Ausgabe 
14.1.1938
 
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Der

mit daß bis

Die Dörfer, durch die- wir fahren, find bunt. Sie bestehen fast nur aus einer Dorfstraße, und diese nur aus einstöckigen Holzhäusern mit einer ebenerdigen Galerie. Nach der Straße hin ist das Haus nur Schattenhalle. Ein Erdstreifen mit zwei unterbrochenen Fluchten von Holzgalerien, das ist hier eine Dorfstraße. Die Häuser sind jedes in einer anderen Farbe angestrichen. Das Dorf ist bunt wie eine Schüssel Ostereier.

Und wir tauchen ins laute Havanna.

Im Meer der Gassen verirrt, schaue ich nach unserem Leuchtturm aus: der Kirchturm in der Nähe unserer Wohnung endet in einer gewal­tigen Marienstatue, die nachts durch verdeckte Lichter zu ihren Füßen hell erleuchtet ist: Maria, stella nautarum...

Bor der Hütte aber blühen die schönsten tropischen Blumen, und hinter ihr umrascheln die langen Bananenblätter auf baumstarken Stau­den, ihre eigene, lang herabhängende, melancholische dunkelviolette Blüte, der oberhalb der Kranz grüner Bananen gehorsam nachreifte.

Es gibt kleine, am Wege gesehene Ereignisse auf Reisen, man passiert im unvermeidlichen Streckeneinerlei aus der Fahrt in die exoti eben Räume unscheinbare Oertlichkeiten, die uns Weise und Art der Men chen und Eigentümlichkeit der Landschaften auf das Eindringlichste erleben lassen, die für die überschauende Erinnerung aus der Reihe des Ge­sehenen und Erlebten heraustreten und alles Offiziell-Charakteristische verdunkeln. Wir vergessen sie niemals. Wie ich nicht die Stunde jenes roten Nachmittags in der Mulattenhütte.

Und dann kehrten wir von der Dreitagefahrtheim", nach Havanna durch breite Annnasfelder, in denen auf rotem Grund die gelbliche, scharfblästrige Ananas gezogen wird, in ihrem schönen, strengen symmetri­schen Bau, scharf ausgerichtet in ihren Reihen, die schönste Feldfrucht, die man sich denken kann. Hinten im roten Feld steht die weiße einfache Ackerbauerhütte, Schwarze in weißen Kleidern lehnen lässig in der offenen Tur. Ueber die Hütte streckt sich in der abendlichen Windstille die * Königspalme, streckt feierlich ihre Wedel in den Abendfrieden hinaus.

An Kreuzwegen liegt eine Schenke, die Warenhaus zugleich ist.

'Biele kleine Pferde stehen davor, und Reiter auf Pferden, xdie mit ijerab ""e" t>c<an9>n kommen von allenthalben auf die Fahrstraße .

Gleich wird das Auto da fein, das die Milch für die Hauptstadt etnfammelt.

3n den Hainen der Palmen, deren weiße, geisterhafte Stämme von der Abendsonne rötlich angeglüht sind, erheben die am Tage schweigenden Vögel ihre Stimme, man hört fremdartige Rufe, man wird eine neue Bogelfprache in neuen Ländern erlernen müssen. Nur die Spottdrossel, mit ihrem Talent, andere Bogelstimmen nachzuahmen, kennen wir schon heraus.

Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. Druck und Verlag: Brüh Ische Universitätsdruckerei A. Lange, Gießen.

rohr ist Kubas Reichtum, nach der Marktkonjunktur für Zuckerrohr richtet sich Blüte ober Krise der Staatsfinanzen der Republik wie der Privatleute. Der Stand des Zuckerrohrmarktes spiegelt sich in den Ge­sichtern der Kubaner, ihre gute Laune bestimmt der Zucker. Hat man sich durch einige Freundlichkeit herkömmlicher Redensarten bei Halten am Wege Zutrauen ober Zuneigung ber bräunlichen ober schwarzen Insu­laner erwarben, so schenken sie einem eine geschälte Stange von Zucker­rohr, an ber man auf ber Weiterfahrt über bem Steuerrad kaut. Es ist dasselbe patriarchalische Geschenk wie in Serbien ein Gläschen Zwetsch- genfchnaps ober in Griechenlanb eine Schale Wein.

Die Königspalme! Das ist Kubas Charakterbaum. Hoch unb gerade ist ihr Stamm, hellgrau, oft weißlich, in halber Höhe zu einer Ver­dickung an- und wieder ausiaufenb; und bann enbet plötzlich der weiß­graue, aus feinen Kreisen sich aufbauendeStamm", um sich in einem hellgrünen, glatten, schlanken Halse fartzusetzen, ber sich halb zum schönen Kopf ber dichten Wedel entfaltet. Aus bem Hcllsanfatz entspringt ber nackte gelbe, bis rötliche Blütenstand, er sieht aus wie eine feine, duftige Halsbinde, wie dasFichu" eines Stutzers der Rakakozeit. Der Bau steht in der Landschaft, namentlich an den (jetzt im Winter trockenen) Wasserläufen der sommerlichen Regenzeit, findet sich aber auch zu Hainen und Wäldern vereinigt und ersteigt in Trupps unb allein die Flanken ber nieberen, aber scharf verwitternden (daher diente de perro, Hunds­zahn genannten) Kalkzüge im Rückgrat der Insel, und steht oft allein und majestätisch oben auf dem Grat vor dem himbeerroten Abendhimmel. Die^Königspalme verdient den Namen des königlichen Baumes.

vafrrt auf Kuba.

Von Josef Ponten.

Das ist eine große .anfei, ihre Länge kommt etwa ber Erstreckung der deutschen Seeküsten gleich, die Breite aber mag im Mittel nur die der Provinz Pommern sein es ist deutlich, daß der milde Einfluß des umgebenden Meeres überallhin unb ausgleichend wirkt. Eines warmen Meeres! So ist denn Kälte auf Kuba fast unbekannt, bas Klima nähert sich hier unter bem Wendekreis dem tropischen, das außer durch Wärme und Feuchte durch Vereinfachung der Jahreszeiten und große Stetigkeit gekennzeichnet ist. In Havanna ist es im Mittel 26 Grad warm, die Warme steigt im Sommer nicht über mittel 28 und fällt im Winter nicht unter mittet 22) Grad. Unb auch absolut genommen: sehr selten steigt das Thermometer an einem einzigen Tage über 32, unb sehr selten sinkt es unter 10 Grab. Diese Milbe des Himmels wird Gestalt in manchen Zügen üon Charakter und Lebensweise der Menschen, im Hausbau und anderem. In Havanna sind die Straßen des alten spanischen Stadtteils eng, ein j)aus sucht den Schotten des anderen wie Schafe sommers in einer offe­nen Hürde, die Stockwerke sind unmöglich hoch, Türen unb Fenster sehr schmal, das häusliche Leben spielt sich hinter schönen im Fenstergewände stehenben Gittern, unbekümmert über die Sicht ber Straße ab Wo aber bas Haus in ber Sonne steht, z. B. an ber Uferstraße Malecon, einer ber schönsten Uferstraßen, bie ich kenne, ober an ber Promenadestraße tßrabo mit ihrem marmornen Wanbelgong unb den vielen bronzenen , wen inmitten (bald wird es in der Welt mehr bronzene Löwen geben als lebendige), da bilden seine Fassade nur Vorhallen und Soggien darauf lebt unb wohnt man, im Sommer wirb ba auch geschlafen.

Die Fahrt ins kubanische Land hinaus muß sich auf die kleine Pro- vmz Havanna beschränken, nur 150 bis 200 Kilometer sind bis jetzt für ^^utomobtl bequem fahrbar. Wonach sucht das Auge zuerst in der Landschaft Natürlich nach Tabak. Die Namen Havanna und Kuba ver- knupsen sich jedem unwiderstehlich mit dem Wart Tabak. Tabak ist eine einheimische Pf anze Amerikas, und das Wart ist indianisch. Aber auf­fälliger und anscheinend häufiger als der Tabak ist das Zuckerrohr In hohen raschelnden Stauden bedeckt es die Felder. Man braucht es nicht einmal zu säen, die abgefdjnittene Staude schlägt wieder aus. Das Zucker­

ihn; er funktionierte. Meine Hände zitterten heftig und meine Beine konnten mich kaum tragen.

Meine Augen fielen auf die Tür, sie war ungewöhnlich solide, eine Bohleniur mit starken Querbalten; sie war sozusagen nicht getischlert, son­dern gezimmert. Diese massive Tür machte mir Mut, unb ich fing roieber an zu benten was ich bisher wohl kaum getan hatte. Die Tür ging nach außen, folglich war es eine Unmöglichkeit, sie einzurennen. Der^ Vor­platz war auch zu schmal, um genügenben Raum zu einjm Anlauf zu gewähren. Dies fiel mir ein unb ich fühlte mich plötzlich mutig, ich schrie hinaus, baß ich jeben, ber eindringe, tot niederstrecken würde. Keine Ant­wort. Um meine Augen an die Dunkelheit zu gewöhnen, für den Fall, daß die Fenster eingeschlagen würden und die Lampe erlosch, blies ich die Lampe sogleich aus. Ich stand nun im Dunkeln, die Augen auf die Fenster gerichtet, den Revolver in der Hand. Die Sache zog sich in die Lange. Ich wurde immer kühner, ich nahm keinen Anstand, mich als Teufelskerl zu zeigen, und ich schrie:

Nun, was haben Sie denn beschlossen? Wollen Sie gehen ober kom­men? benn ich will schlafen!

Da antwortete nach einer kleinen Weile ein erkälteter Baß:

Wir wollen gehen, du Hundsfott!

Und ich hörte, wie jemand den Vorplatz verließ und in den Schnee hinausknirschte.

Der AusdruckHundsfott" ist das nationale Schimpfwort Amerikas wie übrigens auch Englands und da ich es nicht auf mir fitzen lassen konnte, daß man mir dies Wort zurief, ohne daß ich eine Antwort gab, wollte ich die Tür öffnen und den Schlingeln nachschießen. Ich hielt indessen inne, ich dachte nämlich im letzten Augenblick, möglicherweise habe nur ber eine Mann ben Vorplatz verlassen, währenb der andere darauf wartete, daß ich die Tür öffnete, um mich dann zu überfallen. Deshalb ging ich an eins der Fenster, ließ die Jalousie mit Blitzesschnelle an die Decke hinaufrollen und sah hinaus. Ich glaubte einen dunklen Punkt im Schnee zu erkennen. Ich riß das Fenster auf, zielte so gut es ging auf den dunklen Punkt und schoß. Klick! Ich schoß nochmals. Klick! Rasend erledigte ich den ganzen Zylinder, ohne zu zielen, endlich ging ein einziger, arm­seliger Schutz ab. Aber der Knall war stark in ber frosterstarrten Luft, und vom Wege her hörte ich Rufe: Lauf! Lauf!

Da sprang plötzlich noch ein Mann von bem Vorplatz in ben Schnee hinaus, ben Weg entlang unb verschwanb in ber Finsternis. Ich hatte richtig geraten: es war noch einer dagewesen. Und diesem einen konnte ich nicht einmal hübsch Gute Nacht sagen, denn es war nur ein elender Schuß in dem Revolver gewesen, und den hatte ich verbraucht.

Ich zündete die Lampe wieder an, holte das Geld aus dem Bett und steckte es zu mir. Und jetzt, nachdem alles überstanden war, war ich so jämmerlich feige geworden, daß ich es nicht wagte, mich in dieser Nacht in das Ehedett zu legen, ich wartete noch eine halbe Stunde, bis es zu dämmern begann, bann zog ich memen Ueberzieher an unb verließ das Haus. Ich verbarrikadierte die zertrümmerte Tür, so gut es ging, schlich In die Stadt hinab unb schellte im Hotel.

Wer die Spitzbuben waren, weiß ich nicht. Aber so {Tange um mein Leben bin ich niemals gewesen, wie in dieser Nacht in der Präriestadt Madelia. Es ist mir auch seither mehrmals passiert, wenn ich erschreckt wurde, daß ber Schlag meines Herzens bis oben in meinen Hals hinauf gehämmert unb mir meinen Atem behindert hat das ist ein Ueber- bletbfel aus dieser Nacht. Nie zuvor hatte ich eine Ahnung von einer Angst gehabt, die sich auf so außergewöhnliche Weife äußern kann.

Ich will nun einen Besuch in einer Mulattenhütte erzählen. ___

Weiße ist so hach angesehen, daß selbst der Mischling aus Weiß unb Schwarz noch ein Adeliger ist, unb bas schöne Mädchen in ber Hütte uns ausdrücklich versicherte, sie sei eine Mulattin, nicht zu verwechseln einer Negerin. Die Hütte stand auf einem leuchtend roten Boden, die weißgestrichenen Bretterwände rosa schimmerten, sie waren auch zur halben Höhe rötlich gefärbt vom rückspritzenden Wasser ber Regen­zeit. Die Hütte beftonb aus mehreren offenen, aneinander geschobenen Holzbrettchen ohne Türen unb mit natürlichem Estrich, bas glückliche Klima erlaubt eine solche allseitig offene Wohnung, nur bas Fenster bes Schlafraums ber beiden Töchter war vergittert. Alles war peinlich rein, in derguten Stube" schwankten im leisen Luftzug die amerikanischen Schaukelstiihle, und neben dem großen, schwitzenden, amphoraähnlichen Wasserkrug schlief der Hund. In der Schattenhalle vor der Hütte aber war ein besonderer Raum als Kapelle eingerichtet, da thronten im blumenreichen Altar die Jungfrau, der heilige Joseph und Peter, und an Fäden hingen vom Dächlein die Altarziborien: wächserne Beine, Arme, Füße, Köpfe, je nachdem die Heiligen bei Leibesschmerzen gehol­fen hatten. Vor dem offenen Kapelleneingang aber hingen vom Holz- gefperre ber Schattenhalle große Schwämme in natürlicher Vafenform, in ben Poren steckten schöne Blumen, alle Morgen werden die Schwämme genäßt.