Ausgabe 
17.6.1938
 
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hin:und jetzt segeln wir zurück euch holen wir morgen trieb ^«Michael Bruce sprach kein Wort Griechisch, aber nachdem der dreißig- stündige Hunger gestillt war, donnerten seine englischen Fluche so deutlich durch die Nacht, datz den Leuten der Schreck in die Glieder fuhr. Mur­rend halfen sie ollen ins Boot.

Die Wellen gingen hoch, durchnäßt aufs neue, in stockschwarzer Fin­sternis ruderten die betrunkenen Griechen dahin, und als sie endlich den Strand erreichten, war weit und breit kein Schutz als eine enge Wind­mühle. Die Männer lagerten tm Freien, ihr Feuer verlöschte in einem Wolkenbruch. . ~ r. .

Entsetzt kam die Zofe aus der Mühle gestürzt:Da i)rinnen sind Ratten!" Ihr englisches Gemüt zog das Freie vor, trotz Regen und Kälte. Nur Mylady verschmähte es, vor Ratten zu weichen. Ms Bruce sich unmerklich zu ihr schlich, lag sie in tiefem Schlaf auf einem Bündel Stroh, in dem das Ungeziefer scharenweise krabbelte.

Am Morgen, nach achtstündigem Marsch, erreichten sie das erste Dorf auf Rhodos, Lindo, die Stadt der Dorier, wo unter der verfallenen Akropolis türkische Häuser mit den Wappen der Johanniter standey. Frauen gaben selbstgesponnenes Sinnen für die Schiffbrüchigen, und des Abends tanzten den Fremden zu Ehren Bauern um Feuer. Da nahm auch Hefter Michael Bruce an der Hand und tanzte zur griechischen Melodie den alten pyrrhischen Tanz. Fieber schüttelte ihren Körper, aber ihre Blicke leuchteten.

Was hatte nur Bruce? Er lieh kein Auge von ihr.

Bruce?" fragte sie vorwurfsvoll.

Er dämpfte die Stimme, sein Atem ging rasch.

Was bist du für ein Wesen? Ich habe deine Augen nie so strahlend gesehen... Mir scheint, der Schiffbruch hat dir Freude gemacht.

Still, der Tanz ist schön"

Er konnte nicht ahnen, daß ein Seltsames in ihr geschah, auf das sie selber lauschte. Schleier verdecktem was bisher war, in blendender Helle formte sich ein Weg...

Als Dr. Meryon aus Smyrna Geld brachte und alle Kleider, die es zu kaufen gab, wählte Hefter, lachend und spielerisch, Turban, gestickte Weste, Pantoffeln und Waffen eines Türken.

Vor Rhodos, im Dezember 1811, brach nicht nur ein Schiff, sondern auch ein Leben entzwei. In türkischen Männerkleidern fand die Nichte des großen Pitt nicht mehr nach Europa zurück. Bor Hefter Stanhope öffnet« sich der Osten. Sie war fünfunddreißig Jahre alt.

Ritt im Mondschein.

Der Kapitän einer englischen Fregatte erfuhr den Schiffbruch Lady Stanhopes auf seinem Weg von Smyrna nach Alexandrien, legte vor Rhodos an und kam heil nach Aegypten.

Mylady erlauben, daß ich Sie darauf aufmerksam mache: Ihr Aus­zug entspricht nicht der Kleidung eines Türken von Rang. Wenn schon, denn schon." So tadelte der brittsche Generalkonsul für Aegypten mit zynischem Lächeln.

Also verwendete Hefter fünf Tage darauf, sich nach Vorschrift anzu­ziehen. Für schweres Geld wurden kostbare Kaschmirschals, goldbestickte Mäntel, scharlach?ne Hosen und wunderbare Säbel gekauft. Bruce er­klärte, als sie in vollem Schmuck erschien, Hefter gleiche einer griechischen Göttin in türkischer Verkleidung! Dr. Meryon, dessen schüchterne, harmlose Jugend sich hinter einem schweren Männerbart zu verstecken begann, wagte nur ein verzücktes Lächeln. Die. Zofe hatte es am schwer­sten; Mylady befahl auch sie In Hosen und auf den Männersattel wo sie bisher um jeden Preis englische Illusion aufrechterhalten, den grie­chischen Hausherry auf Rhodos Philippaki in:Philipp Parker" u-mge- tauft-hatte und den Janitscharen MustaphaMister Farr" nannte!

Durch eine sternklare Nacht ging der Weg zu den Ruinen von Memphis. Ein europäischer Historiker erklärte bei ausgehender Sonne, daß und wieso die Pyramiden nichts als raubsichere Grabkammern seien und die Sphinxe der rohe Beginn einer frühen Skulptur ... Ein fran­zösischer Arzt lud in Kairo zur Oefsnung der neuesten Mumie ein, zog Zähne aus den erhaltenen Kiefern, um zu beweisen, daß es krache wie im Munde eines Lebenden.

Wie interessant!" rief Bruce.

Hefter antwortete mit einem hochmütigen Lächeln auf der^ feinen Lippen: -

Ich habe gehört, daß die berühmtesten Chirurgen von Paris die Umwicklung der Mumien studierten und nicht imstande waren, etwas Aehnliches auszufllhren trotzdem das Modell vor ihren Augen lag. Das ist eure Wisienschaft, euer Zeitalter!"

Euer? Unseres doch!" verbesserte Bruce, aber die Freundin beachtete es nicht.

Der türkische Statthalter von Aegypten, Mehemet Ali, sandte fünf silbergeschmückte Pferde, Mylady zum Palast zu laden, und erlaubte ihr, bis zum inneren Gitter zu reifen. Noch nie hatte er eine europäische Frau empfangen! Kopf an Kopf stand Kairos Bevölkerung auf den Straßen, solches Ereignis muhte gesehen werden, ehe es Glauben sand.

Mehemet Ali erhob sich sogar von seinem Diwan, bot Kaffee aus chinesischem Porzellan mit eingelegten Steinen, übersah gnädig, daß Mylady die Pfeife abwies. Ihre leise, melodische Stimme fragte auf französisch, wie es um die neuen Befestigungen Aegyptens stehe, ob Napoleon dem Lande großen Schaden zugefügt und der Staat das Monopol für Getreide und Baumwolle besitze?

Mehemet Ali, der sich von einem albanischen Soldaten zu fürst­lichem Rang erhoben, kniff die Augen zusammen. Diese Frau konnte nützlich oder gefährlich fein. Und er entschloß sich, etwas zu tun, was er nie einem Weibe zulieb geschehen ließ: die Truppen mußten vor ihr defilieren.

Mylady saß zu Pferd, zwischen Mehemet Ali und Bruce, gleich einer Statue, unwahrscheinlich groß, blond, leuchtend weiß die Haut

und tiefblau der Blick. Rings begann man -u flüstern, ob dieses Geschöpf nicht doch ein Mann fei ein unehelicher Sohn des Statt- Halters vielleicht? Wie hätte er sonst verzeihen können, was alles sie tat? Mylady ging zu den Witwen jener Mamelucken, die Mehemet Ali hatte hinrichten lassen, und erzählte ihm selbst von ihren Besuchen.

Eines Tages neigte sich der Sohn des entthronten letzten Paschas, Oberst der Kavallerie, vor der Engländerin. Das Gebiß lachte aus bron­zenem Braun, die Augen waren wie das Geheimnis eines ganzen Volkes. Bousuf hieß er und sie verstanden sich nicht ohne Dolmetsch. Er zeigte Pferde Träume von Pferden! er lieh sagen, unter feinen Truppen gehe ihr Name von Mund zu Mund. Am dritten Tag schenkte er ihr Erde von des Propheten Grab.

Warum das alles?" fragte sie.

Er fah sie seltsam an: n . _.

Vor vierzehn Jahren ist Napoleon in Aegypten gewesen. Er war ein Ungläubiger, aber ein Held, und so begriff er mehr als die übrigen Franken. Er ritt an einer Höhle vorbei und wußte: hier liegen die goldenen Schätze Aegyptens ... Aber als fein Arm sich "ach ihnen streckte, wurde er augenblicklich gelähmt. Napoleon verlor nicht den Mut. Er ordnete seine Kavallerie zum Angriff. Doch, Mylady, verstchst du das? Manner können nicht mit Dämonen kämpfen er muhte sich zu- rllckziehen ohne die Schätze Aegyptens. Und unsere Leute pflanzten einen Baum un der Stelle, wo er damals übernachtet hat.

Was fall das mit mir?" fragte Hefter.

Unter uns geht eine Sage, daß ein Weib aus dem Westen kommen und" uns zu Macht und Glück führen wird."

Er beugte sich tief, er wagte nicht, die Augen zu erheben.

, Dieses Weib bist du, Königin! Du bist im Westen geboren, aber Mohammeds Stamm verwandt ... Kannst du nicht reiten wie einer von uns?! Du wirft die Schätze unserer Erde heben! Komm nach Damas- kus, in unsere heilige Stadt, dort werden wir dich empfangen, wie es deiner würdig Königin!"

Hefter hörte mit geschlossenen Augen. Ihr Gesicht erblaßte. Königin schon einmal hatte sie das Wort gehörst von jenem armen Narren in England'. ,Pady Stanhope wird Königin im Osten sein."

3d) komme!" sagte' sie laut.

Der glitzernde Zauber des Ostens berührte ihr Herz, umwallte ihr Haupt. Wahrend ihr weißer Körper in den Armen des Engländers Bruce entschlief, brach aus den sternhellen Nächten Aegyptens, in irren Träumen um künftige Macht, ein Schicksal herein, das fremd war allem, was sie bisher erlebt.

Aber es war, trotz aller Erfolge, nicht Aegypten, das sie begeistern konnte. Das Land mißfiel Hefter. Kairo hatte enge Straßen, die Ein­wohner schlechte Augen, es stank nach faulem Fleisch und in Rofetta wurde man von Fliegen erstochen.

Zwei Ehrengarden gab Mehemet Ali, der Statthalter, mit auf den Weg, als Mylady sich entschloß, zu Schiff nach Jaffa weiterzufahren.

Syrien war kein Boden für Liebende. Hier herrschte die Sitte, daß männliche Reisende getrennt von den Frauen in Klöstern untergebracht wurden und das Unerhörte geschah: Lady Stanhope fügte sich. Sie nahm im Hause eines Konsuls Wohnung, und der Freund mußte mit Meryon im Franziskanerkloster schlasen. Bruce murrte:Seit wann gilt eine Sitte auch für dich?"

Die Antwort konnte er sich im voraus denken:Wenn Ich selbst sie billige!"

Vielleicht kam es nur davon, daß ihre Gesundheit durch die An- ftrengungen der Reise gelitten hatte, mehr als sie es eingestand. Michael Bruce schwor sich, ein guter Kamerad zu sein, heitere Miene zu machen, wenn sie sröhlich schien, und zu schweigen, wenn sie schweigen wollte. Aber seine Sorgen wurden nicht geringer, als die Karawane weiterzog.

Er selbst hatte Meere und Länder durchstreift und orientierte sich gewandt in fremdem Kontinent. Doch was sich nun an Hefter vollzog, das hatte er noch nicht erlebt. Sie allein bestimmte ihren Ritt kreuz und quer durch Palästina, von Jaffa nach Jerusalem über Haifa nach Naza­reth, an der Templerburg Mit vorbei nach Akkon scheinbar planlos, in der Auswahl eines Reisenden, der Muße und Geld hat. Aber es war ein schweigsamer Wille in allem, was sie befahl, die traumhafte Sicher­heit eines Menschen, der im Mondlicht über Dächer wandelt. Im rich­tigen Augenblick lief ihr der geeignete Türke über den Weg, vor jeder Stadt kam ein Bote entgegen, das Haus eines Reichen anzubieten, ein Wort von ihr genügte, jeden Araber und jeden Türken zu bezaubern. Allerdings sie sah schön aus in ihrem türkischen Scharlachdreß, eigens für die Reise zusammengesteltt; überall hielt man sie im ersten Augen­blick für einen jungen bartlosen Bei; die Bewunderung wurde Be­geisterung, wenn der Bei sich als- Frau der Europäer enthüllte. Prin­zessin! hieß es Und bald: Tochter des englischen Königs!

Bruce wurde eisersüchtig, nid)t-auf einen Mann, sondern auf ein . Land. Wohl gab es immer noch gestohlene Augenblicke, da sie chm Zärtlichkett bezeugte in der ganzen ungebrochenen Kraft eines nie ver­geudeten Frauentums. Ader mit den Scheichs verhandelte sie allein,, nie­mand als sie verteilte Geschenke, alle Freipässe lauteten auf Ihren Namen. Und wenn er daran zu rühren wagte, kam eine Hoheit über sie, daß die Lust dünn wurde zwischen ihnen beiden.

An solchen Tagen klagte die Dienerschast über Mr. Bruces herrische Launen, und Hefter zog Meryon, diesen unerwünschten Dritten, geflissent­lich in ihren Kreis. Dann kam es vor, daß Bruce, während er über syrische Erbe ritt, an England dachte und sich für einige Tage empfahl. Aber er kam bald wieder zurück, reuig und neu begeistert, meist mit irgendeinem Europäer, den er oufgelefen; einmal mitScheich Ibra­him", dem berühmten Burkhardt, der jedoch mit all feiner Gelehrsamkeit keine Gnade vor Hefters Augen sand. Natürlich wolle er sie nur über­reden, Tyrus anzusehen,diesen Hausen alter Steine!"

(Fortsetzung folgt.) --"