Gießener ZamilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1938 Freitag, den 14- Januar Nummer 4
Die Insel üer fünf Millionen Pinguine
Von Lherrg kearton
Deutsche Rechte durch 3. Engelhorns Nachf., Stuttgart
Nachdruck verboten
Schluß.
Hier tut sich wiederum die Frage auf, inwieweit ein Pinguin seine Gefühle mit dem Blick auszudrücken oder wie er seine zärtlichen Gedanken sonst mitzuteilen vermag. Sicher ist auf alle Fälle, dah diese „jungen Leute" beiderseits eine gewisse Befriedigung aus einem der- artigen,Austausch von Blicken gewinnen. Sie umarmen einander nicht — wie dies die Ehegatten tun; sie schauen einander bloß in die Augen, wobei der männliche Bogel die Brust aufplustert, um zu zeigen, was für ein feiner Kerl er ist. Hierauf macht der Besucher, mit seiner Eroberung zufrieden und anscheinend ohne seine Huldigungen weiter treiben zu wollen, der Dame im nächsten Nest seine Aufwartung, in der Hoffnung auf denselben Erfolg. >
Mitunter aber erfährt er auch einen ganz andern Empfang. Manche der Schönen, die noch keine so moderne Lebensanfchauung und folglich eine andere Auffassung vom echt weiblichen Benehmen haben, starren ihn eisig an ober wenden den Blick überhaupt von ihm ab, so daß. ihm nichts übrig bleibt, als beschämt abzuziehen. Manchmal auch — und gar nicht so selten — taucht, während er gerade mit seinem bestrickendsten Lächeln der Dame im Nistloch den Kopf entgegenreckt, aus der Tiefe der Schatten des Chegemahls auf.
Das ist natürlich sehr peinlich. Männer sind bei solchen Gelegenheiten ekelhaft überflüssig und sind überdies imstande, die Absichten des Besuchers mißzuverstehen. Erklärungen sind in diesem Falle schlimmer ajs nutzlos; man hat keine andere Wahl als sich zu stellen, als habe man nicht im Traum daran gedacht, das Nett zu besuchen, und sich rein zufällig über den Rand gebeugt. Also setzt der enttäuschte Schwerenöter eine Überzeugende Unschuldsmiene auf und stolziert von dannen — zu alledem noch genötigt die nächsten drei Nester zu Überschlagen, um den nachblickenden argwöhnischen Ehemann davon zu Überzeugen, daß er nur auf einem harmlosen kleinen Bummel begriffen ist.
Der Schein muß in solchen Fällen um jeden Preis gewahrt werden/ also blickt er sich erst aus beträchtlicher Entfernung verstohlen um. Sieht er bann, baß die Luft rein ist, so verwandelt er sich wieder in den unternehmungslustigen jungen Gent und strebt auf der Suche nach weiteren Eroberungen auf das nächste Nistloch zu.
Oesters kommt ein weiterer Typ vor, der ersichtlich den Ehrgeiz hat, der Insel mehr Glanz zu verleihen: der selbstgefällige Geck, der davon durchdrungen ist, daß seine bloße Anwesenheit alle, die ihn sehen, beglückt. Auch sein Urbild wandelt natürlich unter den Menschen. Während wir aber geneigt sind, so jemand höchstens lästig zu finden, war auf der Insel der Pinguine — wie auch die Vögel selbst darüber denken mochten — der „Fatzke" eine ständige Quelle der Belustigung für mich.
Er warf sich gern in Positur und man konnte ihn oft in den komischsten Stellungen sehen, mit hochgerecktem Körper und auf die Seite gelegtem Kopf.
Eines dieser Tiere tauften wir in einem leichtfertigen Augenblick „Percy den Unwiderstehlichen", und ich muß sagen, kein anderer Name paßte so zu ihm. Doch obwohl seine Selbstzufriedenheit für ihn selbst eine Quelle der Freude zu sein schien, konnte dies nicht in gleichem Maße von der Dame behauptet werden, die als sein Ehegespons das Unglück hatte- stets in seiner Nähe weilen zu müssen. Zweifellos hatte die Aermste schon lange mehr als genug von seinen Possen; diesen Eindruck machte sie wenigstens, und gelegentlich bewies sie es unzweideutig.
Es war ihr nicht schwer, eine gute Ausrede dafür zu finden, daß sie sich nicht sonderlich um ihren Gatten kümmerte, denn kürzlich waren zwei Eier angekommen. Doch sie machte nicht einmal den Versuch zu verhehlen, wie ungemein er sie anöbete, sondern kehrte ihm samt seinen bewundernden Satelliten beim Brüten glattweg den Rücken zu. (Sonderbar ist immerhin, daß so ein Wichtigmacher, wie ekelhaft ihn die Allgemeinheit der Menschen oder Pinguine auch finden mag, doch, stets ein paar Bewunderer finden wird, die jede seiner Bewegungen entzückt verfolgen. Dies ist wahrscheinlich der Grund, warum wir ihn nie los werden: er kann stets eines Publikums sicher fein.) '
„Percy der Unwiderstehliche" stand also ein paar Schritt von seinem Haus entfernt, bot feine Schönheit erst dem einen, dann dem andern
seiner Bewunderer dar, legte den Kops bald auf diese bald auf jene Seite, warf sich in die Brust, watschelte hin und wider und verdrehte und verbog dabei seinen Körper zu den groteskesten Formen. Und die ganze Zeit über strahlte ihm auf der ein.»n Seite seine treue Gefolgschaft zu, während seine Frau auf der andern ihre Geringschätzung für fein Gehaben dadurch betonte, daß sie nicht die geringste Notiz von ihm nahm. An der Art, wie sie mit steiferhobenem Hals und gerade vor sich hin» starrenden Augen dalag, merkte ich, daß sie genau wußte, was vorging, und sich mächtig zusammennahm. Plötzlich aber riß ihr die Geduld mitten durch. Sie stand auf — und die Wut, mit der sie geladen war, läßt sich daran ermessen, daß sie darüber ihre Eier auf Gedeih und Verderb den Ibissen und Möwen auslieferte — kletterte aus dem Nest heraus und stürzte sich auf ihren Mann, packte ihn am Genick und versetzte ihm die verdiente Tracht Prügel.
Im Augenblick ihres Angriffs stand er mit dem Rücken zum Nest, so daß er nicht wissen konnte, wer ihn so anfiel. Doch er nahm sich nicht die Zett, das erst festzustellen. Sobald er freikam, raste er davon, so schnell er konnte. Für diesmal war ihm gu seine WichUgmackerei gründlich ausgebläut worden. Das-Publikum zerstreute sich natürlich im Nu; dies pflegt ja bei solchen Anlässen stets der Fall zu fein, wie uns unsere Geschichtsbücher immer wieder erzählen, wenn sie vom Sturze großer Männer berichten. Und es ist anzunehmen, daß der Kavalier das nächste Mal, als er sich anschickte, vor der gleichen Gesellschaft seine Faxen zu machen, zum, Schaden noch den Spott erfufjr.
Zunächst einmal war dem unwiderstehlichen Percy freilich die Lust an jeglichen Faxen gründlich vergällt, ha stand er, ein über die Maßen bestürzter Pinguin, auf dem Sandstrand, wohin er in vollem Galopp geeilt war, und sann darüber nach, durch wen und warum er so verhauen worden war. Es dauerte eine gute Stunde, bis er wieder hügelaufwärts wackelte. Inzwischen aber — so schloß ich aus der außergewöhnlichen Zaghaftigkeit, mit der er sich feinem Nest näherte — mußte ihm der wahre Zusammenhang wohl endlich aufgegangen sein.
Siebzehntes Kapitel.
Rückblick. — Die Schaulustigen. — Das „Schwarzer-Mann"» Spiel. — Pinguine und Kinder. — Hut ab vor den Pinguinen.
Während ich die Setten dieses Buches über die Pinguine wieder durchblättere, fühle ich den Wunsch in mir aufsteigen, den hervorstechendsten Zügen des Pinguincharakters noch einmal und besser gerecht zu werden. Ich habe versucht, die sorgliche Mühe zu schildern, mit der die Pinguine ihr Heim bauen und ausstatten; die unverbrüchliche Zuneigung, die sie ihrem Gefährten schenken; ihre Opferwilligkeit als Eltern; die ganze Art und Weise, wie sie mit den Schwierigkeiten des Lebens fertig zu werden suchen. Ich glaube, gezeigt zu haben, daß sie die meisten Eigenschaften besitzen, die wir für gewöhnlich als Wesenszüge des Menschen zu betrachten pflegen: Geduld, Ausdauer, Mut, Beharrlichkeit und Liebe für einander. Genau wie unsereiner haben sie eine ausgesprochene Individualität, und der Gedanke, dah ein Pinguin genau so handeln könnte wie jeder andere, ist unvorstellbar. Und dennoch befolgen sie gewisse festgelegte Lebensregeln: sie halten sich ein für allemal auf den vorgeschriebenen Wegen zwischen ihren Nistplätzen und dem Meer und treten ihre Wanderung auf diesen Wegen tagtäglich wie auf Verabredung zu offenbar bestimmten Stunden an.
Pinguine kann man sich überhaupt nicht anders vorstellen als in Verbindung mit dem Meer. Ich denke mir, sie betrachten ihre Jnselaufenthalte viel weniger als eine genußreiche Ferienzeit als im Lichte einer nicht zu umgehenden unerfreulichen Notwendigkeit. Nur während ihres täglichen Besuches am Wasser kommt ihre ganze Lebhaftigkeit und Daseinsfreude zum Durchbruch. Auf dem Lande spielen sie selten, während sie im Wasser den halben Tag im Spiel verbringen, und dennoch glaube ich, daß für ihr Temperament, wie für das unserige das Spielen eine wirkliche Notwendigkeit ist. Das zeigt sich jedesmal, wenn sie irgendetwas Ungewöhnliches entdecken. Sie sind auch in erheblichem Maße neugierig, jedoch häufig ohne daß sie damit irgendeinen Zweck verbinden. Wird einmal ein altes Faß vom Sturm an Land gespült, so schlägt vielleicht ein Pinguinpaar sein Heim darin auf; vorher aber werden Hunderte sich einfinden, um die Merkwürdigkeit als solche zu bestaunen, sie zu umkreisen, hineinzulugen und. sie von jedem Winkel aus zu betrachten. Nicht einen Augenblick glaube ich, daß das Wohnungsjäger sind; sie haben schon Häuser, mit denen sie vollauf zufrieden sind, und das umständliche Verfahren des Umzugs zu Vierteljahrsbeginn, das uns soviel Geld und Mühe kostet, ist bet den Pinguinen ganz unbekannt. Nein, das ist es nicht. Es hat sich nur einfach die Nachricht verbreitet, daß etwas Neues und vielleicht Interessantes eingetroffen ist — und folglich eilt jeder hin, um mit dabei zu fein.
Es muß eine ungeheure Aufregung unter den Eingeborenen der Insel hervorgerufen haben, als ich mein Zelt dort aufschlug. Den ganzen Tag lang und während mancher Nachtstunde stellten sich Besucher ein.


