Ausgabe 
14.2.1938
 
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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

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Jahrgang ^938 Montag, den H.gebrmn Nummer (3

Oer Lanövogt von Greifensee

Novelle von Gottfried Keller

Schluß.

Die guten Frauen seufzten ordentlich auf, als die Erzählung zu ihrem Tröste fertig war; sie hatten zuletzt atemlos zugehört; denn der Land­vogt hatte so lebendig geschildert, daß man die nächtliche Wiese und den Ring der wilden Kriegsmänner im roten Fackellichte statt des blumen- unb becherbedeckten Tisches im Scheine der Frühlingssonne vor sich zu sehen meinte.

Das war freilich eine unheimliche Versammlung, eine solche Kriegs- gemeinde", sagte der Landvogt,sei es, daß sie den Angriff beschloß oder daß sie ein Bluturteil fällte. Aber nun ist es Zeit", fuhr er mit veränderter Stimme fort,daß wir diese Dinge verlassen und uns wieder uns selbst zuwenden! Meine schönen Herzdamen! Ich möchte euch ein­laden, nunmehr auch eine kleine, ober friedlichere Gemeinde zu for­mieren, eine Beratung abzuhalten und ein Urteil zu fällen über einen Gegenstand, der mich nahe angeht und welchen ich euch sogleich vorlegen werde, wenn ihr mir euer geneigtes Gehör nicht versagen wollt, das seinen Sitz in so viel zierlichen Ohrmuscheln hat! Vorerst ober mag das Publikum hinausgehen, da die Verhandlung geheim sein muß!"

Er winkte der Haushälterin und ihrem Adjutanten, und diese ent­fernten sich, während er die Stimme erhob und, von etwas verlegenem Räuspern unterbrochen, weiter redete, auch die zehn weißen Ohrmuscheln mäuschenstille standen.

Ich habe euch, Verehrte, heute mit dem Sprichworle: Zeit bringt Rosen! begrüßt, und sicherlich war es wohl angebracht, da sie mir ein magisches Pentagramma von fünf so schönen Häuptern vor das Auge gezeichnet hat, in welchem die zauberkräftige Linie geheimnisvoll von einem Haupte zum anderen zieht, sich kreuzt und auf jedem Punkt in sich selbst zurückkehrt, alles Unheil von mir ab wend end!

Ja, wie gut haben es Zeit und Schicksal mit mir gemeint! Denn hätte mich die erste von euch genommen, so wäre ich nicht an die zweite geraten; hätle die zweite mir die Hand gereicht, so wäre die dritte mir ewig verborgen geblieben, und so weiter, und ich genösse nicht des Glückes, einen fünffachen Spiegel der Erinnerung zu besitzen, von keinem Hauche der rauhen Wirklichkeit getrübt; in einem Turme der Freundschaft zu wohnen, dessen Quadern von Liebesgöttern aufeinander gefügt worden sind! Wohl sind es die Rosen der Entsagung, welche die Zeit mir ge­bracht hat; aber rote herrlich und dauerhaft sind sie! Wie unvermindert an Schönheit und Jugend sehe ich euch vor mir blühen, keine einzige scheint auch nur um ein Härlein wanken und weichen zu wollen vor den Stürmen des Lebens! Vor allem wollen wir erst hierauf anftoßen! Eure Herzen und eure Augen sollen lange (eben, o Salome, o Figura, Wendelgard, Barbara, Aglaja!"

Sie erhoben sich alle mit geröteten Wangen und lächelten ihm hold­selig' zu, als sie ihre Gläser mit ihm anklingen ließen; nur Figura flüsterte ihm ins OhrtWo wollt Ihr hinaus, Schalksnarr?"

Ruhig, Hanswurstel!" sagte der Landvogt, und als sie wieder Platz genommen hatten, fuhr er fort:

Aber die Entsagung kann sich nie genug tun, und wenn sie nichts mehr sindet, ihm zu entsagen, so endigt sie damit, sich selbst zu entsagen. Dies scheint ein schlechtes Wortspiel zu sein; allein es bezeichnet nichts­destoweniger die bedenkliche Lage, in welche ich mich durch die Ver­hältnisse gebracht sehe. Die Bekleidung oberer Staatsämter, die Führung eines großen Haushaltes lassen es nicht mehr zu, daß ich ohne Schaden unbeweibt fortlebe; man bringt in mich, diesen unverehelichten Stand aufzugeben, um an der Spitze einer Herrschaft, als Richter und Verwal­tungsmann selbst bas Beispiel eines wirklichen Hausvaters zu fein, und was es alles für Redensarten find, mit welchen man mich bedrängt. Kurz, es bleibt mir nichts anderes übrig, als meinen stillen Erinnerungs­sternen zu entsagen und der Not zu weichen. Werf' ich nun meine Blicke aus, fo kann natürlich nicht mehr von Liebe und Neigung die Rede fein, die von dem Pentagramma gebannt sind, sondern es ist bas kalte Licht ber Notroenbigkeit und gemeinen Nützlichkeit, bas meinem Entschlüsse leuchten muß. Zwei wackere Geschöpfe sind es, zwischen denen das Zünglein der Wahl inne steht, und die Entscheidung habe ich euch zu- gedacht, geliebte Freundinnen! Ein weltkundiger Berater und geistlicher Herr hat mir gesagt, ich soll entweder eine ganz erfahrene Alte ober aber eine ganz Junge nehmen, nur nicht, was in ber Mitte liege. Beide find nun gffunben, und welche ihr mir zu raten beschließt, die soll es unwiderruflich fein! Die Alte, es ist meine brave Haushälterin, Frau Marianne, welche meinen Haushalt bis anher trefflich vorgestanden hat; etwas rauh und räucherig ist sie, aber brav und tugendhaft und doch einmal schön gewesen, wenn es auch lange her ist; sie braucht nur den

Namen zu wechseln, und alles ist in Ordnung. Die andere ist die junge Magd, die uns beim Essen bedient hat, eine roeitläufige Anverwandte ber Marianne, die sie zur Hilfe und Probe herbeigezogen hat; es scheint ein sanftes und wohlgeartetes Kind zu sein, arm, aber gesund, wahrheits­liebend und unverstellt. Weiter sag' ich in diesem Punkte nichts, ihr ver­steht mich! Nun erwäget, beratet euch, tauscht eure Gedanken aus, tut mir den Liebesdienst und stimmet dann friedlich ab; die Mehrheit ent­scheidet, wenn keine Einstimmigkeit zu erzielen ist. Ich gehe jetzt hinaus; hier ist ein ehernes Glöcklein; wenn ihr das Urteil gefunden habt, fo läutet damit, fo stark ihr könnt, damit ich komme und mein Schicksal aus euren weißen Händen empfange!"

Nach diesen Worten, die er in ungewöhnlich ernstem Tone gesprochen, verließ er so rasch bas Zimmer, daß keine der Frauen Zeit sand, ein Wort dazwischen zu werfen. So saßen sie nun erstaunt und schweigend auf ihren Stühlen gleich fünf Staatsräten und sahen sich an. Sie waren fo Überrascht, daß keine einen Laut hervorbrachte, bis Salome zuerst sich faßte und rief:Das kann nicht so gehen! Wenn der Landvogt heiraten will, so muß man ihm für etwas Rechtes sorgen! Er ist jetzt ein ge­machter Mann, und ich will bald gesunden haben, was für ihn paßt; auf dieser Marotte darf man ihn keinenfalls lassen!"

Das ist auch meine Ansicht", sagte Aglaja nachdenklich;es muß Zeit gewonnen werden."

Dos glaub ich, bu-nämft ihn am Ende noch selbst", dachte Salome; / aber es wird nichts daraus, ich weiß ihm schon eine!" Laut sagte sie: Ja, vor allem müssen wir Zeit gewinnen! Wir wollen klingeln und ihm eröffnen, daß wir jetzt nicht entfcheiden, sondern den Ratschlag verschieben wollen!"

Sie streckte schon die Hand nach der Glocke aus; doch die jüngste, Barbara Thümeysen, hielt sie zurück und rief mit ziemlich kräftigem Stimmlein:

Ich widersetze mich einer Verschiebung; er soll heiraten, das ist wohlanständig, und zwar stimme ich für die alte Haushälterin; denn es ist nicht schicklich, daß er jetzt noch ein ganz junges Ding zur Frau nimmt!"

Psui!" sagte jetzt Wendelgard,die ölte Rassel! Ich stimme für die Junge! Sie ist hübsch und wirb sich von ihm ziehen lassen, wie er sie haben will; benn sie ist auch bescheiden. Und wenn sie arm ist, wird sie um so dankbarer sein!"

Gereizt wendeten Salome und Aglaja zusammen ein, daß es sich zuerst darum handle, ob man heute eintreten oder verschieben wolle. Noch gereizter rief Barbara, sie stimme für bas Eintreten und für bie Alte; wolle man aber verschieben, so behalte sie sich vor, unter oen ehrbaren unb bestandenen Töchtern ber Stadt selbst auch eine Umschau zu halten; es gebe mehr als eine würdige Dekanstochter zu versorgen, deren schone Tugenden und Grundsätze dem immer noch etwas zu luftigen und phan­tastischen Herrn Landvogt zugut tonwnen würben.

Es gab nun ein beinahe heftiges Durcheinanderreden. Nur Figura Leu hatte noch nichts gesagt. Sie war blaß geworden und sie fühlte ihr Herz gepreßt, daß sie nichts sagen konnte. Obgleich sie sonst alle Streiche und-Einfälle des Landvogts sogleich verstand, hielt sie doch den jetzigen Scherz, gerade, weil sie jenen liebte, für baren Ernst; sie sah endlich herangekommen, was sie längst für ihn gewünscht und für sich gefürchtet hatte. Aber entfchlossen nahm sie sich endlich zusammen und erbat sich Gehör.

Meine Freundinnen!" sagte sie,ich glaube, mit einer Verschiebung gewinnen wir nichts; vielmehr halte ich dafür, daß er bereits entschlossen ist, und zwar für die Junge, und von uns aus Courtoisie unb Lust an Scherzen eine Bestätigung holen will. Daß er die Frau Marianne heiratet, glaub ich nie und nimmer, und sie sieht auch gar nicht danach aus, als ob sie einem solchen Vorhaben entgegenkommen würde; dazu ist die Alte zu klug. Wenn wir aber nichts beschließen oder, was gleich­bedeutend ist, ihm die erwartete freundliche Zustimmung verweigern, daß wir morgen die Anzeige seines Entschlusses erhalten werden!"

Die kleine Versammlung überzeugte sich von der mutmaßlichen Rich­tigkeit seiner Ansicht.

So schlage ich vor, zur Abstimmung zu schreiten", sagte Salome; wie alt ist er eigentlich jetzt? Weiß es niemand?"

Er ist beinahe dreiundvierzig", antwortete Figura.

Dreiundvierzig!" sagte Salome;gut, ich stimme für die Junge!"

Unb ich für bie Lilie!" rief die Tochter des Proselytenschreibers, die zarte Grasmücke, bie in 'dieser Sache so hartnäckig schien, wie einer ber Redner jener blutigen Kriegsgemeinde von Greisenfee.

Ich stimme für die Junge!" rief dagegen die schöne Wendelgard und schlug leicht mit der flachen Hand auf den Tisch.

Und ich für die Alke!" sagte Aglaja mit unsicherem Ton, indem sie vor sich hinschaute.

Jetzt haben wir zwei junge und zwei alte Stimmen", rief Salome; Figura Leu, du entscheidest!"