Oie Ammenuhf.

Volksweise.

Der Mond, der scheint, Das Kindlein weint; Die Glock schlägt zwölf.

Daß Gott auch allen Kranken Helfl Gott olles weih, Das Mäuslein beißt;

Die Glock schlägt ein,

Der Traum spielt auf den Kissen dein.

Das Nönnchen läut

Zur Mettezeit;

Die Glock schlägt zwei,

Sie gehn ins Chor in langer Reih Der Wind, der weht. Der Hahn, der kräht;

Die Glock schlägt drei.

Der Fuhrmann hebt sich von der Streu. Der Gaul, der scharrt. Die Stalltür knarrt;

Die Glock schlägt vier.

Der Kutscher siebt den Haber schier.

Die Schwalbe lacht, Die Sonn' erwacht; Die Glock' schlägt fünf,

Der Wanderer mach' sich aus die Strümpf*. Das Huhn gagackt, Die Ente quakt;

Die Glock schlägt sechs,

Steh auf, steh auf, du alte Hexl

Zum Bäcker laus;

Ein Wecklein kauf;

Die Uhr schlägt sieben.

Die Milch tu an da» Feuer schieben!

Tu Butter nein, Und Zucker sein! Die Glock schlägt acht, Geschwind dem Kind die Supp' gebrachtl

Oer Goldfisch ,30*.

Von B. Brandeis.

Es regnete In Strömen. Billy stand an der Haustüre und weinte leise vor sich hin.

Oh la la, kleiner Männl Hat es wirklich vom Vater etwas abgegeben?" fragte teilnahmsvoll ein fremder Herr, der vorüberging.

Billy sah mit einem großen leeren Blick den Fremden an, als schaue er durch ihn hindurch. Er kann mir doch nicht Helsen, dachte er traurig. Und ein wenig ärgerte es chn, daß man seine Tränen sehen konnte. Er hatte seit Jahren nicht mehr geweint; jetzt war er sieben alt. Und außerdem würde er niemals, selbst wenn ihn sein Vater gestrast hätte, deshalb geweint haben. Aber er hatte gar keinen Bater mehr.

Billy hatte nur noch seine Mutter. Und dann war noch Tante Christa da. Seine Mutter tat ihm nur Gutes. Tante Christa aber war schuld daran, daß er nun auf offener Straße vor allen Leuten meinte, aus Kummer und ein wenig auch aus Zorn.

Tante Christa hatte eine spitze Nase, sechs Goldfische und zwei Schleierschwänze. Eigentlich hatte sie jetzt sieben Goldfische, aber den siebten, der Jo hieß, betrachtete Billy nach wie vor als sein Eigentum, auch wenn Jo seit zwei Tagen in dem großen Aquarium von Tante Christa umherschwamm.

Es war eine recht eigentümliche Geschichte, wie Tante Christa und der Goldfisch Jo zueinander gefunden hatten. Billy würde es ja niemals verstehen können, daß Tante Christa, nur weil sie der Mutter manch» mal Geld brachte, von ihr die Erlaubnis erhalten hatte, Jo mitzu­nehmen. Der Umstand, daß Tante Christa selbst ihm früher einmal Jo geschenkt hatte, änderte daran nichts.

In der Zwischenzeit hatte Billy den Goldftsch in fein Herz ge­schlossen. Er hatte ihm einen Namen -gegeben und sich mit ihm verstehen gelernt, so weit eben ein siebenjähriger Junge sich mit einem Fisch abgeben kann.

Für Billy, der eine überaus wache und blühende Phantasie besaß, bedeutete die Zeit, die er vor der Glaskugel mit Jo verbrachte, ein besonderes Erlebnis. Nicht nur, daß der zierliche, schillernde Fisch ihn dazu verleitete, von unbekannten abenteuerlichen Fernen zu träumen und ihm manchmal sogar als ein verzaubertes Wesen oorkam. Es war Io weit gekommen, daß auch Jo seinen Herrn zu erkennen schien, denn edesmal, wenn Billy der wunderbaren Glaskugel sich näherte, schoß er kleine Goldfisch nach vorne und verharrte, seinen Kopf an die durch­sichtige Wand gepreßt, dort so lange, als auch Billy ihm feine Blicke zugewandt hielt.

Dies alles aber hatte nun seit Tagen ein jähes Ende genommen. War vorbei, seit Tante Christa ihre spitze Nase an die Glaskugel ge­stoßen und in freudiger Entzückung ausgerusen hatte:DI), Jo, du

erkennst auch mich Ich nehme dich gleich wieder mit zu destren Brüdern und Schwestern!"

Was hals es, daß Tante Christa versprochen hatte, als Ersatz für Jo zwei neue Goldfische zu kaufen? Billy verzichtete darauf, er wollte 3o wiederhaben. Und wen» auch seine Mutter ihm ttöstend zugeredet und sein Verhalten dann sogar als Eigensinn getadelt hatte, war er trotzdem entschlossen, den Kamps um Jo nicht auszugeben, obwohl er vor einer Viertelstunde von Tante Christa eine harte Zurechtweisung hatte entgegenehmen müssen, als er nach einem Besuch bei ihr kurzerhand mit einer Tasse Wasser, in der Jo umherschwamm, die Flucht hatte er­greifen wollen.

Noch immer regnete es, aber Billys Tränen, die er in seinem Schmerz über die erlittene Niederlage nicht mehr hatte zurückhalten können, waren schon wieder versiegt, als ihn seine Mutter dann vom Fenster aus zu sich rief.

Wer wird denn bei diesem Regen an der Haustüre stehen?" fragte sie fürsorglich.Wie leicht könntest du dich erkälten. Hast du die Zahn­schmerzen schon wieder vergessen, die du erst vor einigen Tagen hattest?"

Billy nickte. Gewiß hatte die Mutter recht, aber er wollte ihr nicht eingestehen, daß er geweint hatte. Und außerdem, was die Zahn­schmerzen betraf?"

Siehst du!" sagte die Mutier am Morgen des nächsten Tages.Das kommt davon, wenn kleine Jungen unsolgsam sind und sich im Regen vor der Hausillre nasse Füße holen. Tut der Zahn sehr weh?"

Billy schüttelte den Kops:Nicht besonders."

Wollen wir nicht doch lieber noch einmal zum Zahnarzt gehen?"

Billy war erst vor wenigen Tagen beim Zahnarzt gewesen, die Mutter mußte also annehmen, daß wirklich nur eine augenblickliche Erkältung den Schmerz verursachte.

Wie könnte man denn sonst helfen?" fragte sie ein wenig ratlos.

Gib mir bitte ein Tuch", verlangte Billy.

Ein Tuch eine Binde um den Kopf?" staunte die Mutter, denn Billy hatte es stets, als er noch kleiner gewesen war, als unter seiner Würde abgelehnt, eine wärmende Binde gegen Zahnweh zu tragen.

Bitte ein Tuch", beharrte Billy, und die Mutter erfüllte ihm dann gerne seinen Wunsch.

Jetzt ist es schon sehr viel besser", sagte Billy nach einiger Zeit, und die Mutter freute sich, daß ihrem armen, sehr vernünftigen Jungen durch seine eigene Einsicht hatte geholfen werden können.

Gegen Mittag sprach Billy plötzlich den Wunsch aus, Tante Christa, die ja nur zwei Häuser weit entfernt wohnte, besuchen zu dürfen.

Wirst du dich nicht wieder erkälten? Und willst du dich wirklich mit dieser Binde um den Kopf auf der Straße fehen lassen?" fragte die Mutter halb besorgt, halb ungläubig.

Billy blieb auf feinem Entschluß bestehen.

Als Tante Christa die Korridortüre öffnete und Billy erkannte, fuhr sie erschrocken zurück:

Was willst du schon wieder hier, du Bengel?" Nur Billys große traurige Augen und fein miileiderregender Auszug liehen sie den Vor­fall am vergangenen Tage milder beurteilen.

Hast du vielleicht eine geschwollene Backe?" erkundigte sie sich In einem weniger schrillen Stimmten.

Billy nickte und bedeutete dann Tante Christa, daß er fast über­haupt nichts sprechen könne. Und außerdem hätte shm doch Tante Christa erlaubt, so oft als er Lust haben sollte, Jo bei ihr zu besichtigen.

Das allerdings ist richtig", nickte Tante Christa.Aber sobald du einmal noch auch nur versuchen solltest, mir Jo zu entführen, darfst du meine Wohnung Überhaupt nicht mehr betreten!"

Billy hörte stumm und scheinbar tief zerknirscht diele Drohung an. Und als ihm dann Tante Christa endlich den Weg in den Nebenraum freigab, in dem sich das Aquarium mit den sieben Goldfischen und den zwei Schleierschwänzen befand, schien er restlos zufrieden und glücklich zu sein. Fast eine halbe Stunde lang verharrte er schweigend und wie in tiefer Andacht vor dem großen Fifchbassin, hielt den Kops leicht an die Glaswand gelehnt, und es war, als würde er sich an dem wunderbaren und ergötzlichen Spiel der kleinen Fische, votan an den Ihm vertrauten Bewegungen Jos nicht mehr satt sehen können. Tante Christa häkelte inzwischen an einem kleinen Zierdeckchen nicht ohne ab und zu einen wachsamen Blick durch den Türfpalt ihrem Heiligtum zuzuwenden.

Als Billy sich bann wieder verabschiedete, hielt er seine rechte Hand gegen seine rechte Gesichtshälste gepreßt.

,JÖaft du plötzlich jo große Schmerzen?" fragte die Tante Christa halb versöhnt mitleidsvoll halb überrascht und voll Mißttauen, well sie er­wartet hatte, daß Billy noch länger bleiben würde.

Billy nickte stumm.

Wenn du schon nicht sprechen kannst, gib mir dann wenigstens die Hand", forderte Tante Christa Billy auf. Sie dachte in diesem Augen­blick: Dieser Schlingel ist am Ende noch fähig und trägt mir Jo, auch auf die Gefahr hin, daß er eingeht, ohne Wasser In der geschlossenen Hand davon.

Als Billy chr rasch seine rechte Hand binstreckte und bann sogar un­aufgefordert auch die linke, war Tante Christa vollkommen beruhigt.

Siehst du, es geht auch so!" sagte sie triumphierend und konnte nun sogar ein wenig süß lächeln.

Wieder nickte Billy stumm, diesmal sogar hestig, und fein Gesicht war dabei anzusehen als zwinge ihn ein rasender Schmerz furchtbare Gri­massen zu schneiden.

Tante Christa sand es deshalb sehr verständlich, daß Billy nun in größter Eile sich entfernte. Und Billy lief dann auch wirklich so rasch als er laufen konnte nach Hause, und ohne daß seine Mutier seine Rück­kehr bemerkte, in sein Zimmer.

Eine Viertelstunde war vergangen, als Billy von seinem Zimmer aus hören konnte, daß Tante Christa nach der Mutter schickte; sie möge so­gleich zu ihr kommen, etwas Unerklärliches sei geschehen.

Und während die Mutter sich auf den Weg zu Tante Christa machte, stand Billy freudezitternd und plötzlich ohne Binde um den Kopf vor