Sie wandte sich ab und öffnete die letzte Tür, die $u Alexanders . {immer.
Da hockte sie in einem Sessel, in sich zusammengesunken und wie zer- tllen, zog ihren Schlafrock ganz eng um sich und fror. Sie sprach mit m Toten: „Warum lebst du nicht mehr? Din ich schuld daran, daß h stürztest, hätte ich es anders machen sollen? chatte ich eher begreifen Hüffen, daß hier deine Heimat war, die cheimat, die ich jetzt so fchmerzlich p erfassen suche? Wärst du dann bei uns geblieben? Hättest du dann Mn Leben nicht vertan mit deinen Pferden, mit deinem Reiten? Wäre tr dann die Arbeit hier, durch die ich mich jetzt quäle, Lebenszweck ge- rorden? Bin ich schuld an allem? Antworte, Alexander! Sage: ja. Ich reiß, daß ich die Schuld trage. Ich hätte mir Mühe geben sollen, dich »i lieben, dich ganz allein. Es hätte sich wohl gelohnt. Aber sieh her, Alexander, ich muß es jetzt büßen. Ich leide, ich verkomme in Einsamkeit, kch verstehe die alten Freunde nicht mehr. Ich bin hier noch nicht zu jause und bin es in Berlin nicht mehr. Was soll ich tun, Alexander?"
Aber der Tote gab keine Antwort, und der Raum schwieg. Nur der (türm heulte vor den Fenstern.
Sie faß und wartete.
Soll mit vierunddreißig Jahren mein Leben zu Ende sein? Soll ich her sitzen und mich sehnen wie die alte Gräfin Maria, bis ich erlöst rerbe durch den Tod? Hatte jene es nicht besser gehabt, da ihre Sehn- scht wenigstens ein Ziel gekannt hatte: das Schloß von Jasz-Magocz lad die weilen Ebenen Ungarns? Wohin geht meine Sehnsucht?
Schwer stand sie auf und schritt in ihr Zimmer zurück. Sie kroch »ober in ihr Bett, in dem noch ein Hauch der Wärme ihres eigenen kirpers war. Aber sie blieb kalt.
Sie fürchtete sich vor sich selbst.
Im Frühjahr, als die Knospen der Dbftbäume ausspringen wollten, hhr sie nach Wien.' Sie sagte sich: „Zu Olli Czeh", aber es war ein Weg jii William Bruce. Ihre Kraft schien zu Ende.
Fünf Jahre war Alexander Czeh tot, fünf Jahre war sie Witwe.
Die Sonne schien über die Kärntner Straße. Die Wiener Mädels Dingen schon in Rock und Bluse und lachten, ohne zu wissen warum.
Auch Olli Czeh lachte. „Bist du endlich da, Reni." Ein vierter Junge tmr angetommen und krähte unter Spitzen und blauen Schleifen. „Der Firdi hat ein Mädel haben wollen, eine zweite Olli, hat er gesagt. Aber idj kann doch nichts dafür, daß ich ihn so liebhab, daß es immer wieder Silben werden."
Das fremde Glück schmerzte Irene.
Dann stand William Bruce vor ihr in Ollis kleinem Salon, der ganz eiegefüHt war von zierlichen Sesseln und Tischen, von Glasschränkchen wcker Porzellan und von Ständern mit hohen Basen, in denen blühende >eige steckten.
Hell und licht war der Raum, und in ihm schwebte ein Hauch des wichen Parfüms, das Olli liebte.
Sie waren allein und konnten nicht gleich zueinander finden. Noch fkriä eine scheue Fremdheit zwischen ihnen.
(Fortsetzung folgt.)
Streitlied zwischen Leben und Too.
Bon einem unbekannten Dichter.
So spricht das Leben: Die Welt ist mein, mich preisen die Blumen und Vögelein, ich bin der Tag und der Sonnenschein — so spricht das Leben: Die Welt ist mein.
So spricht der Tod: Die Welt ist mein, dein Leuchten ist nur eitel Pracht, sinkt Stern und Mond in ew'ge Nacht — so spricht der Tod: Die Welt ist mein.
So spricht das Leben:
Die Welt ist mein, und machst du Särge aus Marmorstein, kannst doch nicht sargen die Liebe ein — so spricht das Leben: Die Welt ist mein.
So spricht der Tod: Die Welt ist mein, I ich habe ein großes Grab gemacht,
ich habe die Pest und den Krieg erdacht — so spricht der Tod: Die Welt ist mein.
So spricht das Leben: Die Welt ist mein, ein jedes Grab muß ein Acker sein, mein ewiger Samen fällt hinein fo spricht das Leben:
Die Welt ist mein! ‘
Oie letzten Briefe.
Bon Kilian K o l l.
Im Augenblick seines Todes beginnt der Soldat die groß« Wanderschaft aus dem Herzen der ©einigen ins Herz feines Volkes — und erst wenn keiner mehr da ist, der um ihn weint, ist er völlig ausgenommen in die Ewigkeit des Opfertodes.
Wenn die Ueberlebenben eines Truppenteiles im Morgengrauen aus dem Kampf zurückkehrten, pflegte ihnen der Feldwebel oder der Wachtmeister ein Stück öors Quartier entgegen zu gehen, meist wußte er schon durch Meldeläufer, wer kam und wieviele nicht; es war sein Amt, jeden zu kennen. Dann triumphierte zuerst das Leben, bas auf bie Dauer immer mächtiger ist als der Tob: unb wenn nur noch jeder zehnte Mann heil aus der Kampflinie wieberkehrte, jetzt wollte er zuerst effen, bie Feldküche bampfte, meist hatte man viele Wochen nichts Warmes in ben Magen bekommen — und nun machte der Tod einen wunderlichen Schnörkel: je größer die Verluste gewesen, desto größer waren auch die Portionen, die der Koch austeilte! Danach begann die erschöpfte Truppe ihren unheimlichen, totenähnlichen, tagelangen Schlaf, der doch auch wieder ins Leben führte; dazwischen ging der einzige Wachende, der Feldwebel oder Wachtmeister, zu ben Schläfern, rüttelte jeden einzelnen mit Gewalt wach und schickte den dösig wegtappenden Mann wieder an die Feldküche. So kam zu neuen Kräften, was übrig geblieben.
Der Erste, der sich dann der Ermattung entrang, war immer der Führer dieses Truppenteils. Da saßen der Oberleutnant unb ber Felb- roebel und der Schreiber um einen Tisch herum, vor ihnen lagen schmutzige Notizbücher, ber Schreiber klappte sein dickes Hauptbuch über Tob unb Leben auf: bas war bie Stammrolle, und er zog mit roter Tinte schräg über Namen unb Gefechtsliste ber Neugefallenen feinen sauberen Linealstrich. Drbnung muß fein, unb oft genug zögerte seine Feber, den Sprich zu tun, als fei erst damit bas Unwieberbringliche geschehen.
Drbnung muß auch sein mit ben Briefen, bie die beiden andern schrieben, manchmal saßen sie tagelang darüber, zuweilen wagten sie sich an manchen Brief kaum heran und zögerten ihn absichtlich hinaus. Damals war noch nicht die allgemeine Zeit der Schreibmaschinen, und wenn es solche auch schon längst bei den höheren Stäben gab: diese Briefe mußten mit der Hand geschrieben werden. Es waren nicht selten zwanzig ober mehr, unb bennoch verlangte bie einfachste Menschlichkeit, daß sie menschlich lauteten, kurz ober lang unb manche gar Seite über Seite. „Liebe Frau Schmibt! Ich erfülle meine schwere Pflicht, Ihnen mitzuteilen, baß Ihr Mann, unser lieber unvergeßlicher Kamerad, gefallen ist. Tröste Gott Sie in Ihrem Kummer." So hat unser Feldwebel Ahlert in all ben langen Jahren mehr als zweihundertfünszigmal solche Briefe gefchrieben; langwierige Rückfragen tarnen unb sehr oft sogar bie Antwort einer Frau ober einer Mutter ober einer Braut, bie sich weigerte, an bas Unabänberliche zu glauben, sie wähnten ben Gefallenen immer noch lebenbig, war er nicht vielleicht und hoffentlich doch nur vermißt oder in Gefangenschaft geraten? „Ich kann es nicht glauben, es ist doch ganz unmöglich, daß es wahr ist, er ist doch so jung unb fo gesund gewesen unb hatte immer Glück unb nie ist ihm etwas passiert. Schreiben Sie mir doch, baß es ein Irrtum war!"
Dann würbe beim nächsten Appell vorgerufen, wer mit eigenen Augen ben Kameraben fallen ober wer den Toten gesehen ober wer ihn begraben hatte, und diese bekamen den Befehl, den Angehörigen die näheren Umstände mitzuteilen. Fast immer war doch einer dabei, dem jener der Nächste gewesen — aber wenn eben nur jeder Zehnte heil übriggeblieben, fo mußten auch die zu einem Brief ber Menschlichkeit veranlaßt werden, die etwas Näheres wußten ober nicht einmal bies.
Jeber biefer Briefe würbe ein Heiligtum; millionen- unb aber millio- nenmal geschrieben, sind wohl nur wenige bavon flüchtig gelesen und weggeworfen worden. „Wertes Fräulein", lauteten sie bann wohl, „gebe Ihnen hiermit Bescheid, wie er gefallen ist. Sagen im Unterftanb, da kam einer und schrie, sie sind verschüttet. Wir sind gleich raus und haben mitten im ärgsten Feuer gebuddelt wie verrückt, aber nichts gefunden."
Doch kam es vor, daß alles drunter unb brüber ging, befonbers an ben beweglichen Fronten biefer abenteuerlichsten Wikingerfahrt, bie beut- fches Blut je unternommen — unb ein tobmüber Schreiber sortierte in irgenbeinem halbverbrannten Gehöft bie Feldpost, feine Kerze blatte, er stempelte auf Hunderte von Briefen „Zurück. Verwundet", damit sie daheim hoffen konnten, ober „Zurück. Vermißt", bamit sie daheim sich aufzehrten zwischen Hoffnung und grenzenloser Angst, und er stempelte ben letzten Bescheib: „Zurück. Gefallen auf bem Selbe der Ehre!"
Briefe, die aus der Heimat tarnen und mit bem Tobesstempel ins gleiche Haus heimtehrten, brachten oft in ihrer grausam tahlen, unglaub- roürbigen Kürze bie erste und auf Wochen unb Monate bie einzige Nachricht. Der Mann, von dem sie ausfagten, dessen Namen sie trugen, stand vor ber Erinnerung in ber Lebfrische seiner Jugenb, vielleicht war es erst ein Knabe, vielleicht einer, ber unter ben ©olbaten für einen alten Mann galt mit feinem crgrauenben Haar
Wie bas Herz sich damit abgefunben hat, daß der Eine nicht wieder- tam, das blieb jedem Herzen selbst überlassen. Wer solchen Brief befam, wünschte wohl, bie Zeit möge stille stehen. Die erste Regung war mitzu- fterben. Die zweite Regung war immer, ben Schmerz nicht abtlingen zu lassen unb sich in der Raserei des Niewieder zu verlieren. In den Tränen, bie nicht versiegen wollten, und im tränenlosen Gram lebte ber Eine noch weiter.
Dies war ber Irrtum, allzu verstänblich zwar, ber ben Dpfertob mit dem natürlichen Tode gleichstellte ober sich gar bagegen auflehnte.
Heut streichen bie Winbe schon länger als zwanzig Jahre über manches Kriegsgrab. Fern wie eine Sage liegt bie Zeit, als es entstand — nun noch einmal solange, und die meisten der Mitkämpfer sind selber erloschen. Manche ber Gefallenen find schon länger bahin als ihr Lebensalter


