Ausgabe 
17.6.1938
 
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Heim Kuckucksruf.

Von GeorgBritttng.

Wenn in Italien der Kuckuck schreit. Früher als bei uns, Anfang April, Weingärten weit und breit, Und Grillen zirpen schrill, Kein Baum zu sehn, daß man sich wundern mag, Wo denn der Vogel steckt. Der diesen heißen Tag

Mit seinem Schrei erschreckt

Oh, unsre Buchenwälder, kühl und naß Und würzig dampfend, hölzern Faß, Drin Licht wie Wein in goldenen Strömen rinnt I Wenn dort des Unbehausten Baß erschallt, Sommer beginnt, der Fluß hinwallt, Dem Roß vorm Wagen blitzt der blanke Huf, Der Wanderer sitzt im Moos beim Uferstein Und schaut in Ruh den Silberfischen zu, Die springen tropfend hoch im Abendschein

Verwandlung, tröstlich, bk der Vogel schuf: O Deutschland mein beim Kuckucksruf!

Das Bett.

Von Heu:ybert Menzel.

Als ich die Aufnahmeprüfung für die Obertertia des Realgymnasiums zu Schwiebus, bestanden hatte, gab es in keinem Hutgeschäft die vorge­schrieben« blaue Samtmütze für Schüler dieser Klaste. Ohne eine solche Mütze aber wollte ich auf keinen Fall nach Hause fahren. Sie sollten es alle gleich wissen, wenn sie den Wagen und mich neben dem Kutscher erblickten: er trägt sie, die blaue Mütze, er hat die Prüfung bestanden, er ist (und dies für die Lehrerin hauptsächlich) wirklich in die richtige Klass« gekommen.

Mein Vater war ja nicht weniger stolz als ich, und so sah er es ein, daß wir die Mütze haben müßten. Aber die Verkäufer alle zuckten be­dauernd di« Schultern: aus Samt gebe es eben keine mehr in dieser chrecklichen Zeit, wir müßten wohl doch zu der aus Papier uns ent- Meßen. Die wäre doch auch ganz hübsch, auch haltbar, gewiß, sie sei a nicht aus gewöhnlichem, sondern geflochtenem Papier, ein wahres Kunstwerk sozusagen.

Wir befanden uns in der Zett, da alle zwei Stunden die Preise in Die Höhe kletterten, wenn wir uns nicht bald zu dem Kauf entschlossen, würde die Mütze vielleicht noch das Doppelte kosten. Wir nahmen also endlich die aus Papier. Stolz setzte ich sie auf, mein Vater zahlte bte 50000 Mark, und nun machten wir uns auf, eine Pension für mich zu suchen. Wir sanden sie schließlich bei jungen, freundlichen Leuten, die ein Zimmer und alles sonst für mich hatten, nur die Bettwäsche nicht und das Bettgestell. Als sie aber sagten, sie wüßten vielleicht, wo wir recht billig ein solches Bettgestell kaufen könnten, hielt es mein Vater für das beste, auch das gleich zu besorgen.

Seit ich meine neue Heimat gesehen, kam zu meinem Stolz über die bestandene Prüfung doch auch die Ahnung jener Stunden, da ich in dem kleinen Zimmer bei diesen zwar, freundlichen, aber doch fremden Menschen das Heimweh lernen würde, und ich sah mit eins den Vater schon wie aus der Ferne: o, es gab keinen besseren als ihn. Von seinem kleinen Gehalt wollte er alles für mich bestreiten, hohes Schulgeld kostete ich nun und nicht wenig Pensionsgeld, und Bücher brauchte ich viele, und Schul­hefte und bessere Anzüge und nun gar ein neues Bett.

Ich bat ihn sehr, doch kein zu teures zu kaufen, was würde die Mutter >uch sagen. Und er versprach mir auch das. Als wir dann freilich vor ^em Bett standen, waren alle meine edlen'Regungen überflüssig gewesen. Tier stand ein Bett, wie es sich wohl durch Generationen schon vererbt »alte, der Wurm saß bereits darin, und ein Strohsack gehörte dazu.

Nun, ich habe dann in den nächsten Jahren ganz gut darin geschlafen, sesser als später in den anderen Betten. Ader nein, das ist vielleicht doch ibertrieben. Wie viele, viele Nächte habe ich nicht in ihm wach gelegen! Hein, nicht aus Liebeskummer so sehr, obwohl auch das vorkam, viel- Mefyr der Bücher wegen. Wann sollte ich sie den alle lesen können, wenn ^lchts nachts? Wenn man ein Buch wieWinnetou" etwa, des Nach- nittags in die Hand bekam, wie hätte man es um 10 Uhr abends wirklich ortlegen können? Das Zimmerlicht freilich durfte ich nicht wieder an= Zipfen, aber unter der Bettdecke dann, mit der Taschenlampe, da konnte ch weiter bei den Indianern sein.

So habe ich später auch Storm und denTaugenichts" gelesen, und nimer andere Bücher, bis es ganz schlimm mit mir wurde und ich ' berhaupt kaum noch von den Büchern loskam, weil ich auch ein Dichter öerben wollte. So las ich und schrieb ich im Bett, und mitunter suchte ich wir irgendeine Krankheit aus, um auch tagsüber weiterlesen zu können. ;km besten roars, man erkältete sich. Das ist bestimmt zu empfehlen, nan darf weiter essen und trinken, was einem schmeckt, ja, man wird t*gar ganz besonders gut gepflegt. Aber daraus kommt jeder sehr schnell, '»ch war zuerst magenkrank. Das war das dümmste, weil es allen Pen- loiismüttern Die liebste Krankheit ihrer Pfleglinge ist. Sie sparen enorm «bei. Man wird nur einmal magenkrank als Schüler.

Daß ich also kein Musterschüler mar, ist wohl nun eingeftanben. Aus ugenb wird Untugend, es ist seltsam im Leben. Ich hatte noch mehr sicher Tugenden. Nun wäre es freilich übertrieben, wollte ich hier i'klären, es fei schließlich so gewesen, daß überhaupt nicht mehr mit frtr auszukommen gewesen wäre. Aber so ähnlich war es.

Unb so klappte ich denn eines Sonnabends, kurz vor Weihnachten, 0 5 ich in der ßateinftunbe der Unterprima einen neuen Tadel erhielt, Peine Bücher zu, verließ dk Klasse, verließ die Anstalt und hatte zu­

nächst .ein paar freie Tage. Jetzt darf ich mich loben: Mein Abgangs« zeugnis war trotzdem nicht schlecht. Ich fuhr also nach Crossen an bet Ober, in die schöne, in bie glückliche Stadt an den östlichen Strom, und ich wurde gern in die gleiche Klasse ausgenommen. Bei Muttel Maetzk« fand ich bie Pension. Sie lag schön an der Ober, auf der Seite ber Wein­berge, mit dem Blick auf bie Türme ber Stabt. Sechs Jungen wohnten schon dort. Und sie haben über meine Aufnahme mitzubestimmen gehabt. Ich war sehr stolz darauf, daß sie mich In ihre Kameradschaft aufnehmen wollten, es waren prächtige Kerle.

Als ich nun nochmals nach Haufe fuhr, rief mir Muttel Maetzche noch nach:Ihr Bett aber vergessen Sie nichts

Das ging mir rote ein Stich durch bie Seele. Denn ich war eitel geworben, unb ich hatte bie Betten hier gesehen, sie waren in nichts mit meinem zu vergleichen. Ja, sie hatten wohl nicht einmal einen Strohsack.

Nun, es hals mir nichts, baß ich das zu Haus erzählte. Mein Vater gönnte mir sogar den Kummer. Warum war ich auch von Schroiebus ausgerückt! Ein Vierteljahr vor der Versetzung nach Oberprima! Sicher würde ich sitzenbleiben. Dafür kauft ntan kein neues Bett.

Oben in ber Pension in Schroiebus schlug ich die Bretter bes alten gramvoll auseinander, umschnürte sie gut unb nochmals fester, aber keine Geröait ber Erbe würde mich zwingen können, mit dem wurm- Kigen Möbel selbst zum Bahnhof zu fahren. Ein Lohnmann hat es

n für mich getan. Auf dem Bahnhof gab ich es als Reisegut auf. Es war viel, was das kostete. Aber so ward ich es los, bis Crossen sah ich es nicht. Ein paar Kameraden unb Mäbchen tarnen mit burch bie Sperre, unb es war nur mein Koffer zu tragen. In ber Bahn bis Crossen war es mir bann auch klar geworben, baß ich, wie ich Schwiebus mit bem Bett nicht verlassen hatte, so auch in die neue Stadt und Pension nicht gleich mit ihm einziehen konnte. Ich kam ja bei Licht noch an. Wie vielen hübschen Mäbchen war ich nicht schon beim ersten Besuch in der Stadt begegnet. Sollten die mich nun mit bem Bett sehn? Unb was würden die Kameraden sagen! Ich hatte es bemerkt, sie trugen schon Shimmyschuhe. ,

Nein, ich mußt« zunächst mit dem Koffer allein ankommen. Das Bett mußte auf dem Bahnhof vorerst bleiben. Abends bann, wenn es glücklich dunkel war, konnte ich es wohl holen. Als ich in Crossen ausstieg, stand das Bett auch schon da. Es war pünktlich mit mir angekommen, bie Bahn war gewissenhaft, so rettete mich nichts, ich gab es aus bem Bahnhof gegen einen Schein zur Aufbewahrung.

Kaum hatte ich an ber Pension geklingelt, so wurde die Tür auch schon aufgerissen, bie Äameraben alle waren schon da, ich mußte gleich zu ihnen, und ehe ich in mein Zimmer kam, war ich schon auf ber Straße wieder, weil wir natürlich gleich in bie Stadt auf den Bummel muhten. Als. Neuer war man den Alten einfach ausgeliefert. Ms wir zum Abendbrot zurückliefen übers Eis, weil das schneller ging nickte auch Muttel Maetzke nur unb seufzte:Na ja, um kein Haar besser als bk anderen."

Wenn sie nun gar noch erfährt, daß bas Bett noch nicht hier ist! bachke ich in Sorge. Schon führte sie mich in mein Zimmer.Nicht mal ben Koffer haben Sie hereingetragen, (egen Sie nur gleich die Bettwäsche raus!"

Mein Gott, da stand ja ein Bett, genau so weih unb mit Matratzen wie bie anbern. Cs war wirklich mein Bett, wie ich erfuhr, als ich bange fragte, nur bie Bettwäsche hatte ich mitbringen fallen. Wie bantbar legte ich mich diesen Abend nieder. Noch einmal dachte ich lächelnd an das alte Bette, wie es zusammengelegt unb verschnürt auf bem Bahnhof lag. Mag es ber Bahnhof behalten! Auf bie andere Seite drehte ich mich glücklich und schlief ein.

Wer hätte das gedacht, baß die Bahngesellschaft in allem so peinlich ist! Nach drei Wochen, als ich an das Bett schon gar nicht mehr buchte, kam bie Anfrage an mich, ob ich es denn nicht enblich abholen wollte, bie Aufbewahrungsgebühr betrage schon 5,40 Mark. Ach, so viel war wohl bas ganze Bett nicht mehr wert.

Am Abend war ich auf bem Bahnhof. Er liegt weit außerhalb ber Stabt. So hatten denn bie Hotels vorn Markt einen Omnibusverkehr zu ihm eingerichtet. Im Winter ließen sie Schlitten fahren. Auf dem Schlit­ten besHotels zur silbernen Amsel" ist dann mein Bett endlich in die Stadt gekommen. Aber ich brachte es nicht über mich, es nun auch gleich mit in die Pension zu nehmen.Ich hole es morgen", sagte ich zu dem Kut­scher, und damit überließ ich mein Bett einem neuen Schicksal.

Ach, ich habe noch acht Tage darum zittern müssen, daß auch das Hotel mir noch einmal schreiben würde. Jeden Abend, roenm ich mit einem der Mädchen auf dem Bummel an derSilbernen Amsel" vorüber- kam, an der rechten Mauer des offenen Torweges lehnte mein Bett, wie verachtet. Wann würde der Wirt sich erzürnen, wann würde ich mich nochmals um es kümmern müssen?! Aber endlich, eines Abends, als ich wieder in den Torweg schielte, war die Mauer frei, war es beiseitege­schafft. Kein Brief war gekommen. Ich habe an dem Abend in ber Kon­ditorei Hoffmann noch fünf Stücke Torte bestellt.

Ich habe die Geschichte mit bem Bett bis bahin oftmals erzählt, selbst mein Vater hat sie mir verziehn. Ich glaubte nicht, daß sie noch eine Fortsetzung erfahren sollte.

- Das kam aber fo. Ich bin inzwischen nun boch so etwas wie ein Musterschüler geworben. Auf den Gymnasien zu Schroiebus unb Cros­sen fingen sie meine Lieder unb sprechen sie mein« Gedicht«, unb es mag fein, daß bie Deutschlehrer sagen: Ja, seht mal, baß er jetzt solche Ge­schichten schreiben kann, das hat er auch nur uns zu verdanken. Auf jeden Fall haben sie mir nichts nachgetragen, nein, sie haben mich doch gar beide eingefaben, in ihrer Aula zu lesen.

Und so bin ich dann auch mal wieder nach Crossen gekommen.

Wo hätte ich anders als in derSilbernen Amsel" übernachten sollen? Das hatte ich mir als Pennäler schon immer so gedacht für den Tag, da ich als Schriftsteller einmal roiebertäme, um in ber alten Aula zu lesen.

Es war aber gerade Jahrmarkt in der Stabt, unb dieSilberne Amsel" hatte schon genügend Gäste, nein, es sei kein Zimmer mehr zu