„Schreibt sie mir da nicht einen Brief, ich solle Aleppo verlassen, I binnen einem Jahr würde die Stadt zerstört!"
Er berichtet dies während eines Diners m seinem Hause. Lesseps ist angeredet, Napoleons Freund, und Wolff, ein Engländer, der eben aus einer Missionsreise begriffen ist.
„Hat sic nicht auch gesagt, unter einem Stein, gehütet von einem schwarzen Drachen und einem Magier liegen alle Schätze der Welt ver- 9 „Dann sollte sie lieber damit ihre Schulden zurückzahlen", lachte Barker; „übrigens — ihre Zukunftserkenntmsse hat sie meist von General Loustaunau, dem sranzösischen Narren, den sie durchfüttert, weil er angeblich Napoleons Flucht aus Elba auf die Stunde genau geweisfagt hat. Sein Sohn, der sich kürzlich vertrank, genoß Myladys Freundschaft, weil seine Sterne mit den ihren harmonisieren sollten!"
Barkers Dolmetsch wird gemeldet, er kommt von Dar Dschun zuruck.
„Derche", ruft der Konsul, „Sie können uns ja die neuesten Nachrichten von Lady Hefter bringen."
Der Levantiner zögert.
„Nun?" fragen alle.
„Lady Stanhope hat mich gewarnt, noch einmal hierher zuruckzu- kommen... In weniger als vierzehn Tagen würde die Gegend durch ein Erdbeben verheert." „ , ...
„Aha, die Gefahr ist schon näher geruckt", lacht Barker, und die Feier nimml ihren Fortgang bis in die Nacht. —
Wenige Tage darauf verließ Wolff mit einer Karawane Aleppo. Gegen Abend breiteten sie ihre Teppiche unter Zelten. Wolff zog die Bibel aus der Tasche, um einigen zusammengelaufenen Arabern vorzulesen — als er etwas unter sich in Bewegung fühlt... Es ist die Erde... Sie bewegt sich horizontal — man hört Heulen und Donnern. Bor seinen Augen zerfällt das Dors Juseea wie ein Kartenhaus.
„Gott ist der größte! rufen die Araber und rennen zu ihren Gehöften.
Sehr bald kommen sie wieder:
„Unsere Häuser sind fort, unsere Werber und Kinder — unser Dich — alles!"
Sie fliehen, die Mäntel über die Köpfe gezogen, zu der ewigen Mutter ihrer Wüste... t r.. £
Immer noch bebt die Erde. Aleppo, Antiochia, Hamah werden zerstört, die Dörfer zwanzig Meilen weit im Umkreis fallen ein, sechzigtausend Menschen liegen unter Trümmern. Wie durch ein Wunder entgeht Konsul Barker mit einer kleinen Tochter dem Tod. —
Angesichts dieser Bestätigung revidiert der Prediger seine Meinung über Lady Stanhope. Er soll eine Botschaft aus England mitbringen, schreibt er nach Dar Dschun. Die Antwort von Mylady ist nicht schmeichel- ^^„Licht reist schneller als der Ton, daher kann das oberste Wesen nicht seinen Kreaturen erlaubt haben, zweitausend Jahre in Dunkelheit zu leben, bis bezahlte Wanderer es für nötig erachten, ihre krächzende Stimme zu erheben, um sie zu erleuchten."
Das Christentum Mr. Wolffs war nicht nach Hefters Art. Sie hielt die Konvertierten Syriens für die schlechtesten aller Menschen: feig, faul, verlogen — Ausgeworfene von Griechenland, Sizilien, Italien — und wünschte sich nicht ihre Vermehrung.
Aber es war auch kein Wunder, daß Wolffs Berichte in England nicht für Lady Stanhope warben.
Doch unter den Neugierigen, die nach Dar Dschun kamen und von vornherein wußten, was sie sagen und schreiben würden; unter den vielen, die sich bei Lady Stanhope meldeten, weil sie eine Sehenswürdigkeit geworden war — Reisenden aus England, Frankreich, Amerika, Menschen mit fürstlichen Titeln, künstlerischem Beruf, Politiker, Geheimniskrämer und Weltverbesserer —, gab es auch solche, die eine Frage auf dem Herzen hatten. Und sie wurden niemals abgewiesen, auch /als die Zeit kam, da Hefters Gesundheit wankte, ihr Hauswesen unter den Händen zusammengewürfelter Sklaven zerfiel, die Gläubiger drängten — und Zeitungsberichte fabelten, was sie wollten.
Kinglake, der englische Dichter, Dr. Madden, ein Wissenschaftler, und Graf Marcellus, der junge Attache Frankreichs an der Pforte, dem das Abendland die wiedergefundene Venus von Milo verdankt, waren unter denen, die Freude brachten nach Dar Dschun.
Marcellus ist ein edler Sohn seines Volkes, schönheitskundig und von tadellosen Formen. Verwundert richtet er die Äugen auf das zartfarbene, immer noch schöne Antlitz der Frau:
„Wie haben Sie zuwege gebracht, Mylady, was unsere Diplomaten umsonst versuchen: die Araber, sogar die wandernden unter ihnen, zugänglich zu machen?"
„Ich weiß es selbst nicht, Graf. Vielleicht, weil ich mich zwei Tage lang nur auf ihre Treue verließ, ganz allein, als Frau, in der Wüste... Die Araber haben noch Ehre. Sie sind tapfer, freigebig und unabhängig — und manche haben durch die Beobachtung der Natur solche Kenntnis, daß man nicht mit ihnen streiten kann. Ich liebe sie... Ein einziger Mann wäre würdig gewesen, Arabien zu befehlen; Europa hat ihn exiliert ... Napoleon!"
Die Sonne ging jenseits des Meeres unter, schwarze Wolken lagen aus der Kette des Libanon. Die Frau sah nicht, was am Himmel geschah, ihre Augen blickten nach innen.
„Seit dieser Mann nicht mehr auf dem Thron sitzt, ist alles verändert: Spanien hat keinen König mehr, England und Deutschland sind in Parteien zerspalten — die Revolutionen fangen von vorne an... Ich beklage Euch alle in Europa."
Graf Marcellus, französischer Attache bei der Pforte, hat als Untertan Ludwigs XVIII. anders zu denken. Aber in dem glühenden Licht des Abends im Libanon sieht er nur die Augen der Frau, sie erscheinen ihm schöner als alle, die er bisher gesehen.
„Mylady, kommen Sie nie mehr zu uns nach Europa?"
„Europa! Nein! Europa kann mich nicht mehr locken. Ich sehe Natio- '°n dort, die wert ihrer Ketten sind, Könige — unwürdig zu regieren.
Bald wird der Kontinent bis in feine Basis erschüttert werden. ..Dann werden viele von euch Zuflucht suchen bei mir... Ich wende das Ohr ab von den letzten Geräuschen, die mich von Europa erreichen, die sehr schwach an dieser Küste verhauchen... Sprechen wir nicht mehr von Europa — ich bin fertig damit!" .
Marcellus senkt den Kopf. Ihm ist, als stunden plötzlich in dieser Frau die Völker des Orients auf — in bitterer Enttäuschung, weil das Abendland mit all seinem Können keine Lösung weiß für die Fragen b>es Dftßns.
Es wird Mitternacht. Eine schweigsame Sklavin geleitet Marcellus aus dem Pavillon der Herrin über einen Hof. Ein Huhn gackert, Pferde wiehern, schwarze Schatten verschwinden hinter Mauern. Der Boden :st holperig, hat tückische Löcher, Marcellus gewärtigt irgendwo zu verschwinden wie ein Spuk. Ein riesiger Vollmond steigt Uber den Gipfeln des Libanon gleich dem geisterhaften Gegenbild der Sonne.
Die Sklavin zieht sich zurück, ein Albaner taucht auf und übernimmt die Führung. Zwischen äußerem und innerem Wall wird Marcellus in den Pavillon der Gäste geführt, der aus zwei Zimmern besteht. Stickige Lust schlägt ihm entgegen, der Albaner ist verschwunden.
Marcellus wirst sich aufs Lager, wie er ist. Lange kann er nicht schlafen Als endlich doch das Bewußtsein weicht, träumt er von der (eit. samen Frau, deren Stimme über die Wüste ruft, in deren Antlitz di« Flamme einer unbesieglichen Sehnsucht brennt. Er wird sie so wenig vergessen wie das Bildnis der schönsten Göttin der Griechen; dreizehn Jahre später noch erinnert er sich jedes Wortes, das die seltsame englische Frau zu ihm gesprochen. —
Dr. Madden ober ist Mediziner. Vertreter des englischen Volkes, das seit Bacon die große Errungenschaft der Naturerkenntnis, frei von Aber, glauben und scholastischer Mystik, pflegt. Und er ist stolz auf diese Er- f cnninid!
„Sie sprechen als ein Europäer", sagt Mylady; „die Wissenschaft hatte ihre Wiege im Osten und fand im Westen — ihr Grab! Es muß em neues Erziehungssystem kommen, ehe die Menschheit wirklich erleuchtet werden kann. Es muß wieder erkannt werden, wie die Sterne wirken, die Intelligenzen der Luft, der Erde, des Wassers... Wir müssen lernen, wie die Mineralien im menschlichen Magen — in jedem einzelnen Magen! — reagieren, die einzelnen Steine zu einem Menschen stehen... Ein armer Mann, nicht weit von hier, hat die Gabe, Schätze zu entdecken —" .
Madden hat höflich zugehört. Keine Muskel zuckt in dem wohlerzogenen Gesicht. Er ist Wissenschaftler. Ihn kann nichts überwältigen. Jetzt aber steigt eine Frage in ihm auf, Hefter gewahrt sie, ehe er spricht.
„Sie meinen, warum er dann arm bleibt? Sehen Sie, wer magische Kräfte anwendet, um sich selbst zu bereichern, muß sterben. Alle wahren Magier sind arm. Scheint Ihnen das alles verrückt?"
,Zch suche zunächst nach geschichtlicher Analogie", meint Madden sachlich; ,chabei denkt man natürlich an den Stein der Weisen des Mittelalters... Was halten Sie von der Uranologie, Mylady?"
Hefter wird ungeduldig. In den weiten Ebenen Asiens, unter den Söhnen einer wilden Natur mit dem Instinkt vergangener Jahrtausende, hat sie die mühsamen, verzichtvollen Wege der europäischen Wissenschast umgangen. ± e
„Uranologie wie Physiognomik sind nur untergeordnete Erkenntnisse. In den Sternen ist alle Wahrheit. Aber Gott mußte die Wahrheit zurück- ziehen, weil die Welt so herabgekommen war, daß sie sich nicht mehr eignete für ihre Reinheit."
„Was nennen Sie Wahrheit?" fragt Madden aufmerksam.
Aber Hefter hält ein, spricht von den verschiedenen Rassen des Libanon, von Europa und dem Herzog von Reichstädt. Dann läßt sie servieren, aus den Resten eines chinesischen Services, mit zwei zerbrochenen Silber- gabeln essen sie Pilaw.
„Verzeihen Sie — aber alles andere ist abhanden gekommen, gestohlen, zerbrochen... Kürzlich mutzte auch der Herzog von Richelieu über diesem zerrissenen Tischtuch essen."
Sie lächelt mit der ganzen Grazie der großen Dame aus England.
Madden ist ein treuer Sohn europäischen Wissens, dem die Frage nach der Wahrheit ins Herz geschrieben ist.
„Mylady, Sie sprechen von der Wissenschaft der Sterne , beharrt er, „können Sie mir nichts davon verraten?"
Es brannte ein einziges Licht im Zimmer, draußen funkelten die Sterne über Dar Dschun.
„Sind Sie wirklich so begierig auf diese Wissenschaft?
„Wenn Sie mich lehren können, wünsche ich mir nichts mehr!
„Würden Sie die Begegnung mit einem Geist aushalten?"
„Wenn es ein gesunder Geist ist, würde ich noch zu dieser Stunde noch Jericho gehen, ihn zu sehen; und wenn es ein böser ist, wird er mir auch nichts schaden."
Hefter wurde ernst:
„Sie wissen nicht, was Sie riskieren —
Madden sprang aus: . , . _ „
,Lch bin bereit, Mylady! Lassen Sie mich nur einmal ein Zeichen sehen — ein einziges Beispiel der sogenannten Magie — und ich will daran glauben! Auch Bacon sprach noch von Dingen, die wir heute nicht mehr verstehen, obwohl er von Wissenschast wußte — beinahe fo gut wie wir ... Beweisen Sie mir, daß es Geister gibt!"
Hester lächelte: „
„Beweisen? Sie möchten wohl, daß dieses Zimmer plötzlich ein See ist, mit Schissen und Klippen daraus —"
„Ja — dann würde ich Ihnen glauben können!" ,
In Hefters Blick stieg eine große Leere auf, ein müdes, traurige- Schweigen. .
„Ich sehe, es ist etwas anderes, das Sie wünschen... Gehen Sie w die Nachbarschaft, da ist ein Mann, der Pfeifen durch den Raum gehen und Früchte zum Fenster hereinspazieren läßt... Ich habe nichts zu tun
Sie bot ihm die Hand zum Abschied. Er sah Güte und Schmerz aus I ihrem Gesicht... (Fortsetzung folgt.)


