ausschafsen wollte, drang sie so heftig auf ihn ein, daß er den Degen I ziehen mußte, um sich ihrer zu erwehren. Allem sie entwaffnete den Mann und warf ihm den Degen zerbrochen vor die Fuße, infolgedessen er aus dem Regiment gestoßen wurde. Die tapfere Tirolerin aber heiratete nun den schönen Studenten, und zwar gegen den Willen der ©einigen, indem sie miteinander entslohen. Er trat in Königsberg in ein I preußisches Reiterregiment, dem sie sich als Marketenderin anschloh und in verschiedenen Feldzügen folgte. Hier zeigte sie sich so unermudllch tätig und geschickt, im Felde sowohl wie in den Garnisonen, als Kochm und Kuchenbäckerin, daß sie genug Geld verdiente, um ihrem Manne ein bequemes Leben zu b-reiten und auch etwas beiseite zu legen. Sie bekamen nach und nach neun Kinder, die sie über alles liebte und mit der ganzen Leidenschaftlichkeit, die ihr eigen war; aber alle starben hinweg, was ihr jedesmal fast das Herz brach, das jedoch stärker war, als all« Schicksale. Da aber endlich Jugend und Schönheit entflohen waren, erinnerte sich der Husar, ihr Mann, seines besseren Standes und fing an, feine Frau zu verachten; denn es war ihm zu wohl geworden in ihrer Pflege. Da nahm sie das ersparte Geld, erkaufte ihm den Abschied vom Regiment und lieh ihn ziehen, wohin es ihm gefiel, sein Glück zu suchen; sie selbst wanderte einsam wieder dem Süden zu, von woher sie gekommen wär, um ein Unterkommen zu finden.
In St. Blasien im Schwarzwald fügte es sich, daß sie dem Landvogt von Greifenfee, der eine Wirtschafterin suchte, empfohlen wurde, und so diente sie ihm schon seit zwei Jahren. Sie war mindestens fünf- I undvierzig Jahre alt und glich eher einem alten Husaren, als einer Wirt- [ schastsdame. Sie fluchte rote ein preußischer Wachtmeister, And wenn ihr Mißfallen erregt wurde, so gab es ein so gewaltiges Gewitter, daß alles auseinanderfloh und nur der lachende Landvogt standhielt und sich an dem Spektakel ergötzte. Allein sie besorgte seinen Haushalt auf das vortrefflichste; sie beherrschte das Gesinde und die Ackerknechte mit unnachsichtlicher Strenge, führte feine Kaffe treu und zuverlässig, feilschte und sparte, wo es immer möglich war und die Großmut des Herrn nicht dazwischen trat, und unterstützte wiederum seine Gastfreundschaft mit guter Küche so willfährig und wohlbewandert, daß er ihr bald die Wh- rung seines gesamten Hauswesens ohne Rückhalt überlassen konnte.
Durch alle Rauheit leuchtete dann wieder ihr tiefes Gemüt hervor, wenn sie dem Landvogt, der ihr aufmerksam zuhörte, mit ungebrochener Altstimme eine alte Ballade, ein noch älteres Liebes- oder Jägerlied vorsang, und sie war nicht wenig stolz, wenn der waldhornkundige Herr die schwermütige Melodie bald erlernte und aus dem Schlohsenster über den mondhellen See hinblies.
Als einst das zehnjährige Söhnlein eines Nachbars in unheilbarem Siechtum darniederlag und weder das Zureden des Pfarrers, noch dasjenige der Eltern das Kind in feinen Schmerzen und feiner Furcht vor j dem Tode zu trösten vermochte, da es so gerne gelebt hätte, so setzte sich Landolt, ruhig seine Pfeife rauchend, an das Bett und sprach zu ihm in so einfachen und treffenden Worten von der Hoffnungslosigkeit seiner Sage, von der Notwendigkeit, sich zu fassen und eine kleine Zeit zu leiden, aber auch von der sanften Erlösung durch den Tod und der seligen, wechsellosen Ruhe, die ihm als einem geduldigen und frommen Knäblein beschieden fei, von der Liebe und Teilnahme, die er, als ein fremder Mann, zu ihm hege, daß das Kind sich von Stund an änderte, mit heiterer Geduld seine Leiden trug, bis es vom Tode wirklich erlöst wurde.
Da drang die leidenschaftliche Frau Marianne an das Todeslager, kniete am Sarge nieder, betete andächtig und anhaltend und empfahl dem vermeintlichen kleinen Heiligen alle ihre vorangegangenen Kinder zur Fürbitte bei Gott. Dem Landvogt aber küßte sie wie einem großen Bischof ehrfürchtig die Hand, bis er sie lachend mit den Worten ab schüttelte: „Seid Ihr des Teufels, alte Närrin?"
Das war also die Schaffnerin des Herrn Obristen, mit welcher er sich ins Reine fetzen mußte, wenn er die fünf alten Flammen an feinem Herde vereinigen und leuchten lassen wollte.
Als er in den Schloßhof ritt und vom Pferde ftieg, hörte er sie eben in der Küche gewittern, weil die Hunde im Stall heulten und eine Magd versäumt hatte, denselben das Abendfutter abzubrühen. Das ist keine günjtige Zeit! dachte er und ließ sich kleinlaut in feinem Lehnstuhle nieder, um fein Nachtessen einzunehmen, während die Wirtschafterin ihm mit wetterleuchtender Laune vortrug, was sich alles während des Tages ereignet habe. Er schenkte ihr ein Glas Burgunder ein, den sie liebte, von dem sie aber nur trank, wenn der Herr sie dazu einlud, obgleich sie die Kellerschlüssel führte. Das milderte schon etwas ihren Groll. Dann nahm er das Waldhorn von der Wand und blies eine ihrer Lieblings- weisen aus den Greifensee hinaus.
. „Frau Marianne!" sagte er hierauf, „wollt Ihr mir nicht das andere Lied fingen, wie heißt's:
Wer die seligen Fräulein hat gesehn Hoch oben im Abendschein, Seine Seele kann nicht scheiden gehn, Als über den Geisterstein!
Ade, ade, ihr Schwestern traut, Mein Leib schläft unten im stillen Kraut!"
Sogleich fang sie das Lied mit allen Strophen, die auf verschiedene Gegenstände übersprangen, aber alle eine gleichmäßige Sehnsucht, ein Gewisses wiederzusehen, ausdriickten. Sie wurde von der einfachen Weife selbst gerührt und noch mehr, als der Landvogt die gedehnten Töne in die Nacht hinausziehen lieh.
„Frau Marianne!" sagte er, in die Stube zurücktretend, „wir müssen gelegentlich daraus denken, eine kleinere, aber ausgesuchte Gesellschaft wohl zu empfangen!"
„Welche Gesellschaft, Herr Landvogt? Wer wird kommen?"
„Es wird kommen", versetzte er hustend, „der Distelfink, 'der Hans- wurstel, die Grasmücke, der Kapitän und die Amfel!"
Die Frau sperrte Mund und Augen auf und fragte: „Was sind denn das für Leute? Sollen sie auf Stühlen sitzen, ober auf einem Stänglein?"
Der Landvogt war aber fchon in die Nebenftub« gegangen, um sich eine Pfeife zu holen, die er nun in Brand steckte. ... •.
„Der Distelfink", sagte er, den ersten Rauch wegblasend, „der ist ein schönes Frauenzimmer!"
„Und der andere?" ~ . ....
„Der Hanswurste!? Der tft auch ein Frauenzimmer, und auch schon m ©o'ginTes fort bis zur Amsel. Da die Wirtschafterin aber auch von diesen lakonischen Erklärungen nicht befriedigt war, mußter-der Herr Landvogt sich entschließen, endlich des mehreren von Dingen zu reden, über welche noch nie ein Wort über seine Lippen gekommen war
, Mit einem Wort", sagte er, „es sind das alle meine Liebschaften die ich gehabt habe und die ich einmal beisammen sehen will!"
Mer heiliges Kreuzdonnerwetter!" schrie nun Frau TOartanne^ die mit' noch viel größeren Augen aufsprang und zuhinterst an die Wand rannte, „Herr Landvogt, gnädigster Herr Landvogt! Sie haben geliebt und so viele! O Himmelsakerment! Und kein Teufel hat eine Ahnung davon gehabt, und Sie haben immer getan, als ob Sie die Weiber nicht ausstehen könnten! Und Sie haben alle diese armen Würmer an- geschmiert und sitzen lassen?"
Nein", erwiderte er verlegen lächelnd, „sie haben mich nicht gewollt!
''Nicht gewollt!" rief Marianne mit wachsender Aufregung; „keine einzige?" — „Nein, keine!" .
„Du verfluchtes Pack! Aber die Idee ist gut, die der Herr Landvogt ball' Sie sollen kommen, wir wollen sie schon herbeilocken und betrachten; das muh ja eine wunderliche Gesellschaft fein! Wir werden sie hoffentlich in den Turm sperren, zuoberst wo die Dohlen sitzen, und hungern lassen? Für Händel will ich fchon sorgen!" • .. ..
„Nichts da!" lachte der Landvogt; „im Gegenteil sollt Ihr an Höflichkeit und guter Bewirtung alles aufwenden; denn es fall ein schöner Tag für mich sein, ein Tag, wie es sein mähte, wenn es wirklich einen Monat Mai gäbe, den es bekanntlich nicht gibt, und es der erste und letzte Mai zugleich wäre!"
Frau Marianne bemerkte an dem Glanze ferner Augen, daß er etwas Herzliches und Erbauliches meine, sprang zu ihm hin, ergriff seine Hand und küßte sie, indem sie leise und chre Augen wischend sagte: „Ja, ich verstehe den Herrn Landvogt! Es soll ein Tag werden, wie wenn ich alle meine Heimgegangenen Kinder, die fellgen Englein, plötzlich bei mir hätte!" , x
Nachdem das Eis einmal gebrochen war, machte er sie nach und nach, wie es sich schickte, mit den fünf Gegenständen bekannt und stellte ihr dar, wie es sich damit begeben habe, wobei der Vortragende und die Zuhörerin sich in mannigfacher Laune verwirrten und kreuzten. Wir ! wollen die Geschichten nacherzählen, jedoch alles ordentlich einteilen, abrunden und für unser Verständnis ein richten.
Distelfink. "
Den Namen schöpfte Salomon Landolt aus dem Geschlechtswappen der Schönen, welches einen Finken zeigt« und über ihrer Haustüre ge- malt war. Mehr als eine Familie führte solche Singvögel im Wappen und «s kann daher der Taufname des ehemaligen Jungfräuleins, das Salome hieß, verraten werden. Oder vielmehr war es eine sehr stattliche Jungfrau, als Salomon sie kennen gelernt hatte.
Es gab damals, außer den öffentlichen Herrschaften und Vogteien, noch eine Anzahl alter Herrensitze mit Schlössern, Feldern und Gerichtsbarkeiten, oder auch ohne diese, welche als Privatbesitz von Hand zu Hand gingen und von den Bürgern je nach ihren Vermögensverhält- nissen erworben und verlassen wurden. Es war bis zur Revolution die vorherrscheiüie Form für Vermögensanlagen und Betrieb der Landwirtschaft und gewährte auch den Nichtadeligen die Annehmlichkeit, ihren ideellen Anteil an der Landeshoheit mit herrschaftlich feudal klingenden Titeln auszuputzen. Dank dieser Einrichtung lebte die Hälfte der besser- gestellten Einwohnerschaft während der guten Jahreszeit als Wirte ober Gäste auf allen jenen amtlichen oder nichtamtlichen Landsitzen in den schönsten Gegenden, gleich den alten Göttern und Halbgöttern der Feudalzeit, aber ohne deren Fehden und Kriegsmühen, im tiefften Frieden.
An einem solchen Orte traf Salomon Landolt, etwa in seinem fünf« undzwanzigsten Jahre, mit der jungen Salome zusammen. Sie standen zu dem Hause, von entgegengesetzter Seite her, in nicht naher 93er» wandtschast, so daß sie unter sich selbst nicht mehr für verwandt gelten konnten und doch ein liebliches Gefühl gemeinsamer Beziehung empfanden. Außerdem wurden sie wegen ihrer ähnlich lautenden Namen der Gegenstand heiterer Betrachtungen, und es gab manchen Scherz, der ihnen nicht zuwider war, wenn sie auf einen Ruf gleichzeitig sich umsahen und errötend wahrnahmen, daß vom andern die Red« fei. Beide gleich hübsch, gleich munter und lebenslustig, schienen sie wohlgesinnten Freunden für einander schicklich und eine Vereinigung nicht von vornherein untunlich zu sein.
Freilich war Salomon nicht gerade in der Verfassung, schon ein eigenes Haus zu gründen; vielmehr kreuzte sein Lebensschifflein noch unschlüssig vor dem Hasen herum, ohne auszufahren noch einzulaufen. Er hatte seinerzeit die französische Kriegsschule in Metz besucht, ^erft um sich im Artillerie- und Jngenieurwesen auszubilden, dann um sich mehr auf die Zivilbaukunst zu werfen, worin er einst der Vaterstadt dienen I sollte. In gleicher Absicht war er nach Paris gegangen; allein Zirkel und 1 Maßstab und bas ewige Messen und Rechnen waren seinem ungebundenen Geiste und seinem wilden Jugendmute zu langweilig gewesen, und er hatte teils einen angebornen Hang zum freien Zeichnen, Skizzieren und Malen gepflegt, teils durch unmittelbares Sehen und Hören sich allerlei Kenntnisse und Erfahrungen erworben, sonderlich wenn es auf dem Rücken der Pferde geschehen konnte; ein Ingenieur ober Architekt aber kam in ihm nicht nach Hause zurück. Das gefiel feinen Eltern nur mäßig, und ihre sichtbar« Sorge bewog ihn, wenigstens eine Stelle im Stadtgerichte zu bekleiden, um sich für Die Teilnahme am Regiment zu befähigen. Sorglos, doch liebenswürdig und von guten Sitten, ließ er sich dabei gehen, während tieferer Ernst und Tatkraft nur leicht in ihm | schlummerten (Fortsetzung folgt.)


