Ausgabe 
11.2.1938
 
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den ganzen Tag lang. Als es schon den letzten Klaftern aus dem Holz,

mitten im Land zwischen den

Dör- Hohl Köst, Leib, i, alle

Oer Halbrock.

Bon Friedrich Rückert.

Den Hausrock trug ich, den langen, Lis er in Fetzen gegangen;

Da ließ ich, mich besser zu kleiden. Die untere Hälft' abschneiden, Und heilte die oberen Blößen Mit den entbehrlichen Schößen. Scheint er unangenehmer. Doch ist der Rock nun bequemer; Es waren nicht nur entbehrlich Die Schöße, sondern beschwerlich. Nun brauch' ich nichts aufzuheben. Will ich zum Sitz mich begeben, Und trete nicht auf die Schleppe, Wenn ich aufsteige die Treppe, Verwirre mich nicht ins Gefieder, Bück' ich zum Boden mich nieder. Zu ziehn ein Buch aus dem Staube; Und wandl' ich, träumend vom Laube Des künftigen Lenzes, am Schimmer Der Kerz' als Sonckb, durchs Zimmer Als durch hesperische Haine, So baumelt mir nichts um die Beine! Und wenn ich am Tisch anstreife. Werf ich nichts um mit dem Schweife. Und wenn ich Hesiodos lese, So fühl' ich, wie ich genese. Aufgeht mir die Hypothese, Die lang ließ Lösung mich missen. Wie er im Grazientanze, Der Hausbelehrung beflissen, Sang aus helikonischer Schanze: Töricht, die nicht wissen, Wie mehr ist das Halb denn das Ganze. Lang tappt' ich in Finsternissen, Nun seh' ich's in vollem Glanze: Der halbe Rock unzerrissen Ist mehr als zerrissen der ganze.

Düwel op uns' Herrgot sien Zorn hatte Jan Hinnerk, im

Oer Vetter.

Eine Geschichte von Hans Friedrich Blunck.

Pferde angebunden", fragte sie flink.

Jan Hinnerk räusperte sich, das tat er immer, wenn sein Gewissen sich regte. Er murrte etwas, das nicht eigentlich freundlich klang, sah von oben an sich herab und verglich, wie lang er war und wie kurz die Leute int Krug waren, Weibsvolk und fremdes Unzeug, das von draußen ins Dorf wollte. Aber die Pferde waren wirklich nur eben angebunden und wollten zum Stall; er kehrte sich langsam ab, und allen schien, als sei das gut um des Friedens willen.

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot - Druck und Verlag: Brühl,che UnibersitätSdruckeret A. Lange. Gießen.

Er hielt an, weil der Neue vermutlich im Krug absteigen wollte. Und weil ihm gerade einfiel, daß auch er etwas anzusagen hatte, band er die Tiere kurz an und folgte dem Fremden auf den Fersen.

Laubstreu könne sie jetzt holen, im Wald", sagte er der Wirtin, kniff di« Lider zusammen, als dächte er nach, was er sonst noch be­stellen sollte und wartete. Schon verlangte der Neue ein Abendbrot, schalt über das Wetter, über die Wege und nannte endlich seinen Namen.

Was die Weiber sich immer zusammenreimen! Gleich schlug die Wirtin die Hände überm Kopf zusammen.Manda Lüders ihr Sohn", erriet sie. Hätte sie sich beinahe gedacht! Ach und ach, und wie's seiner Mutter denn ginge, die doch aus dem Dorf sei, und ob er zur Verwandt­schaft wolle? Und Manda Lüders sei einmal hier gewesen, Jahre sei das her, und hätte schon damals versprochen, sie würde mal einen Sohn ins Dorf schicken.

Die Wirtin brach den Satz ab. Es war nicht mehr zu hären, warum Manda Lüders ihren Sohn schicken wollte.

Aber er solle sich nur alles selbst besehen, riet die Kupplerin und tat, als wisse sie gar nicht, warum der Herr gekommen wär. Nur zu Jan Hinnerk ging ein kurzer strafender Blick, so als wolle sie fragen:Was willst du hier noch?" Ein mitleidiges Verwundern war dabei.Und Jan Hinnerk hat Sie hergefahren? Wie ist das drollig."

Ihr war wohl, als müsse sie ausgleichen. s,Das Laubstroh, soso! Danke schön! Soll ich dir auch was Warmes aufgießen, Jan Hinnerk? Du bist ja durchnaß, Junge!"

Sie wunderte sich, daß sie keine Antwort bekam und schüttelte un- willig den Kopf.

Ob der Junge Gewalt vorhatte? Wie sah er nur aus! . Hast die ~'l-s.....-.. --- =ilnt.

Da fuhr er nun! Der Nebel war der gleiche und der Schnee'konnte nicht schmelzen; mit der Dämmerung wurde der Regen wieder zu Flocken und schlug ihm feucht ins Gesicht. Gut, daß es nach Haus ging. Hunger hatte er, woher kam das doch?'Und solchen Zorn hatte er. Aber nicht mehr auf Tine Lüders, nein, der war ganz und gar vorbei, nicht einmal aus den Bauern und überhaupt aus keinen, der un Dorf sein Brot ver­diente. Aber wenn einer von draußen kam und in die Musikantenkate wollte und tat, als sei er schon dabei, sie zu kaufen oder zu erben und ein Mädchen dazu, da sollte einem wohl blind vor den Augen werden!

Der Wagen knarrte und polterte mit einem zornigen Schwung durch das Tor zur Hofstelle ein, die Pferde hatten es eilig uyd Jan Hinnerk ebenso. Er hätte beinahe Tine Lüders überfahren, die zum Stall lief und mit Mühe die Milchkanne vor der Deichsel rettete.Kannst nicht sehen, wohin du fährst?" Dabei versuchte sie zu lachen, aber es wurde nur em kurzes Stoßen, sie hatte noch nicht erfahren, wie dem andern das Hungern bekommen war und fürchtete sich.

Mußt dir 'n Laterne umbinden, Tine, bei dem Wetter!" Gott sei Dank, er antwortete. Sie blieb versöhnungssüchtig stehen und wiegte den Kopf, als taten Ihr dl« Pferde leid, die schwarz von der Nässe waren.

wohl Hunger, sollst es auch gut haben", sagte sie mit schlechtem Gewissen und sah zu, wie Jan Hinnerk die Tiere mit slieaen- den Händen abschirrte. Dann zog er sie rasch nach vorn, das Mädchen mUs.®t<L burcl) ba? nafie Wetter mit Kannen und Geschirr Um Deichsel und Wagen zurück oder aber bei dem andern vorüber

Sie wagte den Weg unter die Stalltllr und wußte, daß er auf sie wartete.Bist noch dos, Tine?" n 1 1

Wenn du man nicht bös bist, Hinnerk!"

Die Tiere liefen von selbst zu ihrer Krippe, das Geschirr schleppte tam- sa^n sie sich ungeduldig um. stwochen? e ' "$u' "n8 b^ibt doch zwischen uns abge-

Warum fragst du bloß? Meinst wegen der Butterbrote?" ,Zch meine bloß, daß ich bestimmt dein Wort hab. du!" Sie nickte und wußte nicht recht, warum seine Stimme so rauh und eifersüchtig klang Kam das allein von dem Streit in der Frühe? y

Dummer Jung! Will ja gar keinen anderen, du!" Sie ließ sich küssen klirrten bem Stall, der ihr nicht geheuer war. Die Kannen

Die Magd kommt vom Melken und der Knecht, der zum Holz fahren soll, tappt sich hungrig scheltend durch den noch morgendunklen Schnee­nebel. Soll er vielleicht ohne Morgenkaffee vom Hof? Soll er sich selbst Butterbrote schmieren? Der Bauer kommt ihm entgegen; er ist eben längelang hingeschlagen im halbübertauten Schnee; ihn ist's recht, daß auch der Knecht gerade am Schelten ist. Und weil Dine sich verwahrt, niemand hätte ihr gesagt, daß Jan Hinnerk den ganzen Dag fort müsse, hat auch er über die Frauensleute zu maulen, merkt schadenfroh, daß zwei Liebesleute sich verzanken, und findet das bei solchem Wetter ganz begreiflich. Sie können sich ja zu anderen Zeiten wieder vertragen.

Aber das mit dem Vertragen ist leichter gesagt als getan. Tine nimmt s ernst, was Jan Hinnerk gesagt hat, wie etwa: sie tauge nichts in der Küche und hielte chre Gedanken nicht beisammen und dergleichen. Oho, sie kann noch andere haben, wenn sie nur will. Sagt ihre Mutter auch. Der Knecht aber, der den Tag über Holz fahren soll, hat keine Zeit mehr zu verlieren, er hat seinen eigenen Kopf und zottelt vom Hof, ohne Mittagsbrot einzustecken. Er will hungern, den ganzen Dag will er den Hunger spüren und sich dabei über seine Tine ärgern. Denn auch er kann gewiß eine andere trugen als diese, die meint, weil sie die Musikantenkate zu erben hätte, liefen alle Leute hinter ihr her

Und das Wetter blieb grau und schlackig, ein dünner Regen sisselte Uber den Schnee, und die Helle wollte nicht aufkommen. Was für ein Wetter, wer sollte da wohl lustig bleiben!

Ja, ohne Ende war der Regen, ' dämmerte, kam der Fuhrmann mit fuhr zu dem kleinen Bahnhof, der utll

fern lag, warf die Ladung ab und machte sich auf den Heimweg.

n>or ihm der Magen, as den Düwel op uns' Herrgot sien

mußte er denken. Was für einen Zorn hatte Jan Hinnerk im

dazu ein erbärmliches Mitleid mit sich selbst. Wovon kam's?' Oh Frauenzimmer, junge und alte, konnten ihm gestohlen bleiben.

Als er noch begehrlich überlegte, ob er weiterhin für eine Hochzeit Iparen sollte, von der er heut schon nichts mehr wissen wollte, oder ob er nicht lieber eine blanke Mark im Dorfkrug aus den Tisch schlüg, nur um wieder warm zu werden, stand jemand tm Weg vor den »nhl6mumnlte ?,Mn W°gm anzuhalten.Brr", sagte Jan Hinnerk JJP?. wunderte sich denn er kannte den Mann nicht Und weil er ihn kurzes He?" 'heraus aurf) nict)f und brachte nichts mehr als ein

3°9r Öen Hut. Er war ein kleiner kurzbeiniger

a,Jet» «In s$utf,R unJ ben Hals, grüßte und fragte, ob er

tonnte. Nun, der Knecht wußte, was sich gehörte, er rutschte i9näm»hÖC^Ite iinb zog den Mund zu einem halben Wohlwollen. K°nn man mehr verlangen von einem Menschen, der bis auf die Haut Xnen .n!'9cn Dag im Wald gearbeitet und wegen einer ver- geßl chen D.rn nicht mal sein Mittagsbrot bekommen hat?

Aber wenn er geglaubt hatte, nun für die Heimfahrt Ruhe zu haben hatte Jan Hmnerk sich geirrt Der Fremde flutete Über von Fraaen und neugierigen Bemerkungen. Alles Erdenkliche wollte er wissen. Wie es

km Dorf zuginge, wie man da lebe, ob man einen guten Krug habe, ob man die rechte Auskunft tm Wirtshaus bekomme. Ob der Bürger­meister nüchtern fei oder gern einen guten Schoppen trinke und ob er, der Knecht, auch die Leute auf der Musitantenkate kenne.

Auf der Mufikantentate?" Es war, als fei ein (eifer Ruck durch die Zügel gegangen, die Pferde warfen die Köpfe hoch und zogen wieder an, als kein Befehl kam Ja, die alten Lüders, die kenne er wohl, jagte Jan Hinnerk sehr langsam. Wenn er jetzt auch nach Tine fragt, überlegte er, was fang Ich mit dem Kerl au? Hatte er sich's nicht gedacht? Gleich kam's hinterdrein: Und ob er die Tochter von den alten Lüders kenne. Sei wohl jetzt um die fünfundzwanzig, he? Und ein tüchtiges Ding, habe er gehört. Und er selbst sei Schuhmacher und hier im Dorf sei wohl keiner?

Die Pferde wurden unruhig, sie verstanden nicht mehr, was der Ruck tm Gebiß bedeuten sollte. Aber^fan Hinnerk war still und be­herrschte sich; ganz listig war er und tat, als ginge die Frage ihn überhaupt nichts an. Dann tauchten glücklicherweise die ersten hohen Bäume der Höfe auf und die Pferde fielen in Trab, sie spürten die Nähe des Stalles. Bis zum Dorfkrug war kein Work zu verstehen, Jan Hinnerk hatte $eit, sich zu überlegen, ob er nach Haus fahren oder viel Warmes trinken sollte.