Wenn alle untreu werden...

Von Novalis.

Wenn alle untreu werden, So bleib ich dir doch treu;

Daß Dankbarkeit aus Erden Nicht ausgestorben sei.

Für mich umfing dich Leiden, Vergingst für mich in Schmerz; Drum geb ich dir mit Freuden Auf ewig dieses Herz.

Ost muh ich bitter weinen, Daß du gestorben bist. Und mancher von den Deinen Dich lebenslang vergißt.

Von Liebe nur durchdrungen, Hast du soviel getan, Und doch bist du verklungen. Und keiner denkt daran.

Du stehst voll treuer Liebe Noch immer jedem bei;

Und wenn dir keiner bliebe, So bleibst du dennoch treu;

Die treuste Liebe sieget. Am Ende fühlt man sie, Weint bitterlich und schmieget Sich kindlich an dein Knie.

Ich habe dich empfunden, Ohl Lasse nicht von mir; Laß innig mich verbunden, Aus ewig sein mit dir.

Einst schauen meine Brüder Auch wieder himmelwärts Und sinken liebend nieder Und fallen dir ans Herz.

Hier müßte ein Schwert stehen...

Don Friedrich Bodenreuth.

Dieser Abschnitt bildet den Eingang von Friedrich Boden- reuHs BuchAlle Wasser Böhmens sließen nach Deutfch- land", das die Schicksale eines Sudetendeutfchen während und nach der Zeit des großen Krieges geftallet. (Hans von Hugo Verlag, Berlin-Wannfee.) Bodenreuth und Gottfried R o t h a ck e r lesen auf Einladung des Goethe-Bundes in Gießen aus eigenen Werken.

Hier müßte ein Schwert stehen, wie ein in den Boden gerammtes stählernes Kreuz. Und eine Senfe müßte darunter liegen, ein Hammer daneben und viel Aehren ringsum. Dann wären auch einem gröberen Gehör die Glocken verständlich, biex hier so seltsam über den Boden gehen, und jeder wüßte dann, daß das, wovor er nach einem inneren Befehl den Hut abnähme, deutsches Blut sei, und kein Mohn. Aber es steht kein Denkmal mit einer so deutlichen Sprache inmitten dieses weiten Talkessels. Hier liegt bloß ein« Stadt unter einem schwarten Turm.

Die Stadt heißt Budweis.

Daß ihr Name auf den Markomannenfürsten Marbod zuruckaehe, der hier ein Lager ausgeschlagen hätte, ist wohl nur ein Sage. Aber wer die Sage schält wie eine Nuß, findet den Kern, und er weiß dann, daß auch hier ununterbrochen Deutsche sitzen, seit den Zeiten, da tausend Jahre vor den Tschechen noch die Bojer im Lande lebten und esBo- Heim" hießen, da die germanischen SilingenSchlesien" den Namen gaben und die deutschen Ouaden an der March wohnten und sich des­halb Marchwarer oder Mährer nannten. Wie nun seit diesen Zeiten ms aus den heutigen Tag die Moldau und die Mies, die Schwarzahwa und Zwittahwa und hundert andere Achen und Flüsse immer noch nüt ihren deutschen Namen durch das Land rollen, so hat auch das deutsche Blut niemals durch diesen Boden zu fließen aufgehört. ,

Doch Blut ist nicht Wasser und befcheidet sich nicht für alle Ewig­keit mit einem Bett. Blut will sich feiner selbst bewußt werden, es lebt nur, wenn es sich bewährt. Und das kann das Blut nur >m Wider­stand und im Durchbruch zu neuen Bahnen.

Was tut es seinem Drang, wenn ein Acker, den es erst nur zu kurzem Halt versenkt hatte, sich einmal im Grunde verfing und sich nicht lichten lassen will? Blut erlahmt nicht sobald wie der Arm eines Mannes, und Volksblut mißt die Zeit nicht mit Sand und Glas Dem in Böhmen ankernden deutschen Blute machte es nichts aus, daß von der Zeit, als jener Markomanne Marbod Böhmen als de en erster König beherrschte, und damals in Bethlehem gerade ein Heller Stern über der Geburt eines armen Knaben stand, der Anker noch fünfhundert Jahre lang hielt, nachdem jener Knabe schon längst gestorben war.

Einmal stand das Volk dennoch auf. Von einer unsichtbaren Kraft ge­drängt, zog es gegen Abend und Mittag, durchbrach den Wall der Berge und den Verhau des Urwaldes und sah in ein neues Land. Zukunfts- land ist Heller als Ursprungsland, weil es unter den Gestirnen von Hosf- nung und Wunsch liegt. Die aus Böheim kamen, gaben ihm deshalb einen Hellen Namen und nannten es Bayern.

Nun wäre es sreilich verwunderlich, wenn es damals noch keine Treu« gegeben hätte zu dem Boden, der sünfhundert Jahre gut genug gewesen war, Bleibe und Nahrung herzugeben. Wo denn auch diese Treue stärker war als der Drang zu neuen Taten, oder wo er sich ver­säumte aus Genügsamkeit und Alter, dort blieben die Deutschen auf ihrer Scholle zurück und gaben den scheidenden Brüdern nur einen guten Gedanken mit auf den Weg. Schließlich war aber das Zurückbleiben genau so ein Wagnis wie das Vondannenziehen, denn das Schicksal steht Überall, und je weniger Arme sind, desto härter müssen sie (ein.

Die in Böheim geblieben waren, hörten bald die Kunde, daß sich ein fremdes Volk in ihr Land vortaste. Der Name dieses Volkes klang gell wie eine Drohung Darob erhoben die deutschen Männer die Kopse wie Hunde, die vor den Wohnungen liegen und die Ohren einem nahen­den Schritte entgegenspitzen. Aber das Land war groß und weit, und zwischen Sippe und Sippe war noch viel Niemandsboden. Wenn Bären und Wölse vor neuen Menschen weichen sollten, war es nur gut. Man brauchte also diesen Schritten nicht entgegenzugehen, solange sie nicht in die Gemarkungen der eigenen Notdurft einbrächen. Später aber mußten die Deutschen dann zu Spieß und Axt und Schwert greifen, um den Zug der Avaren in eine geziemende Bahn zu weisen.

Die Wildheit in den fremden Gesichtern und die Schlachtschreie fochten sie nichts an, denn die Augen der Deutschen waren scharf wie das Schwert und ihre Fäuste hart wie die Axt. Und wer auf sich vertraut, kann warten.

Aber die Gesichter der anderen Menschen, die von ben Avaren mitgeschleppt wurden, deren Züge und Formen nicht von Avarenblut gebildet waren, die Striemen auf den Schultern der Männer, die Stricke, mit denen sie an die Schweife der Avarenpferde gebunden waren, die Welkheit der Weiber mit den ergebenen Augen, auch das bedroht zwar nicht Haus und Acker, nicht Gut und Leben. Aber das geht einen doch in einem anderen Sinne an und wird die Deutschen immer wieder an- gehen, wie damals bei den Tschechen, so mehr als tausend Jahre nach­her bei den Buren und weiter, solange einer von ihnen noch auf der Erde steht. Wer die Freiheit liebt, setzt sich für die Freiheit ein, auch wenn sie nicht die (einige ist.

Den Kampf der versklavten Tschechen gegen ihre Zwingherren mach­ten also die Deutschen mit zu ihrem eigenen. Bald brannte er gegen Morgen und Abend, gegen Mittag und Mitternacht, aber die Gemein­samkeit der Not sand noch zu keiner Gemeinsamkeit der wehrenden Tat. Ein einziger Mann mußte sein, der den Ring schweißte und die Schwer­ter lenkte!

Aus Franken, aus dem senonagischen Gau, kam Samo nach Böheim, zunächst um die seltenen Waren zu tauschen, die seine Tiere auf den Rücken trugen. Er fah den Kampf, und er war der Mann. Und der deutsche Mann wurde dann der erste König über das tschechische Volk.

Von den Deutschen lernte das neue Volk, wie stark es macht, wenn die Sippen sich zu Gauen schließen, und wenn, nicht bloß vor dem Feinde, des besten Mannes einziger Wille über alle herrscht. Und das neue Volk sah den deutschen Pflug und nannte ihn Pluh. Da es ihn nahm, bereicherte es Hand und Sprache zugleich. Und es lernte er­kennen, was ein Dank ist, und nannte ihn Dik. Aber es ist schon so mit dem Lehngut, daß man sich seiner gern entledigt, wenn es einem nicht mehr dient. Den Pflug hatte das neue Volk nicht mehr vergessen. Für den Dank sind aber tausend Jahre wohl eine all zu lange Zeit.

Nun gibt es ein zweifaches Heimweh. Denn die Sehnsucht nach dem Lande, in das man geboren wurde, in dem der Vater liegt und der Vatersvater, ist nicht alles. Heimat ist nicht nur Vergangenheit. Denn wie dein und mein Blut sich teilt, damit es neben einer brüderlichen Stütze in der Zukunft stehe, so bist auch du bloß ein Teil, und neben dir lebt der Bruder vom Ahn und Urahn her. Heimat der Gegenwart, Heimat der Zukunft ist dein Volk. Alls der Erde nimmst du den Glauben, in dem Volke aber erwächst dir die Ausgabe und die Kraft der Zuver­sicht. Es gibt also auch ein Heimweh ins Volk.

Steht nun dein Volk mit dir auf deiner Erde, dann bist du ganz zu Hause, und du hast es gut. Liegt dein Boden aber außerhalb deines Volkes, dann hast du eine Heimat, aber kein Vaterland. Ob du es nun weißt, was dir fehlt, oder nicht, du bist ruhelos und ein ewiger Sucher.

Von nun an sandten die Böheimer ihr Suchen zu den Brüdern nach Bayern hin. Und weil die Bayern stark und mächtig geworden waren und roeiljfie einen König hatten, dessen Name allein schon vor Ungemach wie ein Wall ftani>, und weil sie deshalb den Böheimern nicht bloß einen Rat, sondern auch Beistand und Hilfe jedesmal auf den Heimweg mit­geben konnten, stellten sich auch die Slawen in Böhmen und Mähren gern hinter den bayerischen Schild und damit unter den Stab des großen Karls.

Wohl riß sich einmal ein mährischer Herzog aus dieser Bindung und raffte in hundert Schlachten auch Böhmen mit sich. Zwenttdald führte ein tapferes Schwert. Aber ein Volk lebt nicht allein im Krieg.

So geschah es denn, als Zwentibald gefallen war, daß der Deutfche Reichstag zu Regensburg staunend einen Zug fremder Männer durch die Tore der Stadt eingehen sah. Ungezwungen und ungebeten, in der Freiheit des eigenen Willens, schritten hinter den Prager Fürsten Spittgnew und Vratiflav alle Herzöge der Böhmen im feierlichen Ge­leite vor den Thron und legten mit reichen Gaden ein Gelübde von Treue, Gehorsam, Zins und Kriegsdienst kniend vor Kaiser Amols hin. Und da der Kaiser sich erhob und als erbetene Gegengabe den Tschechen Schutz und Hilse gegen jeden inneren und äußeren Feind versprach, war Böhmen für immerdar als ein gleichberechtigtes Land ins heilige Reich getreten.