Windgespräch.
Von Christian Morgenstern.
Hast nie die Welt gesehn? Hammersest — Wien — Athen?
„Nein, ich kenne nur dies Tal, bin nur so ein Lokalwind — kennst du Kuntzens Tanzsaal?"
Nein, Kind.
Servus l Muß davon!
Köln — Paris — Lissabon.
Wiener Eindrücke.
Von Wolfgang Goetz.
Wer im Herbst vorigen Jahres in Wien war und heute wieder dort einkehrt, staunt. Das letztemal stockte die Feder, und der halbsertig« Artikel flog in den Papierkorb. Es war zu schmerzlich, niederzuschreiben, was aus der herrlichen Stadt geworden war. Vor Jahren ging es noch an, aber dann ging es mehr und mehr hinab. Wir schworen uns nach dem Erlebnis zu: Nie wieder Wien. Oede Speisehauser, abends kaum ein Mensch mehr auf der Straße, in den Kaffeehäusern mehr Kellner als Gäste, die Zeitungen zwar immer noch in glänzender Aufmachung, aber gefällt mit widerlich breit aufgemachten Sensationsnachrichten und albernen Lügenmeldungen, daß man sich schämt«, nicht Analphabet zu sein. Schlimm und herzzerreißend.
Und heute: Schon wenn man von Passau her die — eingleisige! — Bahn hinunterfährt zum Sterbeort des selten anständigen Cäsars und Philosophen Mark Aurel, schaut man auf: Arbeiterkolonnen, lachend, scherzend, grüßend. In Linz auf dem Bahnhof großzügige Bauarbeiten. Dann, wie es Nacht wird, beschleicht einen wieder das traurige Gesühl vom Herbst: kaum ein Licht. Die Straßenbeleuchtung kümmerlich, die Laternen geben keinen Schein. Wer dort wandelt, kann sich, auch ohne sanfte Benedelung, nur im Zickzackkurs bewegen. In Wien selbst erfreut man sich des angenehmen Entsetzens, das die blanke Schrecklichkeit einzugeben'imstande ist, besteigt eine Toxi, die „im Reich" bereits seit zwei Jahrzehnten ein sauberes End« aus dem Autofriedhof gesunden hätte. Aber dieses Vehikel, das schon dem römischen Generalstab bei den Markomannenkämpfen treffliche Dienste leistete, bringt uns durch lichte Straßen, erfüllt von Menschen. Es flammt von Lichtern. Und Menschen, Menschen, Menschen.
Im alten lieben Hotel, wo einst Friedrich Hebbel ersten Ruhm erlebte, findet man gerade noch Unterkunft. Dann gehts in das hübsche ungarische Stüberl. Da hatten wir im November auch gesessen; nun kann nur die Autorität eines eingefleischten Stammgastes Plätzchen besorgen.
Tags darauf flaniert man wieder. Der Fremdling muß in Wien flanieren, da und dort stehen bleiben, in die eine und andere der vielen schönen Kirchen treten, ansonsten er sich überslüssig vorkommt. Für den Fremdling ist Flanieren Arbeit. Das böse letzte Mal stand man nur herum und sagte sich: das alles hat keinen Zweck mehr, vorbei — ein dummes Wort —, zuckte die Achseln/versuchte einen bei aller Qualität schlecht schmeckenden Frühschoppen, erhob sich wieder, weil das verfluchte: Es war einmal, ständig im Brägen wiederkehrte, und stand dann wieder herum, angeekelt, angebettelt von widrigen bedauernswerten Gestalten. .
Wohl und gut. November ist nicht Mai. Doch da ist noch anderes. Wien hats immer mit den Frauen gehabt. Die Dame, die Heuer die Wiener Mode macht, heißt Hoffnung. Die schönste aller Pupperln am Arm flaniert man sich so durch den Vormittag und Nachmittag. Der Abend ist erfüllt von Pflicht. Aber nach getaner solcher findet man weit draußen, in einer Heurigen-Kneipe, noch muntere Tischnachbarn. Mit der Sperrstunde wird es infolgedessen nicht sehr ernst genommen.
Rumpumpurn und Tschindera. Wir lachen wieder. Ins Auto hinaus in die Berge, zu den — verschiedenen — Heurigen. Wenn der Chauffeur Werner Krauß heißt, kann man sicher sein, unbedingt in die besten geführt zu werden und die stillste Ecke mit dem schönsten Blick über dies geliebte Land zu finden. Man erkennt: das alte Oesterreich ist wieder da, noch nicht ganz: nein, so schnell geht dgs nicht. Es reibt sich norf) em wenig die Augen. Aber gerade das Erwachen ist ja em wundervollster Genuß. Wenn der Chauffeur Werner Krauß heißt, ist solch eine Rundfahrt von großem Genuß, allerdings auch ein wenig anstrengend. Zum Beispiel entführt uns der fliegende Mantel gen Gienermg — der Heurige sei jedem empfohlen, gleichviel, wo „der Buschen" aussteckt und man betritt eine Höhe, wo ein Zitherspieler sitzt. ..... ~
Ein Zitherspieler — hier müssen wir weit zuruckgre,fen Jeder Mensch ist sein eigner Musikant. Der kleine Wolfgang Amadeus Mozart brüllte wie ein Äufgespießter, wenn er eine Trompete horte. Anderen geht e mit der Zither so, wenigstens „Schreiber dieser Zellen . Der Chauffeur verhieß, es sei wundervoll. Feinsinnig verschwiegen wir unser Grauen und ergaben uns in ein unabwendbares, wenngleich schreckliches Schicksal. Da sitzt ein Mann, der aussieht, als ob er mit d«m Schubert-Franzi und dem Schwind und dem Schober und der ganzen Gesellschaft brav hatte verkehren können. Ein herrlicher Mann — und spielt Zither, selbstverständlich halten wir uns in ängstlichem Abstand, aber unser Chauffeur drängt, wir müssen uns an den Tisch des Mannes setzen, der da herum- pinkt und -zinkt. Es geht. Es geht tatsächlich Dieser nicht mehr allzu junge Mann • holt aus dem Instrument die tollsten Wirkungen bereu»- Ringsumher heilige Landschaft, man ahnt die Donau dm Steffel. Man ahnt nur und spürt, daß einem Tränen über die welken Wangen perlen, was den Chauffeur ungemein erfreut Gewiß war hier ein wenig Alk Y mit im Spiele, aber ahne denselben hätten wir sicherlich noch melmehr Männerzähren vergassen. So schlimm ist es nicht, als wir uns von diesem wahrhaften Musikanten verabschieden, spielt er uns noch:
„Sag beim Abschied leise Servus!
Wir behalten di« Haltung. Es hat also doch nicht am Alkohol geleg«n, der unterdesien sich gemehrt hat.
Wir bewahren sie noch weiter« Stationen, noch in dem Zimmer, da zu Heiligenstadt der Compositeur 'Louis van Beethoven ein gewisses Testament schrieb. Frech tritt man in das Haus und wird von einer hübschen Frau empfangen: „Ja aber bitt schön. Hier hat er gewohnt. Kommens nur rein!" Die Zimmer, darin der letzte Titan mit sich und seinem Schicksal rang, sind mit jener behaglichen Bürgerlichkeit ausgestattet, die bei aller Gleichgültigkeit erfreut. Hier ist das beste Oesterreich. Bon den alten Möbeln ist nichts mehr vorhanden. Aber der Raum ift’s, und man fragt sich wieder einmal, was denn dies ungeheure Wort Raum sagen will. Hier hat er geatmet und gewirkt und gekämpft, der Louis van Beethoven. Man legt sich mit den Ellenbogen aufs Fensterbrett und fragt sich: Hat er hier auch gelegen? Berühren deine Unterarm« die seinen? Verflucht nochmal. Vermutlich hat er „beim" anderen Fenster hinausgeschaut, wenn er überhaupt hinausgeschaut hat. Er hatte ja was anderes zu tun. Was brauchte er die Süße und Stärke der Natur, da sie in ihm felbften war! Hoch gelobt! Und dann rauschen wir wieder in öie Stadt und gehen zu Bett. Eigentlich hätte man im Griechenbeisl noch ein Pilsener als Magenabschluß einnehmen sollen, aber gnä Frau sind dagegen. Wieder mal ein« verpaßte Gelegenheit.
Wir trösten uns am nächsten Tage: unser Chauffeur entfernt uns gen Klosterneuburg. Cs werden in diesem Jahr viele Leute „aus’m Reich" nach Wien fahren — der Reichsdramaturg sagte knapp und kurz: „Ich stelle fest, daß alle Leute in Wien sind" — und man muh sie auf dieses Stift Klosterneuburg aufmerksam machen. Von der riesigen Anlage ist nur ein kleiner Teil vollendet. Er ist schön genug. Ich denke an Würzburg. Die ach so selig verstorbene Mainlinie hat wohl betrachtet nie bestanden, wenigstens nicht in der Architektur. O diese Kirche! Wie die Chorstühle sich fälteln und auftun, ein entzückendes Spiel. Endlich ist da der Altar des Nicolaus von Berdun. Wer warst du, großer Mann? Unser gelehrter Führer weiß auch nichts Näheres. Er hat diesen Altar geschmolzen und gepuntzt. Gold und Blau imb Blau und Gold. Voll tiefsten Sinnes sind die kleinen Bilder angeordnet. Er war nicht nur ein Künstler, dieser Nicolaus von Verdun, sondern auch ein Mystiker. Geht hin, liebe Leute und seht euch das Wunderwerk an. Meister Nicolaus war ein Deutscher, auch wenn er im Adreßbuch von Verdun (Jahrgang 1150) zu finden ist. Pilgert hin und schaut euch das an, ihr nehmt einen Eindruck mit euch, wie ihn kein anderer euch vermitteln kann.
Der Abschied wird euch so schwer werden wie uns. Aber unser gelehrter Führer tröstet uns ein wenig: „Wissen Sie, wir sind so glücklich Über Ihre Bayern", sagt er, „das sind ja Prachtjungens! Und brav!"
„Jetzt müssen wir nach Gumpoldiskirchen", sagt der Chauffeur, und nach einem vorzüglichen Wiener Schnitzel von der Größe eines Boxerhandschuhs — man bringt es nur mit höchster Willensanspannung hinter den Schlips, aber was soll man machen — geht's wieder durch den Wiener Wald. Hier liegt Lenau, sagt der Chauffeur, der sich zum Cicerone auswächst. Er weih nicht, wo er liegt. Es ist gleichgültig. „Weil auf mir, du dunkles Auge . Amen. Serpentinen bergauf und bergab. Zwischen den Tannen, den schwarzen, lichte Birken. Jede Sekunde ist vollgepfropft von Glück Wir streifen Wien, wo es nicht eben am schönsten ist, obwohl gnä Frau behaupten: „Hier sind sogar die abscheulichsten Häuser schon. Ich vermeid« durch eisernes Schweigen einen betrüblichen Chezwist
Mödling: Das ist Sache für sich. An der schönen Kirche ist eine Tasel, die verkündet, daß an dieser Stell« dunnemals fast di« ganze Bevölkerung von den Türken-hingemacht wurde. Das „fast" hat mich gerührt. Von wegen der darin ausgesprochenen Odjekttvität. Welch angenehm« Zett! Warum muß ich nur an den Nicolaus von Verdun denken und sein
-heiliges Gelübde? . .. ... m .
Aber da ist Gumpoldiskirchen. Mitten dorn steht em römischer Meilenstein; später wurde er als Pranger benutzt, was dieses stolze Gebilde nicht recht verdient hat. Meine diesbezügliche Anfrage wurde von der Säule hochmütig abgelehnt. Aber das schönste: durch die Straßen laufen Bächlein. Gleich kann man die Wäsche ein wenig spulen. Das Stadttern hat fast nur einstöckige Häuser. Man faßt hin und wieder in die Dachrinne. Plötzlich bremst vor uns eine „Pupperlhutschen". Ein netter, junger Mann springt heraus, rast über die Straße und neigt sich vor unferm Chauffeur. „Herr Staatsfchauspieler Krauß, dürft ich Ihnen um cm Autogramm bitten. Unser Chauffeur — wir sind zu Fuß diesmal — macht Schippchen, feixt und schreibt dann auf dem Rücken des Antragstellers einen Sinnspruch. Hätte der Unselige gewußt, daß auch ich noch da war na ja Leicht aber nicht besonders beleidigt, schreite ich zum Heurigen, wo alle Eitelkeit erstickt und nur noch Land und Licht die Seele einfangen.
Wir wollen am nächsten Tage ins Burgenland. Aber es gießt. Chauffeur streikt infolgedessen und hat recht. Wir . mummen uns em und trippeln über Pfützen ins Museum, zu den Breughels, zur Tasfel t)o*gelobt des Norcius A D., zu den Tintorettos, zum Titus des Rembrand Wieder roill's über die welken Wangen rieseln. Was ist es um Bilde r? Sie können schlecht sein oder gut. Aber dieser Titus! Da zuckt ein Lächeln um die Lippen des lesenden Jünglings (die Buchblätter!), vor dem sich die Mona Lisa, falls sie noch existieren sollte, schämen darf. Hier'ist mehr. Von dieser braun-weißen Leinwand springt uns eine so gewaltige Liebe entgegen. Jeder Pinselsttich kündet: Titus, mein Titus, mein geliebter Junge — Höchste Religion, Liebe- zu verewigen. Lange, lange, sind 1>e tot, der Titus und hinterher der Papa. Es ist unvorstellbar Wir kennen ia allerlei Rembrandts — allein hier ist das Höchste erreicht. Man stelle sich vor: der Junge kiest etwas vor, und Hendrikie hort zu, und der Dapa, der sich freut. Gleich daraus nimmt er eine Leinwand und malt. Und aus-dich, den Späten, stürzt aus Del und Lanwand all die Seligkeit eines Größten der Großen herab. Wem gelang das? Man kann vor diesem Bilde ein« neue Aesthetik ausstellen. Kunst kommt von Können. Das ist nun so. Aber man betradjte die Bilder, die neben dem Titus hängen Zwei Porträts, ein Mann und eine Frau (besser ein Herr und eine Dame). Meisterlich gemalt, aber man möchte fast bedauern daß sie echt sind Sie strömen Kälte aus. Auftrag, vermutlich sehr gut honoriert. Zwei Selbstporträts, wie stets von einer erschreckenden Dbjettimtat, di«


