gedauert: das Andenken gerade dieser Jünglinge verklärte sich in den fieraen ihrer Mütter zu einer Unwirklichkeit: weil sie so wenig irdische Spuren hinterlassen haben, — ein Bild an der Wand, ein paar Schulhefte und vielleicht auch ein Lehrlingsstück sind Erinnerungen an ihre Leibhaftigkeit. Die andern, denen bestimmt war, im Mannesalter zu sollen leben in größerer Wirklichkeit fort, ihre Kinder sind herangewachsen der Sohn trägt heute dasselbe Feldgrau, in dem der Vater begraben lieat er arbeitet fröhlich in der Werkstatt, die der Vater m »ahrzehnte- lanq'er Mühe schuf. Lachen erschallt auf den Stätten, wo jene einst gegangen sind. Und die Starrheit, von der die Herzen der im Leben Gebliebenen damals befallen wurden, als der letzte Brief kam, sie loste sich; saft ist es Leben, das sogar die Schmerzensreichen führen, feiten greift ihre Hand nach dem Kästchen, das den Brief und ein paar Andenken bewahrt.
Wie wir als Soldaten, "wenn wir aus dem Kampf kamen, die Portionen der Gefallenen mitgegessen haben und uns freuten, daß wir lebendig geblieben und wie es uns schmeckte — so brauchen wir alle uns nicht zu schämen, daß das zahllose Gestorbensein sich in ein mildes Vergehen gewandelt hat, ja, daß erste Vergessenheit über viele der Gräber weht, weil die Angehörigen nun selber gestorben sind oder weil die Zeit neue, mächtige Bindungen knüpste. Das will die Natur. Sie will, daß die Blätter der letzten Briefe vergilben. Wir sollen weiterlesen in den Briesen, die das Schicksal tagtäglich sendet, bis es auch uns mit sachlichem Strich gus der Stammrolle ausstreicht.
Ueber jede Kriegszeit senkte sich doch das versöhnliche Ausloschen. Dann und wann mag ein Nachkomme aus vergessenen Briefschaften ein Schreiben hervorkxamen, das aus dem Heer des großen Friedrich kam oder aus dem Heer der Befreiungskriege, und das eine ähnliche Botschaft Überbrachte. Längst sind die Soldatengräber jener Zeiten spurlos zugeweht, vom Pslug getilgt, von neuen Wäldern überwachsen.
Es ist gut so. —
Oer Tod fürs Vaterland.
• Von Friedrich Hölderlin.
Du kömmst, o Schlacht! schon wogen die Jünglingc hinab von ihren Hügeln, hinab ins Tal, wo keck heraus die Würger bringen, sicher der Kunst und des Arms; doch sichrer kömmt über sie die Seele der Jünglinge, denn die Gerechten schlagen wie Zauberer, und ihre Vaterlandsgesänge lähmen die Knie den Ehrekosen.
O nehmt mich, nehmt mich mit in die Reihen . damit ich einst nicht sterbe gemeinen Tods! Umsonst zu sterben, lieb' ich nicht; doch lieb' ich, zu fallen am Opferhügel
Sein Traum, seine Sehnsucht war die Rennbahn, der erste Siegesritt über Hindernisse. Stemkow, unser Nennonkel, hatte Mitleid. Er vertraute ihm die Steuerung seines Braunen in einem Dienstpferderennen auf der Bahn des benachbarten Badeortes an. Am 30. Juli war der große Tag. Der Kommandeur hatte Bedenken: Die Lage war schon verdammt gespannt. Konnte man es verantworten, einen Offizier aus dem Standort zu beurlauben? Die Division entschied auf feine Rückfrage: „Jawohl. Em Fernbleiben der Offiziere von dem Rennen würde Beunruhigung in ine Be- völkerunq tragen." Als er sich von mir verabschiedete, drohte ich scherzend mit dem Finger: „Wenn Sie sich schlagen lassen, bleiben Sie h,er beim Schwamm!" Er hatte sofort die Antwort bei der Hand: „Und wenn ich gewinne, bekomme ich die erste Fempatromlle. Ich schlug ihm lachend aus die Schulter: „Frechdachs, die Wette gilt!" Er gewann. Seine Freude ging im Wirbel der Mobilmachung unter.
Zwanzig Tage später auf belgischem Boden tarn der Dioisionsbesehl- „Das Regiment stellt drei Fernpatrouillen gegen die Gette. 3d) fd)(ug dem Oberst mit zwei anderen als Führer auch Leutnant von Borchentm vor. Der Oberst sah mich erstaunt an: „Ausgerechnet unfern Jüngsten? Ich erzählte ihm von unserer Wette und fügte schüchtern hinzu: »Ritt- meister Blohm gibt ihm Wachtmeister Schulz mit. Außerdem, Herr Oberst, das Rennen hat es bewiesen, der Junge reitet nicht nur, mit Schneid, sondern auch mit Kopf." Der Oberst winkte ab: „Ich weih ,chon, ihr habt alle einen Narren an ihm gefressen. Also denn los in Gottes Namen, lassen Sie ihn sich fertig machen."
Wir hätten keine bessere Wahl treffen können. Borchentm trabte strahlend mit seinen zehn Reitern in die Abenddämmerung hinein. In der Nacht durchfurtete er zwischen zwei belgischen Brückenposten den Fluß, gewann von der Flanke aus tiefen Einblick in die feindliche Stellung und schickte auf gewandt ausgesuchten Schleichpfaden Meldung auf Meldung. Das Regiment bekam ein dickes Lob, und der Oberst drückte Borchentm, als >t sich nach Erledigung des Auftrages wieder bei ihm zurückmeldete, dankbar die Hand.
Am nächsten Tage hatte Varchentin die Spitze. Im Schritt ging es in das erste belgische Dorf hinein. Friedlich lag es in der Morgensonne. Frauengesichter drückten sich neugierig an die Fensterscheiben. Männer zogen an den Hoftoren höflich die Mütze. Plötzlich, dicht bei der Kirche, knallte es ein-, zweimal aus einer Dachluke. Der Gefreite neben ihm sank mit einem Wehlaut vom Pferd«. Ein feindlicher Freischärler hatte ihm heimtückisch von hinten durch das Schulterblatt geschossen. Wie der Blitz war Borchentin vom Pferde und stürmte auf das Haus zu. Die Dragoner hinter ihm drein. Ein paar Fußtritte, und das Tor gab nach. Der Leutnant sprang die Treppenstufen hinauf. Da krachte es zum drittenmal. Ins Herz getroffen brach Borchentin zusammen. Was nützte es, daß feine ergrimmten Leute dem feigen Schützen mit dem Kolben den Schädel einfdjlugen. Borchentin war tot. Wir hatten nicht einmal Zeit, ihn zu begraben. Nur fein Bursche blieb bei der Leiche zurück und bettete sie mit dem Pfarrer des Ortes auf dem Dorffriedhof zur Ruhe.
fürs Vaterland, zu bluten des Herzens Mut, fürs Vaterland — und bald ist's gefchehnl Zu Eu ihrer Heuern! komm' ich, die mich leben lehrten und sterben, zu euch hinunter!
Wie oft im Lichte dürftet' ich euch zu sehn, ihr Helden und ihr Dichter aus alter Zeit! Nun grüßt ihr freundlich den geringen Fremdling, und brüderlich ist's hier unten;
und Siegesboten kommen herab: die Schlar’ ist unser. Lebe droben, o Vaterland, und zähle nicht die Toten! Dir ist, liebes! nicht einer zu viel gefallen.
Oer Leutnant.
Einem Gefallenen zum Gedächtnis.
Ich war lange nicht in der alten Kaserne gewesen. Sie war mir fremd geworden, seitdem sie Behörden zum Heim diente. Feierlicher Ernst, Schreibmaschinenklappern, Aktenstaub füllte ihre Räume.
Jetzt ward sie wieder jung und lebendig. Singen und Pfeifen schallt aus den Fenstern, nägelbeschlagene Stiefel dröhnen auf den Fliesen, und ein Duft von Kommisbrot, Leder und Exerzierschweiß schwingt durch die Stuben.
Ich trete vor die Ehrentafel in der Eingangshalle. Schon am ersten Namen bleiben meine Augen haften. Ist nicht heute der Tag, an dem der Leutnant von Borchentin, der den langen Todesreigen anführt, fiel? Ich sehe ihn noch vor mir, den kleinen, drahtigen Selektaner, wie er wenige Monate vor dem Kriegsausbruch im Adjutantenzimmer sich voll Stolz den hellblauen Waffenrock zurechtstrich und die silberne Schärpe gerade rückte, bevor er zum Kommandeur hineinging, um sich „durch Allerhöchste Kabinettsordre vom Kadettenkorps als Leutnant in das Regiment versetzt" zu melden.
Der Alte spielte zweifelnd mit dem Bleistift, als er wieder heraus war: „Gerade 17 Jahre! Wird er es mit unseren Dreijährigen schassen?" — Ich tröstete: „In ihm steckt altes Dragonerblut, Herr Oberst. Der wird!"
Und er ward. Was ihm an Wissen und Diensterfahrung gebrach, ersetzte er durch Schneid. Kein Pferd war ihm zu schwierig, kein Graben zu breit. Er wurde ihrer Herr. Selbst Fülster, der knurrige Wachtmeister der Königlich Fünften, schmunzelte: „Dat's ’n Siri!" Und die Dragoner strahlten. Immer war er bei Laune, scherzte und sang mit ihnen und ließ sich doch von keinem an den Wagen fahren.
Unser Leutnant wurde unser Stolz. War er darum etwas Besonderes? Gewiß nicht! Nur einer unter seinesgleichen von den Tausenden, denen das Dichterwort Wahrheit wurde, daß Leutnantsdienst Vorsterben bedeutet, die mit der Unbefangenheit der Jugend keck nach dem kühnsten Entschluß griffen, denen ihr soldatisches Blut unbewußt fast immer den rechten Weg wies, denen auch die älteren Untergebenen als den geborenen Führern blindlings folgten. Gewiß, Philister hatten in der Vorkriegszeit manchmal mißbilligend den Kopf geschüttelt, wenn sie in ihrer überschäumenden Jugendkraft über die Stränge schlugen. Jetzt baten sie ihnen im stillen vieles ab.
Das Friedensdiktat nahm uns wie so manches andere auch den Leutnant der Vorkriegszeit. Die Leutnants des Reichsheeres hatten, wenn sie die Achselstücke anlegten, schon eine Reihe von Dienstjahren hinter sich, hatten an der Front und auf den Schulen Erfahrungen gesammelt, Wissen erworben. Gewiß, sie waren für ihren Beruf gründlicher vorgebildet als ihre Vorläufer 1914. Sie waren ernster und gesetzter in ihrem dienstlichen und außerdienstlichen Auftreten. Aber bisweilen vermißte man doch ein ganj klein wenig jene göttliche Lebensfrische, die nur die Jahre um die Zwanzig beschwingen Die Schwere der Zeit, die aufgezwungene Enge der kleinen Wehrmacht hatte auch ihnen die Flügel beschnitten.
Dies alles geht mir durch den Kopf, als ich auf die Tafel sehe. Da klingen Schritte. Ein Leutnant stellt sich mir als mein Führer für die in Aussicht genommene Uebung vor. Ein frisches, junges Kerlchen, dem die Lebenslust nur so aus den Augen leuchtet. Sein Kraftwagen — ein geländegängiger, sogenannter Kübelwagen — wartet draußen. „Einen Vollblüter besitze ich, seitdem wir motorisiert sind, leider nicht mehr", entschuldigt er sich, „aber gehen kann das Biest auch." Und dann braust er los mit 80 Kilometer und mehr die Straße entlang, mit einer scharfen Wendung aus das Feld hinauf und nun kreuz und quer über Sturzäcker, durch Gräben, den Steilhang hinab und hinauf, durch Wasserlachen, über Schotterhausen. Ich höre ihn ordentlich innerlich frohlocken- „Den Alten werden wir schon schaukeln." Dabei folgt er gewandt dem Uebungs- verlauf, erklärt und erläutert, spart nicht mit seinem Urteil und trifft meist den Nagel aus den Kopf. Bei einem Glase Wein am Ende der Uebung taut er ganz auf. Selig, daß die verkürzte Ausbildungszeit der Leutnants des neuen Heeres glücklich hinter ihm liegt, singt e? Lobeshymnen über Lobeshymnen über die Ausgaben, die dem Leutnant in unserer Zeit geftellt sind, breitet er die ganze Fülle seiner Zukunftshoffnungen, feiner militärischen Gedankenwelt vor mir aus.
21(5 er mld) eine Stunde später an meiner Haustür absetzt, sehe ich ihm nach, bis fern Kraftwagen um die Ecke verschwunden ist. Tiefe Befriedigung wärmt mein Herz. Wir haben ihn wieder, den Leutnant, von dem fdjon Bismarck sagte, daß ihn niemand uns nachmachen kann. B.
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