der Glaskugel, In der Jo, der Goldfisch, so munter umherschwcrmm, als sei ihm der kurze Aufenthalt während seines Transportes in Billys feuchter und warmer Mundhöhle nicht nur eine vollkommen unschädliche Abwechslung gewesen, sondern, als wurde auch er, gleich seinem recht- mäßigen Herren äußerst stolz darauf sein, die reiche und ein wenig verschrobene Tante Christa doch noch überlistet zu haben. Freilich, wie der Kampf um Jo weitergehen würde, dies lag noch vollkommen im Dunkeln. Aber, um darüber nachzudenken, dazu war Billy in diesem Augenblick viel zu glücklich.
W.enerwald.
Don Josef Weinheber. Du im Traum geh nur zu! Rauschebaum, Lindenruh; Landstraß auf, Landstraß ab, Wolkenauf, Wandertrab; Schöntagsblau, Sturmgebraus, weite Schau HUgelaus; Wald an Wald, wellengleich, streng geballt, anmutweich; eingestreut zwischendurch SBlef und Weid', Ackerfurch,
<! Blütenvlies, —
Wegeband, alles dies ist dein Land, alles dies ist noch mehr: Paradies — Wiederkehr, Zeit, die kreist und beruht: Ahnengeist dir im Blut.
Oesterreichs Dichtung und Dichter.
Von R u d o l s A. Dietrich.
Rhein und Donau sind die Schicksalsströme des deutschen Volkes. Rhein und Donau rauschen auch durch das größte Epos, das im späteren „Grenzland" zwischen Reich und Oesterreich, in Passau, von einem Bischof oder in seinem Auftrag von einem Spielmann der Mark Rüdigers aus nordischem und östlichem Sagengut gestaltet sein soll: das Nibelungenlied.
Nachdem dieses älteste österreichische Epos gleichsam als fundamentales Dokument der Nation aus der Völkerwanderungsepoche hervorgegangen war, entstand in Tirol die erste volle Blüte der deutschen Lyrik: die Dichtung Walthers von der Vogelweide. Die große Zeit der Staufer ist seine Zeit. Wien — jetzt zuerst mit seiner ganzen kulturellen Aufgabe repräsentativ — hat „die glanzvollen, dichterfrohen Tage" des Hofes Leopolds V. und Friedrichs I. erlebt. Als Friedrich II., 1212 über die Alpen kommend, sein staufisches Erbe antritt, eilt ihm Walther von der Dogelweide begeistert zu, ter „der Lande viel gesehen" und — wie Joses Nadler treffend sagt' — „die literarische Großmacht um 1200 war, die die Stimmung von Tausenden mit seinen Gesäßen lenkte", immer wieder hinweisend auf dos ganze Reich „Von der Elbe unz an den Rin und her wider unz an Ungerlani“. Mit Walther war der Quell aufgebrochen, der nicht nur der späteren Lyrik Oesterreichs, sondern auch die Kunst überhaupt (etwa der Malerei des bayerisch-österreichischen Donaukreises noch um 1500) Kraft spendete, der Quell einer sinnlichen Schonheitsfreude, die erdgeboren, doch nicht erdgebunden, in Anmut und Grazie aus deutschem Boden hervorgegangen, aber unter einer südlichen Sonne gereift, jenen Herzenston trägt, der noch Achtung ist und schon Musik: melodienreich wie die österreichische Landschaft selbst. Walthers Schuler wie Wernher von Tegernsee, seine Nachfahren wie der aus dem wolzburgischen stammende Thannhäuser oder der Steier- marker U , r i ch v o n Liechten st ein kosteten die Fülle jenes Minne- Jangs österreichischer Provenienz und den Reichtum all der Bilder aus, vor denen hier dos Menschenherz zur Harfe geworden war.
Drei Jahrhunderte danach: Wien ist mit großartigen Renaissanee- vauten zu einer stolzen Stadt geworden. Auch der vorn Süden stammende neue Stil des Barock gewinnt schon Einfluß, lieber allem liegt der ruhige Glanz des Hofes Kaiser Maximilians, wenn auch drüben schon im Reich
die bewegte Zelt mtt Luther, Ulrich von Hutten, und hier die Kämpfe der Gegenreformation das zur Hochburg des Humanismus gewordene Kulturzentrum des deutschen Ostens mitberühren. Da hält im Winterhalbjahr 1512/1513 ein Mann namens Joachim von Watt zum erstenmal an der Wiener Universität Vorlesungen über deutsche Literatur. Der Mainzer Johannes Gutenberg hat die Buchdruckerkunst erfunden, und Watt läßt unter dem Titel „De poetica et carminis ratione“ seine Gedanken über die seelischen Vorgänge beim literarischen Schaffen, über das Wesen der gebundenen Dichtform und über die literarische Entwicklung Europas drucken: die erste großangelegte deutsche Literaturkunde. Auch in Salzburg blüht wie in der Kaiserstadt offensichtlich die humanistische Gelehrsamkeit, daneben gibt die Gegenreformation im Jesuitendrama die ersten Ansätze zum späteren Hoftheater des Barock. Von Watt ist uns durch ein Lustspiel „Der Hahnenkampf" noch ein anderer, volkstümlicherer Zug übermittelt, und ebenso klingt aus Wolfgang Schmelzls Bühnenspiel „Lobspruch der Stadt Wien" ein lebendiger Schwung, der das Volk mehr befriedigen konnte, als das reiche Spiel des Humanismus mit fremden Formen und Vorstellungen. Und als aus dem Wiener Augustinerkloster der „liebliche und gewaltige Meister des Wortes" Abraham a Santa Clara auf die Kanzel stieg, Volk und Fürsten in derber Ehrlichkeit feine Meinung sagte, im Pestjahr 1679 seine ebenso erschütternde wie trostreiche Schrift „Merks Wien!" herausgab, da war aus der Barockwelt das neue österreichische Prosakunstwerk geschaffen, ein Stil der in merkwürdiger und urwüchsiger Weise mit der strömenden, dramatisch wogenden Epik und der naturreinen innig-anmu- tigen Lyrik das Orchester der österreichischen Dichtung ergänzte und in seiner Wirkungskraft steigerte. Weit über Wien hinaus findet diese Stimme Widerhall, in Nieder- und Oberösterreich, in Tirol, Kärnten, der Steiermark, wo ein barock-verwegenes Volksspiel und eine kernige Volksdichtung zu ähnlicher „Ursprache" fanden.
Abermals dreihundert Jahre später: die prunk- und klangvollen Zeiten Maria Theresias und Josephs II. sind eben vergangen. Als Theater- und vor allem als Musikstadt hat Wien europäischen Ruhm erlangt: Gluck, Mozart, Beethoven bedeuten die Höhe der deutschen Musik. 1712, zweihundert Jahre nach jenen ersten Vorträgen Watts über deutsche Literatur, war mit Josef Anton Stranitzky das Kärntnertortheater zur großen Volksbühne des Kulturzentrums im deutschen Ostraum geworden. Hier waren zuerst in Wien der „Götz" und die „Räuber" zur Aufführung gelangt. Durch den Theaterdichter Philipp Hafner (1735 bis 1764) fand gleichzeitig jenes Märchenspiel, das durch Raimund für Oesterreich typisch wurde (und dessen Quellen nicht fern denen der Wal- therschen Minnelyrik entsprungen sind), hier ersten Ausdruck. In Graz aber schrieb Johannes von Kalchberg im Schatten Schillers feine Geschichtstragödien „Die Tempelherren", die „Grafen von Cilli", „Attila" ufw. in schwerflüssigen Jamben und wies damit schon voraus auf den größten Tragödiendichter Oesterreichs: Franz Grillparzer. Merkwürdig ist auch dieser neue Zusammenklang, der nun aus den Gegensätzen des österreichischen Charakters im 19. Jahrhundert zutage tritt: Ferdinand Raimund mit seinem Märchenheimweh und seiner tiefen Gefühlswelt, in der ein Hang zur Selbstironie mitklingt und ein Nacherleben der Stimmungen des Barocktheaters. „Das Mädchen aus der Feenwelt ober der Bauer als Millionär", „Alpenkönig und Menschenfeind", — schon die Titel deuten die Gefühlslage an. Dann Nestroy, dessen scharfe Parodie — die Welt aus der Perspektive des Vorstadtgasfenjungen — sich auf Raimund, aber auch auf alles wirft, was ihm in Wien und Oesterreich, in Bürger- und Theaterwelt parodierfähig scheint, dann Grillparzer, dessen tragisch-österreichische Jndividual- isolation jene Tragödien und bürgerlichen Trauerspiele zeugte, die dem Bedeutendsten angehören, was überhaupt aus Oesterreichs Schoß geboren wurde. Seine Dramen „Sappho", „Medea", „Des Meeres und der Liebe Wellen" behielten ihre Gültigkeit auf den Bühnen des Reiches ebenso wie in der engeren Heimat, der Ostmark. In der kleinen Novelle vom „Armen Spielmann" zeigt sich Grillparzers (bei aller persönlichen Vereinsamung) tiefe Volksverbundenheit; und notwendig mußte diese zugleich eine Verbundenheit mit der deutschen Nation sein/ So ist es kein Wunder, daß —■ wie seine Zeitgenossen Eduard Bauernfeld, Anastasius Grün, Ferdinand von Saar, Robert fjamerling — auch Grillparzer die Idee eines „Großdeutschlands", eines Gesamtreiches deutscher Nation in sich trug. Denn sie lebt im Grunde in allen echten Dichtern und Denkern Oesterreichs, waren Oesterreichs Kunst, Musik und Dichtung doch stets aus dem Blute her deutsch.
Fast symbolisch scheint es, daß nun auch der andere Dramatiker aus der Mitie des 19. Jahrhunderts, der vom Norden, von der dänischen Grenze kam, Friedrich Hebbel, damals in Wien erst eigentlich Boden gewann, von hier aus mit seiner neuen Auffassung vom Drama ins Reich wirkte und so nicht nur die natürliche Einheit der Nation in den Regionen des Dichterischen bestätigte, sondern mit seiner großen Nibe- (ungentri(ogie gleichsam auch den Kreis der Jahrhunderte schloß, in dem die deutsche Dichtung im Donauraum lebt.
Vielfältig und doch einhellig ist die deutsche Dichtung der Ostmark auch bis in die Gegenwart geblieben. Ihre geistige Verbundenheit mit dem Reich überdauerte die Monarchie der Habsburger und die Prüfungen der Nachkriegszeit. Sie reicht heute im Epos von Enrica von Handel-Manzetti bis zu Hermann Graedener, dessen großartiger „Bauernkriegsfries", der „Utz Urbach" um 1913 zuerst als Buch erschien. In Tirol allein erwuchsen zwei so markante Dramatiker wie Karl Schon Herr und der (kürzlich verstorbene) Franz Kranewit- t e r. Diese deutsche Welt klingt auch in verhaltener Inbrunst aus der an Hölderlin geschulten Lyrik des Wieners Josef W e i n h e b e r.
Nun tritt, was gemeinsamen Geistes und gemeinsamer Sprache war, auch in allen äußeren Belangen in das geeinte gemeinsame Reich ein und heutige österreichische Dichtung roirt> uns wie schwäbische oder niederdeutsche Dichtung und eben so selbstverständlich zugehörig erscheinen wie Walther von der Vogelweide oder Grillparzer.
Derantwortlich. Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Vrühlsche UntversttätSdruckerei A.Lange, Gießen.


