Mitternachtsgänge und Morgengänge, je nachdem, in welcher Richtung sie verlaufen. Der Herrgott muß diese Erzadern gesegnet

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Vrühlsche Universitätsdruckerei R.Lange, Gießen.