GiehenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
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Jahrgang 1938
Montag, den U-April
Nummer 29
Herz lm BW
Vornan von -Hans-Äaspar von Zobeltltz
Uopprlghl bu deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart
15. Fortsetzung.
Ja, Bernd hat sich geschämt. Gewiß, er hat auch schon manches Feuer gespürt im Osten und im Westen und hat seine Eisernen Kreuze nicht nur geschenkt bekommen, aber mitten im Trommelfeuer liegt er zum erstenmal.
Angst? Furcht?
Natürlich sind auch Angst und Furcht da. Wer von der Front kommt und sagt, daß er sie nicht gespürt habe, der lügt. Daß man sie überwindet, das ist es. Mut ist nichts anderes als Abtöten der Furcht.
Aber man verlernt hier nach und nach, an den Tod zu denken, weil der Wunsch zu leben doppelt heiß in einem brennt. Das Leben ist ja die Hauptsache und nicht der Tod. Wer im Trommelfeuer gelegen hat, der hat sein« eigene Religion in sich. Da gibt es keine Kirche und keinen Pfarrer, und doch einen Gott. Zu ihm betet man: aber nicht um ewige Seligkeit droben im Himmel, sondern um Leben, Leben aus dieser Erde. Dazu ist-man geboren, nicht zum Sterben. Den Tod kann man hier leicht haben, aber das Leben, das Leben!
Man lernt um im Trommelfeuer. Und auch Bernd lernt um.
Wie man lebt, wird gleichgültig. Daß man lebt, ist allein wichtig.
Es gibt keinen Stand mehr. Es gibt kein Geld mehr. Es gibt keine Weisheit mehr. Es gibt keinen Dünkel mehr. .
Es gibt nur noch ein Atmen, Sehen, Hören, Fühlen, es gibt Hunger, es gibt Durst.
Und es gibt eines: die Pflicht.
Dableiben. Aushalten. Wachsein.
Nicht für dich selbst. Aber für das Ganze. Du selbst bist ein Brösel- chen in Qualm, Rauch, Modder und spritzendem Eisen, ein Bröselchen, das lebt, weil es in der Reihe liegt, die das Ganze bildet. Hier ist das Ganze die Front von der Nordsee bis zu den Vogesen, die Blauer für das Baterland. Es kann wohl aber auch eines Tages etwas anderes sein. Der rechts von dir ist ebenso wichtig wie du. Und der links von dir auch. Und wenn dir mehr Hirn mitgegeben ist in deinem Schädel, so ist das nicht dein Verdienst, sondern nur eine Verpflichtung zu größerer Pflicht: zum Mitdenken für den rechts und den links, die mit dir das Ganze bilden.
Du kannst von ihnen lernen, wie du von Trichter zu Trichter springen niußt, das Handwerkliche der Schlacht. Doch wenn es ganz hart auf hart kommt, sehen sie auf dich, fragend: Zittert er, bleibt er da? Da schiebt sich in die Pflicht die Verantwortung, die Verantwortung für das Ganze.
Es gibt Kerle hier vorn im Dreck, die tragen keine Achselstücke ober Tressen, die haben im Ruheguartier nicht die große Schnauze, die sind durch keine höhere Schule gegangen, aber sie haben das Pflichtgefühl in sich- Es strahlt aus ihnen heraus. Sie find Führer, oft ohne es zu wissen. Sie können hinter der Front keine Gruppe kommandieren, aber hier vorn wachsen sie. Sie brauchen nur „Du!" zu schreien, wenn einer feige werden ober sich brücken will; oft brauchen sie nur bazusein, das genügt. Sie haben den Adel in sich, denkt Bernd.
Ja, man lernt um.
In Bernd ist die Achtung vor den Menschen wieder gestiegen. Jedes Leben ist heilig, wenn es nützlich ist. Es nützlich zu gestalten, ist di« höchste Aufgabe. Verächtlich sind nur die Selbstsüchtigen, die nichts ken- ren wie sich selbst; die bas Ganze vergessen vor ihrer eigenen Kleinheit jod Wünschen und Begierden, die bestimmt rücht der Sinn des Lebens finb, um das man den Gott bittet, der in der Schlacht den Ringenden erscheint, der Gott der Natur, der Gott des Lebens.
Aber wer ist ganz ohne Selbstsucht?
Die Engländer trommeln. Es gibt keine Stelle bei Westrosebeke, auf der nicht eine Granate zerbarst in den letzten Tagen. Alles Leben muß eigentlich erloschen sein, zerrissen, zerfetzt, verschüttet. Aber merkwürdig: Ito kribbelt und krabbelt doch in den Trichtern, es läuft und springt, es richtet sieh auf und wirft sich hin, es preßt sich von hinten nach vorn, es trägt Kochgeschirre voll kaltem, sauer gewordenem Essen, es bringt Wasserflaschen, es ißt, es trinkt. Es schleicht wieder zurück und schleppt Verwundete mit, es schleicht wieder nach vorn und hat Verbandzeug und Munition bei sich Es wäscht sich in Pfützen und wickelt die Waffen vorsichtig ein, damit sie nicht verschmutzen. Es kliert Karten nach Hause und iügt: ,Zch bin wohlauf", es wacht, es späht, es horcht. Es gräbt, es
buddelt. Es redet, erzählt, singt, es lacht sogar. Und es kann schlafen im Höllenlärm.
Wenn je ein Beweis erbracht wurde, daß das Leben stark ist, hier ist er.
Aber es stirbt auch. Es zerfliegt, vom Volltreffer zerfetzt, in Nichts, es zergualt sich schreiend in Schmerzen, es verblutet still. Es wird in den Trichtern begraben, ohne daß eine Hand sich rührt.
Bernd erlebt dies Leben in Schauern und in Stolz.
Er hat es ja bisher nur geahnt, obgleich er es geleitet hat durch Befehle, die er erdenken mußte, um ihm die Aufgaben für das Ganze rlchüg zuzuerteilen. Aber auch um es erträglicher zu gestalten durch Nlederkampfen feindlicher Batterien, durch Nachschub von Speise und Trank, von Waffen und Munition. Er weiß jetzt, wie sehr Befehle Stückwerk sind, ja, daß sie nichts sind, wenn di« Menschen hier vorn versagen.
Oft hat er von seinem Befehlsstand aus das Rollen des Feuers gehört, pausenlos durch Tage und Nächte. Er hat die Fäuste geballt, well er nicht Gleiches mit Gleichem vergelten konnte. Alles hat der Feind: Menschen, Gewehre, Geschütze, Munition, Fahrzeuge, farbiges Volk zur Arbeit an Graben, an Straßen, an Dahnen, Flugzeuge, Ballone, Schiffe, Brot, Butter, Fleisch, Tabak, Morphium, Verbandzeug. Der Generalstäbler drüben fordert nur: „Ich brauche...", und schon ist es da. Wenn er bat, tarn ein Bruchteil aus der ausgemergelten Heimat, die selbst hungert, darbt, friert. 1 1
Jetzt spürt er die Uebermacht, die er längst kennt, vielfach.
Wo bleibt das Essen für meine Leute, schreit es in ihm.
Warum schießen unsere Batterien nicht, schreit es in ihm
Da hört er neben sich: „Haste Kohldampf, Karl,, schnall den Riemen enger.
Da hört er neben sich: „Mensch, schmeißen die Brocken heute. Na, mir tonnen sie mit die Blumeniöppe nicht imponier'n."
Und er wird stolz, nicht auf sich — auf das Ganze, auf das es allein ankommt.
Die Engländer trommeln.
Wenn nur das Warten nicht wäre. Einmal müssen sie ja kommen müssen sie ja angreifen. Einmal muß ihr Eifenvorrat ja erschöpft sein. Emmal müssen sie ja glauben: nun ist das Leben dort tot.
Der Angriff ist nicht das Schlimme.
Das Feuer ist auch nicht das Schlimme.
Aber das Warten.
Es werden immer weniger, die warten, die noch Gewehre In den Händen halten, Handgranaten werfen, Maschinengewehre bedienen können. Immer weniger. Vierhundert waren es am ersten Tage im Batall- lon, jetzt sind es wohl noch zweihundert, vielleicht nur noch hundertfünfzig.
In der vierten Nacht wird das Trommeln zum Rasen. Es dröhnt es brüllt, es blitzt ringsum. Es speit Gas und Nebel. Es wirft die Erde auf und deckt che wieder zu. Es lohnt nicht mehr zu laufen, zu springen, auszuweichen. Man preßt sich gegen den nassen Boden und denkt- Jetzt
jetzt du! Wer sagt, daß er sich nie gefürchtet, der lügt. Und doch: eigentlich ist es keine Furcht, die einen gegen den nassen Boden preßt, denn man hat ja gar feine Zeit zur Furcht, jetzt da der eiserne Tanz die Welt zum Tollhaus macht. /
Ja, man atmet sogar leichter, man weiß: das ist das letzte große Gewitter, bald hat das Warten ein Ende.
Und plötzlich ist der Gedanke in Bernd: das Kind. Ganz lang und schmal und feingliebrig ist es, seine Augen sind lichtblau und seine Haare wie blonde Seide. Ä
Nein, wir wollen es nicht Irene nennen, kleine liebe Lexe. Ich muß dir ja noch beichten, daß ich zuerst gar nicht dich liebte, sondern deine Mutter, weil sie so war, wie du schreibst. Jetzt bist du stolz darauf, daß dein Kind so ist, denn du bist noch sehr jung. Du hast breite Schultern und kräftige Hüften. Du bist klug gewesen, als du dir dein Teil nahmst aus der Kraft der Czehs. Du weißt noch nichts vom schweren Weg deiner Mutter, von dem unruhigen Herz, das auch sie trug als Erbe im BKip- penschild. Du ahnst noch nicht, daß es eine Gefahr ist. schmal zu sein und feingliebrig unb weich.
Ich war auch zu weich bamals. Ich hatte auch altes, mübes Blut in mir. Das kann uns zum Fluch werben.
Aber jetzt liege ich in einem Bad von Eisen.
Wir wollen das Kind nicht Irene nennen, nein...
Wir wollen ... wollen ...
Bernd schläft. Vier Nächte und drei Tage Feuer, Feuer, Feuer. Sie rasten über ihn hin. Jetzt träumt er.
Er versinkt tief, tief. Er braucht ja nicht mehr zu warten: sie müssen gleich kommen.
Einer rüttelt ihn: „Herr Hauptmann — Herr Hauptmann!"


