Ausgabe 
17.1.1938
 
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Nun kehren heute, als an Ihrem siebzigsten Geburtstage, andere Genien bei Ihnen ein, Abgesandte Ihres Volkes, unseres Volkes Hoffnung und fein Dank, '

Unsterbliches Leben.

Von Josef Weinheber,

Der Kampfgewohnte wird ein Lächeln finden und fallen, O unsterbliche Gebärde!

Der Mabmor steigt aus strengen Felsenschründen und Götter wandeln leiblich auf der Erde.

Der Hirt, kein irdischer, sührt seine Herde zum Quell, Und Meer, tiefblau, mit Wog und Winden rauscht ferne auf. Vor lohen Himmelsgründen im Abend grasen weiße Wolkenpferde,

Du schönes Leben! reich erfüllt in Schmerzen und stark im Traum und in der Treue fest: Früh neigt zu sterben, wen die Götter lieben. '

Doch stirbt nicht, wer sich keiner Zeit verschrieben; nicht, wer den Stern in Ehrfurcht walten läßt: Der Weise mit dem adeligen Herzen,

Oer Knicker.

Eine Anekdote von Wilhelm Schäfer.

Vor sechzig Jahren, als die Damen noch in Kutschen fuhren, galt es für vornehm, einen Knicker als Sonnenschirm zu haben. Denn weil die Kutschen nicht so geräumig waren, wie heutzutage die Autos find, hin­derten die langen - Stöcke; auch galt es nicht für schicklich, den Arm zu heben. Darum hatten die Sonnenschirme damals einen Schieber, der durch einen raschen Griff das Dach im Winkel nach hinten klappen ließ, wobei die zierlich vorgespreizte Hand nicht aus dem Schoß gehoben zu werden brauchte. Und weil die Frauen selten sind, die nicht aussehen möchten, Ivie wenn sie täglich in einer Kutsche spazieren führen, obwohl sie all ihr Lebtag bescheiden die eigenen Beine brauchen müssen, so gab es damals in Sommerzeiten wenig zarte Träume, aus deren Himmeln, nicht irgend­wie ein Knicker sanft herunterschwebte.

Und als im Frühjahr 1848 mit den ersten Schwalben und dem März­wind aus Paris nicht nur die neuesten Modenachrichten geflattert karneü, da wußte eine Straßenauffehrstochter bei Ruhleben nichts von dem Auf­ruhr in der Welt, doch ihren Knicker fand sie schon wie eine Dame trotz ihrer sechzehn Jahre aus dem Geburtstagstisch. Sie ging damit am ersten Tage bescheiden nur bis Spandau, weil es regnete, und blieb am zweiten ganz zu Hause, weil sie Wäsche bügeln mußte; doch als am dritten Morgen die Sonne in Dampf und Nässe blinkte, hielt sie nichts mehr, den Onkel zu besuchen, der als Inspektor im Kadettenhaus am Kupfergraben seine Dienstwohnung hatte. Von Ruhleben bis dahin sind fast drei Stunden, und damals fuhr die Große Berliner Pferdebahn noch nicht. Es ist auch zweifelhaft, ob sie an diesem Tage noch zuverlässig ge­wesen wäre; denn als das Mädchen durch den Tiergarten beim Großen Stern ankam, hatte die Erregung der inneren Stadt die Menschen auf­gesogen, und Nur beim Brandenburger Tor war noch ein Wirbel, weil da viel Militär die Massen staute. Run hört, wer draußen in den Wäl­dern und Winden wohnt, am Rauschen in den Baumkronen wohl, ob die Lüfte von Osten oder Süden kommen, aber dem Aufruhr einer Stadt sieht er nicht an, ob all die Menschen aus Vergnügen oder nach Geschäften so sinnlos durcheinander laufen. Und weil am Brandenburger Tor zu allen Tagesstunden etwas Militärisches oorgeht, so schritt das muntere Kind aus Ruhleben mit seinem Knicker zwischen den Bajonetten harmlos hin­durch und ahnte nicht in seiner Unschuld, daß die vielen Gewehre bei Fuß schon längst mit scharfen Patronen geladen waren.

Rur als es schon Unter den Linden hinspazierte und sich ein wenig ärgerte, weil die Sonne vorn von der Seite statt von hinten auf seinen Knicker fiel, hörte es Kommandorufe und soviel Marschtritte hinter sich, daß es erstaunt umsah Und sich vor einer breiten Front Soldaten fand, die rechts und links an die Häuser schließend wie ein Kamm die Linden säuberte. Sie sah wohl, daß die Menschen in Nebenstraßen flüchteten und daß sie schließlich ganz allein vor den Soldaten mit ihrem Knicker unter den dünnen Schatten der Märzbäume ging. Doch weil sonst niemals ver­boten gewesen war, daher zu gehen, und weil sie gar nicht ahnte, daß hinter ihr der hundertfältige Tod anrückte, erlebten die erregten Berliner an diesem schlimmen Märztag noch ein Schauspiel dreister Art, indem «in Landmädchen mit seinem Knicker kindlich prahlend das Militär zum mörderischen Bruderkampf anführte.

Ihm selber war es freilich nicht mehr wohl zuletzt, und als sich an der Friedrichstraße immer noch ein schüchterner Strom von Menschen und Wagen quer über die Linden schob, verschwand ihr Knicker mit nach links, um über die Mittelstraße wo das Gewühl sich drängte und wo ihr die Empörung in angefangenen Barrikaden und Waffen aller Her­kunft deutlich wurde sich angstvoll flatternd in das Kadettenhaus zu retten, von der Tante fast mit einer Ohnmacht und vom Onkel räfonnierenb empfangen, wie wenn sie wirklich den Aufruhr dieses Tages aus ihrem friedlichen Ruhleben in das geängstigte Berlin herein getragen hätte.

^'s Scherzspiel dieses Knickers, harmlos vor Tausenden von schcirf- qel :ten Gewehren zur Schau getragen, wäre im Sturmwind dieser Märztage von 1848 vergessen worden, wenn nicht auch hier der Zufall über Menschenwichtigkeit sein Spottfähnchen geschwungen hätte. Denn crfs die Barrikadenkämpfe vorüber und die Straßen der Innern Stadt von brandgeschwärzten Trümmern und Leichen gesäubert waren, daß

Me Menschen wieder »Te sonst an ihr Geschäft und zu Vergnügungen eilten wie wenn der Aufruhr weder nötig noch so blutig gewesen wäre: da machte sich die Landtochter aus Ruhleben auch wieder auf den Weg zu ihren Eltern. Und weil die Sonne frotjmütig schien wie vor drei Tagen, nur diesmal in den Rücken, so daß sie endlich ihren Knicker zu Recht gebrauchen konnte, spazierte sie die Linden wieder zurück zum Brandenburger Tor.

Sie merkte diesmal gleich, daß wiederum Soldaten tarnen, doch nun in Marschkolonne; denn weil der König furchtsam versprochen hatte, das Militär zurückzuziehen, marschierten sie nun ab; und weil der Zufall trotz den bösen Zeiten fein Vergnügen haben wollte, war es die selbe Kompanie, vor der das Mädchen mit dem Knicker in die Hauptstadt hinein gezogen war. Es hatte unterdessen manchem Kameraden eine Kugel ben jungen Leib durchschlagen, der nun in einem der Massengräber ober rounb« fiebernb im Spital lag; sie waren darum nicht hell gesinnt, die armen Kerle, die nun vor einem Wink des Königs, erschöpft, verhöhnt und an« gewidert von solcher Straßenschlächterei, zurück in die Kasernen von Spandau zogen. Nun als sie wieder den blaugeblümten Knicker, von dem dünnen Schattengesprenkel der Linden überlaufen, vor sich hinschreiten sahen, da mochte mancher den Gewehrkolben kalt in den Händen fühlen vor diesem harmlosen Gegenbild der mörderischen Schießerei. Doch weil wohl einem Wanderer im dunkeln Moor das Herz vor Grausen erkalten kann, jedoch im hellen Sonnenschein, wenn viele junge Menschen im Takt daher marschieren, der Sinn auch in der bösen Stunde nach Heiter­keiten sucht, erhob sich bald ein Brausen in den Reihen, das rasch zum schallenden Gelächter schwoll, davor das Mädchen eiliger als vor der bangen Stille des ersten Tages die erschrockenen Füße zur Flucht ansetzte.

Die unbelohnte Tapferkeit.

Von Wilhelm Schäfer.

Das folgende Erlebnis von Wilhelm Schäfers Vater ent­nehmen wir dem bet Albert Langen/Georg Müller in München erschienenen jüngsten Werk des Dichters, dem kürzlich hier ange­zeigten BucheMeine Eltern".

Als Paul Schäfer sich vor Weihnachten aus die Heimfahrt rüstete, besaß er außer seinem Werkzeug, einer Taschenuhr und zwei neuen Anzügen 45 ersparte Taler. Er hatte ein hartes Stück Leben hinter sich gebracht, hatte ein Handwerk gelernt, in dem er überall arbeiten konnte, und war aus einem weichherzigen Knaben zu einem Jüngling gehämmert worden, der feinen Weg wußte.

Er reifte nicht allein, sondern mit eben jenem Konrad Braun aus Lingelbach, den er am ersten Tag bei dem Schneider als Lehrling getroffen hatte. Der mußte im Januar zur Ziehung und wollte Weih­nachten noch einmal zu Hause sein. Sie gingen nicht zu Fuß, sondern fuhren mit der neuen Eisenbahn über Kassel nach Treysa, weil sie so ihre Kisten mitnehmen konnten, auf denen sie sahen; denn sie reisten natürlich in der vierten Klasse. Die hatte zwar ein Dach, aber an den Seiten nur lederne Vorhänge, die bei schlechtem Wetter heruntergelassen wurden; und es war auf ihrer Fahrt vor Weihnachten kein gutes Wetter, sondern abwechselnd Regen und Schnee, die sich durch die Vorhänge nur teilweise abhalten liehen.

Das viele Umsteigen mit ihren Kisten war nicht erfreulich, aber es wurde ihnen reichlich Zeit dazu gelassen, und stundenlang sahen sie auf den Bahnhöfen herum, die damals noch keine gedeckten Hallen hatten wie heute. In dunkler Frühe waren sie in Barmen fortgefahren und erst um acht Uhr tarnen sie tief in der Dunkelheit in Treysa an. Da wartete der Postwagen nach Ziegenhain aus sie, und es stieg noch eine verschleierte Dame mit ihnen ein, in deren Gegenwart sie nicht mitein­ander zu sprechen wagten. Als sie aber aus den letzten Häusern von Treysa hinausgesahren waren, wurde das Fenster Hintern in der Tür aufgestoßen, und ein Kerl im Kittel mit kurzen Hosen kletterte herein, den sie im Schrecken für einen Räuber hielten, der aber nur, wie sich herausstellte, ein Butterhändler war und auf diese Weise das Fahrgeld sparte.

Er sprach zuerst ordentlich mit ihnen, wer sie wären, woher sie kämen und wohin sie wollten. Dann wurde ihm das langweilig, und er setzte sich neben die Dame, sie mit immer unverschämteren Fragen zu belästigen, so daß sie sich das verbat und schließlich dem Postillon an das vordere Fenster klopfte. Der aber hörte nichts und ließ den Wagen unentwegt weiterrumpeln.

Darüber kletterte noch einer zum Fenster herein, der die Verlegenheit der verschleierten Dame kaum sah, als er auch schon bereit war, sich zu beteiligen. Da ihrer zwei immer frecher sind als einer, wurde es bald bedenklich, und die beiden Gesellen konnten nicht länger mit stummen Gesichtern zusehen. Sie tarnen der bedrängten Dame mit tapferen Worten zu Hilfe, erreichten aber nur, daß die Kerle sich nun gegen sie wandten und es offenbar nicht mit Worten bewenden lassen wollten. Ihre Tapfer­keit wäre verprügelt worden, wenn der Wagen nicht angefangen hätte, über das Pflaster zu rumpeln, zum Zeichen, daß sie nach Ziegenhain kamen.

Da verließen die Kerle den Schauplatz wie sie ihn betreten hatten; und als der Postillon die von außen verschlossene Tür aufmachte, saßen nur wieder die drei Passagiere im Wagen. Auf die Vorwürfe der Dame stellte er sich taub; und als die beiden sich einmischten, schnaubte er sie an, als ob sie selber gegen die Dame zudringlich gewesen wären. Die wiederum wurde von einem Herrn abgeholt, der sie unter den Schirm nahm und ins Dunkel davon ging. So blieben die beiden Gesellen beschimpft zurück und schleppten ihre Kisten in die Gastwirtschaft zur Stadt Kassel, um eine Erfahrung reicher, wie der Schneider Konrad Braun kleinlaut sagte: daß es nicht klug fei, sich in fremde Händel zu mischen.

Derantwörtlich: Dr. HanS Thhriot. Druck und D erlag: Drühlfche Univerfitätsdruckerei R. Lange, Gießen.