Der Fürst war vom Pferd gesprungen und half ihr aus dem Waxm. „Willkommen in Jasz-Magocz", fugte er.
Dann lag Irene in Olli Czehs Armen. „Olli, Oll>", schluchzt« ste, ,M)ie kann man dies Land lieben?" ,
Unb wieder waren Priester da und wieder eine Gruft und festliche Tafeln fremde Leute in fremden Trachten, fremde Laute und fremde Sitten und zwei schlaflose Nächte. Durch das offene Fenster rauschte der Wind der ohne Pause über die unendlichen Weiten der Steppe strich. Rinder brüllten dumpf, Pferde wieherten hell, und dann und wann fang fern eine Geige, fchluchzend und verliebt. Wie sollte fte da |d,la$3iUft du nicht bei uns bleiben, Kusine?" fragte ein dunkler slawischer Mann, dessen Antlitz dem der Toten merkwürdig glich. „Unser Land ist schön. Du solltest es tennenlernen."’
„Ich will heim", antwortete sie und fühlte, daß in ihr die gleiche Sehnsucht war wie in der Toten, nur daß ihr« Sehnsucht ein anderes Ziel hatte: Deutschland.
In Waldhausen folgten dann Jahre der Arbeit.
Die Beamten waren erstaunt, als Irene die Bücher forderte und nicht nur hineinsah, sondern ihre Seiten sorgsam prüfte. Das waren sie nicht gewähnt, das hatte der alte Graf nicht getan und nicht Graf Alexander. Irene brauchte Zeit, um sich in dem Gewirr der Zahlen zurechtzufinden, sie brauchte auch Hilfe. Sie fuhr zu Onkel Claus nach Rieben und fand einen Lehrmeister. „Sieh an", sagte er spöttisch, „die Waldhauser wollen auch mal wissen, was sie eigentlich haben." ,
Manches Unerfreuliche geriet ans Licht. D«r Inspektor, der Pnchter- dorf und Ellgut bewirtschaftet hatte, muhte entlassen werden, der Rentmeister, der die böhmifchen Güter verwaltete, hatte es noch toller getrieben, hier kam es zu einem Prozeß, der sich fast ein Jahr hinzog: es wurden Durchstechereien ausgedeckt, Steuerbeamte hatten sich schmieren lassen. Es ekelte Irene. „ Du wunderst dich", meinte Claus Czeh, „es ist nur die übliche Schlamperei, hüben wie drüben. Die Leute finden bei so etwas nichts und fangen nur an, auf uns zu schelten, wenn wir es aufdecken. Du mußt das nicht so tragisch nehmen; das kostet nur Nerven. Greif ein- oder zweimal fest durch, damit sie suhlen, daß man ihnen aus die Finger sieht, dann wirst du bald Ordnung geschafft haben. Das Auge des Herrn hat zu lange bei euch gefehlt."
Er sprach fast ebenso, wie die Gräfinmutter vor ihrem Tode gesprochen hatte.
Irene suchte sich einen neuen Verwalter für Körlitz, Freiershaus und die anderen Güter jenseits der Grenze, einen aus dem Reich; sie gab ihm fast das doppelte Gehalt. Da kam einer der böhmifchen Nachbarn zu chr und fagte: „Das geht nicht, Gräfin. Sie verderben die Preise. Jetzt will mein Inspektor auch aufgebessert werden. Ich weiß, er betrügt mich, aber das würde er auch tun, wenn ich ihm mehr gebe." — „Dann werfen Sie ihn doch hinaus." — „Aber warum? Er ist gut, er kennt jeden Acker und weiß bei dem Getreidejuden hohe Preise herauszuholen. Soll ich mich mit dem Pack rumfchlagen? Ich hab mehr zu tun. Ich habe meine Jagd in der Steiermark und muh meine Hirsche in der Tatra schießen. Und hn Winter bin ich in Wien."
Irene blieb fest, aber der Beamte stieß auf Schwierigkeiten: die Händler nahmen ihm das Korn nicht ab.
„So geht es nicht", fagte er, „ich muß eben AusgeU» zahlen."
„Nein, bieten Sie den Weizen billiger an, dann werden die Leute schon kommen. Wir wollen ehrlich bleiben."
„Dann bringen di« Güter aber nicht mehr so viel."
„Für Sie und uns wird es schon noch langen."
Auch auf den schlesischen Besitzungen fand sie vieles, was sie zuerst nicht verstand. Der neue Inspektor in Prichterdorf schlug gut ein. Sie fuhr während der ersten Ernte, die er leitete, oft zu ihm hinüber, ging mit ihm durch di« Ställe und über die Felder. „Ich will im Frühjahr vier neue Leutehäuser bauen", sagte sie am Ende einer Besichtigung. Er war überrascht. „Warum? Die alten sind doch noch ganz gut." — „Ganz gut, das ist es eben. Lehmsußböden, schiefe Fenster, gekalkte Wände." — „Es hat sich noch niemand beklagt." — „Sollen wir immer so lange warten, bis Klagen kommen?" — .Aber die Kosten, Frau Gräfin!" — „Das Geld ist doch da." — „Trotzdem. Die Ausgabe ist nicht notwendig." — „Die Häuser werden gebaut", entschied sie.
Sie hatte gedacht, der Inspektor würde sich freuen, daß sie für besser« Unterkünfte seiner Leute sorgte, jetzt war er verstimmt. Warum wollte er in ihre Taschen sparen? Wieder fuhr st« nach Rieben. Aber auch Claus Czeh warnte: „Sei vorsichtig, Irene. Diese Menschen sind nicht für Neuerungen. Ich weiß nicht einmal, ob dir die Leute dankbar sind, wenn du sie aus ihren alten Katen vertreibst, in denen vielleicht schon ihre Ettern hausten. In den neuen Häusern brennt der Heid anders, als sie es gewohnt sind, die Dielen müssen sauberer gehalten werden als die Lehmböden. Das macht Arbeit, neue Arbeit. Und wenn dann noch die Geranien vor den geraden Fenstern nicht so gedeihen wir vorher vor den schiefen, ist alles verschüttet. An der alten Bude hatten sie eine Art Eigentumsrecht, in dem neuen Haus denken sie täglich daran, daß es dir gehört. Es hat alles fein« zwei Seiten." — „Aber ich will chnen doch auch mehr Land an ihren neuen Häusern geben." — „Mehr Land macht wiederum mehr Arbeit, besonders für die Frau. Das bedenke."
Die Häuser wurden ttotzdem gebaut, jedoch Claus Czeh behielt recht: die meisten Familien zogen ungern um, einige baten sogar, wohnen bleiben zu dürfen. Als Irene das verweigerte, weil die alten Katen abgerissen werden sollten, kündigten sie und suchten sich an einer anderen Stelle Arbeit. Der Jufpektor war unglücklich, es waren die besten Knechte, die er so verlor.
Dann kam, am Ende des ersten ihrer Waldhauser Jahre der Tag, an dem Peter Müller vor chr stand und sagte, daß er nach Breslau ab- derusen sei. Es traf sie wie ein Schlag, denn er war ihr viel geworden, dieser junge Pfarrer. Er hatte chr dies Land Schlesien nähergebracht als die Förster und Inspektoren, er hatte von der Seele des Landes zu sprechen gewußt, von der Seel« der Felder und der Seele der Wälder und
von den Seelen der Menschen, die sie bestellen und hegten. Er war ja selbst ein Fremder hier und hatte alles auch erst entdecken müssen. «Man kann sich auch eine Heimat erzwingen", hatte er gesagt, „wenn die Pflicht uns eine neue Heimat vorschreibt. Und das geht tms beiden so, Frau Gräfin, Ihnen als Herrin und mir als Seelsorger. Das Land und feine Bewohner müssen unser werden, wenn wir den Kreis ausfüllen wollen, der uns anvertraut wurde." Da waren Sagen, von denen er erzählt«, da war die Geschichte, die er wach werden ließ, alles ohne die Strenge der schulmeisterlichen Belehrung, alles in kurzen und längeren Gesprächen bald in ihrem Zimmer im Schloß, bald in seiner Studierstube rm Psarrhaus- oder sie trafen sich auf der Straße, an einem Feldrain oder einem Waldrand. Er hatte Lexe und Günter Religionsunterricht gegeben und mit ihnen die Freundschaft geschlossen, nach der di« englische Erzieherin und der Hauslehrer vergeblich suchten.
Jeden Sonntag war Irene mit beiden Kindern in feinen Gottesdienst aeaanoen, sie saß gern oben in der Patronatsloge, in der die hoch- sehnigen Stühle standen, die mit den Schilden des Czehschen Wappens geschmückt waren. Peter Müller war ein guter und schlichter Kanzelredner er zog die Bauern mit seinen Worten in die Kirche, und Irene fühlte bald, daß diese Bauern es zu schätzen wußten, daß das lange verwaiste Herrengestühl nun wieder gefüllt war. Sie standen nach der Andacht am Kirchentor und roarteten auf die Gräfin, es kam zu Wort und Handschlag, zu Lob und Klage und schließlich auch zu mancher Bitte und Gewährung. Auch hier war schließlich Peter Müller, der Pfarrer, der Mittler gewesen.
Und nun ging er von seinem Amt fort.
„Warum wollen Sie uns verlassen, Pfarrer?" fragte sie.
,,3d) will nicht, ich muß."
Er fühlte, daß seine Antwort eine halbe Lüge war, denn er hatte seine Abberufung erbeten, weil er nicht in der Nähe dieser Frau bleiben konnte, ohne daß seine Gedanken Wege gingen, die er als Diener feines Amtes nicht beschrc.en durfte. Das Muß lag in ihm und nicht, wie cs ihr scheinen mußte, im Willen seiner Behörde.
„Ich werde sehr einsam fein ohne Sie. Sie haben mich gelehrt, di« Heimat zu finden, wer soll mich das nun weiter lehren?"
„Ihre Kinder, Frau Gräfin, sie wurzeln sllzon ganz fest in der schlesischen Erde, sie haben es ja auch leichter, denn es ist däs Land ihres Blutes."
„Meine Heimat wird immer größer bleiben als eine Provinz, Pfarrer: das ganze Deutschland."
„Gewiß ist das richtig. Aber wurzeln kann ein Baum nur auf einem kleinen Fleck, und der gibt ihm dann die Kraft."
Irene hatte richtig gefühlt: es wurde sehr einsam für sie auf Walhausen. Peter Müllers Nachfolger war ein älterer Herr, der gebeten hatte, aus dem Betriebe der Großstadt in einen ländlichen Bezirk zu kommen. Sie ging auch in feine Gottesdienste, aber es waren keine freudigen Weg« der Seele mehr, sondern Wege der Pflicht, um der Kinder und um der Dauern willen.
Der Winter brachte viel Schnee und große Kälte. Di« Felder und Wälder schliefen, und die Arbeit draußen ruhte. Die Vorträge der Rentmeister und Inspektoren wurden seltener und waren leerer. Um die Dezembermitte fuhr Iren« einmal nach Berlin und einmal nach Breslau, um Einkäufe für das Fest zu machen, das dritte Weihnachtsfest auf Waldhausen. Die Kinder fieberten ihm entgegen; Günter suchte mit einem der Förster am Fuchsberg die Tannen aus, die als Chriftbäume für den Saal geschlagen werden sollten, und Lexe schloß sich in ihr Zimmer ein und hatte eine heimliche Stichelei. Aber über Irene wollte keine Vor- fr; ös kommen, und als endlich die Lichter brannten und die vielen Gabentische für die Leute gedeckt waren, als di« Kinder über ihr« Geschenke jubelten, hatte sie nur Tränen.
Warum ist es so leer in mir? fragte sie sich.
Sie wußte wohl die Antwort, aber sie wagte nicht, sie sich zu geben. Sie lief mit Günter durch die verschneiten Senge, sie fuhr mit Lexe im Schlitten von Gut zu Gut, sie wollte müde werden, körperlich müde. Aber die Nächte blieben ohne Schlaf, Sie durchsuchte die Bibliothek und lieh sich Bücher aus Berlin senden, sie las und las, bis die Augen schmerzten, und lag dann doch wach, und die Gedanken überfielen sie gualnoU.
Briefe kamen ins Haus. Von Sascha Liebenstein, von Lore Falken- hausen, von Olli Czeh. Sie beantwortete sie nicht. Was sollte sie schreiben? Es gab kein Erleben in Waldhausen, es gab nur Pflichten, und für diese Pflichten hatten jene in ihrem Trubel kein Verstehen.
Zu Neujahr lag ein Brief von William Bruce auf ihrem Tifch. Sie betrachtete lange den Umschlag mit der Anschrift von seiner Hand, mit der österreichischen Marke und dem Wiener Stempel, ehe sie ihn mit dem Federmesser vorsichtig aufschlitzte. William schrieb englisch wie immer, und dies Englisch mutete sie diesmal fremd an, es schien ihr mit seinem „You" und seinem großgeschriebenen „I" so unpersönlich, unpersönlich selbst da, wo Sätze voll Herzenswärme, voller Liebe — sie fühlte es — standen. Ader sie las trotzdem den Brief wieder und immer wieder.
In einer der Nächte dieses Januars tobte der Sturm um Waldhausen. Ein Baum im Park brach krachend zusammen. Irene sprang aus dem Bett, sie zitterte am ganzen Körper. Doch nicht die Furcht vor dem Toben draußen vor den Fenstern quälte sie, nur die Unruhe in ihr war n ®ie SinS dmch das Schloß, fie log sich vor: sie müsse prüfen, ob aUe Läden geschlossen seien. In jedem Raum machte sie Licht, und jeder Raum schien ihr unermeßlich groß und fremd. „Warum dies Riesenhaus für mich und di« Kinder?" fragte sie sich und neidete den Bauern ihre Hütten, die geschützt unten im Tal lagen.
Sie trat an die Betten der Kinder, erst an Lexes, dann an Günters. Serbe schliefen. Sie sah in ihre Gesichter, empfand, daß es vornehme, schone Rasseantlitze waren, aber es brach kein Mutterstolz in ihr durch, sie hörte nur auf den Schlag ihres eigenen Herzens, das zu schnell pulste, weil die Gedanken einer noch unerkannten, einer ungewollten Sehnsucht es trieben.


