Ausgabe 
14.1.1938
 
Einzelbild herunterladen

Manchmal standen die Schaulustigen vor dem Eingang in langer Reche Schlange ich meine das ganz buchstäblich zu allem l^inzu kam natürlich noch der Kitzel der Ungewißheit darüber, ob die Riesen rn ihrer Burg von guten oder schlimmen Absichten beseelt waren, so daß die Besucher darauf gefaßt sein mußten, jeden Augenblick die Flucht zu er» greifen. Daß sie sich dabei aber wirklich vor mir fürchteten, glaube ich nicht Davon merkte ich nie eine Spur, wenn wir uns draußen begeg­neten. Aber jedes Kind weiß ja, wieviel lustiger es ist, wenn man sich beim Betreten einer Höhle vorstellt, sie beherberge vielleicht einen drei­köpfigen Riesen: und aus eben demselben Standpunkt stehen nach meiner Ueberzeugung die Pinguine.

Ein Dutzend etwa pflegte stch im Gänsemarsch vor mein Zelt hmzu- stellen und mit unendlicher Vorsicht näherzurücken. Der zweite von vorne tippte dann wohl, weil er ein wenig zu eifrig und daher zu hastig war mit der Flosse seinen Vordermann auf den Rücken: und sofort fuhr dann der Führer herum und schaute ihn voller Entrüstung an:Du könntest auch ein bißchen mehr achtgeben, ich dachte wahrhastig schon, der -Riese hätte mich beim Kragen!" Dann geht es wieder voran, Schritt um Schritt, mit behutsamen Blicken und jederzeit gewärtig, zurückzuspringen und wieder fühlt der Führer, wie ihn etwas berührt. Wieder fährt er herum, und diesmal beginnt er Reißaus zu nehmen. Dann halt er inne, merkt, wie die Dinge liegenMein Gott, hast du mich aber erschreckt! und nimmt seinen Platz an der Spitze der Schlange wieder ein.

Da mir die Rolle des Riesen zuerteilt worden ist, muh ich natürlich mein Verhalten danach einrichten. Man darf ja nicht etwa all die Kinder all die Pinguine durch Wildheit erschrecken. So bleibe ich im Schat­ten und beobachte Ml. Als aber endlich der Kolonnenführer sich mit seinem rechten Bein bis in das Zelt hereinwagt, kann ich der Versuchung nicht länger widerstehen und werfe ein Zeitungsblatt nach ihm.

Sofort rennt alles davon. Glücklicher- oder unglücklicherweise, je nach­dem wie man es auffaßt, hat der Wind das Zeitungsblatt mit hinaus- gerissen, so daß es dem Pinguin das ganze Gesicht einhüllt. Er kann nichts sehen und glaubt vielleicht einen Augenblick lang wirklich an all die Schrecken, die das Zelt angeblich beherbergt. Doch dann fällt das Papier zu Boden. Er beugt sich darüber und wüßte gern, was es ist. Und dann fällt ihm ein, daß er ja überhaupt das Geheimnis des Zeltes noch nicht gelöst hat und schon macht er kehrt. Die andern schließen sich ihm von neuem an; das Spiel beginnt von vorn.

Einmal knüpfte ich ein Khakituch an einen Bindfaden und legte es gerade vor dem Zelt auf den Boden. Sogleich kam ein Pinguin herbei, um es genau zu besichtigen. Ein Ruck an der Schnur und das Taschen­tuch war fort. Wie oft hatte ich dieses Spiel mit Kindern gespielt! Run spielte ich es mit Pinguinen. Kinder und Pinguinen benahmen sich voll­kommen gleich: zuerst machte ihnen das Spiel einen Heidenspaß, und immer wieder wollten sie das Taschentuch zu erhaschen suchen bis sie es müde wurden und sich ärgerten, weil es nicht gelang. Pinguine und Kinder sie unterschieden sich in keiner Weise.

Ich habe in diesem Buche die Pinguine mit allen möglichen Menschen­typen verglichen (und ich hoffe, daß die Betreffenden das als Kompli­ment auffassen): mit alten Herren, flotten Großstadtherrchen, jugendlichen Müttern, gesetzten Matronen. Arn allermeisten aber gleichen sie den Kindern.

Mehrere Jahre lang hielt ich eine zärtlich geliebte Schimpansin, und oft fiel mir auf, eine wie ungemeine Ähnlichkeit sie innerlich mit einem Kind hatte, das sich sehnt, mehr zu begreifen, als im möglich ist. Diese Sehnsucht bleibt den Pinguinen erspart: sie haben das Gemüt von Kin­dern und sind damit restlos zufrieden. Sie spielen mit Leidenschaft Schwarzer Mann", zu Lande sowohl-wie im Wasser; sie gehen leiden­schaftlich gern auf Entdeckungsreisen; sie zeigen sich gern'; sie folgen instinktiv einem Führer. Sie lassen sich sehr leichtvon Stimmungen unterliegen"; sie zanken sich viel miteinander herum, und wenn sie kämpsen, geschieht es mit großer Entschlossenheit; sie lieben ihr Zuhause und ziehen sich in Stunden der Pefahr (o rasch wie' möglich dorthin zurück.

Doch obwohl sie ganz die Einstellung von Kindern haben, führen sie ein Erwachsenendasein mit Krankheit und Kummer, Schicksalsschlägen, Gefahren und Verantwortlichkeit. Das Leben ist für die Pinguine nicht einfacher als für uns, wenn sie auch wahrscheinlich weder unser Empfin­dungsvermögen noch unser Gedächtnis haben. Wenn man aber auf der einen Seite Tragödien mitansieht, wie ich sie in zwei Kapiteln dieses Buches geschildert habe, und anderseits Zeuge der Ausgelassenheit der Pinguine im Wasser und ihrer unerschöpflichen Neugier für Neues und Interessantes wird, kann man gar nicht anders, als Sympathie und Freundschaft für diese Geschöpfe fassen, die uns selbst so sehr gleichen und mehr noch unfern Kindern.

Kennzeichnend für Tiere ist, daß sie es nicht mögen, wenn man über sie lacht. Solange sie sehen, daß wir mit ihnen zusammen lachen wollen, fühlen sie sich glücklich; ganz anders, wenn sie merken, daß sie selbst die Ursache unserer Heiterkeit sind. Ich bin jedoch geneigt, die Pinguine für die einzige Ausnahme von dieser Regel zu halten. Wenn man über sie lacht und wer könnte schließlich umhin, über sie zu lachen? so legen sie den Kops auf die Seite und sehen einen an, und schließlich macht es säst den Eindruck, als hielten sie das Lachen für eine Ehrung und diese Grimasien für die Art und Weise des Menschen, ihrer Intelligenz Bewunderung zu zollen. Nach einer Weile pflegen sie dann in ihrer jeweiligen Beschäftigung fortzufahren, ab und zu aber blicken sie immer wieder auf, wie um zu sehen, ob ihnen noch immer Huldigungen dar­gebracht werden.

Und ich meine in der Tat, daß die Pinguine Huldigungen oder zu­mindest Zeichen der Bewunderung eher verdienen als gedankenloses Lachen. Nicht einen Augenblick möchte ich irgendwen davon abhalten, über den oft ausnehmend komischen Ausdruck der Pinguine zu lächeln; aber ich hoffe auch, daß es diesem Buche gelungen ist, als Hintergrund zu der Erheiterung Verständnis für diese so originellen und liebenswerten kleinen Geschöpfe und Würdigung ihrer wirklichen Dualitäten zu er- wecken-

Winier im Dorf.

Bon Heinz A. Heilsberger.

Weißverschneit sind Feld und Saaten in verlorner Einsamkeit.

Und es schlummern tief die Katen, hier im Dorfe schläft die Zeit.

Unterm grauen Dämmerhimmel ducken sich die Giebeldächer, und am Sims der Sachsenschinnnel schaut in tote Eulenlöcher.

Dunkler Ställe warmer Brodern lockt die kleinen Dogelherzen, die des Winters kalter Odem ausgescheucht aus frohem Scherzen.

Durch den Schnee getretne Spuren schlängeln sich in schmalen Pfaden in die winterlichen Fluren, die zu edlem Weidwerk laden.

Schulweg in Wien.

Von Max Mell.

Von dem alten Wien, dem Wien der gartenreichen Borstädte, um die sich noch Wall und Graben als äußere Befestigungslinie der Stadt, der grüneLinienwall", zog: von diesem nun auch schon völlig verschwuw» denen Wien habe ich in meiner Kinderzeit noch ein gutes Stück gesehen. Mein Schulweg führte mich fast durch die ganze Ausdehnung einer sol» chen Vorstadt, ihre Hauptstraße entlang, in der es damals noch zahl­reiche niedrige, ost recht gedrängt stehende Bürger- und Handwerks­häuser gab; aber auch der Ausgangspunkt dieses Schulwegs wie fein Endziel waren Denkmäler einer viel älteren Zeit. Der schönste geräumige Platz, den mein täglicher Weg zu erreichen hatte, ist immerhin noch heute wenig verändert. In seiner Tiefe steht die breite, reichgegliederte Gestalt einer großen barocken Kirche und die klösterlichen Vaillichkeiten, in denen auch Schulen sind, schließen sich ihr zu beiden Seiten mit ernsten Fronten, sparsamen Fenstern, kleinen Portalen an. Aber woher ich kam, ich möchte sagen: das Reich, aus dem ich mich alltäglich dorthin in die Schule aufmachte, von dem konnte ich an feiner alten Stätte nichts mehr zeigen, kein Ziegelstein, kein Halm ist davon übrig. Ich sage das Reich, denn das war es: einer jener großen abgeschlossenen Bezirke, deren die alten Städte nicht wenige schufen, geistlicher wie profaner Art und mei- , ftens mit dem Raum nicht sparend; ja, zu dem Kloster- und Kirchenplatz war es also in seiner Art ein Gegenstück, das alte Blinden-Jnstitut, zu dessen Leitung mein Vater berufen war und in dem er und feine Familie auch die Wohnung hatten. Es war ein weitläufiges, einstöckiges Ge­bäude aus der Zeit Maria Theresias, mit einem großen Hof und eigenem hübschen Kapellenbau, auf drei Seiten umschloß es ein großer Garten, voll merkwürdiger Gcfrtenhäuschen und Steinvasen, voll prachtvoller< Bäume, voller Landschaft; er stieg an einzelnen Stellen zum Limenwall an, einer Grenze, welche die jenseitigen Häuserzinnen weit hinausschob und an Weite und Freiheit nichts zu wünschen übrig lieh. Und hier nun eine Bewohnerschaft, die, wie in einem Gemeinwesen, abgestuft war, eine große Anzahl blinder Kinder, für deren Erziehung und Ausbildung hier alles eingerichtet war, dann die Anzahl derer, die sie leiteten, be­treuten, besuchten; ob auch manche in ein jammervoll gekürztes und be­schädigtes Dasein gerufen, doch viel Jugend, mit all ihrem frohen Lärm und ihrer Lust: es war ein Reich für sich, und durch Oertlichkeit und durch die Wohngenossen voll Sonderbarkeiten, Geheimnisse, Abenteuer, und durch seine sich von selbst ergebende Geschlossenheit einer Burg gleiches.

Aus diesem Reich sollte ich nun hinaus in ein Leben mit anderem Gesicht, mit anderer Ordnung und ungleich mehr Zwang und Pflicht, als ich bisher kannte. Es konnte nicht anders fein, als daß ich mich empfindlich gestört und aufgescheucht fühlte und auch erbitterten Wider­stand versuchte. Es war vor meinem bevorstehenden Schulbesuch natür­lich längst gesprochen worden; ich hatte mir aber, offenbar im Anschluß an die Eindrücke unseres Reiches und obwohl man mir gewiß schon ein­mal ein Schulgebäude gezeigt hatte, ganz eigene, niemandem verant­wortliche Vorstellungen von dem, wasSchule" hieß, gebildet; worin zwar die begehrenswerten Bleistifte und die beliebtenPlanbretter" eine Rolle spielten, die aber alles in die freie Natur verlegten und also ver­mutlich dauernd Schönwetter voraussetzten. Nun brachte mich meine Mama in die Schule, und es war nichts von dem, was ich mir vorge­gaukelt hatte, wahrzunehmen, statt dessen aber etwas Fremdes, Riesiges und vor allem Dunkles, dem ich ausgeliefert wurde und das ich zu be­wältigen hätte; und es war auch ein dunkler, regnerischer Septembertag, an dem ich die grauen, hochansteigenden und wuchtigen Mauern und den endlosen Korridor, der da in ein Dunkel ging, vor mir sah. Meine Mama bracht« mich in die Klasse, übergab mich dem Lehrer, empfahl mich ihm und war mir auf einmal abhanden gekommen, die Türe war geschlossen, und ich befand mich in einem Zimmer, das ich samt den darin Anwesen­den nicht kannte und wo ich lieber nicht bleiben wollte. Wie kommt es nun, daß ich, der es ja selber war, welcher klein und blaß und wie ein Verirrter zwischen den Schulbänken entlang und unaufhaltsam am Ka­theder vorbeiging wie kommt es, daß ich mich selber sehe, so als ob meine Augen damals außerhalb meines Körpers, etwa irgendwo in der Decke des Schulzimmers, gewesen wären und mir selber zugesehen hätten? Sind zwei in uns? Ich sah mich, als ob ich ein anderer wäre.