Ausgabe 
11.7.1938
 
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Siehener Zamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang 1958 Montag, den II. Juli Nummer 53

Lady Hester Stanhope EINE FRAU OHNE FURCHT Von Maria Josepha Krück von poturzyn

Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart

12. Fortsetzung.

Einer der ersten war der Abbe Desrnazure, der in Dar Dschun um Audienz bat. Er wurde bewirtet, ein Französisch sprechender Dolmetsch tat ihm alle Ehre an. Aber er wartete vergebens, Mylady sehen zu dür­fen. Ein so heiliger Mann dürfe nicht dem Anblick einer Sünderin aus­gesetzt werden, ließ sie sagen: hernach müßte er gewiß barfuß zum Berge Karmel wandern, und daran wolle sie nicht schuld sein... Abbe Des- mazure war nicht gekränkt. Er trug im Kopf das Bild einer Gott­sucherin und wollte ihr Wahrheit bringen. Ein zweites Mal, auf dem Heimweg, meldete er sich wieder. Daraufhin ärgerte sich der fran­zösische Konsul über so viel Langmut und ließ den Landsmann kurzer­hand abschieben.

Ein junger Engländer, Mr. Banker, hatte mehr Glück. Er wurde vorgelassen.

Iw ersten Hof, zwischen zwei langen Wällen, herrschte Stimmung und Bild einer Festung: albanische Soldaten standen und lagen herum, spielten, rauchten. Durch bewachte Türen wurde man zu einem zweiten Hof geführt, in dem die Pferde warten mußten.

Bon hier ging es, unter verschiedenen Führern, durch Bäume und Häuser, Gänge, Arkaden, zum Pavillon der Herrin. Der Janitschar ver­schwand, ein griechisch gekleidetes Mädchen erschien und klatschte in die Hände.

Zwei Türen öffnen sich unsichtbar, ein Borhang hebt sich, Licht strömt ihm voll ins Gesicht. Er ist geblendet. Langsam erholen sich die Augen.

Eine Gestalt sitzt gegenüber, im weißwallenden Gewand mit slam- mendrotem Turban, dem Lichte abgekehrt, in Rauchwolken gehüllt.

Setzen Sie sich", sagt eine volle Stimme.

Bankes blickt in ein blasses, sehr edles Gesicht mit sonderbaren Augen. Er weiß nicht, ob er der Zeitung schreiben wird, daß sie schön sei: maje­stätisch wäre das richtige Wort. Zweifelsohne ist sie gut erhalten, man würde ihr vierzig Jahre geben allerdings sitzt sie gegen das Licht.

Sie wollen nach Palmyra reisen", hört er sie sprechen.

Mylady, es ist meine Absicht. Doch höre ich, daß man Schwierigkeiten durch die Beduinen bekommt ohne Empfehlung."

Empfehlung hilft nicht. Sie müssen einen Brief mitbringen. So habe ich es mit Scheich Nassr ausgemacht. Wer sich nur mündlich auf mich beruft, soll nicht gehört werden.

Aha, der Scheich! Das wird wohl ihr Intimus sein ...

Würden Mylady die Güte haben, mir einen Brief mitzugeben?" fragt er laut.

Sie überhört. Kaffee wird serviert, und die Pfeifen werden neu ge­stopft. Von den beiden Sklavinnen ist die eine auffallend hübsch.

Mylady spricht sehr viel und sehr lebhaft. Bankes ist etwas zerstreut. Der Ritt war anstrengend, die Hitze ist groß und offen gestanden was sie sagt, interessiert ihn nicht besonders. Er hat erwartet, daß sie den Koran zitiert, von Geistern berichtet oder Schlangen beschwört und ihm die Frage beantwortet, ob die Drusen ein goldenes Kalb anbeten. Indes spricht sie von der Außenpolitik Englands, von Mehemek Ali, dem Vize­könig Aegyptens mit bemerkenswerter Sachkenntnis, doch ohne jede Sensation. Er kommt auf Palmyra zurück. '

. Sie müssen wissen", sagt sie,ich habe bei meinem Weggang aus der W - das Versprechen erhalten, daß ein Brief mit einem Siegel von mir ,o viel gelten wird wie ein Paß. Außerdem, wenn jemand mir so nahe steht, daß die Araber sich auf ihn verlassen können wie auf mich selbst, wenn ein Reisender teilnehmen soll am Kampfspiel und Kamel- fleischessen, wird er zwei Siegel mitbringen...

Ganz recht", antwortet der junge Mann zerstreutund wann darf ich den Brief von Eurer Ladyschaft erwarten?"

Sie können ihn mitnehmen, morgen früh, wenn Sie weiterreiten.

sie.

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Banker überfiel die Neugier, Halbwegs auf dem Weg in die Wüst Für wen hatte Lady Stanhope ihn gehalten? Für einen, derihr ncch stand"? Er öffnete die Briefumschläge und fand den Brief Myladys an den Sohn der Wüste einmal gesiegelt! Hexe! Nur ein einziges Siegel hatte sie ihm gegönnt! Er zerriß den Brief. Allein würde er den Weg ebensogut finden. v _ r, ...

Mit der Fürsprache des Paschahs von Damaskus in der Tasche erschien er östlich Harnah in der Wüste.

Reitende Beduinen stellten sich in seinen Weg, Nassr, der Häuptling im lächerlichen Lammsfeld, verlangte elfhundert Piaster. Am nächsten Tag noch einmal soviel. Bankes verweigerte, drohte mit dem Pascha von Damaskus. Die Araber sperrten ihn in ein Zelt.

Nach Wochen erst, gegen ein hohes Lösegeld, wurde er frei ohne Palmyra gesehen zu haben!

Bankes kehrte nach England zurück. Und in den Zeitungen erschien ein Artikel über Lady Hefter Stanhope, die sich ein Vergnügen daraus mache, Reisenden die Wege in die Wüste zu versperren.

Ja, auch Leon de Jaborde, der Sohn eines Pariser Verlegers, stellte in einer französischen Zeitung fest, daß Lady Stanhopes Wohnung den desolaten Zustand ihres Geistes offenbare, die schlechte Dienerschaft den Ruin ihrer Finanzen. Er kritisierte alles, von der Monotonie der Land­schaft, dem Anzug der Sklavinnen, der Besuchsstunde zu Mitternacht bis zu ihren Ansichten. Diese seien ein Gemisch von tausend Unsinnigkeiten, von geschickten Arabern für gutes Geld aufgebunden, von ihr wiederholt, um in Europa berühmt zu werden!

Ich habe den Adamsapfel erfunden, ich kann ihn zeigen, sagte sie mir; und sie brachte weihe Auberginen! Das Lachen fällt mich an, ich verliere meinen Schlaf, der mich vorher, ich muß es gestehen, überkom­men, und ich finde einen Vorwand, mich zu verabschieden..." So stand zu lesen.

Eine alte Verrückte", nennt er Lady Stanhope. Die Formel war kurz und gut, sie stand in Zeitungen gedruckt und kursierte durch Europa.

Allerdings die Zahl der Neugierigen wurde nicht verringert da­durch. Auch wußte man, daß^ihre Meinung Talisman bedeutete und die Türen der Einheimischen öffnete oder schloß.

Inzwischen hat Hefter Stanhope landwirtschaftliche Pläne. Der Auf­stand der Drusen ist verebbt, die Flüchtlinge aus Dar Dschun sind ent- fassen, Emir Beschirs Herrschaft über den Libanon ist gesichert.

Aber die Bauern kehren in verwüstete Dörfer heim, der Boden liegt brach. Hunger droht.

Mylady läßt in den Feldern des Tales eine lila blühende Pflanze bauen und verbreitet die Kunde, die Wurzeln seien Nahrung. Mylady weiß in vielem Bescheid, sie ist ein gottgelehrter Weiser; aber daß man diese Knollen aus der Erde efsen soll bas glauben die Drusen nicht, auch nicht die Maroniten. Sie hungern lieber.

Eines Abends stehen vor den Feldern Diener der Mylady mit Waffen.

Es ist verboten, diese Felder zu betreten! Verboten, von den Früchten zu essen!

In der ersten Nacht stehlen sich junge Bauern heran, scharren, stehlen. In der zweiten kommt eine ganze Schar von Dieben... Am Morgen ist ein Feld kahlgeplündert. Ehe die Woche vergeht, haben alle Dörfer im Umkreis Kartoffeln gegessen und sind nicht daran gestorbenl

Hester hat die Nahrung für den Winter gesichert.

Dr. Meryon schreibt sehnsüchtige Briefe aus England, London gefällt ihm nicht mehr so recht, er fühlt sich beengt und ist bereits einmal reuig nach Dar Dschun zurückgekommen. Aber nun hat er geheiratet, und Mrs Meryon läßt sich nicht darauf ein, in die Wüste zu reifen wegen einer Frau, die in bezug auf ihre Sitten mehr als verdächtig erscheint.

Elisabeth Williams, die Treue aus Pitts Haus, ist der einzige Euro­päer auf Dar Dschun. Sie hilft die stehlenden Diener bewachen, ihre Faulheit überwinden. Die Dienerschaft! Sie ist das trübste Kapitel im Libanon. Dreißig Diener sind es, Männer und Mädchen, streng durch Draht voneinander getrennt wie im Harem. Zwar hängen sie mit aber­gläubischer Ehrfurcht an ihrerSitt", deren göttliche Sendung keiner bezweifelt. Sie lassen sich von ihr bezahlen, beschenken, belehren, ohr­feigen und verprügeln. Aber sie leisten alle zusammen nicht soviel rote fünf Europäer, stehlen mit vollendeter Kunstfertigkeit. Doch Mylady hat es versucht: kein Franzose und Engländer geht nach dem Libanon in Dienst, wo nachts die Schakale schreien und hinterrücks Kugeln sgllen.

Eines Tages erkrankt Hefter an Lungenentzündung. Sie spuckt Blut, acht Tage lang, trotz der arabischen Mittel. Sie verliert Blut, daß ein Pferd davon sterben könnte. Miß Williams wacht zu Tode erschrocken... Am fünften Tag legt sie sich selbst mit Fieber.

An einem Morgen im Mai, als Hefter läutet kommt keine der Dienerinnen auch Elisabeth Williams nicht mehr... Da schwinden Hefter Stanhope die Sinne.

Ein alter Bauer bringt durch die Türen, findet Mylady kalt und starr, verblutet, verhungert die Dienerschaft verstört und flüchtig...

Hefters eiserner Körper genas. Aber Elisabeth Williams stand nicht mehr auf. Sie wurde im Garten begraben, ihre Türe vermauert. Scheu stahlen sich die Diener daran vorbei. Miß Williams hatte noch in Pitts Hause gedient, Hester meinte um sie.

Mr. Barker, der britische Konful in Aleppo, vertrat die Ansicht, Lady Stanhope sei die tapferste und klügste Frau, die es je geben könne nur seit einiger Zeit müsse auch er zugeben, daß es mit ihrer geistigen Gesundheit nicht immer in Ordnung fei.