Leuchtkugeln steigen kn den fahlen Morgen empor: rot — rot — rot.
Sie rufen: „Sperrfeuer!"
Da bellen die deutschen Geschütze los.
Und vorn raffeln Maschinengewehre.
Hell wach ist Bernd wieder. Er sieht im grauen Licht lange dichte Reihen Vorwärtseilen, sie steigen aus Trichtern und Grabenresten. Aufrecht laufen sie. Menschen wie er. Nur ander« Röcke tragen sie: Engländer, Feinde.
Das trommelnd« Feuer haben sie hinter die Linien gelegt, die sie nun erobern wollen; wenn es möglich ist: durchbrechen. Sie hoffen, daß alles Leben vor ihnen zermalmt ist.
Aber in den Löchern regt es sich plötzlich: Wir sind noch da!
Es tackt, es prchfelt aus Schlamm und Modder. Es hat die schützenden Lappen von den Gewehrschlössern gerissen. Es läßt die Gurte durch di« MGs laufen. Es schleudert Handgranaten.
Die Herzen schlagen noch. Wenig, aber sie schlagen.
Drüben stürzen sie hin. Erst hier einer, dann dort einer. Dann eine ganze Reihe, gefaßt von einer Garbe Geschossen.
Sie laufen nicht mehr, sie gehen nur noch. Den Körper vornüber, die Flinte in der Hand.
Dann suchen sie Deckung.
Sie lassen ihre Maschinengewehre knattern. Die Kugeln pfeifen über Bernds Kops.
Plötzlich schweigt das MG. dicht vor ihm. Eine Mine schlug die Bedienung zusammen. Ein Loch ist in der Linie. Schon merken es die Engländer, stehen wieder auf, rennen ...
Da ist Bernd am MG. Er weiß selbst nicht, wie er so schnell hinkam durch Blutsumpf, Gas und Strichfeuer.
Er wirft das Schloß zurück, einer der Bedienung, blutend am Schädel, halb ohnmächtig noch, führt den Gurt. Bernd zielt, drückt auf den Knopf; tack — tack — tack — tack —tack.
Bor ihm brechen fie zusammen, werfen die Arme in die Luft und fallen aufs Gesicht. '
Bernd richtet sich auf, sieht sich um. Er Ist ganz ruhig. Er stellt sachlich fest: die Linie Des Bataillons scheint überall gehalten zu haben, bei der achten Kompanie rechts, bei der sechsten links und auch bei der fünften. Die siebente liegt etwas weiter zurück in Reserve.
Gut jo. Jungens, gut fo.
Aber es ist nur für wenige Atemzüge Länge Zeit, Umschau zu halten. Noch ist das Spiel nicht aus. Neue Menschenwellen branden an, drängen vor, eine preßt die andere.
Das Feuer bellt sie an.
Biele fallen. Die Lebenden gehen über sie hinweg, werfen sich nieder, schießen, wringen jtüebcr auf. Schritt um Schritt gewinnen fie Boden.
Links bei der Sechsten wird das Abwehrfeuer dünner.
Aber der Führer der Siebenten hat aufgepaßt. Er wirft zwanzig Mann mit einem MG. in das Loch.
„Munition!" schreit Bernd.
Ein neuer Gurt wirb eingeführt.
Die Welten drüben werden dünner, langsamer.
Aber jetzt bricht rechts doch ein Trupp durch. Er hat eine Lücke gefunden. Da rührt es sich wieder in den Trichtern. Handgranaten fliegen, zerbersten krachend. Zehn Deutsche ballen sich zusammen, rennen in den Feind, schlagen mit Kolben, stoßen mit Bajonetten. Menschen schreien, Menschen fallen.
Flieger kreisen über dem Kampf.
Und plötzlich sind die Granaten wieder da, die ganze Hölle, die drei Tage tobte.
Der Feind hat gemerkt, daß der Sturm mißlang, nun speit er wieder Stahl und Eisen und Gas. —
Um Mittag wird das Feuer schwäck)«r.
Gegen Abend verebbt es fast.
Als die Dämmerung fällt, schwillt es wieder an. Noch einmal fühlt die englische Infanterie vor: Patrouillen hier, Stoßtrupps dort. Vergeblich. denn der Deutsche wacht.
Da wirb es fast ganz still. Ein Großkampftag ist zu Ende. Nur Störungsfeuer flattert noch über den flandrischen Sumpf.
Bernd hat fein MG. wieder abgegeben. Er geht durch die Trichter und sucht die Führer seiner Kompanien. Er findet nur zwei; einer ist Ken, einen haben sie zurückgetragen: Bruftfchuh, aber nicht schwer, jten fie.
Zahlen werben genannt: von Toten, von Berwundeten und von Ucberlcbenben.
„Bataillon Mallnitz mit siebzig Gewehren in alter Stellung", meldet Bernd ans Regiment.
Er ordnet seine Linie neu. Fünf Maschinengewehre kann er noch In Stellung bringen.
Seinen Bataillonsskab nimmt «r weiter zurück. Da ist ein alter Seien- klotz, hinter den fie kriechen.
Die Nacht ist klar.
Am Himmel stehen die Sterne. Der Große Bär, die Waage, der Orion. Wie in der Heimat.
Ob Lexe wohl auch in diesen Himmel voller Sterne sieht?
Einen ganz schlichten Namen muß das Kind haben. Wie die Mädchen im Dorf heißen.
Das will er ihr schreiben.
Lexe geht durch die Straßen Potsdams. Sie hat bei Lotte Müller einfprtngen müssen. In diesem Kriegsherbst 1917 schleicht eine böse Krippe durch das Land und ist auch in die Pfarrerssamilie an der Frie- denskirche eingebrochen. Zuerst hat fie die beiden Müllerfchen Mädel gepackt. Da hat Lotte den Jungen, der Bernd heißt nach feinem Onkel, zu den Großeltern nach Dapper geschickt, obgleich dort im Haus auch nicht alles zum Besten bestellt ist. Der Krieg hat dem alten Wallnitz höllisch zugesetzt, er hat auf dem Feld und im Hof mitgeschuftet wie ein Knecht, bas ist zuviel gewesen für feine siebzig Jahre, jetzt will der
Körper rrichk mehr recht mittun. Und Mutter Wallnitz kränkelt auch, sie hat der Lene oben in Pommern helfen müllen, die einfach zujammenbrach, als ihr Mann, der Hauptmann der Reserve von Berg-Karselow, beim Sturm auf die Ferme der Champagne blieb; da gab es zuviel der Arbeit auch für Maria von Wallnitz: die vier Enkelkinder, das große Gut und die verzweifelte Tochter, an die sie ihre letzte mütterliche Kraft abgeben mußte, um fie wieder aufzurichten.
Vor zehn Tagen hat Lotte nach Waldhaufen telegraphiert, fie hat Lexe gebeten, zu ihr zu kommen, da fie sich auch legen müsse, weil sie selbst stark fiebere. So hat Lexe ihre Kinder und das Rentamt Mutter Irene anvertraut, obgleich die auch nicht weiß, wo ihr vor Arbeit der Kops steht, und ist nach Potsdam gefahren. Sie wollte und konnte Bernds Lieblingsfchwefter nicht im Stich taffen, die schon feit mehr als einem Jahr ihr Haus ganz allein versorgen muh. Es find ia keine Hausangestellten zu haben, die jungen Mädel arbeiten lieber in den Munitionsfabriken und Heeresmerkftätten, sie verdienen dort mehr und bekommen, was fast noch wichtiger ist, Zufatzportionen zu den Brot-, Fleisch- und Fettkarten: ie glauben auch freier zu fein; die Männer, die als Vorarbeiter nicht an >ie Front brauchen, reden ihnen das ein und hetzen fie auf: Hausarbeit iir Fremde tun fei eine Schande, Dienstboten würde es in Zukunft überhaupt nicht mehr geben, es würde sich vieles ändern, wenn der Krieg vorbei wäre, und daß er bald vorbei wäre, dafür würde schon gesorgt werden von ihnen und der organisierten Arbeiterschaft der ganzen Welt.
Es sieht manches nicht mehr schön aus jm deutschen Vaterlande. In Waldhausen spürt man es nicht so, aber in Berlin, und selbst hier in Potsdam hielt sich Lexe oft am liebsten die Ohren zu, wenn sie manche Menschen reden hört. Nicht nur Arbeiter, nein, auch alte Klatschweiber, weibliche und männliche, die von verlorenem Krieg unten und über Hungersnot jammern und mit ihrer Miesmacherei schlimmer sind als die Hetzer; fie gebärden sich als die Königstreuen und einzig Klugen und sind im Grunde Verräter an der Sache; dabei geht es ihnen gar nicht so schlecht, wie sie oorgeben, aber sie müssen tratschen, weil sie in den Städten nichts anderes zu tun haben, während auf dem flachen Land jeder mit zupackt, ganz gleich, wie alt er ist und was er ist.
Lexe geht mit schnellen Schritten, sie hat das Langsamgehen verlernt in Waldhausen, wo ein pausenloses Hin und Her ist zwischen Kinderstube und Rentamt, zwischen dem Hühnerhof, dem Schweinestall und der Molkerei, über die sie jetzt auch die Oberaufsicht hat. Die Arbeit hat sich noch vermehrt, feit Onkel Claus vor Jahresfrist die alten Augen zugetan hat und sie ihn in der Czehschen Gruft in aller Stille beigesetzt haben. Er hat Rieben und Wustrau Günter vermacht mit der Bedingung, daß die Güter immer im Besitz einer männlichen Czehschen Folge bleiben. Mutter Irene war enttäuscht, sie hatte gehofft, daß Onkel Claus an Lexe denken würde; aber so sind ja die Männer: für sie hängt immer alle Zukunft am ererbten Namen, als ob Frauen Blut und Herz nicht genau so weitertrügen von Geschlecht zu Geschlecht. Auf Günter kam doch schon genug. Lexe hat die Mutter beruhigt: „Es ist schon gut und richtig so. Bernd würde gar nicht hierher passen nach Schlesien, er ist ein viel zu eingefleischter Märker." Es war wirklich kein Neid auf die Erbschaft in ihr, fie hat im Krieg auch schon gelernt, daß es Wichtigeres gibt als B-sitz.
Jetzt neigt sich ihr« Potsdamer Zeit dem Ende zu. In drei Tagen will sie nach Waldhausen zurück, denn Mutter Irene mahnt fast täglich, und Lotte ist wieder fo weit, daß sie ihren Haushalt Oerforaen kann.
Cs ist ein klarer, sonniger Herbsttag. Lexe hat sich In der Stabt Bilder entwickeln lassen, die fie von Jürgen und Mädi dhfgenommen hat: Jürgen, stramm aufrechtstehend, er ist ja schon zweieinhalb Jahr«, das Mädelck-en auf dem Wickeltisch. Die Bilder will fie Bernd schicken.
In der Jägerstraße bleibt fie plötzlich stehen. Vor einer offenen Ladentür sieht fie einen Kinderwagen, er erinnert fie an ihren daheim in Waldhaufen, es zwingt sie, hineinzublicken: da liegt genau so ein Menschlein wie die, die fie zur Welt brachte, rund und rosig, es hat die Arme über feinen blonden Kopf gehoben und schläft. Und weiß noch nichts von Krieg und Elend, von Not und Tod, denkt Lexe.
Sauber ist der Wagen, sauber die Kissen und Decken. Hellblaues Band ist durch die Stickerei des Bezuges geflochten. Ein Junge also, stellt Lexe fest und muh lächeln; sie hat lange nicht mehr so gelächelt im Wirrwarr des Müllerfchen Haushalts, wo sie kochen, waschen und pflegen mußte.
Sauber ist auch das Schaufenster. „Sattlerei und Lederwaren von Fritz Krcuschner" steht an der Scheibe. Es liegt nicht viel in der Auslage, Leder ist mehr als knapp; aber was dort liegt, ist hübsch geordnet. Zwischen Schulranzen und Aktenmappen, zwischen Koffern, Riemen und Handtaschen sind einige Strickarbeiten verstreut, und ein Schild ist da: „Hier wird Damengarderobe jeder Art gefertigt." Ganz vorn entdeckt Lexe eine kleine Einstecktafche für Bilder, genau in der Größ« der Photos, die sie Bernd schicken will. Da tritt fie in den Laden ein.
Die Inhaberin legt ihr Taschen zur Auswahl vor. Sie ist eine hübfche blonde Frau, blank und sauber wie ihr ganzes Geschäft und wie der Wagen draußen vor der Tür in der Sonne. Ein großer Strauß steht auf dem Ladentisch neben dem Kaffenpult, Goldrvute, ein paar leuchtende Dahlien, Stiftern und gelbe Herbstmargueriten, eine bunte, prangende Pracht.
„Ihr Mann ist auch draußen?" fragt Lexe, während fie sich eine Tasche aussucht. Es ist die Frage, die jetzt alle Frauen im Herzen und auf den Sippen haben.
Die Frau nickt.
„Kann ich die Bilder hier gleich einstecken?" fragt Lexe weiter. Sie zieht ein kleines Paket hervor, Zigaretten und etwas Schokolade, die fie durch einen Zufall noch fand. „Haben Sie vielleicht einen kleinen Karton, wo ich das alles In einem Feldpoftpäckchen zusammen unterbringen kann? Ich könnte es dann gleich aufgeben. Sic wißen Ja, man hat es immer eilig. Kann ich auch die Adresse' hier schreiben?"
„Aber gern, gnädige Frau. Darf ich Ihnen die Sachen einpacken?" (Fortsetzung folgt.)


