ihren furchtbaren Gipfel in dem letzten, dem Cantanjen-Porträt findet (jetzt in Köln, Gott sei Dank, und nicht tu Amerika). Weiter die Mutter: Jeder Pinselstrich eine Grübelei, fast eine Psychoanalyse: was ist da mir, Rembrandt, überkommen? Ja: Weib, was habe ich mit dir zu schaffen? Und dann eben der Titus. Alle Gewalt, deren ein großes Menschenherz fähig ist, hineingeschmettert, mit einer alles überflutenden Glut. Kunst kommt von Können, aber! Und hätte der Liebe nicht ... Jedoch, die Liebe allein macht's auch nicht. Die neue Aesthetik scheint doch noch nicht ganz geboren zu sein.
Rasch verschwindet der Tag unter solchen Gedanken.
Und dann geht's wieder nach Norden.
Bauernaufstand.
Ballade von Börries von Münchhausen
Die Glocken stürmten vom Bernwardsturm, Der Regen durchrauschte die Straßen, Und durch die Glocken und durch den Sturm Gellte des Urhorns Blasen.
Das Vüfselhorn, das lange geruht, Veit Stoßperg nahrn's aus der Lade, Das alte Horn, es brüllt nach Blut Und wimmerte: „Gott genadel"
Ja, gnade dir Gott, du Ritterschaft! Der Bauer stund aus im Lande, Und tausendjährige Bauernkraft Macht Schild und Schärpe zu Schande.
Die Klingsburg hoch am Berge lag.
Sie zogen hinauf in Waffen, Auframmte der Schmied mit einem Schlag Das Tor, das er fronend geschaffen.
Dem Ritter fuhr ein Schlag ins Gesicht Und ein Spaten zwischen die Rippen, — Er brachte das Schwert aus der Scheide nicht Und nicht den Fluch von den Lippen.
, Aufrauschte die Flamme mit aller Kraft, Brach Balken, Bogen und Bande, — Ja, gnade dir Gott, du Ritterschaft: Der Bauer stund aus im Lande!
Der Dichter Hermann Graedener.
Von Walter Polland.
Der österreichische Dichter Hermann Graedener wurde kürzlich mit der Goethemedaille für Kunst und Wissenschaft ausgezeichnet.
„Wir brechen auf in neue Jahrhunderte, hier und heute. Es ist ein Augenblick, der so wohl wie nie war, der so wohl kaum wieder kommen wird. Ergreift ihn, gebietet und gehorcht — nach eurem eigenen Seelc- Geist-Faust-Gesetz. Zwei Jahrtausende des Fremden sind hinter euch, es ist an euch, das Zeitalter des Eigenen zu beginnen."
Dieses Wort Hermann Graedeners ist die Forderung eines genialen schöpferischen Menschen, der fordernde Anruf eines kämpferischen Mannes an sein Volk: den Mann und dieses Volk verpflichtend. Und der so spricht, hat sich das Recht hierzu nicht in den sanfarenschmetternden Tagen des Sieges erdichtet. Nein! Er hat dieses Recht für sich erkämpft in geistiger Einsamkeit zu einer Zeit, da das deutsche Volk, in einem materiellen Scheinwohlstand befangen, seine ureigensten seelischen und geistigen Kräfte nicht erkannte. Da und dort standen Menschen, denen ein neues, vorerst nur erahntes Gesetz eingeboren war, Rufer in einer Wüste, traumhafte Erahner eines Umbruches in ihrem Volke. Hermann Graedener gehörte zu ihnen.
Um 1910 dichtete er seinen „Utz U r b a ch", jenen Bauernkriegfries, der tu einem zeitlosen, aufwühlenden Denkmal deutschen Kämpfertums um Reinheit und innere Freiheit wurde. Graedener hat für dieses Werk sich selbst eine eigene Sprache geschaffen. Klingen aus der herben Musik dieser Sprache auch manchmal bekannte Töne alter Formen oder der schwäbischen Mundart auf, so müssen wir doch immer wieder die große sprachschöpferische Kraft dieses Dichters bestaunen, der diese ans Alte erinnernde Form kraft eigener, aus seinem hohen Kllnstlertitm gerechtfertigten Selbstherrlichkeit erdichtet hat, um sie dem Stoff gemäß sein zu lassen. Rauschend und dröhnend, wie ein im Sturm brechender Forst, setzt diese Sprache schon auf der ersten Seit« ein, und das Bewunderungs- würdige ist nun, daß der Dichter, obwohl er sich olle formellen Steige- rungsmöalichkeiten selber vorweggenommen hat, diesen Ton durchhält in gleicher Spannungskraft bis zur letzten Zeile.
In diesem Werk erkennen wir bereits einen der wesentlichsten Züge Graedeners: die Historie ist ihm nicht schablonenhaftes Vorbild, sondern nur Anlaß, um In vollkommener dichterischer Freiheit dem von ihm als richtig erkannten deutschen Weltbild Form zu geben. Dabei entspricht es aber seiner ritterlichen, im tiefsten Sinne adeligen Haltung, daß er die Geschichte und ihren Sinn nicht vergewaltigt. Auch dann, wenn er einen wesentlichen Abschnitt in der deutschen Geschichte aus Grund seiner neuen, arteigenen Erkenntnisse oblehnt, läßt er die in ihm wirkenden guten und starken Kräfte gelten.
Aber nicht allein das dichterisch und geschichtlich Einmalige ist es, das wir im „Utz Urbach" erkennen. Graedener hat hier nicht ein Buch geschaffen, das mit irgendeiner Gattungsbezeichnung erschöpfend zu kennzeichnen wäre. Der zeitlose Sinn dieses Werkes liegt darin, daß es dem begnadeten Dichter gelang, entscheidend in den mythischen Raum vor
zustoßen. Dieses Buch ist nicht nur seherisch, weil es schon zu jener Zeit von einem Volk im großen Reiche sprach, sondern besonders deshalb, weil darin dem Dichter mit dem Schmiedutz eine jener wenigen Gestalten deutscher Dichtung gelang, welche Sinnbilder sind des deutschen Suchers und Kämpfers, des ewig wiederkehrenden Mahners zu Freiheit und Recht.
Es hieße, dem Dichter und seinem Werke unrecht tun, wollte man nur vom Männlichen und Kämpferischen seines Werkes sprechen. So wie Graedener bis in. die letzte Faser seines Herzens ganz Deutscher ist, so klingt auch in dieser seiner ersten großen Dichtung nicht nur die männliche und kämpferische, sondern auch die zarte Saite deutschen Wesens an.
Als Graedener im Jahre 1914 der soldatischen Pflicht seinem Volke gegenüber genügte, wurde er aus einer reichen Arbeit herausgerissen. Die Anfänge eines Sickingen-Dramas, die Ansätze zu ein/m dichterisch philosophischen Werk lagen vor.
Nach dem Kriege erschienen zunächst seine Verle .Weltweihe", die später, zusammen mit den „Deutschen Deutungen von der Edda bis heute" und mit Gedichten und Sprüchen aus dem Lebenswerk des Dichters vereint, unter dem Titel „Ein Volk geht zu Gott" herausgegeben wurden.
Was uns in diesem Werk vom Dichter geschenkt wird, ist eine dichterische Kostbarkeit, ist vor allem das wegweisende geistige Antlitz eines suchenden Menschen. Es ist geformt und gestaltet ans der inneren Ber- pflichtung des Dienstes an der deutschen Seele. Und es ist endlich ein ehrlicher Versuch, mttzuhelfen, dem seelischen Ringen unseres Volkes Richtung zu geben
Ein breiter Teil unseres Volkes befindet sich heute in einem Zustand der Losgelöstheit von bestehenden religiösen Anschauungen. Es fehlt daher nicht an Versuchen — oft mit untauglichen, selten mit tauglichen geistigen Schöpfungen —, diesen Zustand zu beseitigen und wieder eine metaphysische 93eranterung neben der politischen zu bilden. Daß bei der Wertung des Werkes jener Männer, die daran arbeiten, es nicht wesentlich ist, ob man ihr Schaffen in ollen Einzelheiten bejahen kann, ergibt sich aus der angedeuteten Lage.
Mit seinem Buche „Ein Volk geht zu Gott" unternimmt es auch Graedener, einen Weg in den metaphysischen Raum zu weisen. Als sprachliche und dichterische Leistung ist das Buch überragend: ebenso als weltanschauliches Bekenntnis, als das es frei von jeder Dogmatik zu den tiefsten und reinsten feiner Art gehört... Dies wird auch jener bestätigen, der im einzelnen dem Gvaedenerschen Weltbild nicht zu folgen vermag.
Im Zentrum seiner metaphysischen Schau steht — von ihm selber so genannt — sein „Seele-Geist-Faust"-Gesetz. Das Jnnentum des deutschen Volkes ist, worum es ihm in erster Linie geht. Geist und Faust haben der Seele, eben diesem Jnnentum, zu dienen, ihre Rechtfertigung kann immer nur aus der inneren Beziehung zu den seelischen Werten unseres Volkes erbracht werden. Es wird daraus klar, daß Graedner in schärfstem Gegensatz steht zu jedem Intellektualismus, aber auch zu jenem tandsknechtlichen Kämpfertum, das den Kampf allein um des Kampfes willen liebt, ohne nach dem dahinterftehenden völkischen Sinn zu fragen.
Mit seinem Sickingendrama „Neues Reich" hat Graedener der jahrhundertealten Sehnsucht des deutschen Menschen nach dem Reich.Ausdruck verliehen. Der vergebliche Kampf Sickingens um die Reichseinheit wird gestaltet. In Wahrheit ist dieses Drama weit mehr als die Gestaltung eines großen Schicksals: es ist das Bekenntnis eines Volkes zu feiner ihm gemäßen Form, dem Reich, das ein Reich ohne Grenzen ist, eines, das überall da lebendig ist, wo ein deutscher Mensch atmet und schafft. Angesichts der Tatsache, daß das Drama „Neues Reich" im Jahre 1933 als reichswichtig erklärtes Festspiel in Queidersbach aufgeführt wurde, erübrigt es sich, ein lobendes Wort über seine Bühnenwirksamkeit zu sagen.
Mit der Novelle „Der Esel, Sancho Pansas letztes Abenteuer" weist uns Hermann Graedener ein neues, doch nicht minder liebens- und verehrungswürdiges Gesicht seines Schassens: weisen, geistvollen Humor. Doch auch hinter dieser Novelle steckt ein tiefer, weiser Sinn. Es wird hier offenbar, wie es oft im Leben (ein mag, daß ein Mensch wirre, absonderliche Umwege gehen muß, um geläutert zu gutem und innerem Ausgeglichensein zu finden.
Aber bereits mit dem nächsten Buche kehrt er zu seiner ihm im Letzten gemäßen Aufgabe: der historischen und weltanschaulichen Dichtung zurück. In der Vision des Stäatsrates von Zabemdorff, „Traum von Blücher, Porck und Stei n", wird deutsches Heldentum, dem das Gesetz vom Reich innewohnt, leuchtend emporgehoben. Der Geist des Buches wird bereits durch das Motto: „Gehorchendem (Bott, der die Volkheit befohlen" erschöpfend umrisfen. Die großartigen Züge der stolzen Selbstherrlichkeit des „Utz Urbach", die sich nur dem Gesetz, nach dem sie angetreten, verpflichtet weiß, treffen wir hier wieder an. Und hier stoßen wir wieder auf das Seele-Geist-Faust-Gefetz des Dichters und Denkers Hermann Graedener. Fordernd erhebt er seine Stimm« und legt leuchtend dar, daß Kampf nur dann sinnvoll ist, wenn die Führer des Volkes sich der seelischen Auswirkungen und Hintergründe, um deret- willen gekämpft wird, bewußt sind.
Auch der erst in Teilen fertige Erzherzog-Karl-Roman will den Gedankengängen dienen, daß die Weihe, welche einem Kriege zuteil wird, in dem Maße größer wird, als das Volk, das diesen Krieg'führt, Kultur-, Geistes- und Seelenguts zu verteidigen hat.
Die Paarung feiner im besten Sinne nordischen Gedankenwelt mit feinem oft feurig stürmenden Temperament, scheinh verständlich aus bar Abstammung des Dichters von väterlicherseits norddeutschen und mütterlicherseits süddeutschen Ahnen.
Mit beispielgebender innerer Leidenschaft steht der Mann und Dichter im Dienst seines deutschen Volkes; bereits vor Jahrzehnten griff er mit feinem Werk über die Grenzen weit hinaus, das innere Reich, das größere Deutschland umspannend.
Derantwortltch: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Drühlfche UniverfttälSdruckeret R. Lange, Gießen.


