GiehenerZamilienbliitter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1938 Zreitag, den 17. Juni Nummer <6
Lady Hefter Stanhope '
EINE FRAU OHNE FURCHT
Von Maria Josepha Krück von poturzyn
Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
6. Fortsetzung.
In dem teppichbelegten Empfangsraum mit der hohen, gewölbten Decke, besprachen Sligo und Bruce die neuesten Uebersetzungen Theokritr. Schweigend hörte die Herrin des Hauses zu, ungeduldig spielten die seinen Finger mit Damast.
„Wer ist denn um's Himmels willen dieser Theokrit?" fragte sie gelangweilt.
Michael Bruce wandte die hübschen Augen ihr zu und antwortete mit schlecht verhehlter, nachsichtiger Zärtlichkeit:
„Madam, man könnte von Ihnen sagen, was einst von dem großen Lord Chatham gesagt wurde, von dem sie die letzten zwei Stunden erzählten: Ich weiß nicht, was erstaunlicher an Ihnen ist, ihr außerordentliches Genie oder Ihre außerordentliche Unkenntnis."
.Hefter, der niemand die Wahrheit zu sagen wagte, schwieg, und Sligo freute sich über den Triumph des Freundes.
Bruce, der Erbe von Crawford Bruce & Co., glaubte sich am Ziel. Wenn Hefter eine Lady mit berühmtem Namen war und er nur eines Bankmanns Sohn, so konnte er ihr seine ganze Jugend und zwanzigtausend Pfund im Jahrx bieten — wenn einmal sein Vater starb. Er bat, bestürmte, tzefchwor sie, seine Frau zu werden.
Hefter sagte nein. Er war dreiundzwanzig Jahre alt, begabt und verwöhnt. Sein Leben würde erst beginnen, ihres war gelebt. Ein großer Staatsmann sollte er werden — nie würde sie in seinem Wege stehen!
Der Freund fiel aus allen Himmeln. Konnte man eine Fran wie Hefter Stanhope lieben und nicht heiraten? Er hielt auf Bürgerlichkeit und Ordnung, trotz seiner Streiche im Mittelmeer. Aber alles, was er sagte, prallte gegen den Felsen von Hefters einmal gefaßtem Entschluß. Er sah, daß sie litt — einmal sand' er sie in tiefer Ohnmacht und brachte sie kaum zum Leben zurück, Gift lag neben ihrem Lager — aber sie verbat sich jedes Wort, das Heirat betraf.
James Stanhope schrieb aus Gibraltar in Zorn und Verachtung, General Oakes bedauerte tief, was fick zugetragen, und Mr. Crawford Bruce, der Vater in London, höhnte, daß fein Sohn, der die Hand der Erbin von Lord Wellesley. Indiens stolzem Vizekönig, erstreben konnte, mit einer alternden Dame seine Laufbahn beenden wolle.
Bruce tobte: Sligo reiste nach Gibraltar, um James zu beruhigen. Pitts Nichte aber schrieb dem erzürnten alten Htrrn, sie verspreche, seinen Sohn niemals an sich zu ketten, wenn seine Zeit gekommen sei, nach England zurückzukehren.
Vielleicht beruhigte sich Bruce Senior darüber, vielleicht hielt er es für eine List, den jungen Sohn in verbissenem Hoffen festzuhalten. —
Hefter hustet immer noch. Meryon, der sich die Langeweile als gesuchter Arzt in den Harems der Türken vertreibt, preist Brussas warme Wasser. Sie mieten drei Villen dort unter dem schneeigen Gipfel des asiatischen Olymp, zu ihren Füßen liegt eine Stadt mit hundert Moscheen, ein sanftgrllnes Tal. Durch blühende Mandeln reiten sie mit den herrlichsten Pferden der Welt — beide in Breeches: sie essen Pilaw und Hammelfleisch in Weinlaub gewickelt, und während Bruce, lang, schlank, tadellos gekleidet und frisiert, auf der Terrasse der Grünen Moschee seine Zeit verträumt, sitzt Hefter zu Hause und schreibt Briefe, von denen weder er noch der britische Gesandte in Konstantinopel etwas erfährt.
Der Kriegszustand erlaubt nicht, daß englische und französische Untertanen freundschaftlich miteinander verkehren. Lady Stanhope muß sich daher in aller Heimlichkeit an Monsieur Latour Maubourg, den fvanzö- sischen Geschäftsträger in der Türkei, wenden. Denn sie wünscht Einreiseerlaubnis in Napoleons Land!
Die Sache ist nicht leicht. Doch Latour Maubourg will der kapriziösen Engländerin gerne gefällig sein, die ihm aus dem Bosporus mehrfach ein Stelldichein gegeben, was den englischen Kollegen aufs höchste entrüstete. Natürlich kann der Franzose nicht ahnen, was sein Schützling schon in Malta Dr. Meryon erklärt hat: „Ich will nach Frankreich reisen, wenn es geht, um Napoleons Charakter zu studieren. Und dann nach England zurückkehren, um gegen ihn zu arbeiten."
Napoleons Pariser Kabinett ist unhöflich: Lady Stanhope bekommt kein Visum. Latour Maubourg bedauert unendlich. Hefter zuckt die Achseln. Mit diesem Schreiben, das von Paris nach der Türkei ging, lenkte die Macht des Schicksals ein Menschenleben. —
Brussa könnte ein guter Traum sein, mitten in Blumen und blauem Himmel. Türkische Würdenträger, die europäische Fraueü nicht mehr zu würdigen pflegen als eine Herde von Schafen, lädt sie zu sich. Ob Mylady nicht wisse, daß Türken nicht bei Ungläubigen essen, weil sie keinen Wein trinken und verachten, lange bei Tisch zu sitzen? fragt Meryon, der in aller seiner Bescheidenheit eifersüchtig ist auf jeden Fremden, der Mylady naht. Sie weiß wohl — aber wann hat für sie je eine Regel gegolten?
Sie kommen, die Türken, kennen nicht die Bestimmung von Messer und Gabel, Roastbeef und Apfelpastete, aber sie sind begeistert, trinken von jedem Wein drei Gläser voll, und wenn Mylady etwas sagt, berühren sie mit der Hand Mund und Stirn und beugen tief die dunklen, krausen Köpfe.
„Wieso kommt es daß du verstehst, mit den Türken umzugehen und jeder tun muß, was du willst?" fragte Bruce mit gerunzelten Brauen.
„Ich habe eben meine eigene Methode gefunden. Pitt sagte einmal ..."
Bruce hörte nur mehr halb. Hefters Erfolge bei den Türken fangen an, ihn zu beschäftigen.
Ja, Brussa könnte ein guter Hraum sein, wenn nicht mitten in der Nacht die langen Stunden kämen, in denen Hefters Herz unerbittlich zu den Sternen schreit, um den Sinn ihres Lebens, um das Ziel von Leid und von Glück...
„Wie wäre es mit Aegypten? Sicher würde das Klima dir gut tun", meint eines Tages Michael Bruce. Er weiß nicht mehr, ob er hoffen oder verzweifeln soll. Er weiß nur, daß er diese Frau nicht verlassen kann.
„All right“, antwortet Hefter.
Schon waren sie auf halbem Weg im Mittelmeer, da brach ein Herbst- stürm los, daß die Luftgewalt und nicht mehr der Kapitän das Steuer führte. Zwölf Stunden lang kämpften sie mit den Elementen, gegen Abend wurde alles an die Pumpen gerufen; das Schiff war leck.
Mylady ging umher, brachte den Matrosen Wein und scherzte Über die Gefahr. Bruce und Meryon pumpten auf Leben und Tod. Aber das Schiff sank unaufhaltsam. Schon warfen sich zwei Griechen gottergeben zu Boden.
„Ein Felsenriff! Heilige Maria!"
Mit vierundzwanzig Menschen, die nichts als Geld und Waffen retten konnten, in heulendem Sturm und prasselndem Regen, gelangte das Rettungsboot zu den Felsen. Es war fünf Uhr nachmittags. Hinter ihnen sank das Schiff.
Ein Fels ohne Menfchenfpur und Wasser! Die Männer berieten. Wo war man gestrandet? Immer kälter blies der Wind, und die Nacht brach« herein. (
„Mylady, all ihr schöner Schmuck verloren — und meine Medikamente!" jammerte der Doktor.
„Wenn ich wenigstens Feuer machen könnte für dich", sagte Michael Bruce und blickte aus seinem triefenden Jungsgeficht auf die zerlumpten, klitschnassen Reste einer Damenkleidung.
Hefter lachte — wahrhaftig — sie lachte zwischen klappernden Zähnen. Sie selbst hatte nichts gerettet als den blutigen Handschuh General Moores, den man ihr vom Schlachtfeld geschickt, ein kleines Bild von Pitt und vierzig Gumeas.
„Ich versuche mit meinen Leuten Land zu erreichen", erklärte der griechische Kapitän, „Rhodos muß nicht fern sein. Ich komme zurück, Sie zu holen —"
„Unmöglich", mahnte Bruce auf englisch, „die Kerle kommen nie wieder!"
Hefter zuckte die Achseln: „Laß sie gehen — wir werden uns selber helfen!"
Im Morgengrauen, zwei Stunden später, loderte eine Flamme auf gegen Norden, die Leute hatten Land erreicht.
Aber es wurde Mittag, es wurde Abend, die Kleider waren wohl .getrocknet, doch in Fetzen zerfallen, die Mägen nüchtern feit zwei Tagen. , Und niemand kehrte wieder.
„Verdammt!" murmelte Bruce einmal übers andere.
Hefter sah an den Felsen gelehnt und erzählte:
„Pitt war immer für einfache Nahrung. Wenn er zu Banketten ging, blieb er hungrig. Nichts aß er so gern wie Schwarzbrot und Käse in einem sauberen Bauernhaus von Kent..."
Sie lächelte. Aber weder Bruce noch Meryon waren davon erbaut, ihre Mienen blieben düster. Schließlich, als Mylady verstummte und in Schlaf versank, atmeten sie beide auf.
Nach Sonnenuntergang, vor der zweiten Nacht, erschien das Boot. Es waren Matrosen, allein, ohne Kapitän — betrunken.
»Dal" Sie warfen, blöde lächelnd, Käse, Schnaps- und Wasserflaschen


