Schlittenfahrt.
Volksweise.
Ach, seins mein Lieb, so sei mir hold, Um eins will ich dich bitten, Kans du mir ein gespiegeltes Roh, Dazu ein gemalten Schlitten, too fahren wir mit Schallen, So fahren wir mit Schallen, To fahren wir mit Schallen, Di« Gäßlein allenthalben, Feins Lieb, laß dir's gefallen.
Ach, seins mein Lieb, so spar mich nit, Ich bin dazu gewachsen.
Rimm nur dein Müsflein in ine Hand, Ich schau dir über die Achsel, Weih zugeschneites Osterlamm, Mein Röhlein rasselt mit dem-Kamm, So fahren wir mit Schallen Die Gäßlein allenthalben, Feins Lieb, loh dir's gefallen.
Das Geheimnis der Goldgrube.
Ein Tatsachenbericht von Waldemar Keller.
Dies ist die Geschichte des belgischen Goldsuchers Gaston Joannes van Steck, der im Sommer vorigen Jahres in den Santa Moria-Bergen an der Grenze der mittelamerikanischen Staaten Costarica und Panama einen geheimnisvollen Tod sand. Die Auszeichnungen folgen nüchtern den Berichten, die der Regierung von Panama vorliegen, zu deren Hoheits» gebiet der Schauplatz des Geschehens, die Provinz Ehirique, gehört.
Joannes van Steck, ein bejahrter Monn, hatte ein Leben lang damit Sgebracht, in den Dschungeln der Santa Maria-Berge nach der ver- o 11 enGoldgrube „La Estrella" (Der Stern) zu suchen, einer alten spanuchen Mine aus der Zeit der Konquistadoren, über deren phantastische Ergiebigkeit viele Erzählungen noch heute im Umlauf sind. Die Suche war mit größter Gefahr verbunden, denn die Eingeborenen, fest überzeugt davon, daß ein Fluch auf dem seit vier Jahrhunderten ver» fchütteten Bergwerk laste, verfolgten sorgsam die Unternehmungen der Glücksjäger. Es gab eine Zeit, in der sie überhaupt allen Fremden zu Leibe gingen, die sich zeigten, bis eine Strafexpedition der Panama- Regierung diesem Jagen ein Ende machte. Nachdrücklich jedoch schworen die Indianer, dah jeder Weih«, der eine Goldader entdecke, auch in Zukunft fein Leben verwirkt hab«, koste es, was es wolle.
Der Belgier Joannes van Steck war ein Mensch, der nach dem Grundsatz handelte: Alles oder nichts. Während die eingeborenen Schatzwächter mehr und mehr ansingen, den Kopf zu schütteln, weil sie Stecks jahrzehntelange fruchtlose Bemühungen kannten, suchte er planmäßig weiter und geriet im Juli 1937 drei offenbar trächtigen Minen auf die Spur. Eine davon mußte, wie er annahm, „La Estrella" sein. Er machte sich sofort daran, feine Entdeckung zu kennzeichnen, um das Besitzrecht verteidigen zu können. Bei dieser Arbeit geschah das Abenteuerliche: der Boden rutschte ihm unter öen^ Fußen weg, er fiel in einen niedrigen Tunnel.
Mit HUse der Taschenlampe tastete sich van Steck durch den alten Minengang; wie er später erzählte, kam chm unwillkürlich di« Erinnerung an jene Redensart, die von dem Bevorzugten des Glücks sagt, daß sie in eine Goldgrube fallen. War er tatsächlich hineingesallen? Er sollte bald belehrt werden. In einer Ausbuchtung sand er blockartige Metallstücke aufgestapelt, grauweißer Staub lag darauf, er pustete ihn weg — es war reines Gold! Achtzig Goldbarren, fertig für die Münze, hatten hier feit den Tauen des Balbao ihrer Bestimmung geharrt; Joannes van Steck war der Auserlesene, der sie ans Tageslicht befördern sollte. Er wog die Barren in der Hand, einen nach dem anderen. Er kannte die Gewicht«. Ungesähr für drei Millionen Dollar Gold ...
Gewiß, von Steck war berauscht. Aber er hatte Gegenwartsfilm genug, um sich genau einzuprägen, was er sah. Reben dem Goldberge lagen verrostete Helme und Harnische und ein paar halbverwitterte Schwerter. Die Marke, die er auf einer der Klingen entdeckte, vermochte er bald daraus den Behörden bis ins kleinste zu beschreiben, und man
selbst im Donner der großen Schlachten, deren Schauplatz seine engste Heimat war, entging ihm kein nächtlicher Feuerschein kern spähend^ Kosak oder Pandur« im Morgengrauen. Als die Sturmfluten sich endlich verlausen hatten, wechselte er, malend, jagend und reckend hauftg seinen Aufenthalt und starb im Jahre 1818 im Schlosse zu Andelftngen an der Thur. Von jener letzten Zeit sagt sein Biograph: An warmen Sommernachmittagen blieb er allein unter dem Schatten der Platanen fitzen, zumal während der Ernte, wo die ganze kornreiche Gegend von Schnittern wimmelte. Er sah denselben gern von seiner Höhe zu. Wenn sie bei der Arbeit sangen, pflückte er wohl ein Blättchen, begleitete, leise daraus pfeifend, die fröhlichen Melodien, welche aus dem Tale heraufschwebten, und entschlummerte zuweilen darüber, wie ein müder Schnitter aus Lmer ©urbe. .
Im Spätherbste feines siebenundsiebzigsten Lebensjahres, als das letzte Blatt gefallen, sah er das Ende kommen. „Der Schütze dort Hai gut qezieltl" sagie er, auf das elfenbeinerne Tödlein zeigend, das er von der Großmutter geerbt hatte. Die Figura Leu, welche noch im alten Jahr- hundert gestorben, hatte das feine Bildwerk von ihm geliehen, da es ihr Spaß mache, wie sie sich ausdrückte. Rach ihrem Tode hacke er es wieder an sich genommen und auf feinen Schreibtisch gestellt.
Die 'Frau Marianne ist im Jahre 1808 abgeschieden, ganz ermüdet von Arbeit und Pflichterfüllung; ihrer Leiche folgte aber auch em Grabgeleite, wie einem angesehenen Manne.
„Ich bin für die Jungel" sagte diese, und Salome ergriff sofort die Glocke und klingelte kräftig. . ..
Es dauerte ein paar Minuten, ehe Landock erschien, und es herrschte eine tiefe Stille, während welcher verschiedene Gefühle die Frauen be° roegten. Figura vermochte kaum ein paar schwere Tranen zu verbergen, die ihr an den Wimpern hingen; denn sie hatte sich an die Meinung gewöhnt daß Landolt ledig bleibe, und wußte jetzt, daß sie die Emsam- feit ganz allein tragen müsse. Dieses Berbergen half chr ein Einfall Wendelgards zuwege bringen, welche, die Stille unterbrechend, ausrief, sie schlage vor, dah der Landvogt die Alte küssen müsse, ehe man ihm das Urteil eröffne; er werde dann glauben, das Urteil laute für die Marianne, und man werde an seinem Gesichte, das er schneide, entdecken, ob es ihm Ernst gewesen fei, sie zu heiraten. Der Vorschlag wurde gul- geheitzen, obgleich Figura ihn bekämpfte, weil sie dem Landvogt die unangenehme Szene ersparen wollte.
In diesem Augenblick öffnete sich die Tür und er trat jeierhcf) herein, die Frau Marianne am Arm, welche possierliche Verneigungen und Komplimente nach allen Seiten hin machte, gleichsam als wollte sie sich zum voraus in gute Freundschaft empfehlen. Dabei ließ sie in schalkhafter Laune durchbohrende Blicke bald auf diese, bald auf jene der anmutigen Richterinnen fallen, fo daß diese ganz zaghaft und mit bösem Gewissen dafahen. Der Landvogt aber sagte: . .
Zn der sicheren Voraussicht, daß meine Beistanderinnen mich auf den Weg der ruhigen Vernunft und des gefetzten Alters verweisen, führe ich die Erkorene gleich herbei und bin bereit, mit ihr die Ringe zu wechseln!"
Wiederum verneigte sich Frau Marianne nach allen Richtungen und die Frauen am Tische wurden immer verblüffter und Neinlauter. Keine wagte ein Wort zu sagen; denn selbst Aglaja und Barbara, die für die Alte gestimmt, fürchteten sich vor ihr. Rur Figura Leu, voll Trauer über den tiefen Fall des Mannes, der wirklich eine verwitterte Landfahrerin heiraten wollte, die längst schon neun Kinder gehabt, erhob sich und sagte mit unwillig bewegter Stimme:
,Zhr irrt Euch, Herr Landvogt! Wir haben beschlossen, daß Ihr die junge Base dieser guten Frau heiraten sollt und hoffen, daß Ihr unteren Rat ehret und uns nicht in den April geschickt habt!"
,Zch fürchte, es ist doch geschehen!" sagte der Landvogt lächelnd, trat Bn Tisch und klingelte mit der Glocke, indessen die Frau Marianne ein aUenbes Gelächter erhob, als der Knabe, der die Magd gespielt hatte, in feinen eigenen Kleidern erschien und vom Landvogt den Damen als Sohn des Herrn > Pfarrers zu Fellanden vorgestellt wurde.
„Da mir nun die Alte verboten ist und sie, ihrem Gelächter nach zu schließen, sich nichts daraus macht, die Juyge aber sich unter der Hand in einen Knaben verwandelt hat, so denke ich, wir bleiben einstweilen allerseits, wie wir sind! Verzeiht das frevle Spiel und nehmt meinen Dank für den guten Willen, den ihr mir erzeigt, indem ihr mich nicht für unwert erachtet habt, noch der Jugend und Schönheit gesellt zu werden! Aber wie kann es anders fein, wo die Richterinnen selber in ewiger Jugend und Schönheit thronen?"
Er gab ihnen der Reih« nach die Hand und küßte eine jede auf den Mund, ohne daß derselbe von einer verweigert wurde.
Figura gab das Zeichen zu einer mäßigen Ausgelassenheit, indem sie freudevoll rief: „So hat er uns also doch angeschmiert!"
Mit lautem Gezwitscher flog das schöne Gevögel auf und fiel an dem kleinen Seehasen vor dem Schlosse nieder, wo ein Schiff bereit lag für eine Luftfahrt; das Schiff war mit einer grünen Laube überbaut und mit bunten Wimpeln geschmückt. Zwei junge Schiffer führten das Ruder, und der Landvogt faß am Steuer; in einiger Entfernung fuhr ein zweiter Rachen mit einer Musik voraus, die aus den Waldhörnern der Landoll- schen Schützen bestand. Mik den einfachen Weisen der Waldhornisten wechselten die Lieder der Frauen ab, welche jetzt herzlich und freudefromm bewußt waren, daß sie dem still das Steuer führenden Landvogte gefielen, und (ein ruhiges Glück mitgetroffen. Musik und Gesang der Frauen ließ ein leises Echo aus den Wäldern des Zürichberges zuweilen widerhallen, und das große, blendend weiße Glarner Gebirge spiegelte sich in der luftstillen Wasserfläche. Als der herannahende Abend alles mit (einem milden Goldschein« zu Überfloren begann und alles Blaue tiefer wurde, lenkt« der Landvogt das Schiff wieder dem Schloff« zu und legte unter vollem Liederklange bei, so daß di« Frauen noch singend ans User (prangen.
Ihrer warteten im Schlosse vier muntere junge Leute, welche Landolt aus den Abend zu sich berufen hatte. Es wurde ein kleiner Ball abgehalten; Herr Salomon tanzte felbft mit jeder der Flammen einen Tanz und gab beim Abschied jeder einen der Jünglinge zur guten Begleitung mit, der Figura Leu aber den artigen Knaben, der die junge Magd gespielt hatte.
Während der Abfahrt ließ er die Kanonen wieder abfeuern und sodann bei zunehmender Dunkelheit die Fahne auf dem Dach einziehen.
„Run, Frau Marianne", fragte er, als sie ihm den Schlaftrunk brachte, „wie hat Euch dieser Kongreß alter Schätz« gefallen?"
„Ei, bei allen Heiligen!" ries sie, „ausnehmend wohl! Ich hätte nie gedacht, daß eine so lächerliche Geschichte, wie fünf Körbe find, ein so erbauliches und zierliches End« nehmen könnte! Das macht Ihnen so bald nicht einer nach! Nun haben Sie den Frieden im Herzen, soweit das hienieden möglich ist; denn der ganze und ewige Frieden kommt erst dort, wo meine neun kleinen Englein wohnen!"
So verlief dies« denkwürdige Unternehmung. Später erhielt der Obrist die Landoogtei Eglisau am Rhein, wo er blieb, bis es überall mit den Landvogteien ein Ende hatte und im Jahre 1798 mit der alten Eid- genossenfckmft auch die Feudalherrlichkeit zusammenbrach. Er sah nun die fremden Heere sein Vaterland und die schönen Täler und Höhen feiner Jugendzeit überziehen, Franzosen, Oesterreicher und Russen. Wenn auch nicht mehr in amtlicher Stellung, war er doch überall mit Rat und Hilfe tätig, stets zu Pferd und unermüdlich; aber in allem Elend und Gedränge der Zeit wachte sein künstlerisches Auge über jeden Wechsel der tausenderlei Gestalten, die sich wie in einem Fiebertraume ablösten, und


