An einem Wmlermorgen vor Sonnenaufgang.
Von Eduard Mörike.
O flaumenleichte Zeit der dunkeln Frühei Welch neue Welt bewegest du in mir? Was ist's, daß ich auf einmal nun in dir Von sanfter Wollust meines Daseins glühe?
Einem Kristall gleicht meine Seele nun. Den noch kein falscher Strahl des Lichts getroffen: Zu fluten scheint mein Geist, er scheint zu ruhn, Dem Eindruck naher Wunderkräfte offen, Die aus dem klaren Gürtel blauer Luft Zuletzt ein Zauberwort vor meine Sinne ruft.
Bei Hellen Augen glaub' ich doch zu schwanken; Ich schließe sie, daß nicht der Traum entweiche. Seh ich hinab in lichte Feenreiche?
Wer hat den bunten Schwarm von Bildern und Gedanken Zur Pforte meines Herzens hergeladen, Die glänzend sich in deinem Busen baden, Goldfarb'gen Fischlein gleich im Gartenteiche?
Ich höre bald der Hirtenflöte Klänge, Wie um die Krippe jener Wundernacht, Bald weinbekränzter Jugend Lustgesänge; Wer hat das friedenselige Gedränge In meine traurigen Wände hergebracht?
Und welch Gefühl entzückter Stärke, Indem mein Sinn sich frisch zur Ferne lenkt!
Vom ersten Mark des heutigen Tags getränkt, Fühl ich mir Mut zu jedem frommen Werke. Die Seele fliegt, so weit der Himmel reicht, Der Genius jauchzt in mir! Doch sage. Warum wird jetzt der Blick von Wehmut feucht?
Ist's ein verloren Glück, was mich erweicht?
Ist es ein werdendes, was ich im Herzen trage?
— Hinweg, mein Geist! Hier gilt kein Stillestehen: Es ist ein Augenblick, und alles wird verwehnl
Dort, sieh! am Horizont lüpft sich der Vorhang schon!
Es träumt der Tag, nun fei die Nacht entslohn;
Die Purpurlippe, die geschlossen lag. Haucht, halbgeöffnet, süße Atemzüge: Auf einmal blitzt das Äug', und, wie ein Gott, der Tag Beginnt im Sprung die königlichen Flüge!
Geburtslagsbrief au Wilhelm Schäfer.
Von Hauptmann (E) Martin Lang.
Alte HolzbiDer gibt es, die in den Falten ihres Mantels verborgen unverblichenes Gold tragen. Wenn man die goldenen Rinnen entlang fährt mit den Fingerspitzen, ist es wie ein Berühren der goldenen Tür oder des Goldsees im Märchen: die Finger werden golden davon. Solch verborgenem und unverblichenem, bei der Berührung anhaftendem Gold« möchte ich eine Tugend vergleichen, die Sie üben, lieber Wilhelm Schäfer: Ihre Gastfreundschaft, und zwar im Schäferhause selbst wie in den verschiedenen Ablegern, die es davon gibt. Oder, die es gab. Zum Beispiel Ihr Aeschihaus. Als Sie für einen Schlohherrn galten, denn in Ihrem Paß stand als Wohnort vermerkt mit altfränkischer, in diesem Falle aber schwyzerischer Behäbigkeit: Im Schloß zu Aeschi. Wir stamm- und artverwandten Schwaben verstehen den Witz der Sache sogleich. Denn „im Schloß" ist ein Gewannname, ein Flurname. Und was „Aeschi" bedeutet, 'muß man sich von Ihnen erklären lassen oder von Götz von Berlichingen. Ihre Vorliebe nun für diesen Winkel der deutschen Schweiz, die hat mir eingeleuchtet, auch wenn ich niemals unters' Dach des Aeschihauses trat. Es wollte sich damals nicht schicken. Damals stand ja Ihr Sommerftei- zeithaus in der Landschaft des Thunersees und der Bergpyramide des Niesen. Wäre mir selbst ein Jugendwunsch in Erfüllung gegangen, wir Hütten Nachbarn werden können. Denn vor Zeiten war das alte Pfarrhaus in Spiez, wie man so sagt, um einen Spottpreis feil: über dem See ein leerer zitteriger Kasten mit dünnen Wänden und ausgebleichten, wie ausgelaugten Fensterrahmen. Aber die bleigefaßten Scheiben voll Lust- und Wasserglanz hatten mir’5 angetan. Es spielte wie verjährter Sonnenschein in ihrem fleckigen Glase. Anders muß es im Aeschihaufe gewesen sein. Auf festem Grund die Hütte, die Sie gebaut, mit ihrem morgenfrischen Blick in die Natur und mit dem Leuchten zwischen See und Schnee, dem starken Blau-Grün — Ihren Schäferfarben!
In den Jahren, die nun folgten, ging es nicht mehr um eine Wahlheimat. Es ging um Herz und Herzkranzadern der Heimat selbst. Auch Sie, lieber Wilhelm Schäfer, sind dem deutschen Frühling und Sommer vorangezogen. Und nun steht Ihre Freizeithütte in Oberjoch am Adolf- Hitler-Bergpah, wo er den Auslaus nimmt von seinen hundert Wm- dungen, Kehren und Schleifen und demnächst in die neue Straße einmündet, die der Arbeitsdienst baut. Um ein Haar hätte Ihre Hütte das Schicksal der Wegschnecke geteilt, wenn sie von der Dampfwalze überfahren wird. Es ging noch gnädig ab. Aber der Zugwind der neuen Zeit streicht auch in der Dergwelt so dicht unter Ihren Fenstern rwr- über wie in der Sommerhalde am See. Ihr nächster Nachbar ist der Arbeitsdienst geworden. Auch er steht an der Front, auch Sie stehn an der Front. Die Zwanzigjährigen und der Siebzigjährige Schulter an Schulter bei ihrem Tun, es will mich wie ein Zeichen dafür bedünken,
was noch in Ihrem neues Lebensjahrzehnt dieses Leben und unser allgemeines Leben mit Ihnen vorhat.
Eine Freizeithütte ist die Christophorushütte für Ihren Gastfreund. Das Schreibepult läßt er unbenützt, es gehört sich so. Aber es sagt ihm, wer da sieht und schreibt. Und ebenso sagen ihm etwas die Schnitzel beschriebenen, aber mit Bleistift beschriebenen Papiers, die er im Papierkorb zum Verheizen vorfindet. Nicht Ihnen, doch mir und meinesgleichen möchte ich znm Tröste wiederholen, was der siebzigjährige Gottfried Keller sich an seinem 19. Juli 1898 vorgehalten hat. Sich und Seinesgleichen und darum wohl auch Ihnen, lieber Geburtstagsmann vom 20. Januar 1938:
Mancher plagt sich siebzig Jährchen, In der Feder noch ein Härchen.
Wer kennt das nicht? Das Härchen in der Feder, das muß jeder selbst auswischen. Ein Dichtertagewerk, ich weiß, beginnt bei Ihnen am frühen Vormittag. Und bei dem gelben Schein der niederen Stehlampe geht es fort bis in die Nacht — bis es einen Klang gibt, bei dem Sie sogleich die Feder weglegen. Dann will der Kopf nicht mehr, und es hat „Brimm" gemacht, wie Sie sagen. „Stimm" ist ein Glöckchen, aber für uns Langs ist Brimm Ihr eigentlicher Schutz- und Hausgeist, für den Sie immer ein Lächeln haben und dem Sie folgsam sind. „Es hat Brimm gemacht": dann ist Feierabend. Und Ihr Lächeln, das wir kennen, ist wie der Abendschein, der sich um Oberjoch verzieht. Noch eine Weile steht das Tagewerk im Licht.
Auch etwas anderes könnte die Christophorushütte Ihren Gastfreund - lehren, wenn er's nicht schon wüßte: daß Ordnung und Sauberkeit Ihnen die Grundbedingungen des menschlichen Lebens sind. Wo immer sich ein Volkswille zur sauberen Ordnung ausspricht und aussprach, da konnten Sie eine Wahlheimat finden, da ist ein Spiegelbild und Widerhall Ihres eigenen Wesens in Tun und Denken, da ist Ihr Vaterland. Da ist der Einklang mit dem Morgen- und Abendwerden und dem Wort, daß jeder Tag feine eigene Plage habe. Da ist der Einklang auch mit dem „Brimm".
Morgen- und Abendwerden in Oberjoch ist etwas Schönes. Man sieht die Sonne am Iseler aufgehen, klein und rund und glasmurrnel- bunt, bevor sie ihr Angesicht blendend enthüllt. Man sieht den Mond da stehen in der Lücke zwischen Iseler und den nächsten Hindelanger Bergstöcken. Vollmondzeit war, als wir letztes Mal über Neujahr Ihrs Gastfreundschaft oben in vollen Zügen genossen. In der mond- und sternhellen Silvesternacht schlug unversehens das Wetter um. Die Schneedecke, ein brettsteif gefrorener Horst feit dem Thomasfeiertag, an dem wir in Ihre Hütte einzogen, nahm eine weiche tauige Färbung an, als sauge der Schnee die Lust ein. Ebenso von tauiger weicher Lust umhüllt, traten die Bergfichten aus dem Nachldunkel. Ein samtenes Braun war ins Nadelgrün gemischt. Es fror noch, und doch war milde Nacht. Alle Lichter schimmerten heller, näher, wärmer. Die Sterne hatten sich um eine goldene Fadenlänge tiefer herabgelassen. Ihr Licht konnten wir wie Kerzenschein ins Auge ziehen. Auf dem ausgestreckten Zeigefinger brannte der hellste, der Jupiter, wie ein Leuchtfeuer. Und allenthalben war der Mond zu spüren. Er zog und sog.
Um Mitternacht nun, als wir ins Freie gingen, hatten sich droben bei der Ochsenalp und weiter drüben überm Berghaus am Iseler eine Schar junger Leute gesellt: Hitler-Jugend aus Thüringen und der Reichsarbeitsdienst. Fackeln haltend waren sie hier und dort zu einem Stern zusammengetreten: der glich einem Hackenkreuz. Das Sonnenrad mit seinen himmeloffenen Flammenspeichen und dem vierfach geöffneten Radkranz löste sich auf mit dem Zwölfuhrschlagen, und Fackel um Fackel glitt weichen Schwungs zu Tal. Diese Nachtfeier aalt dem jungen Jahr, der Lichtwende, sie galt dem Volk, dem Führer. Aber — und Sie verstehen mich am besten, lieber Wilhelm Schäfer, weil Sie das Leben verstehen und zu leben verstehen — diese Feier war auch um ihrer selbst willen Unbewußt opferte die Jugend unseres Volkes dem Genius der Jugend. Jugend wollte und will sich fühlen, sie will sich steigern und sich erheben. Was Jugend immer tut, sie tut es zunächst und zuerst einmal für das Jungsein selber. „Wir sind jung, das ist schön", das Wort des jungen Goethe — sie waren eine Gesellschaft im Kahn auf dem sommer- nächtigen Main — ist ein für alle Mal gesprochen.
Wir sind jung, das ist schon! Wie diese Hitler-Jugend und die Manner vom Reichsarbeitsdienst Silvester feierten, so ist auch ihre Arbeit, ihr Tagewerk zuerst und zunächst einmal ein Dienst des jungen Menschen an sich selbst und eigentlich für sich selbst. Aber weil sie vor dem Volke und in dem Volke stehen, dem ihr Tagewerk gefällt und dient, so ift cs aut
Um zu werden, der Sie selber sind, um der Dichter Wilhelm Schäfer zu werden, haben Sie es nicht anders gehalten von Jugend auf. Im Volke und vor dem Volke stehend, haben Sie eigentlich immer an sich selbst und für sich selbst gearbeitet und so die Wahrheit des andern Wortes erfahren, das auch von Goethe ist und das als Siegel unter einem wohlangewendeten Leben stehen darf: Der Zweck des Lebens ist das Leben selbst. Der Sinn de« Lebens aber liegt in seiner Folge, ob, was geleistet wird, andern gefalle oder diene? Von da ist nicht weit zu dem dritten Geburtstagswort, dem Iphigenien-Wort: Folgsam fühlt' ich immer meine Seele am schönsten frei. Ich sprach es nach in dieser Nacht, und sprach es rote aus Ihrer Wilhelm-Schäfer-Seele, aus Ihrer Christophorus-Seele. ,
Christoph, und dann Martin sind die zroei Heiligen, die tn meiner schwäbischen Heimat vorab verehrt worden sind. Sie konnten auch Ihre Schutzheiligen sein, beide, und diesseitig beide, wie ich sie gern verstehe. Martin, der bis zur Hälft« gibt und verschenkt, der wirklich zu teilen und einzuteilen und von seinem Vermögen mitzuteilen verstand- und Christoph, der nur dem Stärksten dienen wollte, da war s ein Kind, die Jugend einer neuen Welt, welche der Riese über den Strom trug.
Im Schaffen und Dienen, in Gehorsam und Freiheit, im Schenken und Tragen haben Sie sich den hochgemuten Sinn bewahrt, lieber Wtl- Helm Schäfer. Das Gewissen und die Kraft sind gute Hüter eines Hauses.


