SiehenerZamilieMätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang <938 Zreitag, den U März Nummer 2«
WZ im-SW
Aoman von Ljans-Äaspar von Zobeltlk
dopyrigfjt by deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart
6. Fortsetzung.
Als sie dann in seiner kleinen Wohnung allein sind, stießt viel von Hildes lieber Weichheit auf ihn über. Es ist ganz dunkel im Raum, und in die Dunkelheit hinein beichtet er, was ihn quält: Vaters Sorgen, die Hypothekenzinsen, die auf Dapper lasten, die ewige Geldknappheit, die Löcher in den Scheunendächern und die Mauer vom Kuhstall, die fast einzustürzen droht. Nur von Donraü und seinen Schulden spricht er nicht, aber etwas von seinen Träumen läßt er einfließen: die Brennerei, die gebaut, und das alte Vorwerk, das zurückgekauft werden müßte.
Hilde läßt ihn ruhig sprechen, sie fühlt, es erleichtert ihn. Sie versteht nicht alles, was er sagt, denn landwirtschaftliche Dinge sind ihr ganz fremd, aber sie fragt nicht weiter, denn im Grunde find Einzelheiten für sie gleichgültig; der Kern aller Sorgen ist ihr klar. Als er endet, streicht sie ihm das Haar und denkt eine Weile still nach. Dann kommt ihre Antwort, und ihre Stimme scheint ganz ruhig und ganz sachlich: „Du müßtest eben reich heiraten, Bernd."
„Das ist ja Wahnsinn, Hille."
„Ja, warum denn nicht. Ewig kann das doch nicht dauern mit uns." „Aber Hille ..."
Sie will es ihm leicht inachen. „Ich hab' dich lieb. Junge. Das weißt du. Aber, siehst du, eines Tages muh ich doch auch ans Heiraten denken. Oder meinst du, daß ich unbemannt sterben will? Ich will einmal auch einen Mann haben und Kinder kriegen. Wir denken darüber anders als ihr. Ich bringe meine Schneiderei mit, und er hat vielleicht eine Werkstatt, Tischler oder so. Ihr solltet ruhig auch so denken lernen. Du bist ein hübscher lieber Kerl, und es gibt sicher genug nette. Mädels, die für dich passen würden."
„Das ist ja Wahnsinn, Hille."
„Nein, nein, Bernd. Ich glaube, man kann auch so glücklich werden." Er schiebt seinen Arm unter ihr Genick und zieht sie an sich. „Vorläufig haben wir uns ja noch, Hille."
„Ja, vorläufig haben wir uns noch", wiederholt sie.
Hinter Irene Czeh liegt eine stille Zeit. Die Menschen haben recht behalten, die da sagten: es würde immer stillbleiben auf Waldhausen. Das Schloß lag wohl zu einsam auf seiner Höhe; die Pferde zogen die Wagen nur im Schritt den Berg hinauf, die Mauern waren alt, düster und dick, und das große Tor öffnete sich schwer. Man fuhr wohl zu einer Hochzeit hin oder zu einem Begräbnis, vielleicht auch zu einer Jagd, aber sonst?
Der Sarg der alten Gräfin Maria steht nicht in der Gruft neben dem ihres Mannes, neben dem ihres Sohnes. Sie hat nach Ungarn zurückgewollt, zurück in den Kreis der Szolnokys. „Wo immer meine Sehnsucht blieb", hat sie geschrieben. Am letzten Tage ihres Lebens hat sie lange mit Irene gesprochen.
Erst sachlich: „Sieh den Beamten auf die Finger, wenn du jetzt für Waldhausen verantwortlich wirst. Sie stehlen alle, nicht nur bei uns, überall auf den großen Gütern. Es ist ihnen nicht zu verdenken, denn die Herren machen es ihnen zu leicht. Sie bezahlen sie schlecht, lassen aber große Werte durch ihre Hände laufen, sie kümmern sich um nichts und geben dabei viel Geld aus. Ich hätte auch gestohlen, wenn ich Beamter gewesen wäre, aber ich war ja nur die Herrin, und leider eine Herrin, die nie etwas zu sagen hatte. Erst war mein Mann da und war belastet mit lauter Ehrenämtern, dann kam Alexander und hatte seine Pferde. Du aber wirst etwas zu sagen haben, bis Günter mündig ist. Nutze dis Zeit, es ist gut, wenn hier einmal eine Frau nach dem Rechten sieht."
Dann persönlich: „Glaub nicht an Glück, Kind. Glück ist etwas für arme Leute. Für die Kätner unten im Dorf. Vielleicht auch noch für die Bauern, wenn sie nicht schon Protzen geworden sind. Das Schicksal ist da eisern gerecht. Dem einen gibt es Besitz, dem anderen Zufriedenheit, dem einen Pflichten, dem anderen Liebe. Wir Czehs stehen auf der Pflichtenfeite des Lebens. Verlassen wir sie, ist das Unglück schnell da. Sieh dich um, du wirst mir zustimmen müssen. Wahrscheinlich hast du es selbst schon einmal an dir gespürt."
Irene hat die Augen geschlossen und den Kopf gesenkt. William Bruce, hat sie gedacht.
Da hat die alte Gräfin ihre Hand gehoben, deren Haut in müden.
knittrigen Falten Finger und Gelenke umspannte, und auf Irenes blondes Haar gelegt. „Es ist nicht leicht, Kind, eine Gräfin Czeh zu fein. Man steht im Licht für die Blicke der anderen und weiß selbst, daß man im Schatten lebt. Man wird beneidet um lauter äußere Dinge, die so gleichgültig sind, wenn man sie hat; greift man aber einmal nach inneren Dingen, dann stellen sich die Neider auf und sagen: Das ist für dich verboten, das dürfen wir tun, aber nicht du. Uns gönnt die Welt nichts. Sag das auch deinen Kindern, sprich zu Günter nie anders vom Erbe als von einem Pflichtenkreis, erziehe Lexe zur Befcheidenheit. Sie wird einmal ein schönes Mädchen werden, sie soll stolz darauf sein, aber nicht eitel. Sie soll sich einen einfachen Mann suchen, aber von Stand. Das gibt es. Es ist nicht gut, aus der Reihe zu tanzen. Wir müssen beieinander bleiben, wir vom Adel. Unser Gott wußte, warum er uns höher stellte und uns mehr Pflichten gab als den anderen. Mehr Pflichten, das vergesse nie, Kind." Weder hat sie die Hand auf Irenes Kopf gelegt. „Gott segne dich und unser Haus."
Dann hat sie sich aus dem Bett heben lassen, und die Pflegerin, die schon seit Wochen um sie war, mußte ihr ein schwarzes Seidenkleid an« ziehen. Den Czehschen Familienschmuck hat sie sich um den Hals geben lasten und die großen Perlohrringe angelegt, die ihr von ihrer Mutter Szolnoky überkommen waren. So hat sie in einem Sessel den Priester erwartet, der gerufen worden war. Als er, im weißen Ornat, die Sakramente in den Händen, in ihr Zimmer trat, hat sie die Kraft gefunden, sich zu erheben. „Ich danke Ihnen, Hochwürden, daß Sie gekommen sind." Den anderen hat sie sich zugewandt: „Nun laßt uns allein."
„Nun laßt mich allein", hat sie noch einmal gesagt, als man sie eine Stunde später in ihr Betk zurücklegte. „Keine Dränen, Irene, ich will jetzt schlafen und, wenn Gott gütig ist, zu ihm."
Das ist am Abend des 11. Oktober 1905 gewesen, genau vor zwei Jahren. Keinen Laut hat die Pflegerin, die im Nebenzimmer wachte, mehr gehört. Als sie im Morgengrauen des 12. Oktober an das Bett der Gräfin Maria Czeh trat, fand sie eine Tote. Mit gefalteten Händen ist Alexanders Mutter hi nüber geschlummert in die Ewigkeit.
Vom Dorf herauf kam Pfarrer Peter Müller. Irene berichtete ihm. Er kniete neben dem Bett nieder und betete. Als er sich erhob, sagte er: „Wenn man sich doch etwas von dieser starken Glaubenskraft hinüber- net)men könnte in sein eigenes Leben. Man hofft immer, feinen Gott ganz zu besitzen, und muß stets von neuem erkennen, daß man nur an Anfängen steht."
Irene begleitete die Entschlafene auf ihrer letzten Fahrt zurück in die Heimat. Auf dem Bahnhof in Keskemät erwartete der alte Fürst Szolnoky feine tote Schwester. Ueber seinem verschnürten Rock tag ein farbiger Dolman mit blitzenden Knöpfen und gleißendem Pelzwerk, seine weiße, hohe Mütze zierte eine Agraffe aus Brillanten, die einen Reiher- siutz hielt. Sein Schnurrbart war tiefschwarz gefärbt. Er umarmte Irene, die er noch nie gesehen, und küßte sie. Der Sarg wurde auf ein offenes Gefährt geladen, das mit acht Pferden bespannt war, die vorn Sattel gelenkt wurden; die Reitknechte trugen pralle weiße Hosen und bunte wehende Jacken. Priester standen vor dem Bahnhof bereit und stiebten Weihwasser über den Sorg. Fürst Szolnoky führte Irene zu ihrem Wagen und legte ihr mit eigener Hand eine Decke über die Knie. Dann stieg er zu Pferde und winkte mit dem silbernen Knopf seiner Reitgerte. 211s der Zug sich in Bewegung setzte, begannen die Glocken der Kirchen von Keskemst zu läuten. Sechs Stunden dauerte die Fahrt nach Jasz- Magocz; sie ging durch eine Ebene, die nirgends ein Ende zu haben schien. Am Horizont standen hohe Bäume, die der Wind schiefgeweht hatte, und vor ihnen schritten würdevoll Scharen bretthörniger Rinder und trabten Herden edler Pferde. Weitläufige Dörfer lagen am Weg, ihre Glocken läuteten wie die der Stadt, und ihre Bauern knieten in festlicher bunter Tracht vor ihren Häusern und Hütten und schlugen das Kreuz, wenn der Sarg vorüberfuhr.
Irene saß stumm und starrte in die Fremdheit. Sie hatte Sehnsucht nach einem Wort, nach einem Menschen. Sie konnte nicht einmal den Kutscher fragen: „Wo find wir?" oder „Wie lange wird die Fahrt noch währen?" Er hätte sie nicht verstanden. Er saß in feiner farbenfrohen Jacke hoch oben auf seinem Bock und hielt die Zügel straff. Von seiner Peitsche wehte ein schwarzer Trauerflor.
Fürst Szolnoky aber ritt zu feiten des Sarges und wich nicht von feinem Platz.
Dann war das Schloß da: Jasz-Magocz, nach dem sich Maria Czeh, die Tote, ein halbes Jahrhundert lang gesehnt hatte: ein großer weißer einstöckiger Bau mit einem gewaltigen Portikus. Acht Säulen ragten empor, und zwischen diesen Säulen stand Olli Czeh, in Schwarz wie damals, als sie nach Waldhausen gekommen, um Alexander zu begraben. Sie sah immer noch aus wie ein junges Mädchen und winkte lächelnd Irene zu, als ob sie zu einer Hochzeit käme. Irene begann zu weinen, nicht aus Schmerz, sondern weil dort endlich ein Mensch war.


