Ausgabe 
14.1.1938
 
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Angst.

<Son Knut Hamsun.

Ich habe eigentlich nie gewußt, was Angst sei, bis einmal während meines ersten Aufenthalts in Amerika. Nicht weil meine Kühnheit f« groß ist, sondern weil sie bis dahin niemals auf eine richtige Probe ge­stellt war. Das war im Jahre 1884.

Da draußen in der Prärie liegt eine kleine Stadt, die Madelia heißt^ ein ärmliches, unschönes Nest mit seinen häßlichen Häusern, seinen Geh­teigen und seinen Plankenabfällen und seinen unliebenswürdigen Menschen.

Hierher war ich gekommen in der friedlichen Absicht, einem Be­kannten von mir aus einer Verlegenheit zu Helsen.

Ein Amerikaner Namens Johnston war Lehrer an derMittelschule* in einer Stadt in Wisconsin, wo ich ihn und seine Frau kennen lernte. Einige Zeit darauf gab dieser Mann seine Stellung aus und ging zu einer praktischen Tätigkeit über, er reiste .nach der Präriestadt Madelia und eröffnete dort ein Holzgeschäft. Nachdem er ein Jahr diese Tätigkeit ausgellbt hatte, erhielt ich einen Brief von ihm worin er mich bat, wenn es mir möglich wäre, nach Madelia zu kommen und feinem Gefchaft vor- zuftehen während er und feine Frau eine Reife nach dem Osten machten. Ich war zu jener Zeit gerade frei und begab mich nach Madelia.

An einem dunklen Winterabend träf ich auf dem Bahnhof ein, wo mich Johnston empfing, ging mit ihm nach Haufe und erhielt ein Zim­mer angewiesen. Sein Haus lag eine ganze Strecke außerhalb der eigen> lichen Stadt. Wir verbrachten einen großen Teil der Nacht damit, mich ein wenig in die für mich fo fremden Finessen des Holzgeschäfts einzu- weihen; am folgenden Morgen händigte mir Johnston mit einem Scherz seinen Revolver em, und ein paar Stunden später saßen er und seine Frau im Eisenbahnzug.

Da ich nun allein im Hause war, zog ich aus meinem Zimmer in das Erdgeschoß hinab, wo ich bequemer wohnte und von wo aus ich aufjer» dem bessere Aufsicht über das ganze Haus führen konnte. Ich nahm auch das Bett des Ehepaares in Gebrauch.

Einige Tage gingen dahin. Ich verkaufte Planken und Bretter und brachte jeden Abend das am Tage eingenommene bare Geld nach der Bank, wo ich eine Quittung darüber in mein Buch eintragen lieh.

Cs befanden sich also keine anderen Menschen im Hause, ich war ganz allein. Ich bereitete mir mein Essen selber, molk und besorgte Johnstons zwei Kühe, buk Brot, kochte und briet.

Es war recht einsam in diesem großen Hause für einen einzelnen Menschen von einigen zwanzig Jahren. Da waren stockdunkle Nachte und es gab keine Nachbarn, bis man in die Stadt hinabkam. Aengstlich war ich aber nicht, es tarn mir gar nicht in den Sinn, ängstlich zu fein. Und als ich zwei 'Abende hintereinander ein verdächtiges Geräusch an dem Schloß der Küchentür zu hören meinte, stand ich auf, nahm die Lampe und untersuchte die Küchentür von innen und außen. Aber ich fand nichts Verdächtiges am Schloß. Und ich hatte den Revolver auch nicht in der Hand.

Aber es sollte eine Nacht kommen, in der mich eine so haarsträubende Angst befiel, wie ich sie weder vor- noch nachher erlebt habe. Und noch lange Zeit nachher konnte ich das Erlebnis dieser Nacht nicht verwinden-

Cs war an einem Tage, an dem ich mehr als gewöhnlich zu tun hatte, ich schloß mehrere große Geschäfte ab und arbeitete bis spät in den Abend hinein. Als ich endlich Schluß machte, war es so spät geworden, daß es bereits dunkelte und die Bank geschlossen war. So konnte ich denn dis Bareinnahme des Tages nicht abliefern. Ich nahm alles Geld mit in das Zimmer und zählte es: Es waren 700 bis 800 Dollars.

Wie gewöhnlich setzte ich mich auch an diesem Abend hin, um an einet Arbeit zu schreiben, es wurde später und später, und ich saß,0a und schrieb; es wurde Nacht, die Uhr wurde zwei. Da hörte ich plötzlich aber­mals das geheimnisvolle Geräusch an meiner Küchentür.

Was war das?

Das Haus hatte zwei Türen nach außen, eine, die in die Küche führte und eine andere die eigentliche Haustür die auf einen Vorplatz vor dem Zimmer führte. Diese letzte Tür hatte ich der Sicherheit halber von innen mit einem Sperrbalken verrammelt. Die Jalousien im Erdgeschoß waren ein Patent, sie waren so dicht, daß man von außen absolut keinen Schein der Lampe sehen konnte.

Und jetzt bringt also von der Küchentür her ein Geräusch an mein Ohr.

Ich nehme die Lampe in die Hand und gehe dorthin. 2ln Der Tur bleibe ich stehen und lausche. Draußen ist jemand, es wird geflüstert und im Schnee vor der Tür schleicht etwas hin und her. Ich lausche eine ganze Weile, das Flüstern hört auf und gleichzeitig scheint es mir, als entfernten sich die schleichenden Schritte. Dann wurde alles still.

Ich gehe wieder hinein und fange wieder an zu schreiben.

Eine halbe Stunde verging. . .

Da fahre ich plötzlich in die Höhe die Haustür wurde etngerannL Nicht nur das Schloß, sondern auch der Sperrbalken innerhalb der Tuk wurde zertrümmert, und ich hörte Schritte auf dem Vorplatz gerade vor meiner Tür. Der Einbruch konnte nur mittels eines starken Anlaufes und mit vereinten Kräften mehrerer Personen ausgeführt fein, denn der Sperrbalken war stark. , , .

Mein Herz schlug nicht, es zitterte. Ich gab fernen Ausruf, keinen! Laut von mir^aber ich fühlte die Bewegung meines Herzens bis oben in meinen Hals hinein, es hinderte mich, ordentlich zu atmen. In den ersten Sekunden war ich fo bange, daß ich kaum wußte, wo ich war Da fiel mir plötzlich ein, baß ich bas Gelb retten müsse, ich gmg in die Schlaf­stube, nahm meine Brieftasche aus meiner Tasche und steckte sie unter die Matratze im Bett. Dann kehrte ich in das Zimmer zurück. Diese Handlung nahm sicher keine Minute in Anspruch. _ ,r ,

Vor meiner Tür wurde gedämpft gesprochen und an dem Schloß wurde herumgearbeitet. Ich holte Johnstons Revolver heraus und untersuchte

und sehe es noch, wie ich dem Lehrer im Vorbeigehen sagte: ich will nach Haus, und seh« mich dann wieder, wie der Lehrer mich an einem Arm in die Klasse zurückzuziehen bemüht war, während ich mich verzwei­felnd und weinend mit der freien Hand am Türstock der schon geöffneten Lür festhielt. Merkwürdigerweise sehe ich nicht mehr, wie dieser Kamps, den meine Mama zuletzt beruhigte, in mir selbst zu Ende ging: mein Gefühl von damals ist mir ganz gegenwärtig, aber rote ich es überwinden konnte und wieso ich mich fügte; ist mir nicht in Erinnerung geblieben.

Jedenfalls, ich fand mich mit dem Schulbesuch ab, und ich weiß von den nächstfolgenden Tagen sogar noch bas Beglückende, das die Straße im milden Herbstsonnenschein hatte. So früh hatte ich sie kaum je vorher betreten der weißdurchfonnte Nebelglanz entzückte mich und machte mir den Weg zur Freude; ein neues Stück Welt ging mir auf. Auch in der Schule tauchten mit dem unvergeßlich geliebtenAst, Nest, Fisch" der ersten Bilderfibel tatsächlich Dinge auf, die mich fesselten. Nur daß die zu Hause immer fo einfach und lieblich waren, während man m der Schule den schwierigen Umweg über das unreine und lastende Mittun von Lehrern und Mitschülern zu machen hatte. In das richtige, heitere Bilderbuch, das mein Schulweg war, lebte ich mich allmählich em, und sehe ich heute noch die Lehrzimmer immer dunkel und wie voll Nebel und des Gaslichtanzündens bedürftig, so erscheint mir die Josephstadter Straße nur hell. Sicher trug dazu bei, daß damals noch ein großer Teil der Häuser, namentlich in dem der inneren Stadt abgekehrten Teil, niedrig und klein war; und das heitere Klingeln der Pferdebahn, die bis vor unsere Gartenwand fuhr und dort umspannte, war gerade das rich­tige Maß an Straßenlärm, das sich dort schickte. Es klang zum Hufschlag des Pferdes und zum bedächtigen Gerumpel des kleinen Straßenbahn­kastens anmutig und melodisch.

Einen so langen Schulweg mußte man anfangs natürlich, schon wegen etwaiger Straßenübergänge, geleitet werden. Manchmal hatte ich mit meinem älteren Bruder den Weg zu gleicher Zeit. War dies nicht der Fall, so mußte, solange ich in der ersten Klasse war, anderweitig für meine Begleitung und Abholung gesorgt werden. Dafür erboten sich in unserem Haus, in dem es dienstbare Geister genug gab, vor allem zwei Marien, die im Institut angeftellt waren und diesen Gang uy'chwer mit anderen Wegen und mit Einkäufen verbinden konnten. Aeußerlich waren ste einander nicht ähnlich. Sie waren recht die Frauentypen, wie sie damals vom Land in die Kaiserstadt rn Dienst gingen. Die eine kräftig, braun und böhmisch, das Beste an Ammengesicht, das man sich vorstellen kann: die andere kleiner, zierlicher, blond, bayerisch. Da man sie nicht beide Marie rufen konnte und die jüngere aus Bayern war, hieß sie nur dieSchwabin". DieWäschebewahrerin-Marie" und die Schwabin" waren in der Grundlage ihres Wesens nahe verwandt; sie besaßen beide einen Schatz von Mütterlichkeit in ihren Herzen, und eine Wärme ging davon aus, welche die unendlichen Reserven zu haben schien wie eben nur Mutterherzen, die ausreichten für die große Anzahl von blinden Knaben und Mädchen, deren alljährlich neue eintraten. Wie wichtig waren die beiden für das Haus! Die zielsicherste Leitung, der beste Unterricht gehen ins Leer«, wenn nicht Menschen gefunden sind, die den Ins affen einer solchen Anstalt in den nächsten Betreuungen Be­hagen zu geben wissen und den Kindern ein heimeliges Gefühl, geborgen zu fein, mitteilen können. Das vermochten diese beiden liebenswerten Frauen in vollem Maße an den fremden Kindern, da ihnen das Leben versagte, eine eigene Familie zu gründen. Beide, die Marie Mora- wetz undd Schroabin", sind chr Leben lang dem Hause treu geblieben; der letzteren, überlebenden, konnte mein »ater, obwohl sie nur als Haus­mädchen eingetreten war, diedefinitive" Anstellung damit den Genuß eines Ruhgeßaltes sichern. Auch wir Kinder des Direktors fühlten uns zu den beiden sehr hingezogen, wie denn überhaupt alle die Bewohner des alten Hanfes eine einzige große Familie bildeten.

Einmal hatte ich beim Nachmittagsunterricht im ,,Schreiben", das mir die geringsten Schwierigkeiten bereitete, eine arge Niederlage zu ver­zeichnen, die meinem Selbstgefühl sehr weh tat. Ich zählte zu den Besten der Klaffe und faß in der ersten Bank. Der Lehrer diktierte uns das Wort Pfau.Gut überlegen, was ihr schreibt. Der erste Laut ist kein einfacher, der besteht nicht nur aus einem Buchstaben. Also nachdenken, was es sein wird, und sehr achtgeben!" Ich fühlte diese Mahnungen nicht an mich gerichtet. Das kannst du den anderen sagen, ich hab s nicht nötig; wir kennen uns aus, uns kann nichts passieren! Und so schrieb ich siegesgewih, und der Lehrer stand vor meiner Dank. Er beugte sich nach einer kleinen Zeit zu mir herab und rief auch schon erbost:No also! Da habens roirs! Eigens sagt man es und macht darauf aufmerk­sam aber nein, achtgeben tut ihr nicht!" Ich starrte auf meine Schrift. Da stand tatfächlich: Pau. Ich war wie vom Donner gerührt, es war mir unfaßbar, wie das hatte geschehen können. Ich wußte das Richtige und kannte die Gefahr und tat genau das, worüber ich mich erhaben dünkte. Wie Blei lag mir diese Beschämung in den Gliedern. Als die Schulglocke vier läutete, tat das wunde Ehrgefühl noch mehr weh, weil man doch gebemütigt heimkam und ein wenig Angst, daß es irgendwo bekannt würde, auch mitspielte. Ich hoffte, es würde mich niemand ab­holen! Allein als wir in Zweierreihen aus der Klasse marschierten und oben beim Ausgang auf der Stiege einen Augenblick stillstanden, bis der Lehrer uns endgültig entließ die ersten zwei leuchteten immer hin­unter wie die Türme einer Wallfahrtskirche von ihrem Berg, da erspähte ich unten in der Schar der wartenden Mütter und Dienstboten die guten ländlichen Züge derSchwabin". Fest hängte ich mich ein in sie und trieb sie an, daß wir nur bald vom Platz und der Piaristengasfe davonkämen, durch welche di« entfesselten Schulklassen rauschten. Und meine Angst war nicht unberechtigt. Richtig stürmte der Brumovski an uns vorbei, einer der Schlimmsten und Schlechtesten aus der letzten Bank; er zog mir ein spöttisches Gesicht und rief ftn Vorbeilaufen Pau, Pau!" , .

Da war ich nun verraten. Ich meinte, ich müßte versinken, und fügte: Glauben's S' ihm nicht, Schwabin, was der rebt!" .

Doch sie brummte nur mit der Ruhe ihres guten Gewissens im Ge­sicht:Aber so a Bua, so a unartiger x